Wie Menschen und Schimpansen im Regenwald ihr Ziel erreichen

Presseldung vom 02.08.2019


Wie beeinflussen beispielsweise ein großer Aktionsradius und ein Wegesystem wie Menschen zum Ziel gelangen? Forscher des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig untersuchten, wie sich die Mbendjele BaYaka in der Republik Kongo und freilebende Schimpansen in der Elfenbeinküste durch den Regenwald fortbewegen. Ähnlich wie die Jäger und Sammler bewegen sich auch die Schimpansen in einer geraden Linie auf ein Ziel zu, doch in Abhängigkeit von der Gruppengröße und Ortskenntnis unterscheiden sich Geradlinigkeit und Geschwindigkeit bei Menschen und Schimpansen deutlich.

Wie Menschen von einem Ort zum anderen gelangen, ihre großräumigen Bewegungsmuster, sind unter Hominoiden einzigartig. Die Mbendjele BaYaka ziehen alle paar Monate von Camp zu Camp, ihr Aktionsradius im Laufe eines Lebens beträgt über 800 Quadratkilometer. Jäger und Sammler bringen Nahrung ins Camp, um sie dort weiter zu verarbeiten und unter den Bewohnern aufzuteilen. Darüber hinaus haben sie ein Wegesystem durch den Wald geschaffen, dem sie meist folgen.

Im Vergleich dazu leben Schimpansen in einem Gebiet von etwa 25 Quadratkilometern, wo sie den größten Teil ihres Erwachsenenlebens verbringen. Sie verzehren ihre Nahrung so, wie sie sie auffinden, und bauen an verschiedenen Orten innerhalb ihres Heimatgebiets Schlafnester. Schimpansen nutzen nur selten dieselben Wege, wenn sie sich am Boden fortbewegen. Auf welche Weise Menschen und Schimpansen den Wald durchqueren und räumliche Erfahrungen sammeln, beeinflusst möglicherweise auch, wie sie in ihren natürlichen Lebensräumen bei der Nahrungssuche vorgehen.


Mbendjele BaYaka Frau, die auf Nahrungssuche zusammen mit anderen Frauen im tropischen Regenwald der Republik Kongo einen Baum inspiziert.

Publikation:


Haneul Jang, Christophe Boesch, Roger Mundry, Simone D. Ban, Karline R. L. Janmaat
Travel linearity and speed of human foragers and chimpanzees during their daily search for food in tropical rainforests
Scientific Reports, 30 July 2019

DOI: 10.1038/s41598-019-47247-9



Haneul Jang und Kollegen vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie untersuchten die großräumigen Bewegungsmuster von Jägern und Sammlern und von Schimpansen und verglichen, wie sie in ähnlichen Regenwaldumgebungen zum Ziel gelangen. Dazu haben die Forscher gemessen, wie geradlinig und mit welcher Geschwindigkeit fünf Mbendjele BaYaka-Frauen aus der Republik Kongo und fünf Schimpansenweibchen aus dem Taï-Wald (Elfenbeinküste) auf ihrer täglichen Suche nach Nahrung den Regenwald durchqueren. Dies ist die erste Studie, in der Forscher die Bewegungsmuster von Menschen und Schimpansen über einen so langen Zeitraum (über 236 bzw. 274 Tage) hinweg protokolliert und analysiert haben. Bei der Datensammlung folgten sie jeweils demselben Protokoll.

Hohes Maß an Geradlinigkeit

So fanden Jang und ihre Kollegen heraus, dass sich sowohl die Mbendjele BaYaka als auch die Taï-Schimpansen im Durchschnitt mit einer ähnlich hohen Geradlinigkeit auf Ziele zubewegen, die sich außerhalb ihrer Sichtweite befinden. Ein deutlicher Unterschied bestand jedoch darin, wie sich die Gruppengröße und die Vertrautheit mit der Umgebung auf Geradlinigkeit und Geschwindigkeit bei den Mbendjele BaYaka und den Schimpansen auswirken. Während die Mbendjele BaYaka sich in vertrauten Gebieten geradliniger auf ein Ziel zubewegten als in einer weniger bekannten Umgebung, verhielt es sich bei den Schimpansen genau umgedreht: Die Taï-Schimpansen bewegten sich schneller und geradliniger durch weniger bekannte als durch vertraute Gegenden.


Allein auf Nahrungssuche im tropischen Regenwald (Taï Nationalpark, Elfenbeinküste) inspiziert dieser Schimpanse einen Baum.

