Brimir (altnordisch Brimir) ist in der nordischen Mythologie eine Bezeichnung für den Vorzeitriesen Ymir. Das Wort könnte auch noch der Name eines anderen Riesen oder der Bierhalle sein, indem sich die Seelen der tapferen Krieger für Ragnarök sammeln.

Quellen

Brimir wird in den eddischen Texten im Zusammenhang mit Riesen drei Mal genannt. In der Völuspá heißt es:

„Þá gengo regin ǫll á rǫcstóla,
Ginnheilog goð, oc um þat gættuz,
hverr scyldi dverga dróttin scepia,
ór Brimis blóði oc ór Bláins leggiom.“[1]

„Da schritten alle Rater zum Richterstuhl,
die heiligsten Götter, und beratschlagten,
wer das Volk der Zwerge erschaffen sollte
aus Brimirs Blut und aus Blainns Knochen.“[2]

Völuspá 9

Und an späterer Stelle:

„Stóð fyr norðan, á Niðavǫllom,
salr ór gulli Sindra ættar;
enn annarr stóð á Ókólni,
biórsalr iǫtuns, enn sá Brimir heitir.“[3]

„Im Norden stand in Nidawellir[4]
Ein Saal aus Gold, von Sindris Geschlecht[5]
Ein anderer stand auf Okolnir,
der Biersaal eines Riesen, und der heißt Brimir.“[6]

Völuspá 37

Snorri Sturluson gibt sein Verständnis der zweiten Völuspá-Strophe in der Prosa-Edda so wieder:

„[...] ok allgott er til góðs drykkjar þeim, er þat þykkir gaman,
í þeim sal, er Brimir heitir. Hann stendr á Ókólni.“[7]

„Überaus reichlich gibt es guten Trank für die, denen es Vergnügen bereitet,
in dem Saal der Brimir heißt. Er steht ihn Okolnir.“[8]

– SNORRI STURLUSON: Prosa-Edda: Gylfaginning 51

Forschung

Diese drei Textstellen sind schwer miteinander vereinbar und ergeben ein wirres Bild.

In der ersten Völuspá-Strophe steht Brimir wohl für den Vorzeit-Riesen Ymir. Die Wendung „aus Brimirs Blut und Blainns Knochen“ scheint darauf anzuspielen, dass die Götter das Meer und die Berge aus Ymirs Blut und Knochen schufen, wie zwei andere Lieder der Lieder-Edda, das Grimnismál und das Vafþrúðnismál, überliefern.[9]

Weil aus Ymirs Blut das Meer entstand, leitet man Brimir entsprechend etymologisch von altnordisch brim, brimi ‚Meer, Brandung‘ her.[10] Der Name wird unter anderem auch als ‚Blutnässe‘ übersetzt.[11]

Die zweite Völuspá-Strophe erweckt jedoch den Eindruck, dass es sich um einen anderen Riesen als Ymir handelt. Ein Riese dieses Namens wäre jedoch nicht bekannt. Snorri Sturluson verstand diese Stelle so, dass Brimir nicht den Riesen, sondern den Namen der Bierhalle meint. Ein Teil der Forschung sieht darin ein Missverständnis Snorri Sturlusons,[12] einem anderen Teil ist die Textstelle in der Völuspá zu unklar, um darüber entscheiden zu können.[13]

Ob es Zusammenhänge zwischen dem Schwertnamen Brimir und dem Riesennamen Brimir gibt, ist nicht bekannt.

Literatur

  • John Lindow: Handbook of Norse Mythology. ABC-CLIO Ltd, USA 2001, ISBN 978-1-57607-217-2, S. 58 f. Online Auszug.
  • Rudolf Simek: Lexikon der germanischen Mythologie (= Kröners Taschenausgabe. Band 368). 3., völlig überarbeitete Auflage. Kröner, Stuttgart 2006, ISBN 3-520-36803-X.

