Ardipithecus ramidus- ARA-VP-6/500 - Das Skelett Ardi

FUND FUNDORT ALTER ENTDECKER DATUM
Teilskelett Aramis, Äthiopien 4.4 Millionen Jahre Yohannes Haile Selassie 5. November 1994
VERÖFFENTLICHUNG
T. D. White, B. Asfaw, Y. Beyene, Y. Haile-Selassie, C. O. Lovejoy, G. Suwa, G. WoldeGabriel. 2009. Ardipithecus ramidus and the Paleobiology of Early Hominids. Science 326:5949, pp. 64, 75-86. DOI: 10.1126/science.1175802
Rekonstuktion von J. Matternes

Fast täglich fügen Wissenschaftler neue Puzzleteile dem Gesamtbild der menschlichen Evolution hinzu, das reicht von DNA-Analysen bis hin zur Untersuchung fossiler Knochen und Artefakte aus vielen Tausend Generationen unserer Vorfahren. Aber nur selten enthüllt ein einziger spektakulärer Fund ein ganzes Kapitel unserer Vorgeschichte. 1974 war es das berühmte 3,2 Millionen Jahre alte Skelett von »Lucy«, das auf einen Schlag bewies, dass unsere Vorfahren bereits aufrecht gingen, lange bevor sie große Gehirne entwickelten.

Seit Lucys Entdeckung haben sich Forscher immer wieder gefragt, was vor ihr kam. Gingen die frühesten Mitglieder der Menschenfamilie aufrecht wie Lucy, oder bewegten sie sich wie Schimpansen und Gorillas auf ihren Fingerknöcheln fort? Schwangen sie sich durch die Bäume oder lebten sie in offenem Grasland? Die Forscher hatten bislang nur einen unvollständigen, flüchtigen Blick auf Lucys Vorfahren werfen können – auf jene frühesten Homininen, Mitgliedern jener Gruppe, die uns Menschen und unsere Vorfahren umfasst (und früher als Hominiden bezeichnet wurden).

Im Oktober 2009 präsentierte nun ein multidisziplinäres internationales Team das älteste bekannte Skelett eines potentiellen menschlichen Vorfahren - den 4,4 Millionen Jahre alten Ardipithecus ramidus aus Aramis, Äthiopien.

Dieser bemerkenswerte Fund ist zwar nicht der älteste vermeintliche Hominine, aber bei weitem der vollständigste. Er umfasst die meisten Teile des Schädels und die Zähne, ebenso das Becken, Hände und Füße – Teile, die, wie die Autoren sagen, ein Zwischenstadium bei der Entwicklung des aufrechten Ganges repräsentieren, dem gemeinsamen Merkmal aller Homininen. „Wir dachten immer Lucy war der Fund des Jahrhunderts, aber im Nachhinein war sie das nicht”, sagt der Paläoanthropologe Andrew Hill von der Yale University.

Das Skelett ARA-VP-6/500, auch Ardi genannt
Das Skelett von Ardi, ein weiblicher Ardipithecus ramidus, repräsentiert einen unserer frühesten Vorfahren.

Zur großen Überraschung einiger Forscher sah das weibliche Skelett keinesfalls wie ein Schimpanse oder Gorilla aus, auch nicht wie einer unserer anderen nächsten Primatenverwandten. Obwohl diese Art wahrscheinlich kurz nach der Abspaltung des Homininenzweigs lebte, war sie keine Übergangsart zwischen afrikanischen Menschenaffen und Menschen. „Wir sehen hier einen unserer frühesten Vorgänger - und es ist kein Schimpanse,” sagt der Paläoanthropologe Tim White von der University of California, Berkeley und Co-Direktor der Middle Awash Forschungsgruppe, die die Fossilien entdeckt und analysiert hat.

Stattdessen offenbaren das Skelett und andere Fundstücke von mindestens 35 weiteren Individuen des Ardipithecus ramidus eine neue Art von frühen Homininen, die weder Schimpansen noch Menschen waren. Obwohl das Team glaubt, dass Ardipithecus ramidus der Vorfahre von Lucys Gattung, den Australopithecinen war, so zeigen die Fossilien „zum ersten Mal ganz klar, dass es eine weitere Homininengruppe gab, die evolutionär weder zu Australopithecus noch zu Homo gehört,” meint der Paläontologe Michel Brunet vom College de France in Paris.

