Wadjak

Fundort: Wadjak, Tulungagung, 30 km südlich von Kediri, Ost-Java, Indonesien
Spezies: Homo sapiens
Fossil: Wadjak 1, Wadjak 2
Geschätztes Alter: 45000 Jahre , Datierung basierend auf Uranreihen-Untersuchung, Radiokarbon-Methode (C-14)

Am 24. Oktober 1888 machte der Bergbauingenieur B.D. van Rietschoten eine außergewöhnliche Entdeckung. Auf der Suche nach Marmorvorkommen entdeckte er in einer Felshöhle in der Nähe des Dorfes Wadjak in Ost-Java einen fossilen menschlichen Schädel. Er schickte den Fund an C. P Sluiter, Kurator der Royal east Indies Society of Natural Science (Koninklijke Natuurkundige Vereeniging) in Batavia, zur weiteren Untersuchung.

Eugene Dubois und die Funde von Wadjak

Sluiter jedoch hielt sich nicht für qualifiziert genug, um eine Stellungnahme zu dem Schädel abzugeben und leitete ihn an Eugene Dubois weiter, der über die Entdeckung hocherfreut war. An Sluiter schrieb er:

"Der Schädel unterscheidet sich in jeder Hinsicht so stark von den heutigen Bewohnern der westmalayischen Inseln, dass es absolut keinen Zweifel darüber gibt, dass der Fund nichts mit dem heutigen Menschen zu tun hat.... Obwohl ich es nicht wage, eine definitive Aussage zu machen, bevor ich nicht die Gelegenheit hatte, den Fund zu studieren und zu vergleichen, scheint der Schädel mir die größten Ähnlichkeiten mit dem Papua Typus zu haben, und ich bin mir fast sicher, dass der erste Vertreter der primordialen Menschen von Java nun entdeckt worden ist".

Dubois und seine Familie kamen im Dezember 1887 auf der Insel Sumatra an. Frühe Grabungsergebnisse dort waren zwar verheissungsvoll, doch die Fossilien schienen nicht das gewesen zu sein, was sich Dubois erhoffte. Der Fund des Wadjak-Schädels bestärkte ihn in seiner Entscheidung, die Ausgrabungen nach Java zu verlegen. Die Suche dort wurde im Juni 1890 aufgenommen und Dubois` erste Reise führte ihn an jenen Kalksteinfelsen wo Van Rietshoten den Wadjak Schädel gefunden hatte. In den folgenden Monaten wurden verschiedene Höhlen gründlich umgegraben, jedoch ohne nennenswerte Ergebnisse, außer in Van Rietschotens Felshöhle. Eine erste Erkundung brachte nur wenige Säugetierknochen zum Vorschein, die noch dazu schwer einzuordnen waren. Aber gegen Ende September entdeckte man bei einer erneuten Überprüfung der Höhle einen weiteren Schädel, nicht so vollständig wie die erste, aber unverkennbar von einem Mitglied der gleichen Menschenart. Später wurden auch mehrere Fragmente eines Skeletts in der Höhle gefunden. In einem der Forschungsberichte, die Dubois in festgelegten Abständen für seine Geldgeber verfasste, stellte er fest, dass:

"...eine weitere Untersuchung der menschlichen Überreste zeigt, dass diese wahrscheinlich von Vertretern der australischen Rassen stammen, und daher eine signifikant höhere Entwicklungsstufe aufweisen als La Naulette, Schipka oder Spy. Diese australischen Einwohner von Java lebten zweifellos in einer Zeit, die man, geologisch gesehen, als 'erst kürzlich' bezeichnen könnte."

Es scheint klar zu sein, dass Dubois die Menschen von Wadjak auf einer Augenhöhe mit modernen Menschen sah, folglich hatten die Funde für ihn keine direkte Relevanz für die Frage der menschlichen Abstammung. Trotzdem überrascht es, dass Dubois eine umfassende Beschreibung der Wadjak-Menschen erst dreißig Jahre nach der Entdeckung veröffentlichte. Diese Verzögerung kann man heute zumindest teilweise erklären. Wadjak hatte für Dubois als eine menschliche Übergangsform ursprünglich keine Bedeutung, und eine Beschreibung des Fundes stand folglich nicht ganz oben auf seiner Prioritätenliste. Er wartete bis 1910, bevor er die harten Sedimente entfernte, die den Fossilien noch teilweise anhafteten, und die Knochen einer genaueren Analyse unterzog. Etwa zu dieser Zeit erfuhren seine Ansichten über den Status der Neandertaler und vergleichbarer fossiler Formen einen radikalen Wandel. Nun sah er auch die Fossilien aus Wadjak in einem neuen Licht.

