Regine ist eine Erzählung von Gottfried Keller. Sie erschien im Rahmen des Novellenzyklus Das Sinngedicht 1881.

Inhalt

Die Rahmenerzählung beginnt damit, dass der Naturwissenschaftler Reinhart in seinem Labor aufgrund von Ermüdungserscheinungen beschließt, ins weite Land zu reiten und dabei ein Epigramm Friedrich von Logaus – Das Sinngedicht – in der Wirklichkeit zur erproben:

„Wie willst du weiße Lilien zu roten Rosen machen?
Küß eine weiße Galatee: sie wird errötend lachen.“

Friedrich von Logau: Deutscher Sinngetichte drey Tausend, 1654, S. 175[1][2]

Der Pygmalion-Galatea Komplex ist somit als Grundthema angelegt, wird dann aber im achten Kapitel (von insgesamt 13) mit Regine aufgelöst. Lucie verwickelt ihren Gesprächspartner Reinhart in einen Erzählwettstreit über Probleme der Partnerwahl und das Rollenverständnis der Geschlechter. Im Rahmen des Erzählwettstreits gibt Reinhart unter anderem die Geschichte von Regine wieder: Der Gesandtschaftsattaché Erwin Altenauer, ein begüterter und kunstbeflissener Amerikaner deutscher Herkunft, verliebt sich in das Dienstmädchen Regine. Erwin fördert erfolgreich die nachholende Bildung von Regine, als er plötzlich nach Amerika zurückberufen wird. Er will jedoch Regine erst dann mitnehmen und seinen anspruchsvollen Eltern vorstellen, wenn sie sich in jeglicher Hinsicht standesgemäß zu verhalten weiß. Sie wird einem Bildungsprogramm zur Überwindung der Standesgrenzen unterworfen, er überlässt Regine für ihre weitere Bildung der Gesellschaft dreier Frauen, die in der Kunst- und Kulturszene beflissen sind, von denen Keller aber ein eher negatives Bild zeichnet. Nach Erwins Rückkehr scheitert das Experiment in Misstrauen und Entfremdung, die jedoch vorderhand nicht mit dem Bildungsexperiment selbst zu tun haben, sondern vor allem – wie Keller betont – durch das Schicksal bestimmt sind: Regines Scham wegen einer Mordtat ihres Bruders und Erwins Verdacht, Regine sei ihm untreu, sowie die Unfähigkeit, über beides zu sprechen, führen zur Tragödie. In ihrer Ratlosigkeit gibt sich die schöne Aufsteigerin den Tod.[3]

Hintergründe

Kellers Regine in der gleichnamigen Novelle gilt in der literaturwissenschaftlichen Forschung als dichterisches Denkmal für Elise Egloff. Keller hatte Jacob Henle und dessen Frau Elise Henle (geborene Egloff) 1846 in Zürich kennengelernt und beim Ehepaar Henle einen eher skurrilen Eindruck hinterlassen. Keller besuchte zwei Jahre später in Heidelberg Henles anthropologisches Kolleg, das er in Der grüne Heinrich beschrieb:

„Auf mich wirkte schon die erste Stunde so, daß ich den Zweck, der mich hergeführt, und alles vergaß und allein gespannt war auf die zuströmende Erfahrung.“

Gottfried Keller: Der Grüne Heinrich, S. 579 ff.[4]

Keller begann schon 1851 in Berlin mit Konzeptionen zu einem Galatea-Novellenzyklus, der sich gegen Berthold Auerbachs Erzählung Die Frau Professorin wandte – die ebenfalls von der historischen Person Elise Egloff inspiriert war – und sich auch generell polemisch auf Auerbach bezog, dem in der späteren Literaturkritik „Naturschwärmerei“, „klischeehaft-triviale Grundkonstellationen“ in der Handlung und eine charakteristische „Abschirmung gegen die Problemgehalte der Zeit“ (Fritz Martini) vorgeworfen wurde.[5] Vor allem wandte sich Keller ursprünglich gegen die in Die Frau Professorin propagierte Unversöhnlichkeit von Kultur und Natur bzw. Stadt und Dorf.[6] Keller hielt die Geschichte jedoch 30 Jahre zurück, vielleicht weil er im Jahre 1856 Berthold Auerbach kennenlernte, mit diesem Freundschaft schloss und vom damals noch bekannteren Auerbach literarisch unterstützt wurde. Erst 1880 beginnt er auf Drängen seines Verlegers mit der Ausarbeitung, es entstand der Novellenzyklus Das Sinngedicht: Keller setzt dem Kunstprofessor Reinhard – der zentralen Figur in Auerbachs Die Frau Professorin – den Naturforscher Reinhart, der Frau Professorin Lorle seine Kunstschöpfungen Lucie und Regine entgegen.

