Schimpansenverhalten und -kultur sind in variabler Umwelt am vielfältigsten

Presseldung vom 15.09.2020


Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie und dem Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) hat den Einfluss der Umweltvariabilität auf das Verhaltensrepertoire von 144 sozialen Gruppen untersucht. Die Forschenden fanden heraus, dass die Verhaltensvielfalt bei den Schimpansen größer ist, die weiter entfernt von historischen Waldrefugien leben, die unter saisonalen Bedingungen leben, und die eher in Savannenwäldern als in dicht bewaldeten Lebensräumen beheimatet sind.

Verhaltensflexibilität ermöglicht es vielen Arten, sich beispielsweise durch Innovation und größere kognitive Fähigkeiten an instabile und sich verändernde ökologische Bedingungen anzupassen. Tatsächlich leben einige Vogel- oder Primatenarten in Lebensräumen, die stark saisonabhängig sind und eine veränderliche Verfügbarkeit an Ressourcen aufweisen. In ähnlicher Weise wird angenommen, dass unsere eigene Art ein hohes Maß an Verhaltensflexibilität entwickelt hat, um sich an schwankende und unvorhersehbare Umweltbedingungen anzupassen und zu überleben.


Ein junger Schimpanse beim Verspeisen des Inhalts von Samenkapseln (Issa-Tal, Tansania).

Publikation:


Ammie K. Kalan et al.
Environmental variability supports chimpanzee behavioural diversity
Nature Communications, 15 September 2020

DOI: 10.1038/s41467-020-18176-3


Schimpansen, eine uns am nächsten verwandte Art, verfügen über eine breites Spektrum verschiedenster Verhaltensweisen. Diese können unter verschiedenen Bedingungen beobachtet werden und kommen zumeist nur bei einigen aber nicht allen freilebenden Populationen vor. Dazu gehören zum Beispiel der Gebrauch von Werkzeugen zur Kommunikation, zur Nahrungssuche nach Insekten, Algen, Nüssen oder Honig und Verhaltensweisen, die der Regulierung der Körpertemperatur dienen, wie zum Beispiel das Baden in Tümpeln oder die Benutzung von Höhlen in extrem heißen Umgebungen. Einige dieser Verhaltensweisen werden durch soziales Lernen an die nächste Generation weitergegeben. Bei ihnen handelt es sich um kulturelle Traditionen, die bestimmten Schimpansengruppen zueigen sind. Diese beispielhafte Verhaltensvielfalt bietet Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern eine einzigartige Gelegenheit, die Auswirkungen von Umweltbedingungen auf die kulturelle Diversität und das Verhaltensrepertoire innerhalb einer Art zu untersuchen.


Hoch hinaus: Savannenschimpansen bei der Nahrungsaufnahme (Issatal, Tansania).
Schimpansen durchqueren die Savanne in Bafing, Mali, und wurden dabei von einer Kamerafalle "erwischt".

Freilandforschung mit Literaturrecherche kombiniert

Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung von Ammie Kalan und Hjalmar Kühl vom Pan African Programme: the Cultured Chimpanzee (PanAf) am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie hat einen Datensatz erstellt, der die Erkenntnisse aus der von PanAf an 46 Feldstandorten durchgeführten Freilandforschung mit einer eingehenden Literaturrecherche zur Schimpansenforschung kombiniert. Die Forschenden untersuchten die vorhandenen Daten zu 144 Schimpansengruppen dahingehend, unter welchen Umweltbedingungen die Tiere mehr Verhaltensmerkmale erwerben. Sie verwendeten ihren einzigartigen Datensatz, um zu testen, ob Schimpansengruppen eher dann ein größeres Repertoire an Verhaltensmerkmalen aufweisen, wenn sie in saisonalen Lebensräumen leben, oder wenn sie in Lebensräumen beheimatet sind, in denen sich die Waldbedeckung in den letzten Jahrtausenden über sehr lange Zeiträume hinweg wiederholt verändert hat. Die Verhaltensweisen, größtenteils der Gebrauch von Werkzeugen, wurden in früheren Studien etwa zur Hälfte als kulturelle Verhaltensweisen beschrieben.



Den Publizierenden zufolge steht eine größere Verhaltens- und kulturelle Vielfalt bei Schimpansen in enger Verbindung mit einer erhöhten Umweltvariabilität, sowohl historisch gesehen, wie auch unter aktuellen Bedingungen. „Schimpansen, die saisonabhängiger sind, in Savannen-Wäldern leben und weiter entfernt von historischen Waldrefugien aus dem Pleistozän beheimatet sind, verfügen mit einer höheren Wahrscheinlichkeit über eine größere Anzahl von Verhaltensweisen“, sagt Kalan. Die Ergebnisse der Forschenden deuten darauf hin, dass die eng mit dem Menschen verwandte Art sich mittels Verhaltensflexibilität an saisonalere und unvorhersehbarere Umgebungen anpasst. „Da die von uns untersuchten Verhaltensweisen weitgehend als kulturell angesehen werden, könnten wir weiterhin schlussfolgern, dass Umweltvariabilität auch bei Schimpansen die kulturelle Diversifizierung fördert“, sagt Kalan.


