Aquae Granni


Aquae Granni ist die seit dem Mittelalter tradierte Bezeichnung für das römische Aachen. Unter einer Reihe weiter Variationen dieses Namens konnte sich diese Schreibweise in der fachwissenschaftlichen Literatur durchsetzen.

Eine aus der Römerzeit stammende Arkadenreihe in Aachen.

Etymologie

Der lateinische Name Aquis Granni ist erst seit dem Frühmittelalter bekannt und wird erstmals 765/76 als Aquis Villa urkundlich erwähnt. Aquae (Wasser) hat seinen Ursprung in den zahlreichen Thermalquellen an diesem Ort. Der Namenszusatz Granni geht auf den keltischen Wasser- und Bädergott Grannus zurück. Quellen aus der Antike zur Verwendung des Begriffes während der Römerzeit liegen nicht vor.

Laut Albrecht Mann, er legt seiner Deutung den Namen Aquisgrani zu Grunde, besteht die Möglichkeit, dass granum Korn bedeutet und auf die lokale Begebenheit, der Kornkammer Karls des Großen weist. [1]

Besiedlung

Der Vicus liegt zwischen dem Johannis- und dem Paunellbach. Dieses Gebiet ist aufgrund seiner Geomorphologie mit Höhenunterschieden von bis zu 100 Meter nicht als siedlungsgünstiger Raum zu werten. Dessen ungeachtet wurde es schon früh bewohnt. Erste Spuren weisen ins Ende des 1. Jahrhundert v. Chr.. Der Grund ist in den heißen Thermalquellen zu sehen. Im am östlichen Ortsrand des vicus liegenden Höhenzug tritt Thermalquellwasser aus. Das bis zu 75 Grad heiße, leicht schwefelhaltige Wasser führt gelöste Mineralien aus dem devonischen Kalkgestein und anderen Nebengesteinen mit sich. Eine in 15 km Entfernung liegende frühaugusteische Überlandstraße von Bavai über Tongeren, Heerlen, Jülich nach Köln bot eine gute Anreisemöglichkeit.

Schon früh konnten bei archäologischen Grabungen ebenfalls augusteische Siedlungsbefunde entdeckt werden. 1927 fand der Aachener Museumskustos Otto Eugen Mayer an der Ostseite des Marktplatzes frühe römische Keramik. Weitere Ausgrabungen zeigten, dass der heutige Marktbereich in römischer Zeit mittels holzausgesteifter Kanäle trockengelegt worden war. Darüber errichteten die Römer auf Pfahlroste hoch gelegte Schwellbalkenhäuser (Streifenhäuser). Die Schwellbalken, Dielenböden und aufgehenden Wände konnten dendrochronologisch mit einem Fälldatum von 2 v. Chr. datiert werden. Eine Siedlungskontinuität ist bis in das 4. Jahrhundert nachgewiesen. Analog zu anderen römischen Siedlungen im Rheinland wird dann der Siedlungsbereich verkleinert und mit einer Wehrmauer von 2,50 m Breite umzogen, deren Rundtürme mit einem Durchmesser von 6,50 m im Bereich des Rathauses/Marienturm nachzuweisen waren. Zwischen 350-360 wird das Bad an der Kaiserquelle zerstört und aufgegeben. In die Thermenanlage unter dem Münster wird eine Apsis eingebaut und die Anlage zu einer christlichen Kirche umfunktioniert.

Thermen

Kopie des römischen Portikus im „Hof“.

Die Siedlung wird im Verlauf des 1. Jahrhundert zum Teil in einen Kurort für die niedergermanischen Truppen ausgebaut. So weisen zum Beispiel die Münsterthermen die typische Raumanordnung eines valetudinarium, eines römischen Krankenhauses auf. Im Quellgebiet wurde erst die Bewaldung gerodet und zwei mit Ton abgedichtete Bäder angelegt, in denen sich das Thermalwasser sammeln konnte. Die auf dem Büchel errichteten Fachwerkbauten des zu der Anlage gehörenden Hofes wurden mit Holz, das im Jahr 38 n. Chr. gefällt wurde, errichtet. In diesem Zeitrahmen entstanden auch Töpfereien und Glasbläsereien am Rande der Siedlung in der heutigen Minoriten- und Großkölnstraße, was auf eine ausgebaute Infrastruktur und rege Siedlungsaktivität hindeutet. In einer zweiten Ausbauphase wurden dann die Büchelthermen von der Legio VI Victrix aus Neuss, die um 100 n. Chr. in Xanten stationiert wurde, in Stein ausgebaut. Hinzu kam eine Wasserleitung, die bis nach Burtscheid führt. Die Leitung wurde mit Ziegeln abgedeckt, deren Ziegelstempel VI VIC P F auf die VI. Legion hinweisen. Spätestens nach dem Bataveraufstand 69/70 wird auch die Bewachung der Therme zu den Aufgaben der Legion gehört haben.

