In Europa lebten im frühen Jungpaläolithikum im Schnitt nur 1.500 Menschen

Presseldung vom 05.03.2019


Kölner Team berechnet Bevölkerungsdichte der ersten modernen Menschen in Europa / Zwischenzeitlich nur 800 Menschen.

Mit einem an der Universität zu Köln entwickelten Protokoll können die Forscherinnen und Forscher des Sonderforschungsbereiches 806 „Our Way to Europe“ rekonstruieren, wie die Besiedlung Europas durch den anatomisch modernen Menschen verlief. Die Daten zeigen, dass die Population der gesamten europäischen Jäger und Sammler in der Zeitspanne von etwa 42.000 bis etwa 33.000 Jahren vor heute – dem sogenannten Aurignacien – durchschnittlich nur etwa 1.500 Personen betrug. Auch mögliche Schwankungen, die im Rahmen der Methode ermittelt wurden, lassen nicht viel Spielraum: Die Obergrenze lag bei rund 3.300, die Untergrenze bei rund 800 Personen. Die Ergebnisse wurden in der aktuellen Ausgabe des Fachjournals PLOSONE veröffentlicht.


Fundorte, die dem Aurignacian in Europa zugeordnet werden. Schwarz: Klasse 1, grau: Klasse 2 (d. H. von Berechnungen ausgeschlossen). Graue Linien: Transportwege von Rohstoff.

Publikation:


Schmidt I, Zimmermann A
Population dynamics and socio-spatial organization of the Aurignacian: Scalable quantitative demographic data for western and central Europe
PLoS ONE 14(2): e0211562

DOI: 10.1371/journal.pone.0211562



Die Forscherinnen und Forscher konzentrieren sich in der aktuellen Studie auf ein Gebiet vom heutigen Nordspanien über Mittel- bis Osteuropa. Hier sind die archäologischen Funde besonders gut bekannt. Sie untersuchen, wie viele Menschen auf einmal gelebt haben, wie sie räumlich verteilt waren und welche sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Strategien sie einsetzten, um auch unter Klima- und Umweltstress erfolgreich zu überleben.

Um „Kerngebiete“ intensiver und kontinuierlicher Besiedlung zu ermitteln, untersuchen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zunächst die Verteilung archäologischer Fundstellen. Über die Transportwege von Steinmaterial lässt sich auch der Mobilitätsbereich der Jäger und Sammler rekonstruieren. Durch die Identifizierung dieser Kern- und Mobilitätsgebiete können die Forscherinnen und Forscher die Anzahl der Gruppen von Jägern und Sammlern schätzen. Anhand der durchschnittlichen Gruppengröße ergibt sich schließlich die absolute Anzahl der Menschen, die in den Kerngebieten gelebt haben müssen.

Nur fünf Gebiete in Europa hatten nach diesen Schätzungen überhaupt eine überlebensfähige Population von etwa 150 Personen oder mehr: Nordspanien, Südwestfrankreich, Belgien, Teile Tschechiens und der obere Donauraum. Dass die Zentren dieser lebensfähigen Populationen etwa 400 Kilometer voneinander entfernt waren, ist ein europaweit einheitliches Muster. Zusätzlich konnte eine Reihe von Gebieten mit extrem geringen Bevölkerungszahlen ermittelt werden, die also für sich nicht überlebensfähig gewesen wären. Hier zeigen allerdings Ähnlichkeiten von Schmuckgegenständen sowie Transporte von Steinmaterial wiederholt intensiven Kontakt zu den Kernregionen an. Vermutlich fand hier, in diesen – im Schnitt etwa 200 km entfernt gelegenen – Regionen die Besiedlung nur zyklisch während bestimmter Jahreszeiten statt.