Weitere Informationen
PanAf-Projekt

Das PanAf-Projekt sammelt auch weiterhin über die Plattform Chimp&See Informationen zu Tierarten und ihrem Verhalten. Dort kann sich jede und jeder die Aufzeichnungen der im gesamten Schimpansengebiet aufgestellten Kamerafallen ansehen und durch die Klassifizierung der beobachteten Arten und Verhaltensweisen zum wachsenden PanAf-Datensatz beitragen.

Chimp&See


Umweltvariabilität als Triebkraft für die Diversifizierung

Im Hinblick auf die menschliche Evolution ist es oft schwierig, Verhalten allein anhand von Fossilien zu untersuchen. Daher können Studien wie diese zu nichtmenschlichen Primaten uns einen vergleichenden Einblick in den potenziellen Selektionsdruck geben, der möglicherweise auch in unserer eigenen Vergangenheit erheblich gewesen ist. „Viele Studien deuten darauf hin, dass Umweltvariabilität eine wichtige Triebkraft für eine Diversifizierung in Verhalten und Kultur sein kann, sowohl beim Menschen als auch bei Tieren. Die Erkenntnisse aus unserer Studie mit den ersten vergleichenden Daten von Populationen innerhalb einer Art unterstützen diese Annahme“, sagt Kalan.

Die aktuelle Studie belegt das große Potenzial eines populationsübergreifenden Forschungsansatzes und wird weitere faszinierende Einblicke in die Entstehung der Diversität von Schimpansenpopulationen liefern. „Während wir in dieser Studie viel über die Beziehung zwischen Umweltvariabilität und Verhaltensvielfalt bei Schimpansen gelernt haben, gibt es möglicherweise noch andere demographische und soziale Faktoren, die ebenfalls eine wichtige Rolle im Prozess der Verhaltensdiversifizierung gespielt haben“, sagt Kühl, Forscher am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig und am Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) Halle-Jena-Leipzig. „Auch weiterhin werden zahlreiche Schimpansenpopulationen untersucht und miteinander verglichen, sodass ich überzeugt bin, dass auch in Zukunft viele weitere spannende Entdeckungen gemacht werden, die neue Einblicke in die Mechanismen der Verhaltensdiversifizierung bei Schimpansen geben werden, die uns aber auch dabei helfen werden, unsere eigene Evolutionsgeschichte besser zu verstehen.“




Diese Newsmeldung wurde mit Material des Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie via Informationsdienst Wissenschaft ertellt


