Urnenfeld im Ruser Steinbusch


Das Urnenfeld im Ruser Steinbusch liegt bei Högsdorf im Kreis Plön in Schleswig-Holstein. In dem kleinen Forst blieb ein eisenzeitliches Urnenfeld mit oberirdischen Steinsetzungen in weitgehend ungestörtem Zustande erhalten. Der Wald liegt in einem Moränengebiet mit Findlingsstreuung, die für die Steinsetzungen abgelesen wurde.

Die verschiedenen Formen

Vergleichbar mit den Kreisgrabenfriedhöfen Westfalens und der Niederlande ist auf nordischen Urnenfeldern der Bestattung oberirdisch ein fixierter Platz zugeteilt. Im Norden bezeichnen statt der Gräben dicht nebeneinander auf die Oberfläche gelegte Steine diese Abgrenzung. Neben kreisrunden kommen vereinzelt langgestreckte Formen vor.

Steinkreise

Die runde Einfassung wird von einem in der Regel einreihigen geschlossenen Ring aus etwa kopfgroßen Steinen gebildet. Der Durchmesser beträgt gewöhnlich wenige Meter. Große Ringe mit mehr als sieben Metern und kleine mit weniger als zwei Metern sind selten. Der Innenbereich ist mit kleinen Steinen in zwei Lagen gepflastert. Mittig darunter findet sich in einer Grube. die mit faustgroßen Steinen ummantelte auf einer Steinplatte platzierte Urne. Über oder neben der Gefäßmündung liegt nicht selten ein mit der Reibfläche nach unten gekehrter Mahlstein.

Reihengräber

Neben den Steinringen, die eine bekannte Erscheinung im vorgeschichtlichen Grabbau darstellen, kommen in etwa rechteckige und schiffsartige Steinsetzungen vor. Ein Steinreihengrab auf dem Timmberg bei Grebin, im Kreis Plön besteht z. B. aus drei, parallel verlaufenden Steinreihen von jeweils 29 m Länge. Die äußeren kommen an den Enden bogenförmig zusammen und bilden gemeinsam mit der mittleren Reihe, schmale, etwa drei Meter breite Bezirke. In dieser weiträumigen Anlage wurde eine einzige Bestattung gefunden, und zwar in der Mitte der nördlichen Bahn. Bei einem benachbarten Steinreihengrab von 45 m Länge, wurden drei Bestattungen angetroffen. Die Ausmaße der Steinreihengräber am Timmberg übertreffen die im „Ruser Steinbusch“ und an anderer Orte bei weitem. Die Gräber im Ruser Steinbusch haben Längen zwischen 10 und 15 m. Da ihnen die am Timmberg gebildete Mittelreihe fehlt, besteht der Innenraum aus einer einzigen Bahn. An einem Ende ist hier – ebenfalls anders als am Timmberg - die Schmalseite rechtwinkelige ausgebildet, während das andere Ende spitz ausläuft. Eine Stele, die mitunter die Bugspitze bildet, zeigt kein Grabmal an. Sie erinnert eher an die Bugsteine nordischer Schiffssetzungen. Der Steinschutz der Hauptbestattungen in den Steinreihengräbern zeichnete sich mitunter durch einen sorgfältigen Aufbau aus. Einer enthielt eine Plattenkiste, über der anderen lag ein mächtiger Mahlstein mit der Reibfläche nach unten. Der Eckstein eines anderen Reihengrabes hat zwei Schälchen.

Bautasteine

Innerhalb der Steinreihengräber oder zwischen den Grabplätzen findet man unbearbeitete längliche, senkrecht in den Boden eingesetzten Steine von selten mehr als einem halben Meter Höhe. Die meisten zeigen eine an ihrem Fuß befindliche Bestattung an. Es kommen jedoch auch Stelen ohne Bestattung vor. Die Aufstellung solcher Stelen, die in Dänemark Bautasteine heißen, war auf kleinere Bezirke des Ruser Grabfeldes beschränkt. In einigen der Steinringe ersetzt ein liegender Findling die Stele. Grabstelen finden sich gewöhnlich auch in Steinreihengräbern. Dort dient sie Kennzeichen der Hauptbestattung, der unter Umständen einige Nachbestattungen zugeordnet waren.

Der Steinbusch

Am Nordrand des Gräberfeldes liegt ein mächtiger bronzezeitlicher Grabhügel von 22 m Durchmesser und etwa fünf Metern Höhe. Das Miteinander von bronzezeitlichem Grabhügel und eisenzeitlichem Urnenfeld findet sich in der nordischen Eisenzeit vielfach.

