Monte Verde


Dieser Artikel behandelt den archäologischen Fundplatz in Chile. Für weitere Bedeutungen von Monte Verde siehe Monteverde.

Monte Verde ist ein archäologischer Fundort im südlichen Zentralchile, südwestlich von Puerto Montt. Er gehört zu den ältesten Spuren menschlicher Besiedlung auf dem amerikanischen Kontinent. Als sicher gilt eine 14C-Datierung auf etwa 12.000–14.000 Jahre Before Present, die Ausgräber wollen aber auch menschliche Spuren in 30.000 Jahre altem verkohltem Holz gefunden haben. Schon das gesicherte Alter verschiebt den Beginn der Besiedlung Amerikas durch Paläo-Indianer vor die traditionell als Anfang angenommene Clovis-Kultur ab 11.000 BP,[1] die darüber hinausgehenden Annahmen lassen sich mit der Lehrmeinung über die Siedlungsgeschichte nicht vereinbaren.

Monte Verde wurde 2004 von der Regierung Chiles für die Aufnahme in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes vorgeschlagen.

Entdeckung und Befund

Die Ausgrabungen von Monte Verde begannen 1977 durch Mario Pino und Tom Dillehay von der Universidad Austral de Chile und wurden von Dillehay 1986/88 publiziert. Der Ausgrabungsort liegt knapp 58 Kilometer entfernt vom Pazifischen Ozean an den Ufern des Chinchihuapi-Flusses, einem Nebenfluss des Rio Maullín. Als eine der wenigen bisher gefundenen prähistorischen Stätten in Amerika unter freiem Himmel wurde Monte Verde konserviert, als das Wasser des Flüsschens bald nach der Besiedlung der Stelle stieg und das resultierende Moor den Zerfall von organischem Material verhinderte. So wurden Artefakte (z.B. Gegenstände) für Jahrtausende konserviert.

Laut Dillehay war der Fundort ein von etwa 20 bis 30 Personen besiedelter Wohnplatz. Eine über sechs Meter lange zeltähnliche Struktur war an den Ufern des Flusses errichtet und mit in den Boden gerammten Baumstämmen und Bohlen umrahmt worden. Die Wände waren aus Pfählen und mit Tierfellen bedeckt. Mit Schilfstricken wurden weitere Felle an die Pfosten gezurrt, um separate Wohnräume zu schaffen. Außerhalb des zeltähnlichen Gebildes befanden sich zwei große Herdstellen für den Gemeinschaftsgebrauch, wahrscheinlich für die Werkzeugherstellung und Kunsthandwerk. Auch jeder der Wohnräume hatte eine mit Lehm umgebene Feuerstelle. Rund um diese Herde wurden viele Steinwerkzeuge und Überreste von verschütteten Samen, Nüssen und Beeren gefunden. Reste von fünfundvierzig verschiedenen essbaren Pflanzensorten wurden in der Siedlung gefunden, über ein Fünftel von ihnen stammte aus einer Entfernung von über 240 Kilometern. Dies ließ vermuten, dass die Leute von Monte Verde als Jäger und Sammler regelmäßig in dem Gebiet umherzogen oder Kontakt zu anderen Gruppen hatten, die in der Nähe dieser Ressourcen lebten Unter den tierischen Materialien waren Knochen von Mastodons, die den damals im Küstengebiet großflächigen valdivianischen Regenwald besiedelten.

Weitere Funde von dieser Stätte schließen menschliche Koprolithen, einen Fußabdruck (vermutlich von einem Kind) und möglicherweise als Konstruktionsmaterial genutzte Pflanzenfasern ein. Das Alter des Ausgrabungsortes wurde mittels Radiokohlenstoffdatierung aus gefundenen Kohle und Knochen bestimmt.

