Wadi-Zraia-Clausura
Alternativname Zraia-Clausura
Limes Limes Tripolitanus
(rückwärtige Linie)
Abschnitt Djebel Dahar
Datierung (Belegung) 3. oder 4. Jhr.
bis 5. oder 6. Jhr.
Typ Sperrwerk
Größe Länge: rund 800 m
Bauweise Stein, anstehender Sand und Schutt
Erhaltungszustand teilweise erhalten gebliebener Schuttwall
Ort Wadi Zraia
Geographische Lage 33° 6′ 13,6″ N, 10° 9′ 17,7″ O
Höhe 403 m
Vorhergehend Wadi-Skiffa-Clausura
(rückwärtige Limeslinie) (südlich)
Anschließend Kleinkastell Benia bel Recheb
(rückwärtige Limeslinie) (nördlich)
Rückwärtig Kastell Talalati (südöstlich)
Vorgelagert Kleinkastell Bir Mahalla
(rückwärtige Limeslinie) (westlich)
Der Limes Tripolitanus mit der Clausura

Wadi-Zraia-Clausura, auch Zraia-Clausura, ist die moderne Bezeichnung eines kleinen römischen Sperrwerks, das für Sicherungs- und Überwachungsaufgaben am rückwärtigen Limes Tripolitanus, einem tiefgestaffelten System von Kastellen und Militärposten,[1] in der römischen Provinz Africa proconsularis, später Tripolitania, zuständig war. Die geradlinig durch das Trockental geführte Befestigung sicherte eine dort verlaufende Pass-Straße und gehörte zu dem weiten militärischen Sperrgürtel, der das fruchtbare küstennahe Land der Provinz vor Angreifern aus der Wüstenregion verteidigen und gleichzeitig den Warenhandel für Rom kontrollieren sollte. Zudem wurden die Hirtennomaden aus den wüstennahen Gebieten daran gehindert, durch unerlaubte Grenzübertritte in die Konfrontation mit den für Rom bedeutenden landwirtschaftlichen Produktionsstätten im Osten des Landes, insbesondere der Djeffara-Ebene, zu geraten. Die Reste dieses Bauwerks befinden sich im nördlichen Randgebiet der Gebirgsgruppe des Djebel Demmer auf den Höhenzügen des Berglandes von Dahar in Südtunesien, Gouvernement Tataouine.

Lage

Die Clausura befindet sich am oberen Ende eines kurzen Trockentals, dem Wadi Zraia, das sich weiter westlich in V-Form mit dem Wadi Skiffa vereint und wenig später im großen Wadi bel Recheb mündet, an dessen Oberlauf das Kleinkastell Bir Mahalla liegt.[2] Im Talgrund, des Dahar beginnt mit dem Östlichen Sandmeer die ehemalige Außengrenze des römischen Reiches. Dort, am Unterlauf des Wadi bel Recheb, lag das Kleinkastell Tisavar.[3] Südlich der Zraia-Clausura lagen die Clausurae Wadi Skiffa[4] und Wadi Skiffa Süd.[5]

Forschungsgeschichte

Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren die römischen Baureste im Wadi Zraia bekannt, wurden allerdings als Dämme zur Wasserspeicherung, sogenannte Schluckbrunnen („puits d’absorption“), angesehen.[6] Eine Ursache für dieses Verständnis lag in der Tatsache, dass dies selbst der Direktor der tunesischen Antikenverwaltung, Paul Gauckler (1866–1911), so sah.[7] In einer Beschreibung aus dem Jahr 1908, die in der Konstruktion noch ein antikes Wasserbauwerk sieht, heißt es: „A 4 kilomètres environ du ksar Oulad-Mahdi, la haute vallée de l’oued Zraia est fermée par un barrage de 400 mètres de long sur 5 à 6 mètres de haut. Des extrémités du barrage partent des murailles remontant jusqu’au sommet des deux croupes voisines.“[6] Übersetzung: „Ungefähr 4 Kilometer von Ksar Oulad-Mahdi entfernt wurde das obere Tal des Wadi Zraia durch einen 400 Meter langen Damm von 5 bis 6 Metern Höhe verschlossen. An den Enden des Damms steigt das Mauerwerk bis zur Spitze der beiden angrenzenden Kuppen empor.“