Kultbezirk

Gegen Ende des 2./Beginn 3. Jahrhunderts wurden die Thermen am Hof abgerissen und ein Kultplatz angelegt. Im Zuge dessen wurde die Bücheltherme vergrößert und an den 3000 m² großen Kultbezirk angepasst. Der Eingang des Kultbezirkes war von einer 7,10 m hohen porticus geschmückt, die auf einem zweistufigen Stylobat stand. Das Stylobat wurde teilweise archäologisch ergraben und am Standort rekonstruiert. Zum Dekor gehörten korinthische Blattkapitelle mit einer profilierten Archivolte, sowie Pflanzen- und Schildreliefs im Stil kleinasiatischer Baukunst. Dagegen sprechen die Kapitelle mit wiegenförmigen Hüllblatt-Kelchen für eine lokale Anfertigung. Aufgrund stilistischer Merkmale wird die porticus in das Ende des 2. / Anfang 3. Jahrhunderts datiert. Zwischen den 3,50 m breiten Säulenstellungen öffneten sich Ladenlokale zur Wandelhalle hin. In diesen Lokalen konnten die Händler, Pilger und Badegäste Devotionalien u. ä. erwerben. Archäobotanisch konnte für das 1. und 2. Jahrhundert n. Chr. ein variantenreiches Vegetationsbild festgestellt werden. Darunter auch luxuriöse Nahrungsimporte wie Oliven, Feigen und Wein zur Bewirtung der Pilger und Badegäste.

Weiterhin wurden im Kultbezirk bei Grabungen 1967/68 die Fundamente von zwei gallo-römischen Umgangstempeln entdeckt. Der kleinere Tempel A maß 12 × 10,43 m, seine Cella 3,53 × 4,73 und war wie der mit 15 × 13 m größere Tempel B klassisch gen Osten orientiert. Die Eingänge waren von Pfeilern flankiert, was auf eine gegliederte Ordnung schließen lässt. Über eine Treppe gelangte man direkt in das davor liegende, gemauerte und verputzte Quellbecken, das durch eine Tonnendecke überwölbt war. Welcher Gottheit die Tempel zugewiesen wurden ist unklar, da keine Weihinschriften gefunden wurden. Der Fund einer Statuenbasis mit einem fragmentarisch erhaltenen Baumstamm um den sich eine Schlange windet und die Namensgebung des Ortes lassen darauf schließen, dass hier das Zentralheiligtum des Heilgottes stand.

Denkmalschutz

Der Bereich des vicus ist ein Bodendenkmal nach dem Gesetz zum Schutz und zur Pflege der Denkmäler im Lande Nordrhein-Westfalen.

Literatur

  • Maximilian Ihm: Aquae Grani (Granni). In: Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft (RE). Band II,1, Stuttgart 1895, Sp. 300.
  • Heinz Cüppers u.a.: Aquae Granni. Beiträge zur Archäologie von Aachen. Rheinland-Verlag, Köln 1982, ISBN 3-7927-0313-0 (Rheinische Ausgrabungen, Band 22).
  • Heinz Günter Horn (Hrsg.): Die Römer in Nordrhein-Westfalen. Theiss, Stuttgart, 1987, ISBN 3-8062-0312-1.
  • Dorothee Strauch: Römische Fundstellen in Aachen. In: Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereins 100, 1995/96, S. 7-128.
  • Christoph Keller: Archäologische Forschungen in Aachen. Katalog der Fundstellen in der Innenstadt und in Burtscheid. von Zabern, Mainz 2004 (Rheinische Ausgrabungen, Band 55).
  • Peter Rothenhöfer: Die Wirtschaftsstrukturen im südlichen Niedergermanien. Untersuchungen zur Entwicklung eines Wirtschaftsraumes an der Peripherie des Imperium Romanum. Verlag Marie Leidorf, Rahden/Westfalen 2005, ISBN 3-89646-135-4 (Kölner Studien zur Archäologie der römischen Provinzen, Band 7).

Einzelnachweise

  1. s. Albrecht Mann: Vicus Aquensis, Aachen 1984, S. 8. (PDF; 1,2 MB)

Weblinks

50.7755501045546.0816192626953Koordinaten: 50° 47′ N, 6° 5′ O


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