Kenyanthropus platyops (afarensis?) KNM-WT 40000

FUND FUNDORT ALTER ENTDECKER DATUM
vollständiges Cranium Lomekwi, Turkanasee Kenia 3.5 bis 3.2 Millionen Jahre Justus Erus, Meave Leakey 1999
VERÖFFENTLICHUNG
Leakey, M. G., F. Spoor, F. H. Brown, P. N. Gathogo, C. Kiarie, L. N. Leakey, I. McDougall. 2001. New hominin genus from eastern Africa shows diverse middle Pliocene lineages. Nature, 410:433-440. DOI: 10.1038/35068500.
 
Kenyanthropus platyops
Der Schädel KNM-WT40000, »Das Flachgesicht aus Kenia«

Justus Erus und Meave Leakey fanden 1999 in Lomekwi an der Westseite des Turkanasees in Kenia diese außergewöhnlichen Fossilien. Ausgegraben wurden mehr als 30 Schädel- und Zahnfragmente, von denen einige Kenyanthropus zuzuordnen sind, andere noch gar nicht. Unter den Fundstücken befindet sich ein vollständiges Cranium.

2001 war ein bedeutendes Jahr in der Paläoanthropologie: Mit der Bekanntgabe des „Millennium Menschen“ Orrorin tugenensis und wenig später mit Kenyanthropus platyops durch Leakey et al. hat unser Stammbaum möglicherweise gleich zweimal Zuwachs bekommen. Dieser ostafrikanische Hominine (platyops) wurde 1998 und 1999 in der Nachakui Formation westlich des Turkanasees während einer Feldforschung ausgegraben, die eigentlich zum Ziel hatte, die Kenntnisse über die Zeit vor 3 - 4 Millionen Jahre in dieser Region zu erweitern.

Als Typusexemplar zur wissenschaftlichen Beschreibung von Kenyanthropus platyops wählte man das Fundstück KNM-WT 40000 - ein fast kompletter Schädel, dem jedoch die Unterseite und Teile des Oberkiefers (Maxilla) fehlen. Meave Leakey und Kollegen fanden nach eingehender Untersuchung des Fundstückes genügend Anhaltspunkte, um eine neue Gattung und Art zu benennen: Kenyanthropus platyops. Der Name ist aus dem Griechischen abgeleitet und bedeutet soviel wie „Flachgesichtiger Mensch aus Kenia“, eine Anspielung auf ein weniger vorstehendes Gesicht, wie es bei Australopithecinen sonst üblich ist. Dieser geringere Grad der Prognathie (und anderes) trennt Kenyanthropus eindeutig von den Australopithecinen ab, so seine Entdecker. Zur Beschreibung des Fundes wurde ein teilweise erhaltener linker Oberkiefer mit der Bezeichnung KNM-WT 38350 als Paratypus hinzugezogen und in die Untersuchungen mit einbezogen, ebenso wie einige andere Fundstücke - ein weiterer, teilweise erhaltener Oberkiefer und einige einzelne Zähne - die zusammen mit dem Schädel ausgegraben wurden. Zwei Unterkiefer und einige einzelne Zähne, die schon in den 1980er Jahren an der selben Stelle gefunden wurden, werden nun ebenfalls zu Kenyanthropus platyops gezählt.

Obgleich die Größe und Körperform von Kenyanthropus platyops große Ähnlichkeiten mit den beiden gleichzeitig lebenden Arten Australopithecus afarensis und Australopithecus africanus hat, so zeigt der Schädel eine Abfolge von abgeleiteten (vererbten) Merkmalen, die nicht mit den Australopithecinen übereinstimmen - der Grund, warum das Fossilienmaterial gleich in eine neue Gattung gestellt wurde, anstatt es nur einer neuen Art von Australopithecus zuzuordnen. Leakey et al. sind der Meinung, dass Kenyanthropus eindeutig von den Australopithecinen abzutrennen sei, da der Fund auch Gemeinsamkeiten mit Homo rudolfensis (KNM-ER 1470) aufweise, was bedeuten könnte, dass Kenyanthropus der Vorfahr von Homo ist, während die anderen Australopithecinen nur ein Seitenzweig sind, dessen Linie nicht zu uns führt.

Jedoch gibt es wie bei allen neuen Entdeckungen Kontroversen, die im Umfeld der wissenschaftlichen Debatten auftauchen. Der Schädel ist durch die Einwirkung geologischer Kräfte verzerrt worden und viele der Messergebnisse sind eigentlich eher Näherungswerte, anstatt genaue Maße. Tim White von der University of California in Berkeley argumentiert, dass viele der vermuteten Eigenschaften von Kenyanthropus platyops ein Kunstprodukt dieser Verzerrung sind. Nach seiner Meinung ist es wahrscheinlicher, dass der Fund einfach eine neue Variante von Australopithecus afarensis repräsentiert, der während dieses Zeitabschnitts und in diesem Teil Afrikas weit verbreitet war. Verschiedene Forscher beteiligen sich auf beiden Seiten an der Debatte: Einige glauben wie White, dass die Verzerrung des Schädels zu einer Fehlinterpretation der vorausgesetzten Eigenschaften führte und dass Kenyanthropus platyops lediglich eine neue Variante der vielgestaltigen Australopithecinen Süd- und Ostafrikas ist. Andere meinen, Leakey und Kollegen hätten die Verformungen bei ihren Arbeiten sehr wohl berücksichtigt und hätten die Gefahr der Fehlinterpretation durchaus erkannt.

Kenyanthropus platyops wurde nahe an der Kontaktstelle zwischen der Nachakui Formation und Felsen vulkanischen Ursprungs aus dem Miozän im Norden von Lomekwi (Nabetili) ausgegraben. Die Fossilien wurden 12 m über dem Lokochot Tuff und 8 m unter dem ß-Tulu Bor Tuff abgelagert. Der Lohochot Tuff wird auf ein Alter von 3,57 Millionen Jahre, der ß-Tulu Bor Tuff auf 3,40 Millionen Jahre datiert. Durch die Lage in der Schichtenabfolge und durch die Datierung ergibt sich ein geschätztes Alter von 3,5 Millionen Jahren für das Fossil.



Der versteinerte Schlamm, der das Fundstück KNM-WT 40000 umgab, wurde entlang der Nordseite eines flachen Sees abgelagert, der sich bis nach Kataboi und weiter ausdehnte. Andere Fundstücke, die in anderen Schichten zwischen dem gegrabenen Bett und dem Tulu Bor Tuff gefunden wurden, wurden ebenfalls in einer seeuferähnlichen Umgebung konserviert. Die versteinerte Lomekwi-Fauna zeigt, dass die prähistorische Umgebung verhältnismäßig feucht und dicht bewachsen gewesen sein muss. Die Anteile an Fossilien aus der Familie der Bovidae (Paarhufer wie Bison, Antilopen, Rotwild, Ziegen, Schafe, etc.) zeichnen ein Mosaik unterschiedlichster Lebensräume, aber hauptsächlich dürften Wald- und Waldrandgebiete vorgeherrscht haben. Andere Indikatoren, wie das Vorkommen von Theropithecus brumpti (eine ausgestorbene Pavianart) deuten ebenfalls auf einen geschlossenen Waldbewuchs hin. Auch zeigen Fauna und Geologie, dass diese Homininen ein geschlossenes Waldgebiet sowie dessen Ränder bewohnten, an denen es Seen mit saisonalen Überflutungen gab.


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