Der Wurfstock von Schöningen in Fundlage, 2016

Der Wurfstock von Schöningen ist ein hölzerner Wurfstock aus der Altsteinzeit, der 2016 in Schöningen in Niedersachsen entdeckt wurde. Archäologen fanden ihn bei Ausgrabungen auf einer Ausgrabungsstätte im Tagebau Schöningen in der Fundschicht der Schöninger Speere. Der Wurfstock ist rund 300.000 Jahre alt und damit weltweit das älteste Exemplar.

Fundstelle

Die Fundstelle des Wurfstocks (Schöningen 13 II Obere Berme) liegt am Rande des Braunkohletagebaus Schöningen in etwa 10 Metern Tiefe unter der ursprünglichen Geländeoberfläche. Sie befindet sich an der Tagebaukante in einem Grabungsareal mit der Bezeichnung Speerhorizont Süd. An der Stelle befindet sich eine Fundschicht aus Ufersedimenten eines einstigen Sees der ausgehenden Holstein-Warmzeit. In ihr setzen sich die Hinterlassenschaften des etwa 80 Meter südlich gelegenen Wildpferde-Jagdlagers fort, in dem die Schöninger Speere gefunden wurden.

Die außergewöhnlich gute Erhaltung des hölzernen Gegenstands und anderer organischer Materialien in Schöningen über 300.000 Jahre ist schwankenden Wasserständen des früheren Sees und seinen Verlandungsprozessen zu verdanken. Durch die schnelle und luftdichte Bedeckung der Fundschicht durch Mudden bestanden günstige Erhaltungsbedingungen für organisches Material wie Holz. Für die gute Fundkonservierung sorgten das vom Elm stammende kalkhaltige Wasser des Sees und die dauerhafte Lage unter dem Grundwasserspiegel, der erst durch den Schöninger Braunkohle-Tagebau ab 1979 künstlich gesenkt wurde.

Beschreibung

Originalsedimente der Fundlage mit einem nachgebauten Wurfstock

Der Wurfstock ist aus Fichtenholz gefertigt und hat eine Länge von 64,5 cm und einen Durchmesser von 2,9 cm. Der Querschnitt ist asymmetrisch. Die Enden des rund 260 g schweren und leicht gebogenen Holzgeräts sind zugespitzt, laufen aber im Gegensatz zu den Speeren von Schöningen etwas stumpf aus. Sowohl die leichte Krümmung des Artefakts als auch die stumpfen Enden entstanden dabei intentionell während des Herstellungsprozesses und sind kein Resultat der Lagerung im Sediment. Die Oberfläche ist mit steinernem Werkzeug bearbeitet worden. Dabei wurden die Rinde entfernt, die Oberfläche geglättet und insgesamt 21 kleinere Äste und Zweige entfernt. Im Vergleich zu den Speeren zeigen sich die Bearbeitungsspuren aber weniger sorgfältig. Im Mittelteil weist der Wurfstock Gebrauchsspuren auf. Dabei handelt es sich um Aussplitterungen und unregelmäßige Vertiefungen. Im Gegensatz zu den Bearbeitungsmarken, die auf die Herstellung des Wurfstocks zurückzuführen sind und durch die damals vorhandene Feuchtigkeit des Holzes etwas unscharf wirken, sind diese Aussplitterungen vor allem an ihren Rändern deutlich schärfer ausgebildet. Das indiziert, dass sie zu einem Zeitpunkt entstanden, als das Holz bereits einem gewissen Austrocknungsprozess ausgesetzt war. Ihr Ursprung ist somit deutlich später anzusetzen als die Herstellungsmarken. Ihrer Form zufolge rühren sie vom Aufprall des Stockes bei hoher Geschwindigkeit auf einen festen Widerstand her und sind dadurch als Einschlagnarben anzusehen. Die Verteilung der Aussplitterungen auf der Oberfläche ist regellos und lässt keine größeren Konzentrationen erkennen. Das geringe Gewicht des Artefakts, die regellose Verteilung der Einschlagnarben und das Fehlen von Gebrauchsspuren an den Enden sprechen gegen eine Interpretation als Keule oder Grabstock.[1]