In 11 Publikationen beschreibt das 47-köpfige Forschungsteam in einer Ausgabe des Magazins »Science« wie Ardipithecus ramidus aussah und wie er sich fortbewegte. Das Skelett, liebevoll „Ardi” genannt, gehörte einer Frau, die in einem Wald lebte, ungefähr 1,20 m groß war und ungefähr 50 kg wog. Sie war damit so groß wie ein Schimpanse und hatte eine entsprechende Gehirngröße. Aber sie bewegte sich nicht auf ihren Fingerknöcheln fort und schwang sich auch nicht durch die Bäume, wie es heute lebende Menschenaffen tun. Stattdessen lief sie aufrecht auf dem Boden, wobei sie ihre Füße flach auf dem Boden aufsetzte. Ihre Nahrung bestand höchstwahrscheinlich aus Früchten, Nüssen, Insekten und kleinen Wirbeltieren des Waldes.

„Ardi” war ein fakultativer Zweibeiner, so die Autoren, das heißt, dass sie in beiden Welten zu leben vermochte - aufrecht auf dem Boden, aber auch auf allen Vieren in den Baumkronen, wo sie mit einem gegenüberstellbaren großen Zeh Äste und Zweige fassen konnte. „Es waren sehr merkwürdige Wesen”, sagt der Paläoanthropologe Alan Walker von der Pennsylvania State University, University Park. „Sie wissen schon, solche Wesen von denen Tim [White] einmal sagte: Wenn Sie etwas vergleichbares finden wollten, müssten sie an die Bar von Star Wars gehen.”

Die meisten Forscher, die 15 Jahre auf die Veröffentlichung dieses Fundes gewartet haben, stimmen überein, dass es sich bei „Ardi” tatsächlich um einen frühen Homininen handelt. Alle Fachkollegen loben die detaillierte und schwierige Rekonstruktionsarbeit, die nötig war, um die zerbrochenen Knochen wieder zusammenzusetzen. „Dies ist eine außerordentlich beeindruckende Arbeit der Rekonstruktion und Beschreibung, und die Sache war es wert, so lange zu warten,” sagt der Paläoanthropologe David Pilbeam von der Harvard University. „Die Kollegen haben einen sehr, sehr guten Job gemacht,” stimmt der Neurobiologe Christoph Zollikofer von der Universität Zürich zu.



Aber nicht jeder stimmt mit den Interpretationen des Forscherteams über den aufrechten Gang von Ardipithecus ramidus überein und was er uns möglicherweise über unsere Vorfahren erzählen kann. „Meine erste Reaktion war Skepsis in Bezug auf einige der Schlussfolgerungen, einschließlich der Annahme, dass die menschlichen Vorfahren nie durch eine Schimpansen-Phase gegangen sind,” sagt Pilbeam. Andere Forscher konzentrieren sich auf das untere Skelett, wo einiges an der Anatomie derart primitiv ist, dass sie anfangen darüber nachzudenken, was es eigentlich bedeutet, „zweibeinig” zu sein. Das Becken liefert z. B. lediglich Hinweise für einen gelegentlichen aufrechten Gang, meint Alan Walker.

Die Grabungen

Den ersten Blick auf die seltsame Kreatur konnten die Forscher bereits am 17. Dezember 1992 werfen, als Tim Whites ehemaliger Student Gen Suwa ein Glitzern zwischen den Kieselsteinen eines Wüstenpfades in der Nähe der Ortschaft Aramis bemerkte. Es entpuppte sich als die polierte Oberfläche einer Zahnwurzel, und er wusste sofort, dass es sich dabei um einen Molaren eines Homininen handeln musste. In den nächsten Tagen untersuchte das Team den Fundbereich, auf Händen und Knien kriechend, wie man es immer macht, wenn ein wichtiges Teil eines Homininen gefunden wird. Und so stießen sie auf den Unterkiefer eines Kindes, in dem noch ein Molar des Milchgebisses steckte. Dieser Zahn war sehr primitiv und dem Team wurde schnell klar, dass man einen noch älteren und primitiveren Homininen als Lucy gefunden hatte. Doch der Kiefer zeigte auch abgeleitete Merkmale – evolutionäre Neuerungen - die er mit Australopithecus afarensis teilte, wie z. B. einen oberen Eckzahn, der wie ein geschliffener Diamant in Seitenansicht geformt war.

