Gesichter im Alten Ägypten und der Steinzeit

Presseldung vom 11.04.2018


Das Gesicht gilt als äußeres Zeichen der eigenen Identität. Wir erkennen Bekannte vor allem an den Gesichtszügen. Das Mienenspiel verrät uns viel über Emotionen. Weil das Antlitz so prominent gehandelt wird, ist es aber auch Gegenstand von Inszenierungen. Wohlstand, Macht und Schönheit werden vor allem auch über das Gesicht unter anderem durch Schmuck und Schminke ausgedrückt. Mit „Gesichts-Fragen“ vom europäischen Paläolithikum über das vorderasiatische Neolithikum bis zum bronzezeitlichen Ägypten befasst sich ein kürzlich erschienenes Buch von Prof. Dr. Ludwig D. Morenz und Beryl Büma von der Ägyptologie der Universität Bonn.

Mich interessiert, wie Gesichter im Spannungsfeld zwischen biologischer Grundlage, kultureller Überprägung und Individualisierung dargestellt werden“, sagt Prof. Dr. Ludwig Morenz, Ägyptologe an der Universität Bonn. Seine These: Es gibt kein natürliches Gesicht, alle Darstellungen sind überprägt. Der Wissenschaftler geht dabei bis in die Steinzeit und das Alte Ägypten zurück. „Aus dem Neolithikum gibt es die ersten Belege für individualisierte Darstellungen von Gesichtern“, sagt Morenz. Teils sind in runden Steinen nur Löcher für die Augen und den Mund gebohrt. Doch der Forscher geht auch hier von einer Individualisierung aus: „Es ist viel wahrscheinlicher, dass hier ein bestimmter Nachbar abgebildet wurde als ein theoretischer Durchschnittsmensch.“

Der Archäologe ist davon überzeugt, dass die handwerklichen Fertigkeiten für individuelle Abbilder schon in der Jungsteinzeit ausgereicht haben. Schließlich sind auch aus der frühen altägyptischen Zeit Darstellungen bekannt, die von großer Kunstfertigkeit und Individualisierung zeugen. Ein verblüffendes Beispiel stammt aus der Mitte des dritten Jahrtausends vor unserer Zeitrechnung. Dows Dunham vom Museum of Fine Arts in Boston steckte 1943 die Büste des Anchhaf kurzerhand in einen Anzug mit Hut, worauf der altägyptische Prinz und Sohn von Pharao Snofru einem Amerikaner zum Verwechseln ähnlich sah. Dieses Ereignis ging als „Experiment mit einem ägyptischen Porträt“ in die Fachliteratur ein.

Tod, Götterwelt und Inszenierung von Herrschaft

Die altägyptischen Bildproduktionen vom vierten Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung erfüllten im Wesentlichen drei Funktionen: Den kulturellen Umgang mit dem Tod, den Bezug zur Götterwelt und die Inszenierung von Herrschaft. Bereits in der Jungsteinzeit wurde in der Levante, der östlichen Mittelmeerregion, der Kopf vom Toten abgetrennt, der Schädel vom vergänglichen Fleisch befreit und mit einer Masse aus Lehm und Kalk modelliert. Beim Gesichtsschädel aus Jericho wurden Muscheln als „Augen“ eingesetzt. „Auf diese Weise wurde der Zerfall nach dem Tod aufgehalten und die Verstorbenen erhielten ihr Gesicht zurück“, berichtet Morenz. Aus der Levante sind mehrere solcher „Ersatzschädel“ überliefert, zudem aber auch rundplastische Köpfe und außerdem Gesichtsmasken – also unterschiedliche Annäherungen an das Gesicht.

In Altägypten herrschte teilweise auch die Vorstellung, dass der König ein Abbild Gottes war. Grundlage war in der proto- und frühdynastischen Zeit die Vorstellung vom doppelten „Horus“ - einerseits dem himmlischen Weltgott und andererseits dem sterblichen Menschen als seine irdische Inkarnation. Ein Beispiel hierfür ist der berühmte Tutanchamun, was übersetzt so viel wie „lebendes Bild des Gottes Amun“ bedeutet.

Die Inszenierung von Herrschaft ging so weit, dass sich Darstellungen vorheriger Herrscher einverleibt wurden, indem die Namen überschrieben oder Porträts umgearbeitet wurden. Der Pharao Ramses II. gilt als einer der bedeutendsten Herrscher des Alten Ägypten und als größter bekannter Monumentsusurpator aus dem Niltal. Teilweise wurden sogar die Gesichtsdarstellungen selbst verändert. König Merenptah, Sohn und Nachfolger von Ramses II., ließ zum Beispiel Altersfurchen auf der Stirn eines Porträts entfernen, damit es jünger wirkte.

Sehr individuell erscheinen auch altägyptische Darstellungen von Ausländern. Wie die Ägyptologin Beryl Büma beschreibt, werden Nubier mit dunkler Haut, krausem Haar und vollen Lippen, Ägäer mit gelocktem Haar und Asiaten mit Spitzbärten gezeigt. „Die Fremdheit eines Individuums wurde also nicht allein durch seine Kleidung und Ausrüstung markiert, sondern auch durch eine abweichende Physiognomie, Hautfarbe und Frisur.“ Büma vollzieht die Entwicklung der Darstellung von Hethitern durch Altägypter nach. Während die frühen Bilder mit Schurz, schulterlangem Haar, Stirnband und Bart noch denen von Syrern entsprechen, individualisierten sich später die Hethiter-Darstellungen hinsichtlich ihrer Gesichtszüge, Frisur und Kleidung.

Welche Bedeutung das Antlitz in der Bildsprache hatte, zeigt sich auch in der ägyptischen Sprachwelt und somit auch in den Hieroglyphen. Zwischen Gesicht und Kopf wurde klar unterschieden: Während das Symbol für „Kopf“ immer in der seitlichen Perspektive dargestellt wird, zeigt das Schriftbild für „Gesicht“ die Frontalansicht. Hinzu kommt regelhaft sogar ein Unterschied in der Farbgebung – rötlich-braun für den Kopf und gelb für das Gesicht.

Hinweis: Einige der im Buch behandelten Stücke, wie etwa die im Foto sichtbare spätzeitliche vergoldete Totenmaske, können in der Dauerausstellung des Ägyptischen Museums der Universität Bonn im Original betrachtet werden. Das Museum bleibt trotz umfangreicher Umbauarbeiten am Ostflügel des Unihauptgebäudes bis auf Weiteres geöffnet. Öffnungszeiten: www.aegyptisches-museum.uni-bonn.de


Spätzeitliche Totenmaske von der Qubbet el Hawa: Beryl Büma (links) und Prof. Dr. Ludwig D. Morenz im Ägyptischen Museum der Universität Bonn.

Publikation:


Ludwig D. Morenz, Beryl Büma
Gesichts-Fragen – Bildantropologische Blicke
Studia Eurphratica 2, EB-Verlag, 187 S., 45 Euro




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