Unendliche Umarmung: Familiäre Bande in der Bronzezeit

Presseldung vom 25.01.2024

Hinweise auf patrilineares Abstammungssystem der westlichen eurasischen Glockenbecherkultur gefunden – Parallelen in Großbritannien und Luxemburg.


Prähistorische Bestattungen, bei denen Erwachsene mit einem Kind in inniger Umarmung begraben worden sind, bieten einen ergreifenden Anblick und faszinieren Archäologen schon lange. Eine neue Studie zu solchen Grabfunden aus der frühen Bronzezeit in Luxemburg und Großbritannien, durchgeführt von Forschenden der Universitäten Mainz und Ferrara, gibt Einblicke in familiäre Beziehungen in prähistorischen Gemeinschaften und den Übergang von kollektiven zu individuellen Bestattungen im 3. Jahrtausend v. Chr. in West-Eurasien.

Publikation:


Zedda, N., Meheux, K., Blöcher, J. et al.
Biological and substitute parents in Beaker period adult–child graves
Sci Rep 13, 18765 (2023)

DOI: 10.1038/s41598-023-45612-3

Die Ergebnisse liefern erstmals genetische Nachweise dafür, dass die Glockenbecher-Gemeinschaften in Nordwesteuropa Kinder gemeinsam mit ihren biologischen Müttern und anderen engen biologischen Verwandten bestattet haben.


Skelettreste einer Erwachsenen und eines Kindes aus Altwies „Op dem Boesch“.

Ähnliche Bestattungen in Luxemburg und einem 500 Kilometer entfernten britischen Grab

Im Jahr 2000, während des Baus einer Autobahn im Süden Luxemburgs in Altwies „Op dem Boesch“, entdeckten Archäologen Gräber aus der frühen Bronzezeit, die der Glockenbecherkultur (2450–1800 v. Chr.) zuzuordnen sind. In einem Grab fand man die Überreste von einer Frau und einem Kind – einander zugewandt, während die Erwachsene den Kopf des Kindes in ihrer Hand hält.

Skelettreste einer Erwachsenen und eines Kindes aus Dunstable Downs.

Im Rahmen eines neuen Projekts gab diese historische Familientragödie einem Team aus europäischen Forschenden die Möglichkeit, mithilfe von Archäologie, Anthropologie und alter DNA grundlegende Fragen über die Bestattungsriten und die familiären Beziehungen in Europa in der frühen Bronzezeit zu beantworten. Denn diese Bestattung war nicht einzigartig. Die Arbeit von Dr. Foni Le Brun-Ricalens, Direktor des Institut National de Recherches Archéologiques (INRA) und einer der Initiatoren der Studie, enthüllte eine weitere erschütternd ähnliche Bestattung in einem runden Hügelgrab in Dunstable Downs, Bedfordshire, Großbritannien – mehr als 500 Kilometer von Altwies entfernt.

Dieses Grab, das bereits 1887 ausgegraben worden war, brachte den Archäologen Dr. Maxime Brami von der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU), einer der Hauptautoren der Studie, zu der Frage, ob die beiden Bestattungen nicht in irgendeiner Weise miteinander in Verbindung standen. Was war der Hintergrund dieser zwei Bestattungen? Kannten sich diese Familien? Warum waren die Bestattungsrituale so ähnlich? Starben die Frau und das Kind jeweils gemeinsam, eventuell sogar gewaltsam? Um diese Fragen zu beantworten, wurde ein Team zusammengestellt, das die Grabbeigaben und die Skelettreste aus den Gräbern in Großbritannien und Luxemburg analysieren und vergleichen sollte.

Alle vier Skelette der beiden Bestattungen wurden analysiert

Die Skelette von Dunstable Downs konnten zum Luton Cultural Trust zurückverfolgt werden – mit der Hilfe von Elise Naish, Leiterin des Bereichs Heritage and Collections bei Luton Cultural Trust, und Katie Meheux, Bibliothekarin am UCL Institute of Archaeology. Obwohl die Ausgrabung bereits Ende des 19. Jahrhunderts stattgefunden hatte, war die Bestattung hervorragend dokumentiert und die Knochen waren gut erhalten. Der Anthropologin Dr. Nicoletta Zedda von der Universität Ferrara, die ebenfalls zu den Hauptautoren der Studie gehört, war es möglich, die Überreste näher zu untersuchen. Zusammen mit den Genetikern der JGU konnte sie die Genome aller vier Skelette der beiden Frau-Kind-Bestattungen analysieren.