Debatte

Die Funde und ihre Interpretation wurden in der Fachwelt von Anfang an kritisiert. Brian Fagan hielt 1991 nicht für sicher, dass Dillehay überhaupt den Nachweis menschlichen Aufenthalts in Monte Verde erbracht habe, die Funde könnten auch durch biologische/physikalische Effekte erklärt werden. Stuart Fidel veröffentlichte 1999 eine umfangreiche Auseinandersetzung mit den Publikationen Dillhays und wies ihm zahlreiche Fehler nach. Nach umfangreichen Debatten setzte sich eine vermittelnde Position durch, die Monte Verde als einen der ältesten Fundorte menschlicher Besiedlung in Amerika und vor Clovis anerkannte. Die Annahme einer Besiedlung der chilenischen Küste per Boot über den Pazifischen Ozean vor 25.000–30.000 Jahre und damit einer Alternative zur Theorie der Besiedlung Amerikas über die Landbrücke Beringia zwischen Sibirien und Alaska am Ende der letzten Eiszeit wird vereinzelt vertreten, ist aber nicht allgemein anerkannt.

Siehe auch

Literatur

Weblinks

Einzelnachweise

  1. M. Thomas P. Gilbert, Dennis L. Jenkins et al.: DNA from Pre-Clovis Human Coprolites in Oregon, North America. In: Science, Vol. 320. no. 5877, Seiten 786 - 789 – doi:10.1126/science.1154116

-41.504722222222-73.204444444444Koordinaten: 41° 30′ 17″ S, 73° 12′ 16″ W


Diese Artikel könnten dir auch gefallen



Die letzten News


Knochen des Tages

Elemente:

,

21.09.2020
Älteste Spermien der Welt
In einem Bernstein entdeckte ein internationales Team von Paläontologen im Inneren eines weiblichen Muschelkrebses 100 Millionen Jahre alte Riesenspe...
17.09.2020
Schimpansenverhalten und -kultur sind in variabler Umwelt am vielfältigsten
Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie und dem Deutschen Zentrum für integrat...
15.09.2020
Weinpresse aus der Eisenzeit gibt Aufschluss über Bautechnik der Phönizier
Forschungsteam der Universität Tübingen entdeckt seltenen Nachweis der frühen Weinherstellung an der Ausgrabungsstätte Tell el-Burak im Libanon.
09.09.2020
Die älteste Neandertaler-DNA Mittelosteuropas
Ein internationales Team berichtet in einer neuen Studie über das älteste mitochondriale Genom eines Neandertalers aus Mittelosteuropa. Das aus eine...
09.09.2020
Das letzte Zucken der Eiszeit
Ein internationales Team von Forschenden blickt präzise wie nie in das Ende der letzten Eiszeit. Wann und wo genau die Jüngere Dryaszeit begann und ...
03.09.2020
Milchverträglichkeit hat sich in wenigen Tausend Jahren in Mitteleuropa verbreitet
Paläogenetiker der Johannes Gutenberg-Universität Mainz finden nur in wenigen Knochen vom bronzezeitlichen Schlachfeld an der Tollense Hinweise auf ...
03.09.2020
Himmelsscheibe von Nebra wird neu datiert
Bisher galt die Himmelsscheibe von Nebra als frühbronzezeitlich und damit als älteste Himmelsdarstellung der Welt. Archäologen der Goethe-Universit...
03.09.2020
Künstliche Intelligenz hilft in der Archäologie
Künstliche Intelligenz ist besser als bisherige Softwareanwendungen in der Lage, den Ursprung archäologischer Funde aus naturwissenschaftlichen Unte...
26.08.2020
Bronzezeit: Fremde Ernährungstraditionen in Europa
Nicht nur Metalle, hierarchische Gesellschaften und befestigte Siedlungen: In der Bronzezeit beeinflusste auch ein neues Lebensmittel die ökonomische...
26.08.2020
Wie sich Neandertaler an das Klima anpassten
Klimaveränderungen kurz vor ihrem Verschwinden lösten bei den späten Neandertalern in Europa eine komplexe Verhaltensänderung aus: Sie entwickelte...
17.08.2020
Radiokarbonuhr zur C-14 Datierung neu geeicht
Die Radiokarbondatierung wird genauer als je zuvor: Als Teil eines internationales Forschungsteam trug die Universität Hohenheim dazu bei die Technik...
06.08.2020
Langer Hals half Saurier bei Unterwasserjagd
Sein Hals bestand aus dreizehn extrem verlängerten Wirbeln und war dreimal so lang wie sein Rumpf: Der Giraffenhalssaurier Tanystropheus lebte vor 24...
06.08.2020
Ein Riesenkranich aus dem Allgäu
Forschungsteam beschreibt rund elf Millionen Jahre alten Vogelschädel von der Fundstelle Hammerschmiede als frühesten Nachweis eines großen Kranich...
04.08.2020
Jonah’s Mausmaki: Internationales Forscherteam entdeckt in Madagaskar neue Primatenart
Ein Zusammenschluss von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus sechs Ländern hat in Madagaskar eine neue Mausmaki-Art entdeckt. Das Forscherte...
31.07.2020
Bisher älteste Bissspuren von Säugetieren auf Dinosaurierknochen entdeckt
Forschungsteam der Universität Tübingen belegt, dass kleine Säuger aus dem Nordwesten Chinas vor 160 Millionen Jahren Aas nicht verschmähten.
30.07.2020
Wie die Landwirtschaft ins Ammertal einzog
Forschungsprojekt erstellt geoarchäologisches Archiv der ersten Mensch-Umwelt Interaktionen in Tübinger Region: Landschaft wandelte sich vom Feuchtg...
30.07.2020
55 Millionen Jahre altes Skelett einer Eule
Senckenberg-Wissenschaftler Gerald Mayr hat mit Kollegen aus Belgien und den USA eine neue fossile Eulenart beschrieben. Das Skelett von Primoptynx po...
25.07.2020
Kluge Köpfe entwickeln geschickte Hände
Affenarten mit grossen Gehirnen beherrschen schwierigere Handgriffe als solche mit kleinen Hirnen. Doch das Erlernen feinmotorischer Fähigkeiten wie ...
25.07.2020
Neandertaler besaßen niedrigere Schmerzschwelle
Schmerz wird durch spezielle Nervenzellen übertragen, die aktiviert werden, wenn potenziell schädliche Einflüsse auf verschiedene Teile unseres Kö...
20.07.2020
Werkzeug-Satz aus Elfenbein
Meißel aus Mammutstoßzähnen wurden vor 38.000 Jahren multifunktional eingesetzt – Archäologen der Universität Tübingen präsentieren im Urgesc...
16.07.2020
Schwanz wog zweieinhalb Tonnen
Ein Forscherteam unter der Leitung von Verónica Díez Díaz, Postdoktorandin an der Humboldt-Universität zu Berlin und dem Museum für Naturkunde Be...
14.07.2020
Katzen: Unabhängig seit 6000 Jahren
Forschende des Senckenberg Centers for Human Evolution and Palaeoenvironment an der Universität Tübingen haben mit einem internationalen Team die Na...
14.07.2020
Dem Vergessen entrissen – 57 Jura-Muschelarten in fränkischer Tongrube entdeckt
Paläontologen der Bayerischen Staatssammlung für Paläontologie und Geologie (SNSB-BSPG) in München und der Universität Erlangen untersuchten 7.00...
09.07.2020
Seidenstraße: Auch Hirten hielten Katzen als Haustiere
Hauskatzen, wie wir sie heute kennen, haben kasachische Hirten schon vor über 1.000 Jahren als Haustiere begleitet. Das belegen Analysen eines fast v...
07.07.2020
Süditalien: Neandertaler starben nicht wegen Kälte aus
Klimaschwankungen werden dafür häufig als Auslöser vermutet – für Süditalien konnte diese Ursache nun ausgeschlossen werden. Denn dort herrscht...