Ein 2,8 Millionen Jahre alter Unterkiefer wirft neues Licht auf früheste Menschen

Presseldung vom 06.03.2015


Seit Jahrzehnten suchen Wissenschaftler nach Fossilien, die die frühesten Phasen der Homo-Linie in Afrika dokumentieren, doch Funde aus der kritischen Zeitspanne vor 3 bis 2,5 Millionen Jahren sind rar.

Schon seit Jahrzehnten suchen Wissenschaftler nach Fossilien, die die frühesten Phasen der Homo-Linie in Afrika dokumentieren können, doch Funde aus der kritischen Zeitspanne vor 3 bis 2,5 Millionen Jahren waren frustrierend rar und oft in sehr schlechtem Zustand. Jetzt hat man einen fossilen menschlichen Unterkiefer im Ledi-Geraru-Forschungsgebiet in der Afar-Region in Äthiopien gefunden, der 400 000 Jahre älter als alle bisher bekannten Fossilien der Homo-Linie ist und auf 2,8 Millionen Jahre vor heute datiert.

Der Unterkiefer wurde 2013 von einem internationalen Forschungsteam unter Leitung von Wissenschaftlern der Arizona State University und mit Beteiligung von Faysal Bibi vom Museum für Naturkunde Berlin entdeckt und in zwei Berichten in der am 4. März erschienenen Ausgabe der Zeitschrift Science publiziert.

Aufgund der schlechten Fundlage der letzten Jahrzehnte gingen die Meinungen der Wissenschaftler über die Entstehung der Homo-Linie vor 3 bis 2,5 Millionen Jahren oft weit auseinander. Mit einem Alter von 2,8 Millionen Jahren liefert das neue Ledi-Geraru-Fossil nun Hinweise auf Veränderungen im Kiefer und der Zähne, und das nur 200.000 Jahre nach dem letzten bekannten Vorkommen von Australopithecus afarensis von der nahe gelegenen Fundstelle Hadar, wo auch die berühmte "Lucy" gefunden wurde.

Die linke Unterkieferhälfte mit fünf Zähnen wurde von Chalachew Seyoum gefunden, Doktorant an der Arizona State University. Die anschließende Analyse hat gezeigt, dass das Fossil fortgeschrittene Merkmale besitzt, beispielsweise weniger robuste Molaren, symmetrische Prämolaren und einen gleichmäßig proportionierten Kiefer, was die frühen Homo-Arten, wie beispielsweise Homo habilis vor 2 Millionen Jahren, von den mehr affenähnlichen Australopithecinen unterscheidet. Aufregend an dem Fund ist auch das primitive, schräge Kinn, das seinen Träger mit einem Lucy-ähnlichen Vorfahren verbindet.

"Trotz vielem Suchen sind Fossilien der Homo-Linie, die älter als 2.000.000 Jahre sind, sehr selten", sagt Co-Autor Brian Villmoare von der University of Nevada, Las Vegas. "Einen Blick auf die früheste Phase der Evolution unserer Abstammungslinie werfen zu können, ist besonders spannend."

In einem Bericht in der Zeitschrift Nature haben Fred Spoor und Kollegen eine digitale Rekonstruktion des 1,8 Millionen Jahre alten, aber stark verformten Unterkiefers des legendären Fossils OH 7 von Homo habilis ("geschickter Mensch") aus der Olduvai-Schlucht in Tansania präsentiert (siehe Digitale Wiedergeburt des Homo habilis). Die Rekonstruktion zeigt ein unerwartet primitives Bild des H. habilis Kiefers und liefert eine plausible Verbindung zurück zum Ledi-Fossil.

"Der Ledi Kiefer hilft die evolutionäre Lücke zwischen Australopithecus und frühem Homo zu verkürzen", sagt William H. Kimbel, Direktor des Institute of Human Origins. "Er ist ein ausgezeichnetes Beispiel einer Übergangsform aus einer kritischen Zeit in der menschlichen Evolution."

Zum Team, das die zusammen mit dem Kiefer gefundenen fossilen Reste analysierte, gehörte auch ein Wissenschaftler vom Museum für Naturkunde Berlin, Faysal Bibi. Das unter Leitung von Erin DiMaggio (Pennsylvania State University) verfasste Begleitpapier enthält Studien des Sedimentgesteins und verschiedener fossiler Tiere vom Fundort Ledi-Geraru, die Hinweise auf das Alter und die Umgebung des Frühmenschenfundes geben. DiMaggio und seine Mitarbeiter stellten fest, dass in der Umgebung Arten vorherrschten, die einen recht offenen, mit Gras oder Sträuchern bedeckten Lebensraum bevorzugten. „Verglichen mit den am älteren Lucy-Fundort Hadar gefundenen Arten ist eine starke Zunahme von Arten zu beobachten, die die trockenen Bedingungen in Ledi-Geraru tolerierten“, stellt Bibi fest, der viele der Tierfossilen untersuchte.

"Wir sehen die vor 2,8 Millionen Jahren beginnende Trockenheit in der Ledi-Geraru Faunengemeinschaft", sagt Kaye Reed von der Arizona State University, "aber noch ist es zu früh zu behaupten, dass ein Klimawandel für die Entstehung der Gattung Homo verantwortlich war. Dazu brauchen wir mehr Funde von homininen Fossilien. Aus diesem Grund werden wir die Suche im Ledi-Geraru-Fundgebiet auch fortsetzen".


Diese Newsmeldung wurde mit Material von Science Daily erstellt


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