Populationsgeschichte der Hunde deckt sich nur teilweise mit der des Menschen

Presseldung vom 30.10.2020


Wissenschaftler haben die Genome von bis zu 10.900 Jahre alten Hunden untersucht und zeigen, dass die Populationsgeschichte der prähistorischen Hunde sich nur teilweise mit der des Menschen deckt.

Hunde waren die ersten Tiere, die vom Menschen domestiziert wurden und begleiten uns seit mindestens 15 000 Jahren. Trotz dieser langen gemeinsamen Zeit ist bis heute nur wenig darüber bekannt, wie sich verschiedene Hunde-Populationen über den Globus verbreiteten – und ob und in welchem Ausmaß dies mit der Besiedlungsgeschichte des Menschen zusammenhängt.


Jagdhunde im Pamir-Gebirge

Publikation:


Anders Bergström et al.
Origins and Genetic Legacy of Prehistoric Dogs
Science, 30 Oct 2020: Vol. 370, Issue 6516, pp. 557-564

DOI: 10.1126/science.aba9572



Im Rahmen einer groß angelegten internationalen Kooperation ist Wissenschaftlern nun ein entscheidender Fortschritt gelungen: „Wir konnten mithilfe genetischer Analysen die Populationsgeschichte prähistorischer Hunde rekonstruieren und ihre Verknüpfung mit derjenigen des Menschen untersuchen“, sagt Laurent Frantz, Professor für Paläogenomik der Haustiere an der LMU und einer der Hauptautoren der Studie.

Insgesamt sequenzierten die Forscher 27 bis zu 10.900 Jahre alte Hundegenome aus Europa, dem Nahen Osten und Sibirien. Ihre Ergebnisse zeigen, dass es schon vor 11.000 Jahren größere Populationen gegeben haben muss, die bereits in verschiedene Abstammungslinien diversifiziert waren. „Eine der größten Überraschungen für mich war, dass wir nur einen geringen Genfluss von Wölfen zu Hunden gefunden haben“, erzählt Frantz. „Die wilden Vorfahren der Hunde haben nach der ersten Domestikation demnach kaum noch Spuren in deren Erbgut hinterlassen.“ Frantz spekuliert, dass dies möglicherweise mit einer starken Selektion gegen – eventuell aggressivere – Wolfsmischlinge zusammenhängt.

Um Zusammenhänge zwischen der Populationsgeschichte des Hundes und derjenigen des Menschen zu untersuchen, verglichen die Forscher die Hundegenome mit menschlichen genetischen Datensätzen, die bezüglich Alter, geographischer Herkunft und kulturellem Kontext vergleichbar waren. Dabei fanden sie, dass bestimmte Aspekte beider Populationsgeschichten übereinstimmen. So wurden etwa die ersten Bauern, die während der neolithischen Expansion von der Levante aus nach Europa und Afrika wanderten, wohl von ihren Hunden begleitet. Diese mischten sich dann mit ortsansässigen Hunden.

Ausgestorbene Wolfsart

In anderen Fällen dagegen passen die Migrationsmuster von Mensch und Hund nicht unbedingt zusammen: Die Einwanderung von Steppenvölkern aus dem Osten während der Bronzezeit etwa brachte nicht nur einen dramatischen kulturellen Umschwung, sie hat auch in den Genen der bronzezeitlichen Europäer deutliche Spuren hinterlassen – nicht aber in denen ihrer Hunde. Mögliche Gründe für die Diskrepanzen sehen die Forscher etwa in Handel, Präferenzen für bestimmte Hundearten, unterschiedlichen Anfälligkeiten für Infektionskrankheiten oder dem Wechsel der Hunde von einer menschlichen Gruppe zu einer anderen.

Wann, wo und wie oft der Wolf vom Menschen domestiziert wurde, ist immer noch umstritten. „Unsere Daten unterstützen die These, dass Hunde nur einmal domestiziert wurden und sich dann gemeinsam mit den Menschen ausbreiteten“, sagt Frantz. An welchem Ort die erste Domestikation erfolgte, ist nach Ansicht der Forscher eine nach wie vor ungelöste Frage und erfordert noch weitere Untersuchungen.