Das Team berichtete bereits vor 15 Jahren im Wissenschaftsjournal Nature über die fragmentarischen Fossilien, wo man sie als die „lang gesuchte Wurzel der Familie der Hominidae” bezeichnete und ihnen zunächst den Namen Australopithecus ramidus gab, und dann, nachdem man Teile des Skeletts gefunden hatte, in Ardipithecus ramidus umbenannte. In Antwort auf einige Bemerkungen, dass er Beinknochen benötigte, um zu beweisen, dass Ardipithecus ramidus ein aufrecht gehender Hominine war, witzelte White, dass er auch über weitere Teile, speziell über die Oberschenkel und einen intakten Schädel hoch erfreut wäre, so als ob er eine Bestellung aufgeben würde.

Innerhalb von zwei weiteren Monaten konnte sein Team liefern. Im November 1994, als die Fossilienjäger eine Böschung hinauf krochen, erblickte der Student Yohannes Haile-Selassie aus Äthiopien, heute Paläoanthropologe am Cleveland Museum of Natural History in Ohio, zwei Teile eines Handknochens. Bald darauf folgten Stücke eines Beckens, Beinknochen, Knöchel und Fußknochen, viele Teile der Hand- und Armknochen, ein Unterkiefer mit Zähnen – und ein Schädel. Ab Januar 1995 war es dann offensichtlich, dass sie den seltensten aller seltenen Funde gemacht hatten: ein teilweise erhaltenes Skelett eines sehr frühen menschlichen Vorfahren. Es ist eines der wenigen bekannten Skelette vor mehr als einer Million Jahren, und das einzigste, das älter als Lucy ist.

So einen Fund macht man nur einmal im Leben. Aber die freudige Aufregung des Teams wurde schnell durch den furchtbaren Zustand gedämpft, in dem sich das Skelett befand. Die Knochen zerfielen buchstäblich zu Staub, wenn man sie berührte. Und die Teile des Skeletts waren in mehr als 100 Fragmente zerbrochen und weit verstreut worden, der Schädel war bis auf 4 Zentimeter Höhe zusammengedrückt worden. Die Forscher beschlossen, ganze Sedimentblöcke aus dem Boden zu schneiden und sie in Gips zu gießen. Derart geschützt brachte man die Blöcke in das National Museum of Ethiopia in Addis Abeba, um die Herausarbeitung der Fossilien in den dortigen Labors fortzuführen.

Es dauerte drei „field seasons”, wie man im Englischen sagt, um das Skelett auszugraben und es aus dem Sediment zu extrahieren, sowie wiederholt an die Fundstelle zurückzukehren und sie weiter abzusuchen, um wirklich alle auffindbaren Fossilien einzusammeln. Am Ende hatte das Team mehr als 110 Stücke von Ardipithecus ramidus katalogisiert, ganz zu schweigen von den 150.000 Exemplaren anderer fossiler Tiere und Pflanzen. „Dieses Team scheint die Fossilien buchstäblich aus der Erde gesaugt zu haben,” sagt der Anatom C. Owen Lovejoy von der Kent State University in Ohio, der zwar die postcranialen Knochen von Ardipithecus ramidus analysierte aber an den Feldarbeiten nicht beteiligt war.

White selbst verbrachte am Nationalmuseum in Addis Abeba Jahre damit, die fragilen Fossilien von anhaftendem Ton mit Pinsel, Spritzen und anderem Zahnarztbesteck unter dem Mikroskop zu befreien. Der Museumstechniker Alemu Ademassu fertigte dann genaue Abgüsse von jedem Stück an, die das Team dann nach und nach zu einem Skelett zusammenfügte.

Unterdessen fertigten Suwa und Lovejoy in Tokio und Ohio virtuelle Rekonstruktionen des zerbrochenen Schädels und des Beckens an. Bestimmte Fossilien wurden vorübergehend nach Tokio gebracht und per Computertomographie untersucht, um zu sehen, wie das Innere der Knochen und Zähne beschaffen war. Suwa verbrachte 9 Jahre mit dieser Technologie, um die Fragmente des Craniums zu einem virtuellen Schädel zusammenzusetzen. „Ich verwendete dazu 65 Stücke von dem Cranium”, sagt Suwa und schätzt, dass er ca. 1000 Stunden für diese Aufgabe benötigte.

