Huhu Uet / CC BY-SA 3.0

Geschichte der Besiedlung der Marschen


Die Geschichte der Besiedlung der Marschen der nordwestdeutschen Küsten zu erforschen wird durch die ausgezeichneten Erhaltungsbedingungen für organische Materialien erleichtert. Sie schaffen die Möglichkeit, die Auseinandersetzung der Bewohner der norddeutschen Marsch mit den Naturgewalten über Jahrtausende zu verfolgen.

Seestermüher Marsch

Voraussetzungen

Die Bedeckung der pleistozänen Oberfläche mit Meeressedimenten erfolgte ab dem Atlantikum, als die Nordsee durch den etwa bis zur Zeitenwende anhaltenden Meeresspiegelanstiegs etwa bis zum heutigen Geestrand vorgedrungen war. Bedingt durch die Art der Ablagerung liegt die Oberfläche der Marschen nur wenige Dezimeter über dem Spiegel des mittleren Hochwassers. Ungeschützt war dieses erdgeschichtlich junge Land dem Einfluss des Meeres unterworfen. Heute haben Deichschutz und künstliche Entwässerung die Marschen in eine Kulturlandschaft verwandelt, in der die Kräfte des Meeres ausgeschaltet sind.

Siedlungszeitraum

In vor- und frühgeschichtlicher Zeit bestand kein Deichschutz. Eine Besiedlung der Marschen war wegen der Überflutungsgefahr ein Wagnis. Trotzdem reichen die Zeugnisse der Anwesenheit des Menschen auf den Marschen bis in die Jungsteinzeit (4000-1500 v. Chr.) zurück. Belege für eine intensivere bäuerliche Nutzung liegen in Schleswig-Holstein aber erst für das 1. nachchristliche Jahrtausend vor. Die Untersuchung von Siedlungen, die zwischen der römischen Kaiserzeit (0-450 n. Chr.) und der Wikingerzeit (800-1050 n. Chr.) bestanden, konnte das Landschafts- und Siedlungsbild und die Form der Anpassung der Bewohner an ihre Umwelt aufzeigen.

Nutzungsmöglichkeiten

Die durch menschliche Eingriffe nicht veränderte Marsch war von einem Netz steilwandiger Gezeitenrinnen durchzogen, in denen das Wasser meer- oder landwärts strömte. Die Oberfläche des aus tonig-sandigen Ablagerungen aufgebauten Landes war dort, wo Überflutungen häufig vorkamen, mit Salzwiesen (z.B. Salzbinse –Juncetum gerardi) bedeckt, die sich jedoch für eine Beweidung eignen. In schlecht entwässerten Bereichen wurde diese Vegetation von Schilfsümpfen abgelöst, die in Niederungs- und Hochmoore übergehen konnten. Baumbewuchs konnte hingegen nur in küstenfernen Regionen aufkommen. Auf den erhöhten Uferwällen der Priele fanden sich Reste frühgeschichtlicher Siedlungen. Die hier gröberen Sedimente des oberflächennahen Untergrundes waren, im Gegensatz zu den feinkörnigen des Hinterlandes, bei normaler Witterung verhältnismäßig gut entwässert, so dass sie eine geeignete Basis boten.

Verkehr

Der Anreiz für eine Ansiedlung scheint die Lage an schiffbaren Gewässern gewesen zu sein. Während die Marschflächen bei ungünstiger Witterung schwer passierbar waren, boten die Priele, die einmündenden Flüsse und die Nordsee günstige Möglichkeiten für die Nutzung von Wasserfahrzeugen. Die frühgeschichtliche Marschenbesiedlung war daher dem Meer zugewandt. Auf jeder untersuchten Marschensiedlung der römischen Kaiserzeit fand man Scherben von Terra Sigillata, ein Anzeichen für Beziehungen mit dem Rheinmündungsgebiet. Auf den gleichzeitigen küstenfernen Geestsiedlungen in Schleswig-Holstein und Jütland wurde keine Scherbe dieser Keramik gefunden. Auch die frühen rotierenden Handmühlen, durch die die auf der Kimbrischen Halbinsel bis dahin gebräuchlichen Mahlsteine abgelöst wurden, finden sich in allen Marschensiedlungen der älteren römischen Kaiserzeit. Sie bestehen aus Lavabasalt und sind Importe aus der Eifel.