Zeitfolge und Kontext

Beigaben oder Gefäße fehlen fast völlig. Die bauchigen Urnen sind unverziert und besitzen als Kennzeichen der älteren Stufe der vorchristlichen Eisenzeit (500—300 v. Chr.) einen ausgeprägten Hals mit abgesetztem Rand. Die Ausgrabung eines typverwandten Urnenfeldes bei Groß-Timmendorf, Kreis Eutin, erbrachte keinen einzigen jüngeren Gegenstand. So ist wohl auch das Ruser Feld an der Wende vom 4. zum 3. vorchristlichen Jahrhundert belegt worden. Geht man davon aus, dass der älteste Teil des - nicht eingehend untersuchten - Gräberfeldes in der Nähe des bronzezeitlichen Hügels zu suchen ist, so sind vergleichsweise weite Steinringe als ältere Form anzusehen. Eine kleine Gruppe überdurchschnittlich großer Steinringe findet sich auch am südlichen Rande des Feldes. Der größte davon umgibt ungewöhnlicherweise einen niedrigen, vermutlich älteren Hügel. Demzufolge könnte die Belegung an zwei Stellen begonnen haben. Danach müssten die kleinen und kleinsten Ringgräber, die im mittleren Teil liegen, die jüngere Stufe repräsentieren. Dieser Abfolge folgend würden sich, weil auf den östlichen und westlichen Rand beschränkt, die Steinreihengräber als jüngste Form anfügen.

Auf der Kimbrischen Halbinsel kommen Urnenfelder mit Steinringen bis nach Mitteljütland hinauf vor, wo es sogar Entsprechungen mit einem Felsblock in der Mitte gibt. Vergleichbare Fundplätze liegen auch auf den dänischen Inseln und in Westschweden. Ob Gräberfelder im Küstengebiet beiderseits der Oder auch dazu gehören, lässt sich gegenwärtig nicht entscheiden.

Literatur

  • K. Hucke: Das Urnenfeld im Ruser Steinbusch bei Högsdorf. Kr. Plön. In: Führer zu vor- und frühgeschichtlichen Denkmälern. Band 10: Hansestadt Lübeck, Ostholstein, Kiel. von Zabern, Mainz 1972, S. 183–191.

54.25958333333310.60175Koordinaten: 54° 15′ 34″ N, 10° 36′ 6″ O


Diese Artikel könnten dir auch gefallen



Die letzten News


Knochen des Tages

Elemente:

,

30.10.2020
Denisovaner-DNA im Erbgut früher Ostasiaten
Forschende des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie und der Mongolischen Akademie der Wissenschaften haben das Genom des ältesten me...
24.10.2020
Bissspuren und ausgefallene Zähne bringen Licht ins Fressverhalten von Dinosauriern
Forscherteam der Universität Tübingen untersucht 160 Millionen Jahre alten Fressplatz im Nordwesten Chinas.
22.10.2020
Kognitive Bausteine der Sprache existierten schon vor 40 Millionen Jahren
Nicht nur Menschen, sondern auch Affen und Menschenaffen erkennen Regeln in komplexen sprachlichen Konstruktionen. Dies haben Sprachwissenschaftler du...
21.10.2020
Mehr noch als Fleisch und Milch
Stabile Isotopendaten von Menschen- und Tierknochen zeigen eine sehr effektive Nutzung des vielfältigen Nahrungsangebots im nördlichen Kaukasus und ...
18.10.2020
Madagaskar: Mensch und Klima verursachten Massenaussterben
Die gesamte endemische Megafauna Madagaskars und der östlich davon gelegenen Inselkette der Maskarenen, zu der Mauritius und Rodrigues zählen, wurde...
17.10.2020
Chemische Evolution - Am Anfang war der Zucker
Der Ursprung allen Lebens liegt in organischen Molekülen. Doch wie sind diese aus anorganischen Stoffen entstanden? Der LMU-Chemiker Oliver Trapp ber...
14.10.2020
Der moderne Mensch kam auf Umwegen nach Europa
Klimatische Bedingungen leiteten die geographische Ausbreitung von Homo sapiens in der Levante vor 43.000 Jahren.
12.10.2020
Reiter wetteiferten vor 3000 Jahren um die ältesten Lederbälle Eurasiens
Wissenschaftler haben in Gräbern von Reitern in Nordwest-China die ältesten Bälle Eurasiens untersucht. Gemäss dem internationalen Forscherteam so...
08.10.2020
Forscher rekonstruieren Käfer aus der Kreidezeit
Ein internationales Forscherteam hat vier neu gefundene Exemplare der fossilen Käfer Mysteriomorphidae mithilfe der Computertomographie untersucht un...
01.10.2020
Jagdverhalten säbelzahntragender Raubtiere erforscht
Ein internationales Team von Forschenden aus dem Vereinigten Königreich und Spanien sowie unter Beteiligung vom Museum für Naturkunde in Berlin, unt...
25.09.2020
Vor 120.000 Jahren: Älteste sicher datierte Nachweise von Menschen auf der arabischen Halbinsel
Unter Verwendung hochauflösender paläoökologischer Informationen, die aus versteinerten Fußabdrücken gewonnen wurden, präsentiert eine neue, in ...
25.09.2020
Neandertaler haben männliches Geschlechtschromosom vom modernen Menschen übernommen
Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung von Martin Petr und Janet Kelso vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipz...
21.09.2020
Versteinerte Bäume im Thüringer Wald: Forscherteam entschlüsselt fossile Mikrowelten
Paläontologen des Museums für Naturkunde Chemnitz und der TU Bergakademie Freiberg führen aktuell in Manebach bei Ilmenau wissenschaftliche Grabung...
21.09.2020
Auch Schimpansen leiden ein Leben lang, wenn sie im Kindesalter die Mutter verlieren
Der Tod eines Elternteils ist für ein Kind traumatisch und Waisenkinder leiden häufig für den Rest ihres Lebens unter diesem Verlust – ein verzö...
21.09.2020
Älteste Spermien der Welt
In einem Bernstein entdeckte ein internationales Team von Paläontologen im Inneren eines weiblichen Muschelkrebses 100 Millionen Jahre alte Riesenspe...
17.09.2020
Schimpansenverhalten und -kultur sind in variabler Umwelt am vielfältigsten
Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie und dem Deutschen Zentrum für integrat...
15.09.2020
Weinpresse aus der Eisenzeit gibt Aufschluss über Bautechnik der Phönizier
Forschungsteam der Universität Tübingen entdeckt seltenen Nachweis der frühen Weinherstellung an der Ausgrabungsstätte Tell el-Burak im Libanon.
09.09.2020
Die älteste Neandertaler-DNA Mittelosteuropas
Ein internationales Team berichtet in einer neuen Studie über das älteste mitochondriale Genom eines Neandertalers aus Mittelosteuropa. Das aus eine...
09.09.2020
Das letzte Zucken der Eiszeit
Ein internationales Team von Forschenden blickt präzise wie nie in das Ende der letzten Eiszeit. Wann und wo genau die Jüngere Dryaszeit begann und ...
03.09.2020
Milchverträglichkeit hat sich in wenigen Tausend Jahren in Mitteleuropa verbreitet
Paläogenetiker der Johannes Gutenberg-Universität Mainz finden nur in wenigen Knochen vom bronzezeitlichen Schlachfeld an der Tollense Hinweise auf ...
03.09.2020
Himmelsscheibe von Nebra wird neu datiert
Bisher galt die Himmelsscheibe von Nebra als frühbronzezeitlich und damit als älteste Himmelsdarstellung der Welt. Archäologen der Goethe-Universit...
03.09.2020
Künstliche Intelligenz hilft in der Archäologie
Künstliche Intelligenz ist besser als bisherige Softwareanwendungen in der Lage, den Ursprung archäologischer Funde aus naturwissenschaftlichen Unte...
26.08.2020
Bronzezeit: Fremde Ernährungstraditionen in Europa
Nicht nur Metalle, hierarchische Gesellschaften und befestigte Siedlungen: In der Bronzezeit beeinflusste auch ein neues Lebensmittel die ökonomische...
26.08.2020
Wie sich Neandertaler an das Klima anpassten
Klimaveränderungen kurz vor ihrem Verschwinden lösten bei den späten Neandertalern in Europa eine komplexe Verhaltensänderung aus: Sie entwickelte...
17.08.2020
Radiokarbonuhr zur C-14 Datierung neu geeicht
Die Radiokarbondatierung wird genauer als je zuvor: Als Teil eines internationales Forschungsteam trug die Universität Hohenheim dazu bei die Technik...