Nachdem die Stücke in einer digitalen Rekonstruktion wieder zusammengesetzt waren, verglichen er und der Paläoanthropologe Berhane Asfaw vom Rift Valley Research Service in Addis Abeba den Schädel mit denen von ausgestorbenen und lebenden Primaten in den Museen weltweit. Erst im März 2009 war Suwa mit seiner zehnten Rekonstruktion endlich zufrieden. Unterdessen hatte Lovejoy in enger Zusammenarbeit mit Suwa in Ohio physikalische Modelle der Beckenteile angefertigt, basierend auf den Originalfossilien und den CT-Scans. Auch er ist davon überzeugt, dass nun die 14. Version seiner Beckenrekonstruktion korrekt ist. „Es gab einen Ardipithecus ramidus, der nur so aussah,” sagt er und hebt das endgültige Modell in seinem Labor in die Luft.

Als sie Ardis Schädel untersuchten, bemerkten Suwa und Asfaw eine Reihe von besonderen Eigenschaften. Ihr unteres Gesicht hatte eine Schnauze, die aber weniger als bei einem Schimpansen hervorragte. Die Schädelbasis ist von vorne nach hinten kurz, was darauf hindeutet, dass sie ihren Kopf, wie spätere aufrecht gehende Homininen, oben auf der Wirbelsäule balancierte, anstatt auf der Vorderseite der Wirbelsäule, wie bei vierbeinigen Menschenaffen. Ihr Gesicht ist in einer mehr vertikalen Position als bei Schimpansen. Und ihrem Gebiss fehlen - wie bei allen späteren Homininen - die scharfen dolchartigen oberen Eckzähne, wie man sie von Schimpansen kennt. Das Team erkannte bald, dass diese Kombinationen von Merkmalen mit einem noch älteren Schädel, dem 6 bis 7 Millionen Jahre alten Sahelanthropus tchadensis übereinstimmen, den eine Forschungsgruppe um Michel Brunet im Juli 2001 im Tschad ausgegraben hatte. Sie schließen daraus, dass beide Formen eine frühe Phase der menschlichen Evolution repräsentieren und sich von Australopithecus und Schimpansen unterscheiden. „Die Ähnlichkeiten mit Sahelanthropus sind auffällig”, stimmt Zollikofer zu, der eine dreidimensionale Rekonstruktion des Schädels anfertigte.

Eine andere frühe Art, Ardipithecus kadabba, datiert auf ein Alter zwischen 5,5 und 5,8 Millionen Jahren und nur von Zähnen und einer Ansammlung von Kleinknochen bekannt, gehört ebenfalls zu dieser Gruppe von sehr frühen Homininen. Und Ardipithecus kadabba hatte Eck- und andere Zähne, die mit einem dritten Fund übereinstimmen, dem 6 Millionen Jahre alten Orrorin tugenensis, dessen Oberschenkel auf die Fähigkeit zum aufrechten Gang hinweisen. „Dies wirft die faszinierende Frage auf, ob wir hier vielleicht von nur einer einzigen Gattung sprechen,” sagt Pilbeam. Aber die Entdecker von Orrorin tugenensis sind vorsichtig. „Ob Ardi und Orrorin zur gleichen Gattung zu zählen sind, nein, ich glaube nicht, dass dies möglich ist, es sei denn, man will wirklich eine ungewöhnlich hohe Variabilität innerhalb eines Taxons akzeptieren,” sagt der Geologe Martin Pickford vom College de France, der Orrorin zusammen mit Brigitte Senut vom Muséum National d’Histoire Naturelle, Paris, in Kenia gefunden hatte.

Wie auch immer Ardipithecus ramidus und die anderen frühen Homininen taxonomisch einzuordnen sind - sie repräsentieren „einen enormen Schritt in Richtung Australopithecus,” sagt der Experte für Australopithecinen William Kimbel von der Arizona State University in Tempe. Obwohl das Gehirn von Lucy nur wenig größer als das des Ardipithecus ramidus war, ging Australopithecus afarensis bereits geschickt auf zwei Beinen. Lucy ging aufrecht wie Menschen und stieß zunehmend in vielfältigere Lebensräume vor und riskierte sogar den Schritt in die offene Savanne. Und Lucys Art hatte die gegenüberstellbaren großen Zehen verloren, wie die 3,7 Millionen Jahre alten Fußspuren von Laetoli in Tansania bezeugen - eine unumkehrbare Anpassung an ein Leben auf dem Boden.