Ernährungsbasis

Viehhaltung bildete bereits in frühgeschichtlicher Zeit die wirtschaftliche Grundlage der auf Selbstversorgung ausgerichteten Marschenbewohner. Rinder und Schafe überwogen. Das Pferd trat demgegenüber zurück, da es nur bedingt einsetzbar war. Schweine waren nicht so stark vertreten, wie auf zeitgleichen Geestsiedlungen. Hier machte sich das Fehlen der Eichelmast in der Seemarsch als Faktor bemerkbar. Trotz der Überflutungsgefahr wurde in der Nähe der Siedlungen an den günstigsten Stellen auch Ackerbau getrieben. Auf den Äckern scheint die Saubohne neben der Gerste die Hauptfrucht gewesen zu sein; daneben konnte der Anbau von Flachs und der Verzehr von Rispenhirse und Roggen und nachgewiesen werden.

Hausbau

Die frühgeschichtlichen Marschensiedler lebten in Wohnstallhäusern, die sich im Prinzip nicht von jenen unterscheiden, die heute im nordfriesischen Utland anzutreffen sind. Von der römischen Kaiserzeit bis zur Neuzeit blieben Wohn- und Stallteil durch einen Quergang getrennt. Im Stallteil verlief ein Gang auf der Mittelachse des Hauses. Das Vieh stand beiderseits des Ganges in Boxen. Die Wände waren aus Flechtwerk, teilweise auch aus Kleisoden hergestellt. Kleisoden überwogen auf den am weitesten westlich liegenden Wohnplätzen.

Wasserversorgung

Da bei Überflutungen alle Vertiefungen der Marschen mit Salzwasser angefüllt wurden, war die Versorgung mit Süßwasser für die Existenz der Siedlungen entscheidend. Daher findet man in ihnen sowohl Zisternen für Regenwasser, als auch Brunnen, die den oberflächennahen Horizont mit brackigem Grundwasser erschlossen. Im Bereich der Flussmündungen scheint diese Art der Wasserversorgung vernachlässigt worden zu sein. In Schleswig-Holstein können die Schwierigkeiten der Bewirtschaftung von Marschland noch heute studiert werden. Die Bewohner der Halligen befinden sich bei Sturmfluten in der gleichen Lage wie die frühgeschichtlichen Marschensiedler. Nach der Sturmflut von 1962 stellte die Beschaffung von Süßwasser für die Halligen ein Problem dar, das nur mit staatlicher Hilfe gelöst werden konnte.

Verbreitung

Eine Anhäufung vor- und frühgeschichtlicher Marschensiedlungen findet sich im Elbmündungsraum, im Elbe-Weser-Dreieck (Feddersen Wierde) in Dithmarschen und in Eiderstedt. Sie treten als Flachsiedlungen aber auch als Warften auf. Für Warft sind in Friesland auch Begriffe, wie Warf, Wurt, Werft und Wierde geläufig. Diese wurden als Flachsiedlung gegründet und haben ihre Aufhöhung der Anhäufung organischer und anorganischer Stoffe zu verdanken. An der nordfriesischen Küste waren die Siedlungsmöglichkeiten auf wenige küstennahe Flächen beschränkt. Dahinter lag im 1. Jahrtausend n. Chr. ein ausgedehntes mit Mooren und Sümpfen bedecktes Alluvialland, das für die bäuerliche Nutzung schlecht geeignet war.

