Idealisierte Darstellung Ludwigs I., des Frommen, als „miles Christi“ (Soldat Christi) um 831 in einem Figurengedicht des Rabanus Maurus, einem Exemplar von dessen Buch De laudibus sanctae crucis von 825/26 nachträglich vorgebunden; Rom, Biblioteca Apostolica Vaticana, Codex Vat. Reg. lat. 124, folio 4 verso.

Delbende ist der Name eines Ortes nördlich der Elbe, an dem der fränkische Kaiser Ludwig der Fromme im Jahre 822 eine gleichnamige Burg anlegen ließ.

Quelle

Ihre einzige Erwähnung findet die Burg Delbende in den Reichsannalen für das Jahr 822:[1]

Unterdessen erbauten die Sachsen auf Befehl des Kaisers eine Burg jenseits der Elbe an einem Ort[2] namens Delbende, nachdem sie von dort die Slawen vertrieben hatten, die ihn zuvor besetzt hatten, und belegten sie mit einer Besatzung aus Sachsen gegen deren Einfälle.

Geschichtlicher Hintergrund

Nachdem die Abodriten 798 als Verbündete der Franken die Sachsen in der Schlacht auf dem Sventanafeld besiegt hatten, ließ Karl der Große 804 tausende von Sachsen aus ihren Siedlungsgebieten nördlich der Elbe vertreiben und umsiedeln.[3] Teile des sächsischen Siedlungsgebietes überließ er den Abodriten, verbunden mit der Vorstellung, dass diese das Land nördlich der Elbe für die Franken gegen die Dänen behaupten könnten. Diese Hoffnung wurde bereits 808 enttäuscht, als die Dänen unter Göttrick die Abodriten besiegten und tributpflichtig machten. Daraufhin besetzten die Franken Nordalbingien und errichteten 809 die Burg Esesfelth als Grenzburg gegen die Dänen.[4] Nach Osten grenzten die Franken ihr politisches Einflussgebiet gegen die Abodriten durch den Limes Saxoniae ab. Der abodritische Heerführer Drasco hatte durch die Niederlage gegen die Dänen bei seinem Volk an Ansehen und Gefolgschaft verloren. Das Bündnis war deshalb für die Franken nur noch von geringem militärischen Wert. Gleichwohl hielt es noch bis 815. Aber bereits 817 belagerten die Abodriten gemeinsam mit den Dänen erfolglos die Burg Esesfelth und schufen schließlich 819 mit Liubice einen bedeutenden militärischen Stützpunkt, von dem aus die Gebiete südlich der Elbe bedroht wurden.[5] Als Reaktion auf diese Bedrohung wurde 822 die Delbende gegen die Abodriten errichtet.

Lage

Die genaue Lage der Burg ist bis heute unbekannt. Der Quelle ist zu entnehmen, dass sie sich an einem Ort rechts der Elbe mit dem Namen Delbende befand, von dem die Slawen wieder vertrieben werden mussten. Das könnte sowohl auf das gesamte vor 804 sächsische Gebiet als auch auf eine Lage unmittelbar westlich des Limes Saxoniae hindeuten. Denn bei den erwähnten Slawen wird es sich aufgrund der politischen Ereignisse der Vorjahre sehr wahrscheinlich um die Abodriten handeln. Hinzu kommt, dass die kostspielige Errichtung und Unterhaltung einer Festung mit dauerhafter Besatzung sowie deren Versorgung es nahe liegen lässt, eine solche Burg an einem Ort von militärischer und wirtschaftlicher Bedeutung anzulegen, etwa an einem Fernhandelsweg. In Betracht gezogen werden deshalb Burgwälle am hohen Nordufer der Elbe in Schnakenbek sowie an der Delvenaumündung bei Lauenburg/Elbe. Daneben wurde die Delbende auch in Büchen und wird neuerdings wieder in Gothmann vermutet. Auch Boizenburg ist als Standort erörtert worden. Allerdings liegen bislang für keinen dieser Orte Grabungsfunde aus dem 9. Jahrhundert vor:

