Langer Hals half Saurier bei Unterwasserjagd

Presseldung vom 06.08.2020


Sein Hals bestand aus dreizehn extrem verlängerten Wirbeln und war dreimal so lang wie sein Rumpf: Der Giraffenhalssaurier Tanystropheus lebte vor 242 Millionen Jahren und hat mit seinem bizarren Körperbau schon viele Paläontologen ins Grübeln gebracht. Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung der Universität Zürich zeigt nun, dass das Reptil im Wasser lebte und überraschend anpassungsfähig war.

Seit über 150 Jahren rätseln Paläontologen über die Lebensweise von Tanystropheus und die Funktion seines merkwürdig überdimensionierten Halses. Einige behaupten, dass das Tier hauptsächlich im Wasser lebte, andere sehen in ihm ein Landtier. Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung der Universität Zürich hat nun den Schädel von Tanystropheus in einem bisher unbekanntem Detailreichtum rekonstruiert und konnte so neue Erkenntnisse über seine Lebensweise und Entwicklung gewinnen. Die Wissenschaftler nutzten dafür das sogenannte SRμCT-Verfahren (synchrotron radiation micro-computed tomography), eine extrem leistungsfähige Form der Computertomografie.


Der Hals von "Tanystropheus" bestand aus dreizehn extrem verlängerten Wirbeln und war dreimal so lang wie sein Rumpf.

Publikation:


Spiekman Stephan N.F. et al.
Aquatic Habits and Niche Partitioning in the Extraordinarily Long-Necked Triassic Reptile Tanystropheus
Current Biology. 6 August 2020

DOI: 10.1016/j.cub.2020.07.025



Beute wird aus dem Hinterhalt angegriffen

In der fast vollständigen 3D-Rekonstruktion, welche die Forschenden mithilfe von Scans eines stark zertrümmerten Fossils erstellten, zeigt sich, dass der Schädel von Tanystropheus mehrere deutliche Anpassungen an das Leben im Wasser aufweist. Die Nasenlöcher befinden sich auf der Oberseite der Schnauze, ähnlich wie bei heutigen Krokodilen. Die Zähne sind lang und gebogen, perfekt angepasst, um glitschige Beute wie Fische und Tintenfische zu fangen. Im Gegensatz dazu fehlen an Gliedmassen und Schwanz sichtbare hydrodynamische Anpassungen, was darauf schliessen lässt, dass Tanystropheus kein besonders effizienter Schwimmer war. «Wahrscheinlich jagte er, indem er langsam durchs trübe Wasser schwamm und sich seiner Beute heimlich näherte», sagt Erstautor und UZH-Paläontologe Stephen Spiekman. «Sein kleiner Kopf und der sehr lange Hals halfen ihm, möglichst lange verborgen zu bleiben.»

Grosse und kleine Art existierten nebeneinander

Überreste von Tanystropheus wurden vor allem auf dem Monte San Giorgio an der Grenze zwischen der Schweiz und Italien gefunden – einem Ort, der aufgrund seiner Fossilien zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt wurde. Von diesem Fundort sind zwei Arten von Tanystropheus-Fossilien bekannt: eine kleine und eine grosse. Sie wurden bisher als Jungtiere und Erwachsene derselben Art betrachtet.


Nasenlöcher auf der Oberseite der Schnauze und lange gebogene Zähne, um glitschige Beute zu fangen: Der Schädel von "Tanystropheus hydroides" (grosse, neu benannte Art) weist Anpassungen an das Leben im Wasser auf.

Die aktuelle Studie widerlegt diese Interpretation nun aber. Denn der neu rekonstruierte Schädel, der von einem grossen Expemplar stammt, unterscheidet sich deutlich von den bereits bekannten kleineren Schädeln – vor allem im Gebiss. Um festzustellen, ob die kleinen Fossilien tatsächlich von Jungtieren stammten, untersuchten die Forschenden Querschnitte von Knochen der kleineren Tanystropheus-Art. Dabei stiessen sie auf zahlreiche Wachstumsringe. Diese bilden sich, wenn das Knochenwachstum drastisch verlangsamt wird. «Aufgrund der Anzahl und Verteilung der Wachstumsringe schliessen wir, dass es sich beim kleineren Typ nicht um junge, sondern um ausgewachsene Tiere handelte», sagt Letztautor Torsten Scheyer. «Die kleinen Fossilien sind also eine separate, kleinere Art von Tanystropheus.»