Als Lucys direkter Vorfahr gilt weithin Australopithecus anamensis, eine Homininenart aus Kenia und Äthiopien, von deren Skelettbau nur wenig bekannt ist, aber deren Schienbeine darauf hinweisen, dass sie vor 3,9 bis 4,2 Millionen Jahren bereits aufrecht ging. Ardipithecus ramidus ist der aktuell führende Kandidat, wenn es um die Frage geht, wer der Vorgänger von Australopithecus anamensis war, nicht zuletzt weil er der einzigste nachgewiesene Hominine aus der Zeit zwischen 5,8 und 4,4 Millionen Jahren ist. In der Tat wurden Fossilien von Australopithecus anamensis in der Region des Middle Awash gefunden, die nur 200.000 Jahre jünger als „Ardi” sind.

Aber das Forschungsteam will gegenwärtig noch keine Verbindung zwischen Australopithecus anamensis und Ardipithecus ramidus herstellen, wohl in Erwartung auf weitere Fossilfunde. Zum jetzigen Zeitpunkt konzentrieren sich die Wissenschaftler erst einmal auf die Anatomie von „Ardi” und wie sie durch die Welt zog. Ihr Fuß ist mit seinem opponierbaren großen Zeh sehr primitiv und sie konnte wie alle Affen, die in den Bäumen leben, damit Äste und Zweige umfassen. Aber die Basis der vier anderen Zehenknochen war so ausgerichtet, dass sie den Vorderfuß beim Gehen zu einem starren Hebel verstärkte. Im Gegensatz dazu sind die Zehen eines Schimpansen wie bei seinen Händen flexibel und gebogen, sagen Lovejoy und Mitverfasser Bruce Latimer von der Case Western Reserve University in Cleveland. Ardipithecus ramidus entwickelte „einen Fuß, der sich ziemlich gut für den zweibeinigen Gang eignete, aber gleichzeitig den opponierbaren großen Zeh behielt,” sagt Lovejoy.

Die oberen Beckenschaufeln von „Ardi” sind kürzer und breiter als bei Menschenaffen. Dadurch wird der Schwerpunkt des Rumpfes nach unten verlegt und so konnte sie beim Gehen ihr Gewicht auf dem einen Fuß ausbalancieren, während sie den anderen davor setzte, sagt Lovejoy. Von der Form des Beckens leitet er auch eine wie beim Menschen lange und gekrümmte Wirbelsäule ab, anders als bei Schimpansen, deren Wirbelsäule kurz und steif ist. Diese Änderungen deuten laut Lovejoy darauf hin, dass Ardipithecus ramidus „schon seit sehr langer Zeit ein Zweibeiner war.”

Noch ist das untere Becken recht groß und primitiv; es ähnelt eher dem eines afrikanischen Menschenaffen als dem eines Homininen. Zusammengenommen, mit dem opponierbaren großen Zeh und anderen primitiven Merkmalen der Hände und Füße, bedeutet dies, dass Ardipithecus ramidus nicht in der gleichen, effizienten Weise wie Lucy aufrecht ging und noch sehr viel Zeit in den Bäumen verbrachte. Aber er verbrachte diese Zeit weder in der gleichen Körperhaltung wie Schimpansen, die sich unter den Ästen hindurch schwingend fortbewegen, noch kletterte er flink und vertikal in den Bäumen umher, sagt Lovejoy. Stattdessen war er ein langsamer, vorsichtiger Kletterer, der sich wahrscheinlich gleichzeitig mit Händen und Füßen auf der Oberseite dickerer Äste fortbewegte. Beispielsweise hatte Ardipithecus ramidus vier Knochen in seinem Handgelenk, die ihm eine flexiblere Hand verliehen und es so ermöglichten, dass diese rückwärts zum Handgelenk hin gebogen werden konnte. Dies steht im Gegensatz zu den Händen von Schimpansen und Gorillas, die sich auf ihren Fingerknöcheln fortbewegen und deren Handgelenke steifer sind, um die Kräfte zu absorbieren, die dadurch darauf wirken.



Allerdings sind sich mehrere Forscher über diese Rückschlüsse nicht so sicher. Einige sind skeptisch, dass das zerbrochene Becken wirklich alle anatomischen Details liefert, die man benötigt, um Zweibeinigkeit zu demonstrieren. Das Becken weist zwar auf eine gewisse Fähigkeit zum aufrechten Gang hin, das ist aber nicht überzeugend genug, sagt die Paläoanthropologin Carol Ward von der University of Missouri, Columbia. Auch scheint es so, dass bei Ardipithecus ramidus „das Knie nicht in einer Linie über dem Knöchel platziert war, was bedeutet, dass er sein Gewicht bei jedem Schritt auf die Seite hätte verlagern müssen”, sagt sie. Der Paläoanthropologe William Jungers von der Stony Brook Universität, New York, ist sich auch nicht sicher, dass das Skelett auf einen zweibeinigen Gang hinweist. „Glauben Sie mir, es wäre eine einzigartige Form der Zweibeinigkeit”, sagt er. „Meiner Meinung nach signalisieren allein die postcranialen Knochen keinen eindeutigen Homininenstatus.” Der Paläoanthropologe Bernard Wood von der George Washington University in Washington, D.C., stimmt zu. Er betrachtet das Skelett als Ganzes und meint: „Ich glaube, der Kopf stimmt mit dem eines Homininen überein, ... aber der Rest des Körpers ist mehr als fraglich.”