Baugeschichte

Die in das dritte Jahrhundert n. Chr. datierenden Ostraca aus dem in Libyen gelegenen Grenzkastell Gholaia/Bu Njem bestätigen die Beteiligung einer regulären Garnison an routinemäßigen polizeilichen Aufgaben sowie der Überwachung von Zivilisten.[8] Mit den Clausurae von Zraia und Skiffa sollte der Limesabschnitt von Talalati gesichert werden.[9] Die Militärführung hatte den Limes Tripolitanus in mehrere Teilbereiche gegliedert, die von Abschnittskommandanten (praepositi) befehligt wurden. Die am Djebel Demmer installierten Sperrwerke bildeten mit dem nördlich gelegenen Kleinkastell Benia bel Recheb,[10] das in einer Linie mit den Talsperren lag, eine Einheit.[11] Am Sperrwerk von Zraia kontrollierte eine kleine Einheit römischer Soldaten den Warenverkehr und sicherte das dicht besiedelte Gebiet der Provinz im Osten gegen unerlaubte Grenzübertritte ab. Im östlichen Talgrund des Dahar lag zur rückwärtigen Grenzsicherung das 263 n. Chr. errichtete Kastell Talalati.[12] In der dort gefundenen Bauinschrift wird dieser Grenzabschnitt als Limes Tripolitanus bezeichnet.[13]

Die Clausura im Wadi Zraia wurde als linearer breiter Wall durch den Grund des Engpasses geführt und in Form einer grob gesetzten, niedrigen Steinmauer an den südlichen und nördlichen Hängen hinaufgeführt,[14] Das Sperrwerk beginnt auf den Höhen eines steilen Hügelrückens auf ungefähr 455 Höhenmetern[15] und fällt dann schnell zur Böschung am Hauptflussbett des Wadis auf knapp 400 Höhenmeter ab. Am gegenüberliegenden Ufersaum wird der Verlauf des römischen Walls zunächst von der modernen Anschüttung eines Feldrains aufgenommen. Dieser mündet an der das Wadi entlangführenden Straße unterhalb des dort schroff ansteigenden Bergsporns. Zu dessen Spitze führt der nun wieder sichtbare römische Wall hinauf und endet dort auf 435 Höhenmetern.[16]

Nach Ansicht des britischen Archäologen David Mattingly könnte auf einem kleinen Hügel unmittelbar östlich des Sperrwerks ein Wachturm gestanden haben.[14][17]

Zeitliche Einordnung

Der französische Archäologe Pol Trousset nahm als Entstehungszeitraum für das Clausura-Systems am Djebel Demmer das dritte Jahrhundert n. Chr. an,[18] während Mattingly eher für das vierte Jahrhundert plädierte. Trotz bisheriger Unkenntnis über den genauen Zeitpunkt der Entstehung der Clausurae am Djebel Demmer steht fest, dass diese Strukturen bis in die spätrömische Zeit Bestandteil der Grenzsicherung waren.[19] Es bleibt allerdings eine weitere offene Diskussion, ob zumindest Teile der alten Grenzsperren in diesem Teilabschnitt nach der Wiedereroberung Nordafrikas durch den oströmischen Kaiser Justinian I. (527–565) neu besetzt wurden.[11]

Literatur

  • David J. Mattingly: Tripolitania. Batsford, London 2005, ISBN 0-203-48101-1, S. 188.
  • Pol Trousset: Recherches sur le limes Tripolitanus, du Chott el-Djerid à la frontière tuniso-libyenne. (Etudes d'Antiquites africaines). Éditions du Centre national de la recherche scientifique, Paris 1974, ISBN 2-222-01589-8. S. 97.
  • Jules Toutain: Notes et documents sur les voies stratégiques et sur l'occupation militaire du Sud tunisien à l'époque romaine par MM. les capitaines Donau et Le Boeuf, les lieutenants de Pontbriand, Goulon et Tardy. In: Bulletin archéologique du Comité des travaux historiques et scientifiques. Imprimerie nationale, Paris 1903. S. 272–409; hier: S. 360.
  • Paul Gauckler: Enquête sur les installations hydrauliques romaines en Tunisie. Imprimerie rapide, Tunis 1900, S. 203–204.
  • Hilaire: Note sur la voie stratégique romaine qui longeait la frontière militaire de la Tripolitaine. Essai d'identification des gîtes d'étapes de la portion de cette voie comprise entre ad Templum et Tabuinati. In: Bulletin archéologique du Comité des travaux historiques et scientifiques. 1901, S. 101.