In seiner Beschreibung der Wadjak-Funde, die im Jahr 1921 veröffentlicht wurde, schrieb Dubois die Fossilien einem proto-Australier zu, einer uralten Form der Tasmanier und australischen Aboriginals. Wadjak hatte anders als heutige modernen Menschen eine fliehende Stirn, einen relativ schweren Schädel und einen massiven Kiefer. Die Schädelkapazität übertraf wahrscheinlich die der Aboriginals. Die Fossilien konnten nicht mit Sicherheit datiert werden, aber in Anbetracht ihrer hohen Fossilisation glaubte Dubois, dass das Pleistozän die wahrscheinlichste Entstehungszeit sei.

Das Alter der Wadjak-Fossilien

Das Alter von Wadjak ist bis heute Gegenstand langwieriger Debatten. Dubois sagte nichts genaueres über das Alter des Schädels, da er aber versteinert war, konnte er sicher sein, dass er nicht aus der jüngeren Vergangenheit stammte. Andere Forscher nannten das ausgehende Pleistozän oder das frühe Holozän als wahrscheinlichstes Alter. Leider ist die genaue stratigraphische Fundlage von Wadjak 1 und 2 nicht bekannt und so kann man nur vermuten, ob die Menschen hinter den Fundstücken auch Zeitgenossen waren.

Zuletzt haben Storm et al. (2013) an cranialen und postcranialen Fragmenten von Wadjak 2 Uranreihen-Datierungen durchgeführt, außerdem versuchten sie eine neue Radiokarbondatierung von Knochencarbonat. Die AMS-Datierungen (Accelerator Mass Spectrometry/Beschleuniger-Massenspektrometrie, eine Weiterentwicklung der konventionellen C14-Datierungsmethode) sind älter sind als die Ergebnisse anderer Forscher und ihre Uranreihen-Datierung deutet auf ein Mindestalter zwischen 37.400 und 28.500 Jahren. Die Autoren weisen aber darauf hin, dass eine Uranreihen-Datierung von Knochen keine perfekte Datierungsmethode ist, da bei der Interpretation der analytischen Daten sehr viele Faktoren berücksichtigt werden müssen. Als Ganzes genommen unterstützen die Beweise jedoch ein Alter für die menschlichen Überreste aus Wadjak nicht jünger als die Mitte des Holozäns, mit einem möglichen Maximum im späten Pleistozän.


Wadjak,250.jpg
Der Schädel aus Wadjak, gefunden 1888

Literatur

  • E. Dubois. 1921 The proto-Australian fossil man of Wadjak, Java. Proc. K. ned. Akad. Wet., 23: 1013-1051.
  • G. H. R. von Koenigswald. 1956. The geological age of Wadjak man from Java Proc. K. ned. Akad. Wet.(B) 59: 455-457.
  • Storm P, Wood R, Stringer C, Bartsiokas A, de Vos J, Aubert M, Kinsley L, Grün R. 2013. U-series and radiocarbon analyses of human and faunal remains from Wajak, Indonesia. Journal of Human Evolution. DOI: 10.1016/j.jhevol.2012.11.002

