Ein Pescher (hebräisch פשר, Pl. Pescharim) ist eine literarische Gattung der Bibelauslegung, wie sie sich in den Schriftrollen vom Toten Meer findet. Dabei wird ein zumeist prophetischer Text auf die eigene Gegenwart der Verfasser gedeutet, dies jedoch wiederum in Chiffren. Inwieweit sich aus diesen oft dunklen Anspielungen historische Daten der Qumran-Gemeinschaft und ihrer Umwelt erheben lassen, ist umstritten.

Begriff

Die verwandten hebräischen Wurzel פשר und פתר, sowie ihre Entsprechungen, פתר im Aramäischen und pasharu im Akkadischen, decken das semantische Feld „lösen, erklären, (Träume) deuten“ ab. Biblische Belegstellen finden sich v. a. in der Josephsgeschichte und im Buch Daniel, wo sie sich auf das Deuten von Träumen beziehen. Speziell in Daniel wird mit dem Begriff aber auch die Entzifferung prophetischer Texte oder Vorhersagen bezeichnet. In diesem Sinne wird er in den Schriftrollen von Qumran als Gattungsbezeichnung benutzt.

Form

Pescharim zeichnen sich durch die Zitation von Bibeltexten und explizite Kennzeichnung von deren Auslegung aus, was sie von anderen Formen der eher impliziten Schriftauslegung unterscheidet. Die Auslegung wird durch eine Formel eingeleitet, die meist das Wort פשר, in Grundform oder mit Suffixen versehen, enthält sowie den Worten אשר oder על, also etwa „(seine) Deutung (bezieht sich) auf...“.

Man unterscheidet zwischen kontinuierlichen (fortlaufenden) Pescharim, wie beispielsweise dem Pescher zum Propheten Habakuk (1QpHab) oder dem Pescher B zum Propheten Hosea (4Q167), und nicht-kontinuierlichen; diese Pescharim zitieren und deuten lediglich ausgewählte Passagen biblischer Bücher, teils auch unter Aufnahme von Auslegungen zu anderen Büchern, so zum Beispiel der Psalmen-Pescher A (4Q171) oder der Jesaja-Pescher C (4Q163). Daneben gibt es aber auch thematische Pescharim, die sich eines – zumeist eschatologischen – Grundthemas bedienen und dieses entlang biblischer Texte entwickeln. Beispiele dafür sind der Melchisedek-Midrasch (11Q13) und der so genannte Midrasch zur Eschatologie (4Q174+177). Allerdings deuten die üblichen Benennungen der letzten beiden Texte bereits an, dass hier die Gattungsgrenzen zum Midrasch verschwimmen.

Textausgaben und Übersetzungen

  • James H. Charlesworth u. a. (Hrsg.): Pesharim, other Commentaries and Related Documents (The Dead Sea Scrolls. Hebrew, Aramaic, and Greek Texts with English Translations 6B). Tübingen; Louisville 2002, ISBN 0-664-22588-8.

Literatur

  • Joseph D. Amusin: The Reflection of Historical Events of the First Century BCE in Qumran Commentaries (4Q161; 4Q169; 4Q166). In: Hebrew Union College Annual 48 (1977), 134–146.
  • Shani L. Berrin: Artikel Pesharim. In: Lawrence H. Schiffman; James C. VanderKam (Hrsg.): Encyclopedia of the Dead Sea Scrolls. New York 2000, 644–647.
  • George Brooke: Qumran Pesher: Toward the Redefinition of a Genre. In: Revue de Qumran 10 (1979–1981), 483–503.
  • Maurya P. Horgan: Pesharim. Qumran Interpretations of Biblical Books (Catholic Biblical Quarterly. Monograph Series 8). Washington 1979.

Weblinks

Wiktionary: Pescher – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Die News der letzten Tage

17.06.2022
Archäologie | Kultur
Neue Zeugnisse aus der Tempelstadt Heliopolis
Ein ägyptisch-deutsches Grabungsteam hat bei gerade abgeschlossenen Ausgrabungen im Nordosten Kairos bedeutende Zeugnisse aus der Geschichte der Tempelstadt Heliopolis gefunden.
14.06.2022
Wanderungen | Archäologie | Kultur
Die Römer brachten das Maultier mit
Erst die Römer brachten auch Maultiere im ersten Jahrhundert über die Alpen nach Norden, davor wurden in Mitteleuropa ausschließlich Pferde als Reittiere genutzt.
10.06.2022
Nach_der_Eiszeit | Ernährung
Hirse in der Bronzezeit: Ein Superfood erobert die Welt
Bereits vor 3500 Jahren lebten die Menschen in einer globalisierten Welt.
09.06.2022
Genetik | Wanderungen | Homo sapiens
Das prähistorische Wallacea – ein genetischer Schmelztiegel menschlicher Abstammungslinien
Die Inseln Wallaceas im heutigen Ostindonesien wurden bereits vor langer Zeit von modernen Menschen besiedelt.
18.05.2022
Sprache | Primaten
Tierisch flexibel: Wie Orang-Utan-Mütter mit ihrem Nachwuchs kommunizieren
Ein Forschungsteam hat Mutter-Kind-Interaktionen bei Orang-Utans untersucht.
17.05.2022
Paläoökologie | Nach_der_Eiszeit | Ernährung
Zündeln vor 9.500 Jahren
Schon vor 9500 Jahren setzten die Menschen in Europa Brandrodung ein, um Land für sich nutzbar zu machen.
17.05.2022
Nach_der_Eiszeit | Archäologie | Kunst
Spektakuläre Deckengemälde im Tempel von Esna entdeckt
Deutsche und ägyptische Forscher haben im Tempel von Esna in Oberägypten eine Serie farbenprächtiger Deckenbilder freigelegt.