Schnakenbek: Walldurchlass der ehemaligen Toranlage von Norden

Unmittelbar am nördlichen Steilufer der Elbe bei Schnakenbek umschließt ein bogenförmiger Ringwall eine Fläche von 65 mal 100 Meter, auf der elbabgewandten Seite umgeben von einem Graben, der im 11. Jahrhundert vertieft wurde. Die Burganlage liegt oberhalb der Elbfurt der Alten Salzstraße. Ein Wallschnitt 1951 und eine Grabung 1979 förderten spätslawische Scherben, deutsche Keramik des 12. Jahrhunderts sowie einen Denar Heinrich des Löwen zu Tage. Die Burg wird zumeist als die 1106 erstmals urkundlich erwähnte Ertheneburg identifiziert und mit der Delbende gleichgesetzt.[6]

In einer östlich von Lauenburg zwischen Delvenau und Elbe gelegenen Wiese mit dem Flurnamen Au befand sich von Alters her eine Geländeerhebung. Diese Erhöhung wird Ende des 16. Jahrhunderts urkundlich als uralter ehemaliger „Burgplatz“ erwähnt.[7] Hier könnte dem Namen Delbende für Delvenaumündung ein Sinn beigemessen werden. Heute befindet sich an dieser Stelle der Bahnhof der Stadt Lauenburg.

Südlich von Büchen befand sich in der Delvenauniederung ein Ringwall,[8] von dem heute nichts mehr zu erkennen ist. Für den Anfang des 15. Jahrhunderts ist in Büchen eine Burg der Familie von Marschalk urkundlich belegt und bis ins 19. Jahrhundert zeugte der Flurname Burgwiese von der Anlage.[9] Südlich der Steinaumündung soll eine Furt durch die Delvenau geführt haben, die erste Delvenauquerung nördlich der Elbe in das Gebiet der Abodriten.[10] Die strategisch günstige Lage einer Burg an dem Weg nach Osten ins Land der Abodriten sei ein idealer Platz für die Delbende.[11]

Boizenburg: Blick von Süden über den Burgplatz auf den Wall

Am östlichen Rand des Bollenberges bei Gothmann, in der Schmettauschen Karte irreführend als Schloss Berg bezeichnet, befand sich von 1181 bis 1224 das Castrum Wotmunde, eine hölzerne Burg mit einer Ausdehnung etwa 75 Meter (WO) mal 55 Meter, von deren Graben in der nördlichen Niederung noch ein Abschnitt erhalten ist. Grabungsfunde lassen eine Datierung lange vor 1181 nicht zu.[12] Hier wird ebenfalls die Delbende vermutet.[13] Die Vertreter dieser Auffassung verschieben dazu den Verlauf des Limes Saxoniae in diesem Abschnitt von der Delvenau nach Osten an die Boize und übersetzen den Quellentext in loco mit Gebiet. Eine Auseinandersetzung mit den bisherigen Grabungsergebnissen hingegen unterbleibt.[14]

In Boizenburg befand sich außer einer slawischen Niederungsburg eine weitere Burganlage auf dem hohen Elbufer, dem Schlossberg. Die Burg aus dem 14. Jahrhundert wurde im Dreißigjährigen Krieg von den abrückenden Dänen gesprengt. Der ovale Burgplatz mit einer Ausdehnung von 60–65 Meter (WO) mal 90 Meter ist zum Steilufer der Elbe hin offen und wird im Übrigen von einem bogenförmigen, 5 Meter hohen Wall eingefasst, an den sich ein bis zu 6 Meter tiefer Graben anschließt. Vom Schlossberg kann die Elbe weit nach Süden und Westen eingesehen werden. Die Stelle ist also zur Kontrolle des Elbüberganges gut geeignet und soll deshalb als Standort der Delbende in Betracht kommen.[15]

Literatur

  • Fred Ruchhöft: Liegt das castrum Delbende in Mecklenburg? In: Archäologische Berichte aus Mecklenburg-Vorpommern, Band 12, 2005, Seiten 163–166.
  • Wilhelm-Christian Kersting: Der Limes Saxoniae und das Castellum Delbende. In: Lauenburgische Heimat Neue Folge Bd. 16, Mai 1957, Seite 1–15