Vergleichsfunde und Funktionsweise

Der Wurfstock gleicht einem bereits 1994 im Fundzusammenhang mit den Schöninger Speeren gefundenem, an beiden Enden angespitztem und leicht gebogenem Stock von 78 cm Länge. Dieser trägt zwar keine Gebrauchsspuren, so dass seine Funktion nicht eindeutig ist. Der damalige Grabungsleiter Hartmut Thieme interpretierte ihn bereits Ende der 1990er Jahre als Wurfstock für die Jagd auf Vögel und zog ethnographische Vergleiche zu derartig genutzten australischen Stücken.[2][3][4]

Ein von den Wissenschaftlern zu Testzwecken nachgebauter Wurfstock

Der Schöninger Wurfstock zeigt Ähnlichkeiten zu gefundenen Wurfstöcken in Tasmanien, die teilweise mehr als hundert Meter weit fliegen. Bis zu seiner Entdeckung 2016 stammten die ältesten bekannten Exemplare aus Südaustralien, mit einem Alter von rund 10.000 Jahren. Derartige Geräte wurden von Naturvölkern in Afrika, Australien und Amerika genutzt.[5] Etwas älter ist der älteste bekannte Bumerang aus der Obłazowa-Höhle in den polnischen Karpaten mit einem Alter von etwa 23.000 Jahren BP. Weitere europäische Funde sind aus dem Mesolithikum belegt.[1]

Die Funktionsweise eines Wurfstocks besteht darin, dass er auf gerader Linie zum Ziel fliegt. Während des Flugs dreht sich der Stock axial um seinen Schwerpunkt und hat aufgrund der Rotation eine stabile Fluglage. Experimentelle Tests mit nachgebauten Exemplaren durch den Grabungsleiter Jordi Serangeli ergaben auf kurze Distanzen eine hohe Treffsicherheit.[6] Bei weiteren Wurfversuchen mit der stark gekrümmten „Shar“ der Dassanetch wurden Höchstgeschwindigkeiten von rund 30 Metern pro Sekunde und Wurfweiten von 60 bis 110 m erreicht. Die dafür verwendeten Wurfstöcke bestanden aus Commiphora-Holz und waren rund 60 cm lang sowie 350 g schwer.[7][1]

Forschungsgeschichte

Der Wurfstock lag in Sedimentschichten links neben der dunklen Rinne

Der Wurfstock wurde 2016 bei Ausgrabungen in Schöningen entdeckt und in einer Blockbergung entnommen. Die Grabungen werden im Rahmen des Forschungsprojekts Schöningen unter Leitung des Archäologen Nicholas J. Conard vom Senckenberg-Zentrum für menschliche Evolution und Paläoumwelt an der Universität Tübingen durchgeführt. Das Forschungsprojekt beruht auf einer seit 2008 bestehenden Kooperation zwischen dem Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege und der Universität Tübingen. Nach seiner Entdeckung wurde der Wurfstock von Archäologen des Senckenberg-Zentrums und der Universität Lüttich vier Jahre lang untersucht. Erst nach ihrem Abschluss wurde die Entdeckung im April 2020 öffentlich bekannt gegeben. Nach den Untersuchungen kam das Fundstück in die Restaurierungswerkstatt des Niedersächsischen Landesamtes für Denkmalpflege in Hannover, wo es unter Lichtabschluss in destilliertem Wasser lagert. Vermutlich wird die Konservierung mehrere Jahre andauern. Der niedersächsische Landesarchäologe Henning Haßmann befürwortete im Jahr 2020 eine schnelle museale Präsentation der Untersuchungsergebnisse im Forschungsmuseum Schöningen nahe der Fundstelle, was wegen der Restaurierung zunächst nur mittels Bildern, Grafiken oder einer 3D-Animation möglich sei.[8]

