Kennewick, USA

Letzte Meldung:   Urmenschen mit Fingerspitzengefühl   –  Senckenberg-Wissenschaftlerin Katerina Harvati widerlegt gemeinsam mit ihrem Team der Universität Tübingen und in enger Zusammenarbeit mit dem Naturhistorischen Museum Basel die bisherige Annahme, dass sich Neandertaler bei dem Einsatz ihrer Hände hauptsächlich auf ihre Kraft verlassen hätten. In einer heute im Fachjournal „Science Advances“ veröffentlichten Studie zeigen sie....

Fundort: Kennewick, Columbia River, Bundesstaat Washington, USA
Spezies: Homo sapiens
Fossil: fast komplettes Skelett eines Paläoindianers
Geschätztes Alter: 7.300 Jahre, Datierung basierend auf Radiokarbon-Methode (C-14)

“Kennewick Man” ist der Name für die skelettierten Überreste eines prähistorischen Paläo-Indianers, der am 28. Juli 1996 am Ufer des Columbia River bei Kennewick im Bundesstaat Washington, USA gefunden wurde. Die Entdeckung war zufällig, als zwei Zuschauer eines Schnellbootrennens den Schädel des Mannes fanden.

Der Kennewick Mann ist eines der komplettesten prähistorischen Skelette, die jemals gefunden wurden, irgendwo zwischen 5650 und 9510 Jahre alt. Der Fund löste eine neun Jahre währende rechtliche Auseinandersetzung zwischen Wissenschaftlern, der amerikanische Regierung und einigen Stämmen amerikanischer Ureinwohner aus, die den Kennewick Mann als einen ihrer Vorfahren ansehen. Der lange Streit hat den Armen zu einer internationalen Berühmtheit gemacht.

Im Februar 2004 entschied ein US-Bundesgericht, dass eine kulturelle Verbindung zwischen einem der Indianerstämme und dem Kennewick Mann nicht genetisch begründet ist, so dass wissenschaftliche Studien der Überreste fortgeführt werden konnten. Im Juli 2005 fand sich ein Team aus Wissenschaftlern aus den ganzen USA in Seattle zusammen, um für zehn Tage den Kennewick Mann genau zu untersuchen und die Todesursache herauszufinden. Im Juni 2015 schließlich veröffentlichten schweizer und dänische Forscher (Rasmussen, M. et al. 2015) ihre neuesten Forschungen, wonach der Kennewick Mann eben doch ein Urahn der ortsansässigen Ureinwohner ist (siehe weiter unten).

Die Überreste waren an der Fundstelle durch Erosion verstreut. Nach der Freigabe des Schädels durch das Gericht wurde er von dem Archäologen James Chatters untersucht. Nach zehn Besuchen an der Fundstelle konnte Chatters 350 Knochen und Knochenfragmente sicherstellen, die zusammen mit dem Schädel ein fast komplettes Skelett ergaben. Der Schädel war völlig intakt mit allen Zähnen, die der Mann zum Zeitpunkt seines Todes noch hatte. Alle wichtigen Knochen wurden gefunden, außer dem Brustbein und ein paar Hand- und Fussknochen. An den Überresten konnte Chatters erkennen, dass sie von einem männlichen Individuum mittleren Alters mit etwa 40-55 Jahren stammen, der mit einer Körpergröße von 170 bis 176 cm eine schlanke Gestalt hatte.

Viele der Knochen waren in mehrere Stücke zerbrochen. An der University of California in Riverside wurde ein kleines Knochenfragment einer Radiokarbon-Datierung unterzogen, die das Alter des Skeletts bei etwa 9300 Jahre (8.400 unkalibrierte "Radiokarbon-Jahre") fixiert, und nicht auf das neunzehnte Jahrhundert, wie ursprünglich angenommen wurde. Nach dem Studium der Knochen schloss Chatters, dass sie zu einem kaukasischen Menschen gehörten, der als Mitt-fünfziger gestorben ist.

Chatters konnte feststellen, dass im Hüftknochen ein 79 mm großes Projektil steckte, was sich nach einem CT-Scan als silikatisches Steinprojektil vulkanischen Ursprungs erwies. Es war blattförmig und hatte an den Kanten einen wellenartigen Schliff. Diese Art von Steinspitzen ist ein Merkmal der Altkordillerenkultur, die eine der ältesten steinzeitlichen indianischen Kulturen im nordwestpazifischen Gebiet der USA ist und vor etwa 7.500 bis 12.000 Jahren existierte.

«Kennewick Man» war ein Ureinwohner Nordamerikas

Wissenschaftler am Zentrum für Geogenetik in Kopenhagen haben sein Genom sequenziert, und ihre Kollegen am Anthropologischen Institut der Universität Zürich haben seinen Schädel mit neuen Methoden analysiert.

Gingen Wissenschaftler in früheren Studien aufgrund craniometrischer Daten noch davon aus, dass der Schädel mit 94 prozentiger Sicherheit zu einer "sundadonten" Gruppe, wie den Ainu oder den Polynesiern gehört, und nur mit 48-prozentiger Sicherheit zu einer "sinodonten" Gruppe, wie den Nordasiaten, so spricht die Genanalyse eine gänzlich andere Sprache: «Kennewick Man» ist am nächsten verwandt mit den heute in der Nähe der Fundstelle lebenden Ureinwohnern, und er ist nicht näher mit Populationen ausserhalb Amerikas verwandt als die jetzigen amerikanischen Ureinwohner. Dies fanden die Forscher heraus, indem sie tausende von Genom-Fragmenten des Kennwick Man mit weltweiten Genom-Datensätzen von heute lebenden Menschen und von archäologischen Skelettfunden verglichen. Damit ist klar, dass «Kennewick Man» ein früher Vertreter der ersten und wohl einzigen Einwanderungswelle nach Amerika ist.

Die Analysen der Forscher zeigen ausserdem auf, warum frühere Untersuchungen des Kennewick-Skeletts zu falschen Schlussfolgerungen führten. Nur aufgrund von Skelettmerkmalen lassen sich die Verwandtschaftsbeziehungen von archäologischen Einzelfunden wie dem «Kennewick Man» prinzipiell nicht eindeutig rekonstruieren. Das liegt an der enormen Komplexität des menschlichen Körpers, der das Resultat der Interaktion einer grossen Anzahl von Genen und Umwelteinflüssen ist. Somit sind die Unterschiede zwischen zwei Individuen derselben Population oft grösser als die zwischen Individuen verschiedener Populationen. Während die Struktur von Tausenden von Genen unabhängig voneinander analysiert werden kann und damit klare Verwandtschaftshinweise liefert, bildet die Skelettstruktur eine Einheit, die sich nicht so einfach in ihre Faktoren zerlegen lässt..


Literatur

  • R. Taylor, D. Kirner, J. Southon and J. Chatters. 1998. Radiocarbon dates of Kennewick Man. Science 280, pp. 1171 - 1172. DOI: 10.1126/science.280.5367.1171c
  • Chatters, James C. 2000. The Recovery and First Analysis of an Early Holocene Human. American Antiquity 65 (2): 291–316. DOI: 10.2307/2694060
  • Morten Rasmussen et al. 2015. The Ancestry and Affiliations of Kennewick Man. Nature, June, 18 2015. DOI: 10.1038/nature14625

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