Illustration einer gekürzten Prosafassung des Schanahmeh aus Kaschmir (18. Jh.); Tahmorath, Bezwinger der Dämonen, empfängt zwei Divs, welche ihn demütig anflehen, sie leben zu lassen.
Szene aus Schāhnāme: Akwān-e Dīw wirft den Helden Rostam ins Meer.
Diw-Illustration aus dem 16. Jahrhundert. In: Ahsan-ol-Kobar. Golestanpalast, Teheran

Ein Diw (auch Div oder Dew) ist ein Wesen aus der islamischen Mythologie. Diwe (auch Diws, Divs, Dive oder Dewe) kommen immer wieder als Gegner von Helden, Königen und Heiligen vor. Sie gelten grundsätzlich als böse und treten in unterschiedlichen Gestalten auf, sind meistens mit Hörnern und Klauen ausgestattet und verfügen über übernatürliche Fähigkeiten. Sie sind vergleichbar mit den mittelalterlichen christlichen Dämonen und mythologischen Riesen.

Iranischer Ursprung

Bei den avestischen Daeva handelt es sich noch um abzulehnende Götter, die dann im Laufe der Zeit verteufelt wurden.[1] Bei dem Ausdruck Diw handelt es sich um eine Weiterentwicklung des Daeva und erscheint zunehmend als Personifikation einer bösen Gestalt. Die wohl älteste bekannte Verwendung von Diw im Zusammenhang mit der islamischen Glaubensvorstellung findet sich bei Al-Bal'ami (verst. 992–997 CE).[2] Bekannter wurden sie durch die Geschichten des Schahnameh und tauchen dort wiederholt als Gegner von Helden und Königen auf.

Ihre anthropomorphe Darstellung ließ auf einen realen Ursprung schließen: Feindlich gesinnte Könige, welche aus den beiden Regionen „Mazandaran“ und „Tabaristan“ stammten, deren Bewohner auch „Weiße Dämonen“ genannt wurden, von Firdausi jedoch als übernatürliche Wesen und Nachkommen Ahrimans dargestellt werden. Bei den Historikern ist unklar, welche heutigen Gebiete die beiden alten Regionen abgedeckt hatten. Es gibt ein Gebiet in Iran, welches als Mazandaran bekannt ist und südlich des Kaspischen Meeres liegt, aber einige Wissenschaftler sind der Meinung, dass diese Region woanders (möglicherweise in Indien) lag und der Name letztendlich nur übertragen wurde. Andere meinen das Land Mazandaran im Schahnameh sei fiktiv und hätte kein reales Gegenstück.[3]

Auftreten in Schāhnāme

Das erste Erscheinen und damit die ersten Auseinandersetzungen mit den Divs gehen auf die Regentschaft der ersten beiden Könige der persischen Mythologie zurück. Die erste Auseinandersetzung manifestiert sich in der Geschichte um Sijamak (Sohn von Kajumars), welcher vom Schwarzen Dämon, dem Sohn Ahrimans getötet wird:

„Der schwarze Unhold zuckt eine Krall',
Und brachte des Fürsten Gestalt zu Fall.
Des Schahsohns Leib warf er an den Grund,
Und macht' ihm mit Klauen die Weichen wund.
Vom grimmigen Feind des Lebens beraubt
Sijamek, und das Volk ohne Haupt.[4]

Im Kontext islamischen Glaubens

Im Mittelalter war unter Muslimen die Vorstellung, die Welt wäre vor Adam bewohnt gewesen, weit verbreitet. In diesem Zusammenhang listet Abu Ali Bal'ami mehrere übernatürliche Wesen auf, die Allah vor den Menschen erschaffen habe. Zuerst wurden die Dämonen (Diw) erschaffen, anschließend die Feen (Pari), dann die Engel und schlussendlich die Dschinn. Daraufhin sandte Allah Iblis als einen Richter über die Dschinn und Dämonen. Al-Bal'ami führt diese Erzählung auf Wahb ibn Munabbih und Mohammed zurück. Eine ähnliche Geschichte lässt sich bei At-Tabarī belegen. Dieser erwähnt allerdings lediglich die Dschinn als Vorgänger der Menschen.[2]

Die Popularität und weitgehende Akzeptanz der Diwen als ehemalige Herrscher der Welt lässt sich mitunter durch Edward Smedley (1788–1836) belegen, der die vor-adamitische Geschichte der Diw als arabisch-persische Legende der Muslime festhielt.[5]

Die Diw seien nicht ausgelöscht, aber doch, seit der Sintflut, verbannt und würden in einer Liminalität zwischen der physischen und metaphysischen Welt existieren. Der iranischen Vorstellung der Daeva folgend, sind Diw nicht ausschließlich von Allah als Dämonen erschaffen worden, sondern auch die Seelen bösartiger Menschen kann sich nach dem Tod in einen Diw verwandeln.[2]

Diw, Dämon aus der Hölle, der einen Peri entführt. Persische Zeichnung aus dem 16. Jahrhundert

In der Adab-Literatur werden die Diw mit der al-nafs al-ammarah assoziiert und personifizieren menschliche Laster.[6] Der Prophet Salomo, in der islamischen Kultur als Dämonenbändiger bekannt, wird als Analogie für die Beherrschung der eigenen Laster (Diw) verwendet.