"Eine mögliche Erklärung für diese Unterschiede könnte das unterschiedliche großräumige Bewegungsverhalten von Menschen und Schimpansen sein. Die Mbendjele BaYaka halten sich in verschiedenen saisonalen Camps auf und bewegen sich während der Nahrungssuche zu 90 Prozent auf den von ihnen angelegten Wegen durch den Wald. Daher sind sie weniger vertraut mit Gebieten, die sich abseits der Wege befinden. Wenn die Mbendjele BaYaka dann dort auf Nahrungssuche sind, bewegen sie sich weniger geradlinig fort, weil sie nach dem richtigen Weg suchen müssen", sagt Haneul Jang, Hauptautorin der Studie. Bei Schimpansen hingegen verringerten sich in vertrauten Gebieten Bewegungsgeradlinigkeit und -geschwindigkeit. "Wenn verschiedene Schimpansengruppen aufeinandertreffen, kommt es häufig zu feindseligen Auseinandersetzungen", sagt Jang. "Um Begegnungen mit anderen Schimpansengruppen auf unvertrautem Terrain zu vermeiden, bewegen sich die Tiere möglicherweise schneller und effizienter durch diese Gebiete."

Gruppengröße beeinflusst, wie zielgerichtet es vorangeht

Darüber hinaus fanden Jang und Kollegen heraus, dass sich die Mbendjele BaYaka geradliniger auf ein Ziel zubewegten, wenn sie in einer größeren Gruppe unterwegs waren. Bei den Taï-Schimpansen war das Gegenteil der Fall. "Als ich den Schimpansen folgte, sah ich sie oft aufeinander warten. Sie waren sich offenbar uneins, in welche Richtung die Gruppe gehen sollte", sagt Karline Janmaat, die die Studie betreute. "Haben sich dann weitere Schimpansen der Gruppe angeschlossen, schien dies die Meinungsverschiedenheiten noch zu verstärken. Daher ist es vielleicht nicht verwunderlich, dass sich die Schimpansen bei zunehmender Gruppengröße weniger zielgerichtet durch den Wald bewegen." Janmaat ergänzt: "Bei den Mbendjele BaYaka verhielt es sich umgekehrt, was unter anderem daran liegen könnte, dass sie mit Hilfe von Sprache das weitere Vorgehen diskutieren, bewerten und sich schließlich darauf einigen können, wo sich die besten Nahrungsquellen befinden. Sprache könnte also eine effiziente Bewertung von differenzierten Informationen ermöglicht haben."



Den Autoren zufolge ist diese Studie der erste notwendige Schritt, um Bewegungsmuster von Menschen- und Schimpansenpopulationen in ihren natürlichen Lebensräumen miteinander zu vergleichen. "Unsere Studie gibt Aufschluss darüber, wie sich zwei eng verwandte Arten, die in einer ähnlichen Umgebung leben, in ihren räumlichen Bewegungsmustern unterscheiden. Diese Unterschiede ergeben sich möglicherweise aus verschiedenen Arten der Raumnutzung", sagt Jang. "Wir hoffen, dass unsere Studie dazu beitragen wird, die vergleichende Forschung zu großräumigen Bewegungsmustern auf weitere Primatenarten und -populationen in ihren natürlichen Lebensräumen auszuweiten."


Diese Newsmeldung wurde mit Material von idw-online erstellt


Diese Artikel könnten dir auch gefallen



Die letzten News


Knochen des Tages
KRAPINA 47 (MAXILLA C)
KRAPINA 47 (MAXILLA C)

Homo neanderthalensis

Elemente: L. MAX (L. dm2-M2, L. C)