Das sich abzeichnende Muster spricht für hochmobile Jäger-Sammler Gruppen, die regelmäßig Distanzen von 200 km zurücklegten und zudem an verschiedene Habitate angepasst waren. „Dieses Verhalten des ersten anatomisch modernen Menschen in Europa ermöglichte eine stabile Besiedlung des Subkontinents trotz der extrem geringen Bevölkerungsdichte. Auch wenn wir davon ausgehen, dass regionale Populationen wiederholt ausstarben, so ist dieses System sehr resilient“, erklärt Dr. Isabell Schmidt, die maßgeblich an der Studie beteiligt war. „Vieles deutet darauf hin, dass die menschliche Besiedlung nicht unbedingt Umwelteinflüssen, sondern soziokulturellen Mustern folgt. Wir gehen davon aus, dass die Jäger und Sammler sehr mobil waren und sich flexibel anpassen konnten.“


Diese Newsmeldung wurde mit Material des Informationsdienstes der Wissenschaft (idw) erstellt


Diese Artikel könnten dir auch gefallen



Die letzten News


Knochen des Tages
L 398-266
L 398-266

Australopithecus aethiopicus

Elemente: R. LM3

Omo, Äthiopien

02.03.2021
Wie sind Hunde nach Amerika gekommen?
Forscher analysierten das mitochondriale Genom des Hundes und kamen zu dem Schluss, dass das Tier zu einer Linie von Hunden gehörte, deren Entwicklungsgeschichte bereits vor 16.700 Jahren von der der sibirischen Hunde abwich.
18.02.2021
Neandertaler-Gene und Covid-19 Verläufe
Letztes Jahr entdeckten Forscher, dass wir den wichtigsten genetischen Risikofaktor für einen schweren Verlauf der Krankheit Covid-19 vom Neandertaler geerbt haben.
29.01.2021
Als Flüsse durch eine grüne Sahara flossen
Große Teile der heutigen Sahara-Wüste waren vor Tausenden von Jahren grün.
29.01.2021
Beweglicher Daumen ebnete den Weg zur menschlichen Kultur
Präzise Greifen und grazilere Werkzeuge herstellen: Vor rund zwei Millionen Jahren verschaffte ihre bessere Feinmotorik den ersten Menschen einen evolutionären Vorteil
23.01.2021
Befreundete Schimpansen kämpfen gemeinsam gegen Rivalen
Menschen kooperieren in großen Gruppen miteinander, um Territorien zu verteidigen oder Krieg zu führen.
21.01.2021
Über 18.000 Funde: Forschungsgrabung in Untermaßfeld abgeschlossen
Seit vier Jahrzehnten wird in der thüringischen Wirbeltierfundstelle Untermaßfeld regelmäßig ausgegraben.
21.01.2021
Was das Genom des Lungenfischs über die Landeroberung der Wirbeltiere verrät
Das vollständig sequenzierte Genom des Australischen Lungenfisches ist das größte sequenzierte Tiergenom und hilft, den Landgang der Wirbeltiere besser zu verstehen – Evolutionsbiologen der Universität Konstanz sind maßgeblich beteiligt
21.01.2021
Alte DNA gibt Aufschluss über die Besiedlung der Marianeninseln
Im Vergleich zur Erstbesiedlung Polynesiens hat die Besiedlung der Marianen im Westpazifik vor etwa 3.500 Jahren bisher nur wenig Beachtung gefunden.
21.01.2021
Asiatische Gewürze erreichten den Mittelmeerraum vor mehr als 3000 Jahren
Der LMU-Archäologe Philipp Stockhammer fand Hinweise über asiatische Gewürze wie Kurkuma und Früchte wie die Banane im Mittelmeerraum schon viel früher als bislang gedacht.
10.12.2020
Fossilien zeigen Folgen der Ozeanerwärmung auf
Forschende aus Berlin und Großbritannien haben die ökologischen Auswirkungen einer raschen und ungewöhnlich intensiven Phase der Klimaerwärmung während der Jurazeit vor etwa 182 Millionen Jahren auf die Meeresfauna erforscht.
03.12.2020
Das älteste “Ortsnamenschild” der Welt
Wissenschaftler der Universität Bonn haben zusammen mit dem Ägyptischen Antikenministerium das älteste Ortsnamenschild der Welt entschlüsselt.
30.11.2020
Der Popa-Langur: ein neu entdeckter Affe aus Asien