Interpretation

„Hinter Altenauers Versuch, eine Frau nach den eigenen Vorstellungen von edler Weiblichkeit heranzubilden, wird eine im Sinngedicht vielfarbig schillernde mythische Figur sichtbar: Galatea, die vom antiken Bildhauer Pygmalion geschaffene und auf seine Wunsch hin von der Liebesgöttin belebte Statue – die Frau, die von Mannes Gnaden existiert. Mit Galatea-Regines Tod ist der Mythos zerrissen, und in den Brechungen des Erzählduells zwischen Reinhart und Lucie wird er als unzeitgemäß verabschiedet. Als Muster einer Beziehung zwischen Mann und Frau hat er ausgedient, weil die ihm entsprechenden Rollenanweisungen so für beide Geschlechter nicht mehr nachspielbar sind. An seine Stelle treten im Sinngedicht neue, aufklärerisch-egalitäre Vorstellungen von Erotik und ehelicher Liebe, wie sie in der Literatur dieser Zeit einzigartig sind.“

Gunhild Kübler: Mein lieber, böser Schatz: Der Anatom und das Nähmädchen. Eine Geschichte in Briefen. S. 14 f.[7][8]

Verfilmung

Erich Waschneck verfilmte 1935 die Novelle mit Luise Ullrich unter demselben Titel. Unter der Regie von Harald Braun entstand 1955/1956 eine freie Verfilmung des Werks mit Johanna Matz und Erik Schumann in den Hauptrollen, siehe dazu Regine (1956).

Einzelnachweise

  1. Logau, Friedrich von: Deutscher Sinn-Getichte Drey Tausend. Breslau. 1654. In: deutschestextarchiv.de. Abgerufen am 28. November 2016.
  2. Logau, Friedrich von: Deutscher Sinn-Getichte Drey Tausend. Breslau. 1654. S. 175 (Bild: 0705 : 175). In: deutschestextarchiv.de. Abgerufen am 28. November 2016.
  3. Gottfried Keller: Das Sinngedicht. Stuttgart 1966 (Reclam). S. 46–115 sowie im Nachwort von Louis Wiesmann S. 344 ff. ; Kindlers Literatur Lexikon, Band VI, Zürich 1984, S. 8749; Gunhild Kübler (Hrsg.): „Mein lieber böser Schatz!“ Der Anatom und das Nähmädchen. Eine Geschichte in Briefen. Zürich 2004. S. 13 f.
  4. Gottfried Keller: Der Grüne Heinrich. Düsseldorf 2006. S. 579 ff. (Vierter Teil, Kap. 1 „Der Borghesische Fechter“). Zitat S. 580.
  5. vgl. z. B. Kindlers Literatur Lexikon, Band VI, Zürich 1984, S. 8541 f.
  6. Herbert A. und Elisabeth Frenzel: Daten deutscher Dichtung. Chronologischer Abriss der deutschen Literaturgeschichte. Band II. München 1977 (14. Aufl.), S. 422 u. 448 f.
  7. Gunhild Kübler (Hrsg.): „Mein lieber böser Schatz!“ Der Anatom und das Nähmädchen. Eine Geschichte in Briefen. Zürich 2004. S. 14 f.
  8. Mein lieber, böser Schatz: Der Anatom und das Nähmädchen. Eine Geschichte in Briefen. In: amazon.de. Abgerufen am 28. November 2016.

Weblinks

Originaltext bei Zeno.org: Das Sinngedicht.

Die News der letzten Tage

17.06.2022
Archäologie | Kultur
Neue Zeugnisse aus der Tempelstadt Heliopolis
Ein ägyptisch-deutsches Grabungsteam hat bei gerade abgeschlossenen Ausgrabungen im Nordosten Kairos bedeutende Zeugnisse aus der Geschichte der Tempelstadt Heliopolis gefunden.
14.06.2022
Wanderungen | Archäologie | Kultur
Die Römer brachten das Maultier mit
Erst die Römer brachten auch Maultiere im ersten Jahrhundert über die Alpen nach Norden, davor wurden in Mitteleuropa ausschließlich Pferde als Reittiere genutzt.
10.06.2022
Nach_der_Eiszeit | Ernährung
Hirse in der Bronzezeit: Ein Superfood erobert die Welt
Bereits vor 3500 Jahren lebten die Menschen in einer globalisierten Welt.
09.06.2022
Genetik | Wanderungen | Homo sapiens
Das prähistorische Wallacea – ein genetischer Schmelztiegel menschlicher Abstammungslinien
Die Inseln Wallaceas im heutigen Ostindonesien wurden bereits vor langer Zeit von modernen Menschen besiedelt.
18.05.2022
Sprache | Primaten
Tierisch flexibel: Wie Orang-Utan-Mütter mit ihrem Nachwuchs kommunizieren
Ein Forschungsteam hat Mutter-Kind-Interaktionen bei Orang-Utans untersucht.
17.05.2022
Paläoökologie | Nach_der_Eiszeit | Ernährung
Zündeln vor 9.500 Jahren
Schon vor 9500 Jahren setzten die Menschen in Europa Brandrodung ein, um Land für sich nutzbar zu machen.
17.05.2022
Nach_der_Eiszeit | Archäologie | Kunst
Spektakuläre Deckengemälde im Tempel von Esna entdeckt
Deutsche und ägyptische Forscher haben im Tempel von Esna in Oberägypten eine Serie farbenprächtiger Deckenbilder freigelegt.