Saint-Acheul, Frankreich

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Fundort: Saint-Acheul, Amiens, Region Picardie, Frankreich
Spezies: Homo
Geschätztes Alter: 450.000 Jahre, Datierung basierend auf Elektronenspinresonanz-Verfahren (ESR), Elektronenspinresonanz-Verfahren (ESR), Paläomagnetismus
Kultur: Acheuléen, Moustérien
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Faustkeil aus Saint-Acheul aus der Sammlung von Félix Régnault

Saint-Acheul ist ein Ort in der Nähe von Amiens im Tal der Somme, Region Picardie in Nordfrankreich. Saint-Acheul ist die Typlokalität, an der eine Reihe von markanten altsteinzeitlichen Faustkeilen gefunden wurden. Saint-Acheul ist namengebend für eine ganze archäologische Kulturstufe, das »Acheuléen«.

Die "Handäxte" des Acheuléen sind charakteristisch große, zweiseitig behauene, tränen- oder eiförmige Steinwerkzeuge. Im allgemeinen geht man davon aus, dass in den meisten Fällen Homo erectus der Hersteller war, obwohl die Artefakte nur selten mit Fossilien dieser Menschenart assoziiert sind.

Der rechts abgebildete Faustkeil wurde im Jahr 1897 in den Steinbrüchen an der Rue Cagny in St. Acheul gefunden. Er besteht aus grauem Feuerstein (aus dem Thanetium, mit Patina durch das Grundwasser) und führt uns zurück zu den Anfängen der prähistorischen Forschung in Frankreich:

Jacques Boucher de Perthes, Zollbeamter aus Abbeville, war in den 1830er und 40er Jahren der erste, der altsteinzeitliche Steinwerkzeuge in Abbeville und Saint Acheul im Tal der Somme entdeckte. Darunter befanden sich jene zweiseitig bearbeiteten Fauskeile, die er "haches antediluviennes" nannte.

Begeistert über diese Funde und die vielen Pseudoartefakte, von denen er ebenfalls annahm, dass es sich um Werkzeuge handelt, veröffentlichte er im Jahr 1848 eine dreibändige Abhandlung mit dem Titel "Antiqués Celtiques et Antédiluviennes". Eine befriedigende Erklärung für die Steinwerkzeuge und die Fossilien ausgestorbener pleistozäner Säugetiere verlange, wie er sagte, eine viel größere Zeitspanne, als biblische Interpretationen und Cuviers wissenschaftliches Paradigma vorgaben.

Wie so oft in der Geschichte der Paläoanthropologie wurde auch Boucher zunächst vom wissenschaftlichen Establishment ignoriert, doch einige britische Geologen wie Falconer, Prestwich, Godwin und Lyell von der geologischen Gesellschaft in London horchten auf und beschlossen, Boucher und seiner Sammlung im Tal der Somme einen Besuch abzustatten.

An dieser Stelle muß erwähnt werden, dass Bouchers Entdeckungen in die gleiche Zeit fallen, wie die Funde der 1850er und 60er Jahre in der Brixham Höhle in der Grafschaft Devon in England. Hier hatte William Pengelly, Lokallehrer und Geologe im Dienste der Geologischen Gesellschaft, Steinwerkzeuge und Fossilien ausgestorbener Löwen, Mammuts und Wollnashörner in unbestreitbar ungestörten Schichten entdeckt.

Auf dem Weg nach Paris im Herbst 1858 machte Falconer einen Abstecher und besuchte Boucher de Perthe, wo er die Funde aus Abbeville und Amiens im Lichte der Brixham-Entdeckungen überprüfte. Abbeville sah in den nächsten Monaten das Kommen und Gehen von Persönlichkeiten wie Prestwich, Godwin, dem höchst einflussreichsten Charles Lyell und John Evans, der später einmal zum bedeutendsten Experten in Sachen Steinwerkzeuge in England werden sollte. Boucher de Perthes war wie immer herzlich, öffnete seine Kollektionen und lud seine britischen Besucher ein, die Arbeit in den Steinbruchterrassen zu beobachten und selbst dort zu graben.

Die Briten ließen sich nach und nach von den Ausführungen ihres Gastgebers überzeugen und die Wende kam schließlich im Jahr 1859, als Prestwich und Evans bei Saint-Acheul in einem fossilführenden Stratum ein Foto eines Faustkeils in situ schießen konnten. Die Anerkennung der Existenz des Menschen im Zeitalter der großen ausgestorbenen Säugetiere, entgegen den damaligen Lehrbüchern und der biblischen Erzählung, war ein wichtiges Ereignis in der Geschichte des westlichen Wissenschaftsdenkens.


Literatur

  • Laurent, M., Falguères, C., Bahain, J. J., & Yokoyama, Y. 1994. Géochronologie du système de terrasses fluviatiles quaternaires du bassin de la Somme par datation RPE sur quartz, déséquilibres des familles de l´uranium et magnétostratigraphie. Comp. Rend. Acad. Sci. Paris Ser. II, 318, 521-526
  • Gamble C., Kruszynski R. 2009. John Evans, Joseph Prestwich and the stone that shattered the time barrier. Antiquity Publications 83:320, pp. 461 - 475

Koordinaten

  • 49.880505° N, 2.333651° E von Henry Gilbert,
     

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