Türkische Volksliteratur

In Kisekbasch Destani (Epos des abgeschnittenen Kopfes), einem Sufi Epos aus dem 13. oder 14. Jahrhundert, begegnet ʿAlī ibn Abī Tālib einem abgetrennten Kopf, der aber noch immer den Koran rezitieren kann. Dieser berichtet von einem Diw, der ihm den Kopf abgeschlagen, seine Frau entführt und sein Kind verschlungen hat. Ali begibt sich daraufhin in die Unterwelt um den Diw zu erschlagen, stellt aber fest, dass der Diw noch 500 weitere Sunniten gefangen hält. Im Kampf erschlägt Ali den Diw, befreit die Gefangenen, rettet das verschlungene Kind und bringt den abgeschlagenen Kopf, mit Mohammeds Hilfe, wieder zum Leben.

Beschreibung im Volksglauben

Im Volksglauben werden die Diwen ebenfalls gefürchtet. Sie seien meistens nachts aktiv, da die Dunkelheit ihre Macht verstärkt. Schwankende Temperaturen oder ein stinkender Geruch würden ihre Ankunft ankündigen. Den Diwen werden unterschiedliche Eigenschaften und Fähigkeiten zugeschrieben und verursachen Krankheiten und Albträume. Manche von ihnen beherrschen Zauber. Damit geht auch der Glaube einher, Diwen könnten bei einer Berührung Lebewesen in Statuen verwandeln oder töten.[7] Seine Seele bewahrt der Diw in einer Flasche, einem Tier oder einem Objekt auf, sodass zuerst ein externer Gegenstand zerstört werden muss, bis der Diw getötet werden kann.[8] In diesem Fall löse sich der Diw in Luft auf. Verschont man das Leben des Diws, könne der Bezwinger den Diw zu seinen Sklaven machen. Dazu muss er einen Ring am Körper des Diws befestigen. Seiner verkehrten Natur folgend, tut der Diw allerdings meistens das Gegenteil von dem, was von ihm verlangt wird.

Von den Diwen gebe es solche, die sich Iblis, dem höchsten der Satansgeister im islamischen Glauben, angeschlossen haben und später mit ihm zusammen in die Hölle verbannt wurden und solche, die noch immer in verlassenen Gegenden der Erde, als Quelle von Leid und Pein für sich selbst und den Menschen, umherwandern.[5]

Siehe auch

Literatur

  • Jalil Doostkhah: Avesta. Übersetzung des Textes. Morvarid, Teheran, 1996. ISBN 964-6026-17-6.
  • Friedrich Rückert: Firdosi's Königsbuch (Schahname) Sage I-XIII. 1890. Nachdruck: epubli GmbH, Berlin, 2010. ISBN 978-3-86931-356-6.
  • Vesta Sarkhosh Curtis: Persische Mythen. Reclam, Stuttgart 1996, ISBN 3-15-010432-7.
  • Peter Lamborn Wilson, Karl Schlamminger: Weaver of Tales. Persian Picture Rugs / Persische Bildteppiche. Geknüpfte Mythen. Callwey, München 1980, ISBN 3-7667-0532-6, S. 30–45 (The Devils / Die Dämonen).
  • Uta von Witzleben: Firdausi: Geschichten aus dem Schahnameh. Eugen Diederichs Verlag, Düsseldorf und Köln 1960, S. 15–26 (Wie Siamak von einem Diw erschlagen wird ...).
  • Gertsman, Elina; Rosenwein, Barbara H.: The Middle Ages in 50 Objects Cambridge; New York: Cambridge University Press. (2018)

Einzelnachweise

  1. Edmund Herzig, Sarah Stewart: Early Islamic Iran. Bloomsbury Publishing, 2011, ISBN 978-1-78673-446-4, S. 23.
  2. 2,0 2,1 2,2 Navid Naderi: World Literature as Persian Literature. In: Persian Literature as World Literature. Bloomsbury Academic, 2021, S. 40 (google.de [abgerufen am 28. November 2021]).
  3. Encyclopaedia Iranica Foundation: Welcome to Encyclopaedia Iranica. Abgerufen am 6. Dezember 2021 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 149: attempt to index field 'data' (a nil value)).
  4. Friedrich Rückert: Firdosi's Königsbuch (Schahname) Sage I-XIII. 1890. Nachdruck: epubli GmbH, Berlin, 2010, S. 5.
  5. 5,0 5,1 Edward Smedley, William Cooke Taylor, Henry Thompson, Elihu Rich: The Occult Sciences: Sketches of the Traditions and Superstitions of Past Times, and the Marvels of the Present Day. Richard Griffin & Co., 1855, S. 50, abgerufen am 14. Oktober 2020.
  6. Turkish Studies Language and Literature Volume 14 Issue 3, 2019, p. 1137–1158 doi:10.29228/TurkishStudies.22895 ISSN 2667-5641 Skopje/MACEDONIA-Ankara/TURKEY p. 1138
  7. Pedram Khosronejad THE PEOPLE OF THE AIR HEALING AND SPIRIT POSSESSION IN SOUTH OF IRAN In: Shamanism and Healing Rituals in Contemporary Islam and Sufism, T.Zarcone (ed.) 2011, I.B.Tauris
  8. Gerhard Doerfer, Wolfram Hesche Türkische Folklore-Texte aus Chorasan Otto Harrassowitz Verlag, 1998 ISBN 978-3-447-04111-9 S. 62