Einzelnachweise

  1. Annales regni Francorum 822: Saxones interea iussu imperatoris castellum quoddam trans Albiam in loco, cui Delbende nomen, aedificant, depulsis ex eo Sclavis, qui illum prius occupaverant, praesidiumque Saxonum in eo positum contra incursiones illorum.
  2. Das Lateinische in loco cui ist Singular. Loco bedeutet dann Ort, Ortschaft, Stelle, Platz. Die Übersetzung als Gegend würde eine Verwendung des Plural in loci qui voraussetzen.
  3. Annales regni Francorum 804 : Im Sommer aber zog der Kaiser mit einem Heer nach Sachsen und führte alle Sachsen, die jenseits der Elbe (…) wohnten mit Frau und Kind ins Frankenland ab und gab die jenseits der Elbe gelegenen Gebiete den Abodriten.
  4. Annales regni Francorum 809
  5. Henning Hellmuth Andersen: Machtpolitik um Nordalbingien zu Anfang des 9. Jahrhunderts. In: Archäologisches Korrespondenzblatt. Bd. 10 (1980), Seite 83
  6. Walter Eugen Dührsen: Erteneburg.Eine historisch-topographische Skizze. In: Archiv des Vereins für die Geschichte des Herzogthums Lauenburg, Jahresband 1886, Seite 297 weblink; Hermann Hofmeister: Die Wehranlagen Nordalbingiens. Heft 2, 1. Amt Fürstentum Ratzeburg, 2. Kreis Herzogtum Lauenburg: Lübeck 1927; zweifelnd Wolfgang Prange: Siedlungsgeschichte des Landes Lauenburg im Mittelalter (= Quellen und Forschungen zur Geschichte Schleswig-Holsteins. Bd. 41, ISSN 0173-0940). Wachholtz, Neumünster 1960 (Zugleich: Kiel, Universität, Dissertation, 1958), Seite 163 Fn. 214 mit dem Hinweis auf fehlende Grabungsfunde aus dem 9. Jahrhundert
  7. H. Handelmann: Der limes Saxoniae in den Kreisen Stormarn und Herzogtum Lauenburg. In: Archiv des Vereins für die Geschichte des Herzogthums Lauenburg 1889, Seite 104 f. online-version
  8. Zu diesem Ringwall Karl Kersten: Vorgeschichte des Kreises Herzogtum Lauenburg. Neumünster 1951, Seite 178
  9. Ludwig Hellwig: Die deutschen Ortsnamen in Lauenburg. In: Archiv des Vereins für die Geschichte des Herzogthums Lauenburg, Jahresband 1892, Seite 48
  10. Die Durchquerung der Delvenauniederung zwischen Lauenburg und Boizenburg war erst nach Anlage des Horster Dammes (heutige B5) im 16. Jahrhundert möglich, Wolfgang Prange: Siedlungsgeschichte des Landes Lauenburg im Mittelalter (= Quellen und Forschungen zur Geschichte Schleswig-Holsteins. Band 41, ISSN 0173-0940). Wachholtz, Neumünster 1960, Seite 48
  11. Heinrich Harten: Nachgedanken zum südlichen Verlauf des Limes Saxoniae. Lauenburgische Heimat 13, November 1956 Seiten 103–104; ihm folgend: Wilhelm-Christian Kersting: Der Limes Saxoniae und das Castellum Delbende. Lauenburgische Heimat 16, Mai 1957, Seite 9
  12. Willi Bastian: Burgwallaufnahme Mecklenburgs. (unveröffentlicht), LHA Schwerin, Unterlagen des Landesamtes für Bodendenkmalpflege, zitiert nach: Siegfried Spantig: Das castrum Wotmunde. In: Siegfried Spantig: Im Rad der Geschichte. Heimatkunde von der Boize bis zum Sudebogen. Eichenverlag, Hagenow 2003, Seiten 35–39
  13. Walter Richter: Der Limes Saxoniae am östlichen Elbufer. ZSHG 1980 (Band 105), Seite 21 f., ihm folgend: Fred Ruchhöft: Vom slawischen Stammesgebiet zur deutschen Vogtei. Die Entwicklung der Territorien in Ostholstein. Lauenburg, Mecklenburg und Vorpommern im Mittelalter. (=Archäologie und Geschichte im Ostseeraum, Band 4), Rahden/Westf. 2008, ISBN 978-3-89646-464-4, Seite 71
  14. Richter sind die Grabungsergebnisse Bastians aus den 1960er Jahren infolge der Deutschen Teilung unbekannt gewesen.
  15. Fred Ruchhöft: Liegt das castrum Delbende in Mecklenburg? In: Archäologische Berichte aus Mecklenburg-Vorpommern, Band 12, 2005, Seite 163–166