Fund menschlicher Knochen in Südmexiko: Tropfstein verrät das Alter von 13.000 Jahren

Presseldung vom 31.08.2017


Ein auf der Halbinsel Yukatan entdecktes prähistorisches menschliches Skelett ist mindestens 13.000 Jahre alt und stammt aller Voraussicht nach aus einer Kaltperiode am Ende der letzten Eiszeit, dem späten Pleistozän. Ein deutsch-mexikanisches Forscherteam unter der Leitung von Prof. Dr. Wolfgang Stinnesbeck und Arturo González González hat das fossile Skelett datiert, basierend auf einem Tropfstein, der auf dem Hüftknochen gewachsen war.

Ein auf der Halbinsel Yukatan entdecktes prähistorisches menschliches Skelett ist mindestens 13.000 Jahre alt und stammt aller Voraussicht nach aus einer Kaltperiode am Ende der letzten Eiszeit, dem späten Pleistozän. Ein deutsch-mexikanisches Forscherteam unter der Leitung von Prof. Dr. Wolfgang Stinnesbeck und Arturo González González hat das fossile Skelett datiert, basierend auf einem Tropfstein, der auf dem Hüftknochen gewachsen war. „Die vor fünf Jahren aufgefundenen Knochen aus der Chan-Hol-Höhle bei Tulúm stellen damit einen der ältesten Knochenfunde eines Menschen auf dem amerikanischen Kontinent dar und belegen eine unerwartet frühe Besiedelung Südmexikos“, so der Geowissenschaftler von der Universität Heidelberg. Die Forschungsergebnisse wurden nun in PLOS ONE veröffentlicht.



Die Besiedelung des amerikanischen Kontinentes ist ein kontrovers diskutiertes Forschungsthema. Eine lange Zeit vorherrschende Hypothese ging davon aus, dass eine erste Migration vor 12.600 Jahren durch einen eisfreien Korridor zwischen den schwindenden nordamerikanischen Gletschern über die eiszeitliche Bering-Landbrücke zwischen Sibirien und Alaska stattgefunden hat. Diese Theorie wird durch neue Funde aus Nord- und Südamerika zunehmend in Frage gestellt: Sie deuten auf eine frühere Ankunft des Menschen hin, wie Prof. Stinnesbeck erläutert. Allerdings handelt es sich bei diesen Funden zumeist um Artefakte oder Feuerstellen, deren Alter anhand der enthaltenen Sedimente datiert wurde. Knochenfunde des Menschen aus dem gesamten amerikanischen Kontinent, die ein Alter von mehr als 10.000 Jahren aufweisen, sind bisher außerordentlich selten.

Die wassergefüllten Höhlen bei Tulúm auf Yukatan – einer Halbinsel, die den Golf von Mexiko vom Karibischen Meer trennt – bieten ein reiches Fundgebiet. Bereits sieben prähistorische Menschenskelette konnten in dem küstennahen verzweigten Höhlensystem im östlichen Teil der Insel dokumentiert werden. Einige von ihnen sind bereits durch andere Forscher datiert worden. Die Höhlen entlang der Karibikküste wurden erst beim weltweiten Anstieg des Meeresspiegels nach der Eiszeit geflutet. Die dort verborgenen archäologischen, paläontologischen und klimatischen Informationen aus der Zeit vor der Überflutung sind nach den Worten von Wolfgang Stinnesbeck hervorragend konserviert.

Die genaue Datierung der menschlichen Skelettfunde durch konventionelle Radiokarbon-Alterdatierungen war allerdings schwierig, weil das in den Knochen enthaltene organische Kollagen durch die lange Verweildauer im Wasser vollständig ausgewaschen worden war. Prof. Stinnesbeck und sein deutsch-mexikanisches Team von Geowissenschaftlern und Archäologen haben daher einen anderen Weg zur Bestimmung des Alters gewählt. Die Forscher konnten über die Datierung eines Tropfsteins, der auf dem Hüftknochen gewachsen war, das Alter dieser menschlichen Knochen aus der Chan-Hol-Höhle eingrenzen.



Die Analyse der Uranium-Thorium-Isotopen ergab ein Mindestalter des Skelettes von 11.300 Jahren. Ein deutlich höheres Alter zeigen jedoch die im Tropfstein gespeicherten Klima- und Niederschlagsdaten. Sie sind im Verhältnis der Sauerstoff- und Kohlenstoffisotopen messbar und wurden mit den Daten von „Umweltarchiven“ aus anderen Teilen der Erde verglichen. Mit einem Alter von mindestens 13.000 Jahren stammt der Chan-Hol-Mensch vermutlich aus dem Jüngeren Dryas. „Es handelt sich damit um eines der ältesten menschlichen Skelette aus Amerika. Unsere Daten unterstreichen die große Bedeutung der Höhlenfunde von Tulúm für die Debatte um die Besiedelung des Kontinents“, betont Prof. Stinnesbeck.

Nach den Worten des Heidelberger Geowissenschaftlers bedroht jedoch das enorme urbane und touristische Wachstum in dieser Region die in den Höhlen konservierten paläontologischen und archäologischen Archive. Kurz nach der Entdeckung des menschlichen Skeletts im Februar 2012 wurde die Fundstelle geplündert; unbekannte Taucher entwendeten alle lose auf dem Höhlenboden liegenden Knochen. Nur wenige Fotografien und kleine Knochenfragmente belegen heute die ursprüngliche Fundsituation. Der von dem deutsch-mexikanischen Forscherteam untersuchte Hüftknochen entging der Plünderung nur dadurch, dass ihn der steinharte Kalksinter des Tropfsteines vor dem Diebstahl geschützt hat.


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