Die DNA enthüllte faszinierende Einblicke in die genetische Abstammung und Kultur im frühen Bronzezeitalter Europas. Alle vier Individuen, obwohl hunderte Kilometer voneinander getrennt, stammen hauptsächlich von Steppenpopulationen ab, die im 3. Jahrtausend v. Chr. aus Osteuropa und Mitteleuropa migrierten. Doch vielleicht noch bedeutsamer waren die interessanten familiären Beziehungen. „In Altwies waren eine Frau und ein circa drei Jahre alter Junge begraben, wobei die DNA-Analyse ergab, dass es sich hierbei tatsächlich um Mutter und Sohn handelt“, erklärt Nicoletta Zedda. „Jedoch zeigt sich bei Dunstable Downs ein anderes Bild: Eine junge Frau wurde dort mit einem ungefähr sechsjährigen Mädchen begraben, aber aus der DNA erschloss sich, dass die beiden Tante und Nichte väterlicherseits waren.”

Daten könnten auf patrilineares Abstammungssystem hinweisen

Auf dem europäischen Festland unterlag die Ausrichtung der Gräber in der Glockenbecherkultur strengen Regeln, die auf dem biologischen Geschlecht der Individuen basierten. In Altwies erfolgte die Orientierung des Grabes entsprechend dem Geschlecht des Kindes – eines Jungen – und nicht dem seiner biologischen Mutter. In Dunstable Downs waren die Erwachsene und das Kind väterlicherseits zweiten Grades verwandt, was darauf hindeutet, dass hier eine paternale Tante eventuell die Rolle eines Ersatzelternteils oder einer Hauptbezugsperson für das Kind, zumindest im Tod, übernahm. „Die Daten, die sich unserer Studie entnehmen lassen, könnten auf ein patrilineares Abstammungssystem der westlichen eurasischen Glockenbecherkultur hinweisen“, betont der Archäologe Maxime Brami. „Und sie deuten darauf hin, dass zumindest in einigen Gemeinschaften der Frühbronzezeit Großfamilien zusammenlebten und ihre Verstorbenen gemeinsam bestatteten, wobei biologische und verwandtschaftliche Beziehungen im Vordergrund standen.”

Trauer folgte formalen Ritualen

Die Todesursache und der Anlass für die kollektiven Bestattungen sind nach wie vor unbekannt. Anzeichen von Gewalt konnten an den Skelettresten nicht gefunden werden. Bei weiteren Forschungen dieses Projektes wurden über einhundert ähnliche Mehrfachbestattungen von Erwachsenen und Kindern in Eurasien aus dem 3. und 2. Jahrtausend v. Chr. entdeckt. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler könnten viele mögliche Erklärungen für gemeinsame Bestattungen und gleichzeitige Todesfälle liefern, unter anderem Gewalt, Infektionen oder Pandemien. Aber die erstaunlichen Ähnlichkeiten zwischen den Gräbern von Luxemburg und Großbritannien legen nahe, dass die Gemeinschaften – vielleicht sogar Familien – der europäischen Glockenbecherkultur ihre Toten nach weit verbreiteten und genau befolgten formalen Ritualen betrauerten. „Der Anblick einer Frau in einer schlafenden Pose, die ein Kind in ihren Armen hält, ist bewegend und ergreifend. Auch wenn dieses friedliche Bild täuschen mag, spiegelt es dennoch eine verlorene Bedeutung wider, die sich über Tausende von Kilometern und zwischen vielen verschiedenen Kulturen erhalten hat“, fasst Maxime Brami zusammen.


Info
Förderung

Die Studie wurde durch das Institut National de Recherches Archéologiques (INRA), Luxemburg, und eine Förderung der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) für Maxime Brami finanziert.



Diese Newsmeldung wurde mit Material der Johannes Gutenberg-Universität Mainz via Informationsdienst Wissenschaft erstellt


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