Grabplatte des Iunu aus Gizeh (4. Dynastie)

Grabplatte mit Opfertischszene (auch Opferplatte mit Speisetischszene, Slab Stela oder Relief Slab) bezeichnet Platten mit hieroglyphischen Inschriften und figürlichen Darstellungen aus der altägyptischen Grab-Architektur. Solche Kalkstein-Platten sind in der Nekropole von Heluan bereits ab dem Ende der 1. Dynastie belegt. Sie waren vermutlich in der Fassade des Mastaba-Oberbaus aus Lehmziegeln eingebaut und identifizierten das Grab mit Namen (und Titel) des Grabherrn. Somit sind sie eine Vorform der Scheintür.[1] Mehr als die Hälfte der Funde (insgesamt 86) stammt aus Heluan, weitere 15 aus Gizeh und weitere aus Saqqara, Meidum und Abusir. Die Gizeh-Platten stellen eine Sonderentwicklung in der Grabentwicklung unter Cheops in der 4. Dynastie dar, da zu dieser Zeit bereits die klassische Form der Scheintür existierte. Für die möglichen Hintergründe, die zu dieser reduzierten Ausstattung geführt haben, gibt es noch keine endgültige Deutung.

Terminologie

Zaki Saad, der in Heluan ausgrub, ging davon aus, dass die zumeist in den Grabschächten im Eingangsbereich der unterirdisch angelegten Grabanlagen gefundenen Steine sich dort in situ befanden. Folglich deutete er sie als ceiling stela (dt. etwa „Decken-Stele“).[2] Als weitere Bezeichnung setzte sich slab stela (dt. etwa „Platten-Stele“) durch, die auch heute noch verwendet wird.[3] Neuere Untersuchungen konnten zeigen, dass es sich bei diesen Funden in den meisten Fällen sicherlich nicht um Stelen im strengen Sinne[4] handelt. Die Platten wurden nicht im primären archäologischen Kontext gefunden, sondern standen in architektonischer Verbindung mit einer Opfernische oder Opferstelle des Graboberbaus.[5] Da diese Objekte folglich nicht freistehend aufgestellt wurden, vermeiden Köhler und Jones den Ausdruck „Stela“ (Stele) und bezeichnen sie stattdessen als relief slabs (dt. etwa Relief-Platten). Im Deutschen hat sich der Ausdruck (Grab-)Platte beziehungsweise Opferplatte (mit Opfertischszene/ Speisetischszene) durchgesetzt.[6]

Entwicklung

Grabplatte der Seheneser (2. Dynastie)
Grabplatte der Heteti (2. Dynastie)[7]

Um die weitere Existenz des Toten im Jenseits zu gewährleisten, wurden seit der Frühzeit die dazu fundamentalen Handlungen und Gaben zusätzlich im Bild wiedergegeben. Die Opfertischszene ist bereits seit der Zeit der Reichseinigung nachweisbar, zuerst auf Zylindern als Beigaben. Diese Zylinder wurden in der 2. Dynastie durch die in das Grab eingebauten Grabplatten mit der Opfertischszene abgelöst. Damit entstand zugleich der Kern der Grabdekoration in den späteren Gräbern des Alten Reiches. Der Tote wurde beim Speisen selbst dargestellt, eine Art Weiterentwicklung des Gedankens, dem Toten seine Nahrung durch magische Handlungen zu garantieren, indem man sie bildlich darstellt. Solche Darstellungen lösten langsam die Beigabe von Nahrungsopfern ab und führten zunehmend zur Versorgung des Toten durch entsprechende bildliche Wiedergaben, in denen die Speisetischszene den Kern bildete.[8]

In der 3. Dynastie nahm die bildliche Anwesenheit des Grabherrn zu. Die neu auftretende Scheintürnische enthält eine zusätzliche Darstellung des stehenden Grabherrn an der Scheintürnische.[9] Unter Snofru, zu Beginn der 4. Dynastie, existierte bereits die klassische Form der Scheintüre an der Grabfassade der Mastabas. Unter Cheops reduzierte sich jedoch die Dekoration der Privatgräber mit der ausschließlichen Anbringung von Grabplatten. So fallen auch 12 der 15 in Gizeh gefundenen Platten in die Regierungszeit des Cheops, meistens in die erste Hälfte seiner Regierung. Alle Gizeh-Platten waren nicht Teil einer Scheintür und sollten auch nie in eine solche eingesetzt werden, obwohl das Bildthema der Plattendarstellungen das zentrale Element vor und nach Cheops bildete.[10]

Nach Peter Der Manuelian stellen die Gizeh-Platten eine Sonderentwicklung in der Grabentwicklung unter Cheops dar. Für die möglichen Hintergründe, die zu dieser reduzierten Ausstattung geführt haben, gibt es noch keine endgültige Deutung. Für Der Manuelian waren die Platten der sublime Ausdruck einer Elite, die sich ihres geistigen Umfeldes unter Cheops bewusst war und im Einklang mit den geradlinigen architektonischen Bestrebungen jener Epoche stand (non-linear reductionism).[11]