Erbgutanalysen, unter anderem an hundert Jahre altem Museumsexemplar, erlauben Einblick in die Evolutionsgeschichte der Haubenlanguren.
25.11.2020
Treue Paare im Regenwald
Rote Springaffen verzichten auf Seitensprünge.
24.11.2020
Manche mögen‘s heiß: Globale Erwärmung als Motor für Evolution der Langhalssaurier
Ein internationales Paläontologen-Team, zu dem auch SNSB-Forscher Oliver Rauhut gehört, findet Belege für einen raschen Klimawandel vor 180 Millionen Jahren als Ursache für die Ausbreitung der weithin bekannten Langhalssaurier (Sauropoden).
03.11.2020
Neanderthaler-Mütter stillten nach fünf bis sechs Monaten ab
Als Grund für das Aussterben der Neanderthaler vermuten einige Forscher, dass die damaligen Mütter ihre Säuglinge lange stillten und die Säuglinge so nicht früh genug vielfältige Nährstoffe für eine Höherentwicklung des Gehirns erhielten.
31.10.2020
Populationsgeschichte der Hunde deckt sich nur teilweise mit der des Menschen
Wissenschaftler haben die Genome von bis zu 10.900 Jahre alten Hunden untersucht und zeigen, dass die Populationsgeschichte der prähistorischen Hunde sich nur teilweise mit der des Menschen deckt.
30.10.2020
Denisovaner-DNA im Erbgut früher Ostasiaten
Forschende des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie und der Mongolischen Akademie der Wissenschaften haben das Genom des ältesten menschlichen Fossils, das bis jetzt in der Mongolei gefunden wurde, analysiert: Die 34.000 Jahre alte Frau hatte rund 25 Prozent ihrer DNA von Westeurasiern geerbt.
24.10.2020
Bissspuren und ausgefallene Zähne bringen Licht ins Fressverhalten von Dinosauriern
Forscherteam der Universität Tübingen untersucht 160 Millionen Jahre alten Fressplatz im Nordwesten Chinas.
22.10.2020
Kognitive Bausteine der Sprache existierten schon vor 40 Millionen Jahren
Nicht nur Menschen, sondern auch Affen und Menschenaffen erkennen Regeln in komplexen sprachlichen Konstruktionen. Dies haben Sprachwissenschaftler durch Experimente mit einer künstlichen Grammatik herausgefunden. Daraus lässt sich schliessen, dass diese Fähigkeit auf gemeinsame Vorfahren zurückgeht.
21.10.2020
Mehr noch als Fleisch und Milch
Stabile Isotopendaten von Menschen- und Tierknochen zeigen eine sehr effektive Nutzung des vielfältigen Nahrungsangebots im nördlichen Kaukasus und den vorgelagerten Steppen durch bronzezeitliche Viehhalter im heutigen Süden Russlands.
18.10.2020
Madagaskar: Mensch und Klima verursachten Massenaussterben
Die gesamte endemische Megafauna Madagaskars und der östlich davon gelegenen Inselkette der Maskarenen, zu der Mauritius und Rodrigues zählen, wurde im vergangenen Jahrtausend ausgerottet.
17.10.2020
Chemische Evolution - Am Anfang war der Zucker
Der Ursprung allen Lebens liegt in organischen Molekülen. Doch wie sind diese aus anorganischen Stoffen entstanden? Der LMU-Chemiker Oliver Trapp berichtet über einen Reaktionsweg, bei dem sich Zucker an Mineralien ohne Wasser bilden.
14.10.2020
Der moderne Mensch kam auf Umwegen nach Europa
Klimatische Bedingungen leiteten die geographische Ausbreitung von Homo sapiens in der Levante vor 43.000 Jahren.
12.10.2020
Reiter wetteiferten vor 3000 Jahren um die ältesten Lederbälle Eurasiens
Wissenschaftler haben in Gräbern von Reitern in Nordwest-China die ältesten Bälle Eurasiens untersucht.
08.10.2020
Forscher rekonstruieren Käfer aus der Kreidezeit
Ein internationales Forscherteam hat vier neu gefundene Exemplare der fossilen Käfer Mysteriomorphidae mithilfe der Computertomographie untersucht und weitestgehend rekonstruieren können. Die Ergebnisse lassen Rückschlüsse auf die Evolution der Arten während der Kreidezeit zu.