Arbon-Kultur


Die Arbon-Kultur ist eine archäologische Kultur der frühen Bronzezeit zwischen 1800 und 1600  v. Chr., die rund um den Bodensee und angrenzende Regionen der Nordschweiz, Baden-Württembergs und Bayerns verbreitet war. Sie ist gekennzeichnet durch charakteristische Keramik mit Zonen, die mit geometrischen Mustern in Ritz- und Stichtechniken bedeckt sind. Der Name Arbon-Kultur wurde 1987 vom Freiburger Prähistoriker Christian Strahm geprägt, während 1992 sein Kollege Joachim Köninger von der Arboner Gruppe sprach. Sie wird auch als Arboner Kultur bezeichnet. Eponymer Fundort ist der stratigraphische Horizont II von Arbon-Bleiche im schweizerischen Arbon.

Arbon-Kultur
Zeitalter: Bronzezeit - Frühe Bronzezeit
Absolut: 1800 v. Chr. - 1600 v. Chr.
Relativ: Bz A1 - B (Reinecke)
Ausdehnung
Norden: Süddeutschland
Süden: Nordschweiz
Westen: Baden-Württemberg
Osten: Bayern

Verbreitung und Kontakte

Der Arbon-Kultur werden Seeufersiedlungen am Ufer des Bodensees, an weiteren Seen und in Hügellagen der nördlichen Schweiz, auf Flussterrassen, an Hängen und auf Höhen an Donau und Neckar sowie am Nordrand der Schwäbischen Alb in Baden-Württemberg, sowie in Bayern Höhensiedlungen an den Flüssen Isar und Lech zugeordnet. Östlich schloss sich die ähnliche Straubinger Gruppe an. Beide legten Siedlungen an Handelsrouten an und da die Straubinger-Kultur bis zu den Kupfer-Lagerstätten der Nordalpen reichte, werden das Verbreitungsgebiet und die Verteilung der Siedlungen mit dem Bronzehandel in Verbindung gebracht.

Mit der zeitgleichen Aunjetitzer Kultur in Mitteldeutschland, Niederösterreich, der Slowakei und Tschechien bestanden Handelskontakte. Die Siedlung Forschner am baden-württembergischen Federsee weist im Siedlungsgebiet selbst Keramikfunde vom Typ der Aunjetitzer Kultur auf, am Seeufer wurden aber auch Arboner Scherben gefunden. Gleiches gilt für eine Höhensiedlung auf dem Veitsberg bei Ravensburg.

Siedlungen und Lebensweise

Einzelne Siedlungen waren durch starke Palisaden aus Eichenbohlen geschützt (Egg-Obere Güll auf der Insel Mainau, Landkreis Konstanz und am Baldeggersee, Kanton Luzern), andere waren offen oder hatten nur kleine Einfriedungen. Die Höhensiedlung auf dem Sporn Waldi bei Toos, Kanton Thurgau war durch eine Steinmauer über den einzigen Zugang geschützt.

Besonders gut erhalten und untersucht ist die Siedlung in Bodman-Schachen, Landkreis Konstanz[1] Sie bestand am Anfang der Bronzezeit aus fünf bis neun Häusern mit zwischen 25 und 30 m² Grundfläche, einhundert Jahre später war die Bautechnik fortgeschritten und die Häuser wurden um Pfostenreihen dreischiffig und mit Grundflächen um 42  m² angelegt. Am Seeufern wurden die Häuser auf eingerammte Pfähle gegründet, in Höhenlagen wurden Steinfundamente verwendet. Die Wände waren aus Flechtwerk um senkrechte Stangen gefertigt und mit Lehm verputzt. Feuerstellen waren von lehmgedichteten Steinplatten umgeben.

Getreidereste konnten den Ackerbau von Emmer, Einkorn, Gerste und Dinkel nachweisen, daneben stand das Sammeln wildwachsender Nahrungspflanzen wie Brombeere, Haselnuss, Schlehe, Wildapfel und Walderdbeere. Flachs und Mohn lieferten Ölsaaten. Schweine und Rinder wurden als Haustiere gehalten, außerdem gibt es geringe Funde von Schaf oder Ziege. Fast 50 % aller gefundenen Knochen stammen aber von Wild, so dass die Jagd einen großen Teil der Fleischversorgung abdeckten.

Von der Bekleidung der Menschen sind nur Nadeln aus Bronze erhalten, große Funde an Holunderbeeren, die weit über die als Nahrung verträglichen Mengen hinausgehen, deuten auf Textilfärbung hin.

An Werkzeugen waren Steinbeile, Wetzsteine, Steinhämmer, Mahlsteine sowie Ahlen und Spatel aus Bein bekannt. Bronze war selten. Zu den metallenen Werkzeugen gehören Ahlen, Meißel und Beile. Zu weiteren selteneren Funden gehört ein einzelner Schaber aus dem Stosszahn eines Ebers. An Waffen wurden im eponymen Fundort Arbon-Bleiche II vier Bronze-Beile verschiedenen Typs, zwölf Dolche, zwei Lanzen- und vier Pfeilspitzen gefunden.

Die Begräbnisform der Arbon-Kultur ist unbekannt. Es gibt bisher keine Funde. Daher wird angenommen, dass die Toten entweder in archäologisch nicht nachweisbarer Form beigesetzt wurden oder für Begräbnisse Orte gewählt wurden, die durch Hangrutsche oder andere Ereignisse grundsätzlich durch meterdicke Erdschichten bedeckt wurden.

Kultobjekte

In Bodman-Schachen wurden sogenannte Brotlaib-Idole gefunden, schwach gebrannte oder an der Luft getrocknete Tonobjekte von wenigen Zentimeter Länge und rund zwei cm Breite, die mit Mustern überzogen waren. Ihr Zweck ist unbekannt. Derartige Objekte sind auch aus Teilen Süddeutschlands, Norditaliens, Österreichs, Rumänien, Serbien, Polen der Slowakei, Tschechiens und Ungarns bekannt und belegen einen kulturellen Austausch. Neuerdings wird auch die Verwendung als Pintadera erwogen.[2]

Literatur

  • Ernst Probst: Deutschland in der Bronzezeit. München, Orbis Verlag 1999, ISBN 3-572-01059-4 - S. 66 ff., 151 ff. (teilweise online, mit weiteren Literaturangaben)
  • Christian Strahm: Die frühe Bronzezeit in Südwestdeutschland. In: Congrès National des Sociétés Savantes: Cultures et sociétés du bronze ancien en Europe, 117e congrès des sociétés savantes, Clermont-Ferrand 27-29 octobre 1992, Paris, 1996, ISBN 2-7355-0330-5
  • Joachim Köninger: La Stratigraphie de Bodman-Schachen I dans le contexte Bronze ancien du sud del'Allemagne. In: Congrès National des Sociétés Savantes: Cultures et sociétés du bronze ancien en Europe, 117e congrès des sociétés savantes, Clermont-Ferrand 27-29 octobre 1992, Paris, 1996, ISBN 2-7355-0330-5

Einzelnachweise

  1. Joachim Köninger: Die frühbronzezeitlichen Ufersiedlungen von Bodman-Schachen I: Befunde und Funde aus den Tauchsondagen 1982 - 1984 und 1986, aus: Forschungen und Berichte zur Vor- und Frühgeschichte in Baden-Württemberg; 85. Stuttgart: Theiss, 2006, ISBN 3-8062-1738-6
  2. European Archaeology online: Neue Brotlaibidole aus Ton dem Becken der unteren Donau (abgerufen am 10. Dezember 2009)

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