Veränderungen

Die Erschließung dieses Landes erfolgte im Zusammenhang mit großräumigen Bedeichungen und künstlicher Entwässerung vom Beginn des 2. Jahrtausends an. Im Hochmittelalter entstand aus den unwegsamen Sümpfen und Mooren eine Kulturlandschaft, die aber infolge einer Reihe von Sturmflutkatastrophen der Gewalt des Meeres zum Opfer fiel.

Auf dem Boden des nordfriesischen Wattenmeeres blieben Teile der Oberfläche des alten Kulturlandes erhalten. An günstigen Stellen kommen sie bei Ebbe ans Tageslicht. Die Halligen, auf denen charakteristische Züge der altertümlichen Wirtschaftsweise hervortreten, sind dagegen erdgeschichtlich jung, und teilweise über den versunkenen Kulturflächen des Mittelalters aufgewachsen. Eine bis in die frühgeschichtliche Zeit zurückgehende Tradition der Halligwirtschaft ist an diesen Stellen nicht nachzuweisen. Es konnte aber nachgewiesen werden, dass der Schritt von einer intensiven zu einer extensiveren Wirtschaftsweise unter dem Druck des stärker werdenden Einflusses des Meeres erfolgte.

Literatur

  • Albert Bantelmann: Die Landschaftsentwicklung an der schleswig-holsteinischen Westküste. Dargestellt am Beispiel Nordfriesland. Eine Funktionschronik durch fünf Jahrtausende. Wachholtz, Neumünster 1967, (Offa-Bücher NF 21, ISSN 0581-9741).

Weblinks


Diese Artikel könnten dir auch gefallen



Die letzten News


Knochen des Tages

Elemente:

,

30.10.2020
Denisovaner-DNA im Erbgut früher Ostasiaten
Forschende des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie und der Mongolischen Akademie der Wissenschaften haben das Genom des ältesten me...
24.10.2020
Bissspuren und ausgefallene Zähne bringen Licht ins Fressverhalten von Dinosauriern
Forscherteam der Universität Tübingen untersucht 160 Millionen Jahre alten Fressplatz im Nordwesten Chinas.
22.10.2020
Kognitive Bausteine der Sprache existierten schon vor 40 Millionen Jahren
Nicht nur Menschen, sondern auch Affen und Menschenaffen erkennen Regeln in komplexen sprachlichen Konstruktionen. Dies haben Sprachwissenschaftler du...
21.10.2020
Mehr noch als Fleisch und Milch
Stabile Isotopendaten von Menschen- und Tierknochen zeigen eine sehr effektive Nutzung des vielfältigen Nahrungsangebots im nördlichen Kaukasus und ...
18.10.2020
Madagaskar: Mensch und Klima verursachten Massenaussterben
Die gesamte endemische Megafauna Madagaskars und der östlich davon gelegenen Inselkette der Maskarenen, zu der Mauritius und Rodrigues zählen, wurde...
17.10.2020
Chemische Evolution - Am Anfang war der Zucker
Der Ursprung allen Lebens liegt in organischen Molekülen. Doch wie sind diese aus anorganischen Stoffen entstanden? Der LMU-Chemiker Oliver Trapp ber...
14.10.2020
Der moderne Mensch kam auf Umwegen nach Europa
Klimatische Bedingungen leiteten die geographische Ausbreitung von Homo sapiens in der Levante vor 43.000 Jahren.
12.10.2020
Reiter wetteiferten vor 3000 Jahren um die ältesten Lederbälle Eurasiens
Wissenschaftler haben in Gräbern von Reitern in Nordwest-China die ältesten Bälle Eurasiens untersucht. Gemäss dem internationalen Forscherteam so...
08.10.2020
Forscher rekonstruieren Käfer aus der Kreidezeit
Ein internationales Forscherteam hat vier neu gefundene Exemplare der fossilen Käfer Mysteriomorphidae mithilfe der Computertomographie untersucht un...
01.10.2020
Jagdverhalten säbelzahntragender Raubtiere erforscht
Ein internationales Team von Forschenden aus dem Vereinigten Königreich und Spanien sowie unter Beteiligung vom Museum für Naturkunde in Berlin, unt...
25.09.2020
Vor 120.000 Jahren: Älteste sicher datierte Nachweise von Menschen auf der arabischen Halbinsel
Unter Verwendung hochauflösender paläoökologischer Informationen, die aus versteinerten Fußabdrücken gewonnen wurden, präsentiert eine neue, in ...
25.09.2020
Neandertaler haben männliches Geschlechtschromosom vom modernen Menschen übernommen
Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung von Martin Petr und Janet Kelso vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipz...
21.09.2020
Versteinerte Bäume im Thüringer Wald: Forscherteam entschlüsselt fossile Mikrowelten
Paläontologen des Museums für Naturkunde Chemnitz und der TU Bergakademie Freiberg führen aktuell in Manebach bei Ilmenau wissenschaftliche Grabung...
21.09.2020
Auch Schimpansen leiden ein Leben lang, wenn sie im Kindesalter die Mutter verlieren
Der Tod eines Elternteils ist für ein Kind traumatisch und Waisenkinder leiden häufig für den Rest ihres Lebens unter diesem Verlust – ein verzö...
21.09.2020
Älteste Spermien der Welt
In einem Bernstein entdeckte ein internationales Team von Paläontologen im Inneren eines weiblichen Muschelkrebses 100 Millionen Jahre alte Riesenspe...
17.09.2020
Schimpansenverhalten und -kultur sind in variabler Umwelt am vielfältigsten
Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie und dem Deutschen Zentrum für integrat...
15.09.2020
Weinpresse aus der Eisenzeit gibt Aufschluss über Bautechnik der Phönizier
Forschungsteam der Universität Tübingen entdeckt seltenen Nachweis der frühen Weinherstellung an der Ausgrabungsstätte Tell el-Burak im Libanon.
09.09.2020
Die älteste Neandertaler-DNA Mittelosteuropas
Ein internationales Team berichtet in einer neuen Studie über das älteste mitochondriale Genom eines Neandertalers aus Mittelosteuropa. Das aus eine...
09.09.2020
Das letzte Zucken der Eiszeit
Ein internationales Team von Forschenden blickt präzise wie nie in das Ende der letzten Eiszeit. Wann und wo genau die Jüngere Dryaszeit begann und ...
03.09.2020
Milchverträglichkeit hat sich in wenigen Tausend Jahren in Mitteleuropa verbreitet
Paläogenetiker der Johannes Gutenberg-Universität Mainz finden nur in wenigen Knochen vom bronzezeitlichen Schlachfeld an der Tollense Hinweise auf ...
03.09.2020
Himmelsscheibe von Nebra wird neu datiert
Bisher galt die Himmelsscheibe von Nebra als frühbronzezeitlich und damit als älteste Himmelsdarstellung der Welt. Archäologen der Goethe-Universit...
03.09.2020
Künstliche Intelligenz hilft in der Archäologie
Künstliche Intelligenz ist besser als bisherige Softwareanwendungen in der Lage, den Ursprung archäologischer Funde aus naturwissenschaftlichen Unte...
26.08.2020
Bronzezeit: Fremde Ernährungstraditionen in Europa
Nicht nur Metalle, hierarchische Gesellschaften und befestigte Siedlungen: In der Bronzezeit beeinflusste auch ein neues Lebensmittel die ökonomische...
26.08.2020
Wie sich Neandertaler an das Klima anpassten
Klimaveränderungen kurz vor ihrem Verschwinden lösten bei den späten Neandertalern in Europa eine komplexe Verhaltensänderung aus: Sie entwickelte...
17.08.2020
Radiokarbonuhr zur C-14 Datierung neu geeicht
Die Radiokarbondatierung wird genauer als je zuvor: Als Teil eines internationales Forschungsteam trug die Universität Hohenheim dazu bei die Technik...