All dies unterstreicht, wie schwierig es sein kann, den aufrechten Gang bei den frühesten Homininen zu erkennen und zu definieren, wie sie anfingen, ihren Lebensraum von den Bäumen herab auf den Boden zu verlagern. Eine Sache scheint aber klar zu sein: das Fehlen vieler spezialisierter Merkmale, die man bei den afrikanischen Menschenaffen findet, deutet darauf hin, dass unsere Vorfahren nie auf den Fingerknöcheln gingen, so wie es Schimpansen und Gorillas tun.

Das streut Sand in das Getriebe einer Hypothese über den letzten gemeinsamen Vorfahren von heute lebenden Menschenaffen und Menschen. Seit Darwin 1871 vermutete, dass unsere Ahnen in Afrika entstanden sind, haben Forscher diskutiert, ob unsere Vorfahren eine Menschenaffenphase durchlaufen haben, in der sie wie Proto-Schimpansen aussahen. Dieses Troglodyten- oder Schimpansenmodell (nach dem wissenschaftlichen Namen Pan troglodytes, Schimpanse) für die frühen menschlichen Vorfahren schlägt vor, dass der letzte gemeinsame Vorfahre der afrikanischen Menschenaffen und Menschen einen kurzen Rücken sowie an das Schwingen angepasste Arme hatte, sowie Finger, die für den Knöchelgang geeignet waren. Unsere Vorfahren hätten dann diese Eigenschaften verloren, während Schimpansen und Gorillas sie beibehielten. Aber diese Ansicht konnte nie bewiesen werden, denn es gibt fast keine Fossilien von frühen Schimpansen oder Gorillas.

Einige Forscher denken, dass der ursprüngliche Bauplan der afrikanischen Menschenaffen noch primitiver war und nehmen Bezug auf kürzlich entdeckte, fragmentarisch erhaltene Fossilien von Menschenaffen, die vor 18 bis 8 Millionen Jahren lebten. „Es gibt immer mehr Hinweise von miozänen Menschenaffen, die darauf deuten, dass der letzte gemeinsame Vorfahr viel primitiver gewesen sein könnte,” sagt Ward. Ardipithecus ramidus unterstützt nun diese Vorstellung. Die Autoren betonen wiederholt die vielen Merkmale, die Ardipithecus ramidus von den Schimpansen und Gorillas unterscheiden, und dass es diese uns vertrauten Menschenaffen sind, die sich am meisten von der primitive Form unterscheiden.

Aber das Problem mit einem mehr „generalisierten Modell” eines baumlebenden Menschenaffen ist, dass „es einfacher ist zu sagen, was er nicht war, als was er war,” sagt Ward. Und wenn der letzte gemeinsame Vorfahr, der gemäß genetischer Analysen vor 5 bis 7 Millionen Jahren gelebt haben müsste, nicht wie ein Schimpanse aussah, dann entwickelten Schimpansen und Gorillas ihre zahlreichen Ähnlichkeiten unabhängig voneinander, und zwar nachdem sich Gorillas von der Schimpansen-Mensch-Linie abzweigten. „Schwer zu glauben, finde ich”, meint Pilbeam dazu.

Nachdem die Debatte über die Auswirkungen des Ardipithecus ramidus auf die Forschung nun begonnen hat, gibt es eine einzige Sache, auf die sich alle einigen können: Die Ergebnisse des Forscherteams um Tim White liefern eine Fülle von Daten, die Lösungsansätze für neue Forschungen über Jahre hinweg bieten können. „Egal welcher Argumentationsweise man sich anschließt, „Ardi” wird vielen Generationen von Studenten Stoff zum Nachdenken liefern,” sagt Jungers. Oder, wie Walker es ausdrückt: „Es hätte mich sehr gelangweilt, wenn sie wie ein halber Schimpanse ausgesehen hätte.”


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