Diese Newsmeldung wurde mit Material der Ludwig-Maximilians-Universität München via Informationsdienst Wissenschaft erstellt


Diese Artikel könnten dir auch gefallen



Die letzten News


Knochen des Tages
RUD 1
RUD 1

Dryopithecus brancoi

Elemente: L. MAN (P4-M3)

,

02.03.2021
Wie sind Hunde nach Amerika gekommen?
Forscher analysierten das mitochondriale Genom des Hundes und kamen zu dem Schluss, dass das Tier zu einer Linie von Hunden gehörte, deren Entwicklungsgeschichte bereits vor 16.700 Jahren von der der sibirischen Hunde abwich.
18.02.2021
Neandertaler-Gene und Covid-19 Verläufe
Letztes Jahr entdeckten Forscher, dass wir den wichtigsten genetischen Risikofaktor für einen schweren Verlauf der Krankheit Covid-19 vom Neandertaler geerbt haben.
29.01.2021
Als Flüsse durch eine grüne Sahara flossen
Große Teile der heutigen Sahara-Wüste waren vor Tausenden von Jahren grün.
29.01.2021
Beweglicher Daumen ebnete den Weg zur menschlichen Kultur
Präzise Greifen und grazilere Werkzeuge herstellen: Vor rund zwei Millionen Jahren verschaffte ihre bessere Feinmotorik den ersten Menschen einen evolutionären Vorteil
23.01.2021
Befreundete Schimpansen kämpfen gemeinsam gegen Rivalen
Menschen kooperieren in großen Gruppen miteinander, um Territorien zu verteidigen oder Krieg zu führen.
21.01.2021
Über 18.000 Funde: Forschungsgrabung in Untermaßfeld abgeschlossen
Seit vier Jahrzehnten wird in der thüringischen Wirbeltierfundstelle Untermaßfeld regelmäßig ausgegraben.
21.01.2021
Was das Genom des Lungenfischs über die Landeroberung der Wirbeltiere verrät
Das vollständig sequenzierte Genom des Australischen Lungenfisches ist das größte sequenzierte Tiergenom und hilft, den Landgang der Wirbeltiere besser zu verstehen – Evolutionsbiologen der Universität Konstanz sind maßgeblich beteiligt
21.01.2021
Alte DNA gibt Aufschluss über die Besiedlung der Marianeninseln
Im Vergleich zur Erstbesiedlung Polynesiens hat die Besiedlung der Marianen im Westpazifik vor etwa 3.500 Jahren bisher nur wenig Beachtung gefunden.
21.01.2021
Asiatische Gewürze erreichten den Mittelmeerraum vor mehr als 3000 Jahren
Der LMU-Archäologe Philipp Stockhammer fand Hinweise über asiatische Gewürze wie Kurkuma und Früchte wie die Banane im Mittelmeerraum schon viel früher als bislang gedacht.
10.12.2020
Fossilien zeigen Folgen der Ozeanerwärmung auf
Forschende aus Berlin und Großbritannien haben die ökologischen Auswirkungen einer raschen und ungewöhnlich intensiven Phase der Klimaerwärmung während der Jurazeit vor etwa 182 Millionen Jahren auf die Meeresfauna erforscht.
03.12.2020
Das älteste “Ortsnamenschild” der Welt
Wissenschaftler der Universität Bonn haben zusammen mit dem Ägyptischen Antikenministerium das älteste Ortsnamenschild der Welt entschlüsselt.
30.11.2020
Der Popa-Langur: ein neu entdeckter Affe aus Asien
Erbgutanalysen, unter anderem an hundert Jahre altem Museumsexemplar, erlauben Einblick in die Evolutionsgeschichte der Haubenlanguren.
25.11.2020
Treue Paare im Regenwald
Rote Springaffen verzichten auf Seitensprünge.
24.11.2020
Manche mögen‘s heiß: Globale Erwärmung als Motor für Evolution der Langhalssaurier