Krapina, Kroatien

09.07.2020
Seidenstraße: Auch Hirten hielten Katzen als Haustiere
Hauskatzen, wie wir sie heute kennen, haben kasachische Hirten schon vor über 1.000 Jahren als Haustiere begleitet..
07.07.2020
Süditalien: Neandertaler starben nicht wegen Kälte aus
Klimaschwankungen werden dafür häufig als Auslöser vermutet – für Süditalien konnte diese Ursache nun ausgeschlossen werden..
18.06.2020
Neandertalergene in der Petrischale
P.
17.06.2020
Ein Neandertaler aus der Tschagyrskaja-Höhle
Bisher hatten Forschende die Genome von zwei Neandertalern in einer hohen Qualität sequenziert..
17.06.2020
Beeindruckende Zeugnisse des Krieges
S.
17.06.2020
Historisches Superfood: Grünkern wussten schon die Kelten zu schätzen
B.
29.05.2020
Wer waren die Kanaaniter?
Die Menschen, die in dem als Südlevante bekannten Gebiet – das heute als Israel, Jordanien, Libanon und Teile Syriens bekannt ist – um 3.500 bis 1.150 v..
29.05.2020
Frauen mit Neandertal-Gen bringen mehr Kinder zur Welt
Eine von drei Frauen in Europa hat den Rezeptor für Progesteron von Neandertalern geerbt - eine Genvariante, die mit erhöhter Fruchtbarkeit, weniger Blutungen zu Beginn der Schwangerschaft und weniger Fehlgeburten in Verbindung steht..
20.05.2020
300.000 Jahre alter Elefant aus Schöningen fast vollständig erhalten
Was am Seeufer geschah: Archäologen dokumentieren Spuren von Steinzeitmenschen und Fußabdrücke von Elefanten.
12.05.2020
Ältester Homo sapiens Europas lebte im Jungpaläolithikum
Ein internationales Forschungsteam berichtet über neue Fossilien des Homo sapiens aus der Bacho-Kiro-Höhle in Bulgarien..
23.04.2020
Evolutionäre Wurzeln des Sprachnetzwerks im Gehirn entdeckt
Das Sprachnetzwerk im Gehirn von Menschen hat einen früheren evolutionären Ursprung als bislang angenommen..
21.04.2020
Das menschliche Gebiss als Spiegel unserer Evolution
Wissenschaftler der Universität Tübingen ermitteln, welche Eigenschaften der Zähne zur Rekonstruktion genetischer Verwandtschaft genutzt werden können.
21.04.2020
300.000 Jahre alter Wurfstock dokumentiert die Evolution der Jagd
Eiszeitmenschen aus Schöningen setzten Holzwaffen bei der Jagd auf Wasservögel und Pferde ein.
09.04.2020
Landwirtschaft begann im Amazonas vor 10.000 Jahren
Wie eine neue Studie zeigt, begannen die Menschen vor mehr als 10’000 Jahren im Südwesten des Amazonas mit dem Anbau von Maniok und Kürbissen, 8'000 Jahre früher als bisher angenommen..
27.03.2020
Auch Neandertaler aßen Muscheln, Fisch und Robben
Bereits die Neandertaler ernährten sich vor über 80.000 Jahren regelmäßig von Muscheln, Fisch und anderen Meeresbewohnern..
03.03.2020
Affen kommunizieren, Menschen haben Sprache
So verzückt Eltern auch sind, wenn ihr Kleines das erste Mal „Ma-Ma“ oder „Pa-Pa“ brabbelt – ehe daraus Sätze entstehen, muss noch viel passieren..
25.02.2020
Ausgewandert
Sibirische Neandertaler stammten von verschiedenen europäischen Populationen ab
25.02.2020
Jede Mittelmeerinsel hat eigenes genetisches Muster
Schon vor der Zeit der mediterranen Seefahrerzivilisationen gab es prähistorische Wanderungen aus Afrika, Asien und Europa auf die Mittelmeerinseln..
18.02.2020
Die Ernährungsweise fossiler Wirbeltiere rekonstruieren
Aus prähistorischer Zeit liegen bisher nur wenig gesicherte Erkenntnisse über die Ernährung der damaligen Tiere und Menschen vor..
18.02.2020
2.700 Jahre alter Tempel im äthiopischen Hochland entdeckt
E.
05.02.2020
Prähistorisches Skelett in Südmexiko entdeckt
Ein prähistorisches menschliches Skelett, das in Südmexiko geborgen werden konnte, ist mindestens 10.000 Jahre alt und stammt wahrscheinlich aus der letzten Eiszeit..
28.01.2020
Neandertaler gingen für ihre Werkzeuge ins Wasser
Neandertaler sammelten Muschelschalen und Bimsstein aus den Küstengewässern, um sie als Werkzeuge zu benutzen.
06.01.2020
Forscher bestimmen das Alter des letzten bekannten Lagerplatzes von Homo erectus
Ein internationales Forscherteam hat das Alter des letzten bekannten Lagerplatzes von Homo erectus bestimmt, einem der direkten Vorfahren des modernen Menschen..
29.11.2019
Affen informieren Gruppenmitglieder über Gefahren
Menschen stehen oft vor der Wahl, ob sie zum Allgemeinwohl beitragen oder sich egoistisch verhalten und andere sich verausgaben lassen möchten..
25.11.2019
Menschliche Musikalität verbindet alle Kulturen: Kognitionsbiologen erforschen universelle Eigenschaften der Weltmusik
Ist Musik wirklich eine "universelle Sprache"? Zwei Artikel in der aktuellen Ausgabe von Science unterstützen die These, dass Musik auf der ganzen Welt – trotz vieler Unterschiede – große Gemeinsamkeiten aufweist..