Koordinaten


Diese Artikel könnten dir auch gefallen



Die letzten News


Knochen des Tages
KNM-RU 1868
KNM-RU 1868

Proconsul africanus

Elemente: LP4

Rusinga Island, Kenia

21.09.2020
Versteinerte Bäume im Thüringer Wald: Forscherteam entschlüsselt fossile Mikrowelten
Paläontologen des Museums für Naturkunde Chemnitz und der TU Bergakademie Freiberg führen aktuell in Manebach bei Ilmenau wissenschaftliche Grabung...
21.09.2020
Auch Schimpansen leiden ein Leben lang, wenn sie im Kindesalter die Mutter verlieren
Der Tod eines Elternteils ist für ein Kind traumatisch und Waisenkinder leiden häufig für den Rest ihres Lebens unter diesem Verlust – ein verzö...
21.09.2020
Älteste Spermien der Welt
In einem Bernstein entdeckte ein internationales Team von Paläontologen im Inneren eines weiblichen Muschelkrebses 100 Millionen Jahre alte Riesenspe...
17.09.2020
Schimpansenverhalten und -kultur sind in variabler Umwelt am vielfältigsten
Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie und dem Deutschen Zentrum für integrat...
15.09.2020
Weinpresse aus der Eisenzeit gibt Aufschluss über Bautechnik der Phönizier
Forschungsteam der Universität Tübingen entdeckt seltenen Nachweis der frühen Weinherstellung an der Ausgrabungsstätte Tell el-Burak im Libanon.
09.09.2020
Die älteste Neandertaler-DNA Mittelosteuropas
Ein internationales Team berichtet in einer neuen Studie über das älteste mitochondriale Genom eines Neandertalers aus Mittelosteuropa. Das aus eine...
09.09.2020
Das letzte Zucken der Eiszeit
Ein internationales Team von Forschenden blickt präzise wie nie in das Ende der letzten Eiszeit. Wann und wo genau die Jüngere Dryaszeit begann und ...
03.09.2020
Milchverträglichkeit hat sich in wenigen Tausend Jahren in Mitteleuropa verbreitet
Paläogenetiker der Johannes Gutenberg-Universität Mainz finden nur in wenigen Knochen vom bronzezeitlichen Schlachfeld an der Tollense Hinweise auf ...
03.09.2020
Himmelsscheibe von Nebra wird neu datiert
Bisher galt die Himmelsscheibe von Nebra als frühbronzezeitlich und damit als älteste Himmelsdarstellung der Welt. Archäologen der Goethe-Universit...
03.09.2020
Künstliche Intelligenz hilft in der Archäologie
Künstliche Intelligenz ist besser als bisherige Softwareanwendungen in der Lage, den Ursprung archäologischer Funde aus naturwissenschaftlichen Unte...
26.08.2020
Bronzezeit: Fremde Ernährungstraditionen in Europa
Nicht nur Metalle, hierarchische Gesellschaften und befestigte Siedlungen: In der Bronzezeit beeinflusste auch ein neues Lebensmittel die ökonomische...
26.08.2020
Wie sich Neandertaler an das Klima anpassten
Klimaveränderungen kurz vor ihrem Verschwinden lösten bei den späten Neandertalern in Europa eine komplexe Verhaltensänderung aus: Sie entwickelte...
17.08.2020
Radiokarbonuhr zur C-14 Datierung neu geeicht
Die Radiokarbondatierung wird genauer als je zuvor: Als Teil eines internationales Forschungsteam trug die Universität Hohenheim dazu bei die Technik...
06.08.2020
Langer Hals half Saurier bei Unterwasserjagd
Sein Hals bestand aus dreizehn extrem verlängerten Wirbeln und war dreimal so lang wie sein Rumpf: Der Giraffenhalssaurier Tanystropheus lebte vor 24...
06.08.2020
Ein Riesenkranich aus dem Allgäu
Forschungsteam beschreibt rund elf Millionen Jahre alten Vogelschädel von der Fundstelle Hammerschmiede als frühesten Nachweis eines großen Kranich...
04.08.2020
Jonah’s Mausmaki: Internationales Forscherteam entdeckt in Madagaskar neue Primatenart
Ein Zusammenschluss von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus sechs Ländern hat in Madagaskar eine neue Mausmaki-Art entdeckt. Das Forscherte...
31.07.2020
Bisher älteste Bissspuren von Säugetieren auf Dinosaurierknochen entdeckt
Forschungsteam der Universität Tübingen belegt, dass kleine Säuger aus dem Nordwesten Chinas vor 160 Millionen Jahren Aas nicht verschmähten.
30.07.2020
Wie die Landwirtschaft ins Ammertal einzog
Forschungsprojekt erstellt geoarchäologisches Archiv der ersten Mensch-Umwelt Interaktionen in Tübinger Region: Landschaft wandelte sich vom Feuchtg...
30.07.2020
55 Millionen Jahre altes Skelett einer Eule
Senckenberg-Wissenschaftler Gerald Mayr hat mit Kollegen aus Belgien und den USA eine neue fossile Eulenart beschrieben. Das Skelett von Primoptynx po...
25.07.2020
Kluge Köpfe entwickeln geschickte Hände
Affenarten mit grossen Gehirnen beherrschen schwierigere Handgriffe als solche mit kleinen Hirnen. Doch das Erlernen feinmotorischer Fähigkeiten wie ...
25.07.2020
Neandertaler besaßen niedrigere Schmerzschwelle
Schmerz wird durch spezielle Nervenzellen übertragen, die aktiviert werden, wenn potenziell schädliche Einflüsse auf verschiedene Teile unseres Kö...
20.07.2020
Werkzeug-Satz aus Elfenbein
Meißel aus Mammutstoßzähnen wurden vor 38.000 Jahren multifunktional eingesetzt – Archäologen der Universität Tübingen präsentieren im Urgesc...
16.07.2020
Schwanz wog zweieinhalb Tonnen
Ein Forscherteam unter der Leitung von Verónica Díez Díaz, Postdoktorandin an der Humboldt-Universität zu Berlin und dem Museum für Naturkunde Be...
14.07.2020
Katzen: Unabhängig seit 6000 Jahren
Forschende des Senckenberg Centers for Human Evolution and Palaeoenvironment an der Universität Tübingen haben mit einem internationalen Team die Na...
14.07.2020
Dem Vergessen entrissen – 57 Jura-Muschelarten in fränkischer Tongrube entdeckt
Paläontologen der Bayerischen Staatssammlung für Paläontologie und Geologie (SNSB-BSPG) in München und der Universität Erlangen untersuchten 7.00...