Dekoration und Beschriftung

Grabplatte der Neferetiabet aus Gizeh (4. Dynastie)

Bei den Grabplatten handelte es sich meistens um schmale, rechteckige Kalksteinplatten. Jene aus Helwan haben eine durchschnittliche Größe von 50–60 cm in der Länge, 20–25 cm in der Höhe und 6–10 cm in der Dicke. Die Standardgröße jener aus Gizeh beträgt etwa 37,7 × 52,5 × 8,3 cm, es gab jedoch auch Abweichungen in der Norm mit einer Größe von bis zu 88 × 52 × 10 cm. In Helwan hatten fast alle Platten ein zentrales, rechteckiges Bildfeld, während in Gizeh die Dekoration die ganze Fläche einnahm.

Der formale Aufbau der Dekoration folgt einem gewissen Schema: Die ikonographischen Elemente wie Einteilung des Bildfeldes, Arm-Position und Form des Opfertisches weisen eine hohe Beständigkeit auf. Demgegenüber besteht bei den individuellen Opfern ein hohes Grad an Variabilität.

Der Grabbesitzer sitzt meistens auf der linken Seite des Bildfeldes in aufrechter Position auf einem Stuhl mit dem Blick nach rechts. Den rechten Arm streckt er gegen den Opfertisch mit den Opferbroten, den linken hält er angewinkelt an der Brust. Vor dem Grabherrn steht der Opfertisch mit halbierten Brotlaiben. Darunter werden häufig weitere Opfergaben jeweils in 1000er-Zahl genannt (Alabastergefäße, Leinen, Brot, Bier, Ochsen, Antilopen usw.).

Der Beschriftungsteil nennt in der Kopfzeile Name und Titel des Verstorbenen. Vor dem Verstorbenen werden die Opfergaben in Listenform aufgeführt (Weihrauch, Augenschminke, Salben, Wein, Kuchen, Feigen, Milch, die sogenannte Stoffliste usw.).[12]

Literatur

  • Peter Der Manuelian: Slab Stelae of the Giza Necropolis. Hrsg.: William Kelly Simpson, David B. O'Connor (= Publications of the Pennsylvania-Yale Expedition to Egypt. Band 7). Peabody Museum of Natural History of Yale University, New Haven/ Philadelphia 2003, ISBN 0-9740025-1-8 (gizapyramids.org [PDF; 59,4 MB]).
  • Emad El-Metwally: Entwicklung der Grabdekoration in den altägyptischen Privatgräbern. Ikonographische Analyse der Totenkultdarstellungen von der Vorgeschichte bis zum Ende der 4. Dynastie (= Göttinger Orientforschungen. IV. Reihe, Ägypten. Bd. 24). Harrassowitz, Wiesbaden 1992, ISBN 3-447-03270-7 (zugleich: Dissertation, Universität Göttingen 1991).
  • Gerhard Haeny: Zu den Platten mit Opfertischszene in Helwan und Giseh. In: Aufsätze zum 70. Geburtstag von Herbert Ricke (= Beiträge zur ägyptischen Bauforschung und Altertumskunde. Heft 12). Steiner, Wiesbaden 1971, S. 143–164.
  • Peter Jánosi: Der Tote vor dem Opfertisch. Die Opferplatten von Giza. Besprechung des Buches «Slab Stelae of the Giza Necropolis» von Peter Der Manuelian. In: Sokar. Die Welt der Pyramiden. Nr. 10. Haase, 2005, ISSN 1438-7956, S. 18–23 (gizapyramids.org [PDF; 1,4 MB]).
  • Hermann Junker (Hrsg.): Gîza I. Die Mastabas der IV. Dynastie auf dem Westfriedhof. Bericht über die von der Akademie der Wissenschaften in Wien auf gemeinsame Kosten mit Dr. Wilhelm Pelizaeus unternommenen Grabungen auf dem Friedhof des Alten Reiches bei den Pyramiden von Gîza (= Akademie der Wissenschaften in Wien. Philosophisch-historische Klasse. Denkschriften. Band 69.1). Hölder-Pichler-Tempsky, Wien/ Leipzig 1929 (gizapyramids.org [PDF; 73,0 MB]).
  • Jochem Kahl: Zur Datierung der frühen Grabplatten mit Opfertischszene. In: Studien zur Altägyptischen Kultur (SAK) 24, 1997, S. 137–145.
  • E. Christiana Köhler, Jana Jones: Helwan II. The Early Dynastic and Old Kingdom Funerary Relief Slabs. Leidorf, Rahden 2009.
  • Peter Kaplony: Die Inschriften der ägyptischen Frühzeit. 3 Bände (= Ägyptologische Abhandlungen. Bd. 8). Harrassowitz, Wiesbaden 1963.
  • Peter Kaplony: Kleine Beiträge zu den Inschriften der ägyptischen Frühzeit (= Ägyptologische Abhandlungen. Bd. 15). Harrassowitz, Wiesbaden 1966.
  • Ilona Regulski: A Paleographic Study of Early Writing in Egypt (= Orientalia Lovaniensia analecta. [OLA] Bd. 195): Peeters - Departement Oosterse Studies, Leuven, Paris/ Welpole MA 2010, ISBN 978-90-429-2326-3.
  • Zaki Youssef Saad: Ceiling Stelae in Second Dynasty Tombs from the Excavations at Helwan (= Egypt. Maṣlaḥat al-Āthār. Annales. Supplément). Imprimerie de l'Institut français d'archéologie orientale, Kairo 1957.

