Bonn (Oberkassel), Deutschland

Fundort: Bonn (Oberkassel), südliches Nordrhein-Westfalen, Deutschland
Spezies: Homo sapiens
Fossil: zwei Skelette, männlich und weiblich, Kiefer eines Hundes
Geschätztes Alter: 14000 Jahre, Datierung basierend auf Radiokarbon-Methode (C-14)
Kultur: Federmesser-Gruppen

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Oberkassel ist ein Stadtteil von Bonn in Nordrhein-Westfalen. 1914 entdeckten Steinbrucharbeiter in einer Lage rötlichen Lehms zwei menschliche Skelette, bei denen es sich um eine etwa 25-jährige Frau und einen 50-jährigen Mann handelt.

Die Skelette werden der Kulturstufe der Federmesser-Gruppen zugeschrieben. Unter dem Begriff „Doppelgrab von Oberkassel“ ging der Fund als wissenschaftliche Sensation in die Geschichte ein. Untersuchungen mit der Radiokarbon-Methode ergaben ein Rekordalter von rund 14.000 Jahren. Damit handelt es sich bei den Skeletten aus der Späteiszeit um den ältesten Fund des modernen Menschen (Homo sapiens) in Deutschland. Derzeit werden die Knochen einer groß angelegten wissenschaftlichen Neuuntersuchung unter Federführung des LVR-Landesmuseums Bonn unterzogen.

Den Toten wurden kleine Beigaben ins Grab gelegt, so konnten, trotz unsachgemäßer Bergung, eine kleine dünne Figur aus Knochen oder Geweih (vermutlich eine Hirsch- oder Rehdarstellung) und ein 20 cm langer Knochenstab mit Tierkopf geborgen werden. Außerdem fand man neben den menschlichen Überresten das Skelett eines Hundes.

Oberkasseler-Fund schließt wichtige Lücke in der Zeitreihe

In einer Studie aus dem Jahr 2013 zur Berechnung der Mutationsrate der mitochondrialen DNA, die der Paläogenetiker Prof. Dr. Johannes Krause von der Universität Tübingen federführend durchführte, schließt der Oberkasseler Fund eine wichtige Lücke. In Form einer Zeitreihe untersuchten die Forscher die Erbsubstanz mehrerer fossiler Menschen, die vor rund 700 bis 40.000 Jahren lebten. „Die Oberkasseler Skelette sind in dieser Reihe die einzigen, die aus dem Zeitraum um 14.000 Jahre stammen“, berichtet Mitautorin Liane Giemsch, die für das LVR-LandesMuseum in Bonn und die Vor- und Frühgeschichtliche Archäologie der Universität Bonn im Oberkassel-Projekt forscht. Mit dieser Zeitreihe von insgesamt zehn Fossilien aus Europa und Ostasien beantworteten die Wissenschaftler die Frage, wann der moderne Mensch von Afrika aus seinen Siegeszug über die ganze Welt angetreten hat. Ergebnis: erste moderne Menschen siedelten erstmals vor weniger als 95.000 Jahren außerhalb Afrikas.

Genetische Studien ermöglichen neues Bild vom Oberkasseler Paar

„Die aktuellen Ergebnisse decken sich weitgehend mit den Ergebnissen archäologischer und anthropologischer Studien“, sagt die Wissenschaftlerin des LVR-LandesMuseums und der Universität Bonn. „Die Zahlen liefern nun ein klareres zeitliches Bild vom modernen Menschen und seiner Ausbreitung aus Afrika.“ Zudem gewähren die genetischen Studien des internationalen Forscherteams neue Einblicke in das Oberkasseler Paar. Giemsch: „Wir wissen nun, dass beide nicht so eng miteinander verwandt waren, wie Geschwister es sind.“

Hund aus dem Oberkasseler Grab
Unterkiefer eines Hundes aus dem Oberkasseler Grab.

Der älteste Hund Deutschlands

Die Wissenschaftler, die den Fund als erste auswerteten, schenkten den Knochenresten von Tieren kaum ihre Aufmerksamkeit. So wurden sie in einem ersten Bericht von 1914 nur beiläufig erwähnt. 1986 befasste sich Günter Nobis ausführlicher mit den Tierknochen. Er fand Überreste des Braunbären (Ursus arctos), des Luchses (Lynx lynx) und des Haushundes (Canis lupus familiaris). Paarhufer (Artiodactyla) waren durch den Auerochsen (Bos primigenius) oder Wisent (Bison bonasus), den Rothirsch (Cervus elaphus) und das Reh (Capreolus capreolus) vertreten.

Die Oberkasseler Menschen teilten ihren Lebensraum also mit Tierarten wie Braunbär, Luchs, Wisent, Ur, Rothirsch und Reh. Diese Fauna lässt auf eine schon lichte Waldbedeckung schließen, wie sie in der ersten Wärmephase der Nacheiszeit vor ungefähr 14.000 Jahren auftrat.

„Von besonderer Bedeutung“, so erläutert Nobis in seiner Studie, „sind die im Tiermaterial von Oberkassel früher dem Wolf zugeschriebenen Canidenreste. Der morphologische und metrische Vergleich lehrt, daß die Summe von Domestikationsmerkmalen für einen Haushund spricht. Bei gebotener Vorsicht kann also von einer spätpaläolithischen Haustierwerdung des Wolfes gesprochen werden: Der Haushund von Oberkassel, der vor ungefähr 14 000 Jahren den jagenden Menschen der Cromagnon-Rasse begleitete, ist somit das bisher älteste Haustier der Menschheit.“

Bei der geplanten wissenschaftlichen Neuuntersuchung des Fundkomplexes will man mittels einer Strontium-Isotopen-Untersuchung die geographische Herkunft des Hundes klären. Wuchs er im Herkunftsgebiet des Mannes oder der Frau auf, oder stammt er aus einem anderen Gebiet? Über diese Analysen lassen sich Aussagen zu den möglicherweise weitreichenden Kontakten der Menschengruppen zu dieser Zeit machen. Außerdem will man feststellen, wie weit der Hund von Oberkassel gnetisch bereits vom Wolf entfernt ist.

Weblink: Neuuntersuchung des Oberkasseler Fundes unter Federführung des LVR-Landesmuseums Bonn, Pressemitteilung des idw-online


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Doppelgrab von Oberkassel: Die Skelette wurden im Februar 1914 zusammen mit den Resten eines Hundes, Kunstgegenständen und weiteren Tierknochen bei Steinbrucharbeiten an der Rabenlay gefunden.



Literatur

Koordinaten