Bewertung und Interpretation

Der Wurfstock gehört laut den an den Untersuchungen beteiligten Wissenschaftlern zu den ältesten erhaltenen Jagdwerkzeugen der Welt. Im Fundzusammenhang mit den Schöninger Speeren, darunter eine Lanze, sei er ein wichtiger Beleg für die aktive Jagd des Frühmenschen Homo heidelbergensis vor 300.000 Jahren. Die drei verschiedenartigen Holzgeräte zeigen, dass er über ein breitgefächertes Arsenal an Jagdwaffen verfügte. Die Wissenschaftler vermuten eine frühere Verwendung des Wurfstocks bei der Jagd auf kleine Beutetiere wie Wasservögel, da sich an der Fundstelle auch Knochen von Schwänen und Enten fanden. Ebenso sei der Wurfstock in Kombination mit anderen Jagdwaffen für die Treibjagd auf Wildpferde geeignet gewesen.[1]

Zweifel an der Funktion des Holzartefakts als Wurfstock äußerte die Paläoarchäologin Sabine Gaudzinski-Windheuser vom Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz, die nicht an den Untersuchungen beteiligt war. Sie erwartete signifikante Einschlagspuren an den Enden des Stocks und nicht im Mittelteil.[9]

Literatur

  • Nicholas J. Conard, Jordi Serangeli, Gerlinde Bigga, Veerle Rots: A 300,000-year-old throwing stick from Schöningen, northern Germany, documents the evolution of human hunting. In: Nature Ecology & Evolution. 20. April 2020, doi:10.1038/s41559-020-1139-0

Weblinks

Commons: Wurfstock von Schöningen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 1,2 1,3 Nicholas J. Conard, Jordi Serangeli, Gerlinde Bigga, Veerle Rots: A 300,000-year-old throwing stick from Schöningen, northern Germany, documents the evolution of human hunting. In: Nature Ecology & Evolution. 20. April 2020, doi:10.1038/s41559-020-1139-0
  2. Hartmut Thieme: Altpaläolithische Holzgeräte aus Schöningen, Lkr. Helmstedt – Bedeutsame Funde zur Kulturentwicklung der frühen Menschen. Germania 77, 1999, S. 451–487
  3. Hartmut Thieme: The Lower Palaeolithic art of hunting – the case of Schöningen 13 II-4, Lower Saxony, Germany. In: Chris Gamble und Martin Porr (Hrsg.): The hominid individual in context. Archaeological investigations of Lower and Middle Palaeolithic landscapes, locals and artefacts. London, New York, 2005, S. 115–132
  4. Hartmut Thieme, Rudolf Musil, Werner H. Schoch, Hermann Rieder, Elke Behrens, Christa Fuchs, Monika Lehmann, Solveig Schiegel und Utz Böhner: Ein Befund von Weltbedeutung: Ein Wildpferd-Jagdlager vor 400.000 Jahren. In: Hartmut Thieme (Hrsg.): Die Schöninger Speere. Mensch und Jagd vor 400.000 Jahren. Stuttgart, 2007, S. 151–152
  5. Hubert Filser: Eiszeitmenschen benutzten komplexe Waffen zur Jagd in Die Zeit vom 20. April 2020
  6. Flugholz gegen Mammuts in Süddeutsche Zeitung vom 20. April 2020
  7. Neil T. Roach und Brian G. Richmond: Clavicle length, throwing performance and the reconstruction of the Homo erectus shoulder. Journal of Human Evolution 80, 2015, S. 107–113
  8. Markus Brich: Forschungsmuseum Schöningen will Wurfholz-Fund dokumentieren in Helmstedter Nachrichten vom 21. April 2020
  9. Throwing Stick Hints at Ancient Ancestors’ Hunting Techniques in The New York Times vom 22. April 2020

Koordinaten: 52° 7′ 57,6″ N, 10° 59′ 19,4″ O

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