Einzelnachweise

  1. Lieder-Edda: Völuspá 9. Textausgabe nach Titus Projekt, URL: http://titus.uni-frankfurt.de/texte/etcs/germ/anord/edda/edda.htm, aufgerufen am 4. Dezember 2009.
  2. Übersetzung und Zitation nach Arnulf Krause: Die Götter- und Heldenlieder der Älteren Edda. Philipp Reclam jun. Verlag, Stuttgart 2004, ISBN 978-3-15050-047-7.
  3. Lieder-Edda: Völuspá 37. Textausgabe nach Titus Projekt, URL: http://titus.uni-frankfurt.de/texte/etcs/germ/anord/edda/edda.htm, aufgerufen am 4. Dezember 2009.
  4. Die dunklen Felder.
  5. Die Zwerge.
  6. Übersetzung nach Arnulf Krause: Die Götter- und Heldenlieder der Älteren Edda. Philipp Reclam jun. Verlag, Stuttgart 2004, ISBN 978-3-15050-047-7.
  7. Prosa-Edda: Gylfaginning 51. Textausgabe nach CyberSamurai Encyclopedia of Norse Mythology, URL: Archivlink (Memento des Originals vom 28. Januar 2011 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.cybersamurai.net, aufgerufen am 4. Dezember 2009.
  8. Übersetzung und Zitation nach Arnulf Krause: Die Edda des Snorri Sturluson. Philipp Reclam jun. Verlag, Stuttgart 1997, ISBN 978-3-15000-782-2.
  9. Lieder-Edda: Vafþrúðnismál 20 f.; Grimnismál 40
  10. Jan de Vries: Altnordisches Etymologisches Wörterbuch. 2. Auflage. Brill Archive, S. 57: brim, brimi ‚Meer, Brandung‘ – Simek (2006) S. 61: brim = Meer – Lindow (2001) S. 88: brim = surf, seaway
  11. Henry Adams Bellows: The Poetic Edda: The Mythological Poems. Courier Dover Publications, 2004, ISBN 978-0-486-43710-1, S. 6, Anmerkung 9: "Some editors treat the words as common rather than proper nouns, Brimir meaning 'the bloody moisture' [...]."
  12. Simek (2006) S. 61
  13. Vergleiche Lindow (2001) S. 88, der sich nicht zwischen einem Riesen- oder einem Bierhallennamen entscheiden mag und beides für möglich hält.

Die News der letzten Tage

17.06.2022
Archäologie | Kultur
Neue Zeugnisse aus der Tempelstadt Heliopolis
Ein ägyptisch-deutsches Grabungsteam hat bei gerade abgeschlossenen Ausgrabungen im Nordosten Kairos bedeutende Zeugnisse aus der Geschichte der Tempelstadt Heliopolis gefunden.
14.06.2022
Wanderungen | Archäologie | Kultur
Die Römer brachten das Maultier mit
Erst die Römer brachten auch Maultiere im ersten Jahrhundert über die Alpen nach Norden, davor wurden in Mitteleuropa ausschließlich Pferde als Reittiere genutzt.
10.06.2022
Nach_der_Eiszeit | Ernährung
Hirse in der Bronzezeit: Ein Superfood erobert die Welt
Bereits vor 3500 Jahren lebten die Menschen in einer globalisierten Welt.
09.06.2022
Genetik | Wanderungen | Homo sapiens
Das prähistorische Wallacea – ein genetischer Schmelztiegel menschlicher Abstammungslinien
Die Inseln Wallaceas im heutigen Ostindonesien wurden bereits vor langer Zeit von modernen Menschen besiedelt.
18.05.2022
Sprache | Primaten
Tierisch flexibel: Wie Orang-Utan-Mütter mit ihrem Nachwuchs kommunizieren
Ein Forschungsteam hat Mutter-Kind-Interaktionen bei Orang-Utans untersucht.
17.05.2022
Paläoökologie | Nach_der_Eiszeit | Ernährung
Zündeln vor 9.500 Jahren
Schon vor 9500 Jahren setzten die Menschen in Europa Brandrodung ein, um Land für sich nutzbar zu machen.
17.05.2022
Nach_der_Eiszeit | Archäologie | Kunst
Spektakuläre Deckengemälde im Tempel von Esna entdeckt
Deutsche und ägyptische Forscher haben im Tempel von Esna in Oberägypten eine Serie farbenprächtiger Deckenbilder freigelegt.