Anmerkungen

  1. Michael Mackensen: Kastelle und Militärposten des späten 2. und 3. Jahrhunderts am „Limes Tripolitanus“. In: Der Limes 2 (2010), S. 20–24; hier: S. 22.
  2. Kleinkastell Bir Mahalla bei 33° 3′ 21″ N, 10° 0′ 27″ O
  3. Kleinkastell Tisavar bei 33° 0′ 30,97″ N, 9° 36′ 58,38″ O
  4. Wadi-Skiffa-Clausura bei 33° 2′ 11,81″ N, 10° 9′ 13,8″ O
  5. Wadi-Skiffa-Clausura (Süd) bei 33° 0′ 32,79″ N, 10° 9′ 45,6″ O
  6. 6,0 6,1 Hippolyte Dessoliers: Contributions diverses à l'hydrogenèse. Béranger, Paris 1908; S. 76.
  7. Paul Gauckler: Enquête sur les installations hydrauliques romaines en Tunisie. Imprimerie rapide, Tunis 1900, S. 203–204; Maurice Euzennat: Quatre années de recherches sur la frontière romaine en Tunisie méridionale. In: Comptes rendus des séances de l’Académie des Inscriptions et Belles-Lettres 1, 116 Jahrgang, Klincksieck, Paris 1972, S. 7–27; hier: S. 13.
  8. Robert Marichal: Les ostraka de Bu Njem. In: Comptes rendus de l'Académie des Inscriptions et Belles-Lettres (1979), S. 436–437.
  9. Hédi Ben Ouezdou, Pol Trousset: Aménagements hydrauliques dans le Sud-Est tunisien. In: Contrôle et distribution de l’eau dans le Maghreb antique et médiéval. (= Collection de l'École française de Rome 426) École française de Rome, Rom 2009, ISBN 978-2-7283-0797-5, S. 1–18; hier: S. 12 (Fußnote 28).
  10. Kleinkastell Benia bel Recheb bei 33° 11′ 38,2″ N, 10° 10′ 32,9″ O
  11. 11,0 11,1 Pol Trousset: Recherches sur le limes Tripolitanus, du Chott el-Djerid à la frontière tuniso-libyenne. (Etudes d’Antiquites africaines). Éditions du Centre national de la recherche scientifique, Paris 1974, ISBN 2-222-01589-8. S. 96.
  12. Kastell Talalati bei 32° 59′ 13,29″ N, 10° 20′ 38,75″ O
  13. CIL 8, 22765.
  14. 14,0 14,1 David J. Mattingly: Tripolitania. Batsford, London 2005, ISBN 0-203-48101-1, S. 188.
  15. Wadi-Zraia-Clausura – südliches Ende, bei 33° 6′ 4,67″ N, 10° 9′ 15,02″ O
  16. Wadi-Zraia-Clausura – nördliches Ende, bei 33° 6′ 29,8″ N, 10° 9′ 23,14″ O
  17. möglicher Turmstandort bei 33° 6′ 23,62″ N, 10° 9′ 30,59″ O
  18. Pol Trousset: Note sur un type d’ouvrage linéaire de la frontière d’Afrique, dans Actes du Ie colloque international sur l’histoire et l’archéologie de l’Afrique du Nord. (Perpignan, 14–18 avril 1981), Paris 1984. S. 383–398.
  19. David Mattingly, Barri Jones: A New ‘Clausura’ in Western Tripolitania. Wadi Skiffa South. In: Libyan Studies. Annual Report of the Society for Libyan Studies. 17 (1986), S. 87–96; hier: S. 95.