Einzelnachweise

  1. E. Christiana Köhler: Das Helwan Projekt. In: Homepage des Instituts für Ägyptologie der Universität Wien (abgerufen am 3. August 2012).
  2. Zaki Youssef Saad: Ceiling Stelae in Second Dynasty Tombs from the Excavations at Helwan. Kairo, 1957. So auch Peter Kaplony: Die Inschriften der ägyptischen Frühzeit. 3 Bände. Wiesbaden, 1963, Peter Kaplony: Kleine Beiträge zu den Inschriften der ägyptischen Frühzeit. Wiesbaden, 1966.
  3. Peter Der Manuelian: Slab Stelae of the Giza Necropolis. New Haven/ Philadelphia 2003; Ilona Regulsky: A Palaeographic Study of Early Writing in Egypt. Leuven, 2010, S. 40f.
  4. Nach Karl Martin: Artikel Stele. In: Wolfgang Helck, Wolfhart Westendorf (Hrsg.): Lexikon der Ägyptologie. Band VI. Sp. 1ff. wird die Bezeichnung Stele (von griech. {{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Multilingual:149: attempt to index field 'data' (a nil value)) allgemein für ein (frei) hochragendes Mal gebraucht. Der in erster Linie verwendete altägyptische Ausdruck wḏ scheint weniger formale Kriterien und solche der Aufstellungsart zum Ausdruck zu bringen, sondern inhaltliche. Er steht für Gedenk-Male unterschiedlichster Art (wie inschriftlose Begrenzugssteine, Grabsteine, Felsinschriften, kleine oder große Denksteine, freistehend, angelehnt an oder eingelassen in Gebäude, gemalt auf oder eingehauen in Wände). Auch Martin geht davon aus, dass es sich bei den Grabplatten der Frühzeit um keine „richtigen“ Stelen handelt.
  5. E. Christiana Köhler, Jana Jones: Helwan II. The Early Dynastic and Old Kingdom Funerary Relief Slabs. Leidorf, 2009, S. 85ff.
  6. Gerhard Haeny: Zu den Platten mit Opfertischszene in Helwan und Giseh. In: Aufsätze zum 70. Geburtstag von Herbert Ricke (Festschrift Ricke), Wiesbaden, 1971, S. 143–164; Jochem Kahl: Zur Datierung der frühen Grabplatten mit Opfertischszene. In: Studien zur Altägyptischen Kultur (SAK) 24, 1997, S. 137–145; Hermann Junker: Grabungen auf dem Friedhof des Alten Reiches bei den Pyramiden von Giza. Band I: Die Mastabas der IV. Dynastie auf dem Westfriedhof. Wien, 1929, S. 23ff.; Gerhard Haeny: Artikel Scheintür. In: Wolfgang Helck, Wolfhart Westendorf: Lexikon der Ägyptologie. Band V. Wiesbaden, 1984, Sp. 571, Anm. 8.
  7. E. Christiana Köhler, Jana Jones: Helwan II. S. 192 & 193; Obj. 10
  8. Emad El-Metwally: Entwicklung der Grabdekoration in den altägyptischen Privatgräbern. Ikonographische Analyse der Totenkultdarstellungen von der Vorgeschichte bis zum Ende der 4. Dynastie. Wiesbaden, 1992, S. 8ff.
  9. El-Metwally: Entwicklung der Grabdekoration in den altägyptischen Privatgräbern. S. 19.
  10. Peter Jánosi: Der Tote vor dem Opfertisch. Die Opferplatten von Giza. Besprechung des Buches «Slab Stelae of the Giza Necropolis» von Peter Der Manuelian. In: Sokar 10, 2005, S. 20ff.; Peter Der Manuelian: Slab Stelae of the Giza Necropolis. New Haven/Philadelphia, 2003, S. 133ff.
  11. Jánosi: Der Tote vor dem Opfertisch. In: Sokar 10, S. 20ff.; Der Manuelian: Slab Stelae of the Giza Necropolis. S. 167.
  12. Peter Jánosi: Der Tote vor dem Opfertisch. Die Opferplatten von Giza. Besprechung des Buches «Slab Stelae of the Giza Necropolis» von Peter Der Manuelian. In: Sokar 10, 2005, S. 19f.; Köhler, Jones: Helwan II. S. 23ff.; Der Manuelian: Slab Stelae of the Giza Necropolis. S. 141ff.

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