Diese Artikel könnten dir auch gefallen



Die letzten News


Knochen des Tages
YV F .5
YV F .5

Lufengpithecus keiyuanensis

Elemente: R. LM3

Yuanmou, China

21.10.2020
Mehr noch als Fleisch und Milch
Stabile Isotopendaten von Menschen- und Tierknochen zeigen eine sehr effektive Nutzung des vielfältigen Nahrungsangebots im nördlichen Kaukasus und ...
18.10.2020
Madagaskar: Mensch und Klima verursachten Massenaussterben
Die gesamte endemische Megafauna Madagaskars und der östlich davon gelegenen Inselkette der Maskarenen, zu der Mauritius und Rodrigues zählen, wurde...
17.10.2020
Chemische Evolution - Am Anfang war der Zucker
Der Ursprung allen Lebens liegt in organischen Molekülen. Doch wie sind diese aus anorganischen Stoffen entstanden? Der LMU-Chemiker Oliver Trapp ber...
14.10.2020
Der moderne Mensch kam auf Umwegen nach Europa
Klimatische Bedingungen leiteten die geographische Ausbreitung von Homo sapiens in der Levante vor 43.000 Jahren.
12.10.2020
Reiter wetteiferten vor 3000 Jahren um die ältesten Lederbälle Eurasiens
Wissenschaftler haben in Gräbern von Reitern in Nordwest-China die ältesten Bälle Eurasiens untersucht. Gemäss dem internationalen Forscherteam so...
08.10.2020
Forscher rekonstruieren Käfer aus der Kreidezeit
Ein internationales Forscherteam hat vier neu gefundene Exemplare der fossilen Käfer Mysteriomorphidae mithilfe der Computertomographie untersucht un...
01.10.2020
Jagdverhalten säbelzahntragender Raubtiere erforscht
Ein internationales Team von Forschenden aus dem Vereinigten Königreich und Spanien sowie unter Beteiligung vom Museum für Naturkunde in Berlin, unt...
25.09.2020
Vor 120.000 Jahren: Älteste sicher datierte Nachweise von Menschen auf der arabischen Halbinsel
Unter Verwendung hochauflösender paläoökologischer Informationen, die aus versteinerten Fußabdrücken gewonnen wurden, präsentiert eine neue, in ...
25.09.2020
Neandertaler haben männliches Geschlechtschromosom vom modernen Menschen übernommen
Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung von Martin Petr und Janet Kelso vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipz...
21.09.2020
Versteinerte Bäume im Thüringer Wald: Forscherteam entschlüsselt fossile Mikrowelten
Paläontologen des Museums für Naturkunde Chemnitz und der TU Bergakademie Freiberg führen aktuell in Manebach bei Ilmenau wissenschaftliche Grabung...
21.09.2020
Auch Schimpansen leiden ein Leben lang, wenn sie im Kindesalter die Mutter verlieren
Der Tod eines Elternteils ist für ein Kind traumatisch und Waisenkinder leiden häufig für den Rest ihres Lebens unter diesem Verlust – ein verzö...
21.09.2020
Älteste Spermien der Welt
In einem Bernstein entdeckte ein internationales Team von Paläontologen im Inneren eines weiblichen Muschelkrebses 100 Millionen Jahre alte Riesenspe...
17.09.2020
Schimpansenverhalten und -kultur sind in variabler Umwelt am vielfältigsten
Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie und dem Deutschen Zentrum für integrat...
15.09.2020
Weinpresse aus der Eisenzeit gibt Aufschluss über Bautechnik der Phönizier
Forschungsteam der Universität Tübingen entdeckt seltenen Nachweis der frühen Weinherstellung an der Ausgrabungsstätte Tell el-Burak im Libanon.
09.09.2020
Die älteste Neandertaler-DNA Mittelosteuropas
Ein internationales Team berichtet in einer neuen Studie über das älteste mitochondriale Genom eines Neandertalers aus Mittelosteuropa. Das aus eine...
09.09.2020
Das letzte Zucken der Eiszeit
Ein internationales Team von Forschenden blickt präzise wie nie in das Ende der letzten Eiszeit. Wann und wo genau die Jüngere Dryaszeit begann und ...
03.09.2020
Milchverträglichkeit hat sich in wenigen Tausend Jahren in Mitteleuropa verbreitet
Paläogenetiker der Johannes Gutenberg-Universität Mainz finden nur in wenigen Knochen vom bronzezeitlichen Schlachfeld an der Tollense Hinweise auf ...
03.09.2020
Himmelsscheibe von Nebra wird neu datiert
Bisher galt die Himmelsscheibe von Nebra als frühbronzezeitlich und damit als älteste Himmelsdarstellung der Welt. Archäologen der Goethe-Universit...
03.09.2020
Künstliche Intelligenz hilft in der Archäologie
Künstliche Intelligenz ist besser als bisherige Softwareanwendungen in der Lage, den Ursprung archäologischer Funde aus naturwissenschaftlichen Unte...
26.08.2020
Bronzezeit: Fremde Ernährungstraditionen in Europa
Nicht nur Metalle, hierarchische Gesellschaften und befestigte Siedlungen: In der Bronzezeit beeinflusste auch ein neues Lebensmittel die ökonomische...
26.08.2020
Wie sich Neandertaler an das Klima anpassten
Klimaveränderungen kurz vor ihrem Verschwinden lösten bei den späten Neandertalern in Europa eine komplexe Verhaltensänderung aus: Sie entwickelte...
17.08.2020
Radiokarbonuhr zur C-14 Datierung neu geeicht
Die Radiokarbondatierung wird genauer als je zuvor: Als Teil eines internationales Forschungsteam trug die Universität Hohenheim dazu bei die Technik...
06.08.2020
Langer Hals half Saurier bei Unterwasserjagd
Sein Hals bestand aus dreizehn extrem verlängerten Wirbeln und war dreimal so lang wie sein Rumpf: Der Giraffenhalssaurier Tanystropheus lebte vor 24...
06.08.2020
Ein Riesenkranich aus dem Allgäu
Forschungsteam beschreibt rund elf Millionen Jahre alten Vogelschädel von der Fundstelle Hammerschmiede als frühesten Nachweis eines großen Kranich...
04.08.2020
Jonah’s Mausmaki: Internationales Forscherteam entdeckt in Madagaskar neue Primatenart
Ein Zusammenschluss von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus sechs Ländern hat in Madagaskar eine neue Mausmaki-Art entdeckt. Das Forscherte...