Ein internationales Paläontologen-Team, zu dem auch SNSB-Forscher Oliver Rauhut gehört, findet Belege für einen raschen Klimawandel vor 180 Millionen Jahren als Ursache für die Ausbreitung der weithin bekannten Langhalssaurier (Sauropoden).
03.11.2020
Neanderthaler-Mütter stillten nach fünf bis sechs Monaten ab
Als Grund für das Aussterben der Neanderthaler vermuten einige Forscher, dass die damaligen Mütter ihre Säuglinge lange stillten und die Säuglinge so nicht früh genug vielfältige Nährstoffe für eine Höherentwicklung des Gehirns erhielten.
31.10.2020
Populationsgeschichte der Hunde deckt sich nur teilweise mit der des Menschen
Wissenschaftler haben die Genome von bis zu 10.900 Jahre alten Hunden untersucht und zeigen, dass die Populationsgeschichte der prähistorischen Hunde sich nur teilweise mit der des Menschen deckt.
30.10.2020
Denisovaner-DNA im Erbgut früher Ostasiaten
Forschende des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie und der Mongolischen Akademie der Wissenschaften haben das Genom des ältesten menschlichen Fossils, das bis jetzt in der Mongolei gefunden wurde, analysiert: Die 34.000 Jahre alte Frau hatte rund 25 Prozent ihrer DNA von Westeurasiern geerbt.
24.10.2020
Bissspuren und ausgefallene Zähne bringen Licht ins Fressverhalten von Dinosauriern
Forscherteam der Universität Tübingen untersucht 160 Millionen Jahre alten Fressplatz im Nordwesten Chinas.
22.10.2020
Kognitive Bausteine der Sprache existierten schon vor 40 Millionen Jahren
Nicht nur Menschen, sondern auch Affen und Menschenaffen erkennen Regeln in komplexen sprachlichen Konstruktionen. Dies haben Sprachwissenschaftler durch Experimente mit einer künstlichen Grammatik herausgefunden. Daraus lässt sich schliessen, dass diese Fähigkeit auf gemeinsame Vorfahren zurückgeht.
21.10.2020
Mehr noch als Fleisch und Milch
Stabile Isotopendaten von Menschen- und Tierknochen zeigen eine sehr effektive Nutzung des vielfältigen Nahrungsangebots im nördlichen Kaukasus und den vorgelagerten Steppen durch bronzezeitliche Viehhalter im heutigen Süden Russlands.
18.10.2020
Madagaskar: Mensch und Klima verursachten Massenaussterben
Die gesamte endemische Megafauna Madagaskars und der östlich davon gelegenen Inselkette der Maskarenen, zu der Mauritius und Rodrigues zählen, wurde im vergangenen Jahrtausend ausgerottet.
17.10.2020
Chemische Evolution - Am Anfang war der Zucker
Der Ursprung allen Lebens liegt in organischen Molekülen. Doch wie sind diese aus anorganischen Stoffen entstanden? Der LMU-Chemiker Oliver Trapp berichtet über einen Reaktionsweg, bei dem sich Zucker an Mineralien ohne Wasser bilden.
14.10.2020
Der moderne Mensch kam auf Umwegen nach Europa
Klimatische Bedingungen leiteten die geographische Ausbreitung von Homo sapiens in der Levante vor 43.000 Jahren.
12.10.2020
Reiter wetteiferten vor 3000 Jahren um die ältesten Lederbälle Eurasiens
Wissenschaftler haben in Gräbern von Reitern in Nordwest-China die ältesten Bälle Eurasiens untersucht.
08.10.2020
Forscher rekonstruieren Käfer aus der Kreidezeit
Ein internationales Forscherteam hat vier neu gefundene Exemplare der fossilen Käfer Mysteriomorphidae mithilfe der Computertomographie untersucht und weitestgehend rekonstruieren können. Die Ergebnisse lassen Rückschlüsse auf die Evolution der Arten während der Kreidezeit zu.