Busidima North und Asbole, Äthiopien

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Fundort: Busidima North und Asbole, Gona, Dikika, Hadar, Ostafrikanischer Grabenbruch, Äthiopien
Spezies: Homo erectus
Geschätztes Alter: 1.150.000 Jahre, Datierung basierend auf Kalium-Argon-Methode, Paläomagnetismus
Kultur: Acheuléen
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Das Becken von Busidima (obere Reihe) im Vergleich zu Australopithecus afarensis (Lucy, untere Reihe)

Wissenschaftler haben bei der Feldarbeit an der prähistorischen Fundstätte von Gona in Äthiopien das erste dokumentierte komplette Becken eines weiblichen Homo erectus entdeckt. Die Bodenformation, die die Fossilien enthielt, wurde auf ein Alter zwischen 0,9 und 1,4 Millionen Jahre datiert, und so schätzen die Forscher, dass das Becken rund 1,3 Millionen Jahre alt ist.

Der Fund gelang Ali Ma'anda Datto, einem Mitglied des Afarstammes, am 12. Februar 2001. Das Becken wurde in den Ablagerungen nördlich des Busidima Rivers gefunden, einem saisonalen Fluss, der in den Awash River mündet. Die Forschung in der Gegend wurde weitergeführt, und so kamen bei der Ausgrabung im Jahre 2003 noch das rechte und linke Os coxae (Hüftknochen) sowie der letzte Lendenwirbel einer Frau zum Vorschein.

Zahlreiche Tier-Fossilien, darunter eine Vielzahl von Antilopen, Schweinen, Ratten, Pferde und Reptilien konnten ebenfalls geborgen werden. Gona ist bekannt für die Entdeckung der ältesten Steinwerkzeuge der Welt, datiert auf 2,6 Millionen Jahre. Die Fundstelle des homininen Beckens befindet sich nur rund 12 Kilometer von der Stelle der ältesten Steinwerkzeuge entfernt.

Das älteste weibliche Becken eines Homininen gehörte der berühmten, etwa 3,2 Millionen Jahre alten Lucy, einem fossilen Teilskelett der Art Australopithecus afarensis. Lucy wurde bei Hadar entdeckt, eine Fundstelle, die mit Gona zusammenhängt und nur wenige Kilometer östlich liegt. Andere fossile Becken aus dem Plio-Pleistozän Afrikas sind bekannt durch das 2,8 bis 2,5 Millionen Jahre alte Exemplar Sts 14 eines Australopithecus africanus aus Sterkfontein, Südafrika und durch das Teilskelett eines jugendlichen männlichen Homo erectus aus Kenia, bekannt als "Turkana Boy" (KNM-WT 15000, manchmal auch "Nariokotome Boy") und auf 1,53 Millionen Jahre datiert.

Neben dem Turkana Boy sind nur wenige andere Beckenknochen aus diesem wichtigen Zeitraum der Evolution des Menschen bekannt. Wegen des bisherigen Fehlens eines weiblichen Beckens in den paläontologischen Aufzeichnungen hat sich die Wissenschaft auf Informationen gestützt, die das Becken des Turkana Boys preis gab, ein wichtiges Fossil, das von zentraler Bedeutung für die Beurteilung der allgemeinen Morphologie des weiblichen Homo erectus war und zur Schätzung der Dimensionen des Geburtskanals beim weiblichen Homo erectus herangezogen wurde.

Basierend auf dem Turkana Boy leitete man ab, dass das Becken eines weiblichen Homo erectus klein war und es wurde spekuliert, dass der Geburtskanal von einem Neugeborenen mit einer Gehirgröße von rund 230 cm³ passiert werden könnte. Als Ergebnis glaubte man, dass Homo erectus Weibchen vermutlich entwicklungsmäßig unreife Babys zur Welt brachten, mit einem schnellen Wachstum des Gehirns nach der Geburt. Auch glaubte man, dass die Neugeborenen einem erheblichen Maß an mütterlicher Fürsorge bedurften, ähnlich wie beim modernen Menschen.

Die Busidima-Entdeckung besteht aus einem kompletten Becken und dem letzten Lendenwirbel. Es ist das einzige und erste vollständige Exemplar aus dem gesamten frühen Pleistozän Afrikas. Mit diesem Fund können Forscher jetzt sicher und genau die Beckenanatomie des weiblichen Homo erectus rekonstruieren und daraus wichtige Schlüsse ziehen.

Das Busidima-Becken gehörte einem erwachsenen Homo erectus Weibchen von kleiner Statur. Allerdings ist das Becken geburtstechnisch recht geräumig und fällt in den Bereich des modernen Homo sapiens. Die Größe des Geburtskanals einer heutigen Frau hat etwa die Größe des Kopfes ihres Neugeborenen (was die Geburt beim Menschen schwierig macht und oft ein schmerzhafter Prozess ist). Basierend auf einer Studie über das Verhältnis des modernen weiblichen Geburtskanals zur Kopfgröße eines Neugeborenen schätzen Wissenschaftler, dass die Homo erectus Frau von Busidima ein Baby mit einer maximalen kranialen Kapazität von 315 cm³ gebären konnte. Der Wert liegt 30% über der bis dahin auf dem unvollständigen jugendlichen männlichen Becken aus Kenia (KNM-WT 15000) basierenden Schätzung. Heutige Babys haben bei der Geburt einen mittleren Kopfumfang von rund 347 mm (Minimum-Maximum, 320-370mm), und die Forscher schätzen, dass die Homo erectus Frau von Busidima in der Lage war, ein Baby mit einem Kopfumfang von 318 mm zur Welt zu bringen. Der Wert liegt am unteren Ende des Bereichs eines modernen menschlichen Neugeborenen zum Zeitpunkt der Geburt.

Die Analyse der Forscher zeigt, dass das Becken eines weiblichen Homo erectus wesentlich größer als das eines weiblichen Australopithecus war. Das Individuum von Busidima war von kleiner Statur. Möglicherweise haben neuartige selektive Faktoren eine Rolle gespielt, was in einem ausgeprägten Becken bei Homo erectus resultierte, das die Geburt von großhirnigen Nachkommen ermöglichte, und was wahrscheinlich impliziert, dass sich Aspekte der weiblichen Beckenanatomie bei Homo erectus als Reaktion auf die zunehmende Größe des fetalen Gehirns entwickelten.


Literatur

  • Simpson, S. W., Quade, J., Levin, N. E., Butler, R., Dupont-Nivet, G., Everett, M., et al. 2008. A female Homo erectus pelvis from Gona, Ethiopia. Science, 322(5904), 1089

Koordinaten

  • 11.058333° N, 40.466667° E von Henry Gilbert,
     

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