Spezialisierung auf unterschiedliche Nahrungsquellen

Laut den Spiekman haben sich diese beiden eng verwandten Arten evolutionär ausdifferenziert, um in derselben Umgebung unterschiedliche Nahrungsquellen zu nutzen: «Die kleinen Arten ernährten sich wahrscheinlich von kleinen Schalentieren wie Krabben, während die grossen Arten Jagd auf Fische und Tintenfische machten.» Für den Paläontologen ist dies ein bemerkenswerter Befund: «Wir gingen davon aus, dass der bizarre Hals von Tanystropheus ähnlich wie bei der Giraffe auf eine spezifische Aufgabe zugeschnitten war. Tatsächlich liess er offenbar aber unterschiedliche Lebensweisen zu.»




Diese Newsmeldung wurde mit Material der Universität Zürich via Informationsdienst Wissenschaft ertellt


Diese Artikel könnten dir auch gefallen



Die letzten News


Knochen des Tages
ARA-VP-6-799
ARA-VP-6-799

Pliopapio alemui

Elemente: R. LM3

Middle Awash, Äthiopien

25.09.2020
Vor 120.000 Jahren: Älteste sicher datierte Nachweise von Menschen auf der arabischen Halbinsel
Unter Verwendung hochauflösender paläoökologischer Informationen, die aus versteinerten Fußabdrücken gewonnen wurden, präsentiert eine neue, in ...
25.09.2020
Neandertaler haben männliches Geschlechtschromosom vom modernen Menschen übernommen
Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung von Martin Petr und Janet Kelso vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipz...
21.09.2020
Versteinerte Bäume im Thüringer Wald: Forscherteam entschlüsselt fossile Mikrowelten
Paläontologen des Museums für Naturkunde Chemnitz und der TU Bergakademie Freiberg führen aktuell in Manebach bei Ilmenau wissenschaftliche Grabung...
21.09.2020
Auch Schimpansen leiden ein Leben lang, wenn sie im Kindesalter die Mutter verlieren
Der Tod eines Elternteils ist für ein Kind traumatisch und Waisenkinder leiden häufig für den Rest ihres Lebens unter diesem Verlust – ein verzö...
21.09.2020
Älteste Spermien der Welt
In einem Bernstein entdeckte ein internationales Team von Paläontologen im Inneren eines weiblichen Muschelkrebses 100 Millionen Jahre alte Riesenspe...
17.09.2020
Schimpansenverhalten und -kultur sind in variabler Umwelt am vielfältigsten
Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie und dem Deutschen Zentrum für integrat...
15.09.2020
Weinpresse aus der Eisenzeit gibt Aufschluss über Bautechnik der Phönizier
Forschungsteam der Universität Tübingen entdeckt seltenen Nachweis der frühen Weinherstellung an der Ausgrabungsstätte Tell el-Burak im Libanon.
09.09.2020
Die älteste Neandertaler-DNA Mittelosteuropas
Ein internationales Team berichtet in einer neuen Studie über das älteste mitochondriale Genom eines Neandertalers aus Mittelosteuropa. Das aus eine...
09.09.2020
Das letzte Zucken der Eiszeit
Ein internationales Team von Forschenden blickt präzise wie nie in das Ende der letzten Eiszeit. Wann und wo genau die Jüngere Dryaszeit begann und ...
03.09.2020
Milchverträglichkeit hat sich in wenigen Tausend Jahren in Mitteleuropa verbreitet
Paläogenetiker der Johannes Gutenberg-Universität Mainz finden nur in wenigen Knochen vom bronzezeitlichen Schlachfeld an der Tollense Hinweise auf ...
03.09.2020
Himmelsscheibe von Nebra wird neu datiert
Bisher galt die Himmelsscheibe von Nebra als frühbronzezeitlich und damit als älteste Himmelsdarstellung der Welt. Archäologen der Goethe-Universit...
03.09.2020
Künstliche Intelligenz hilft in der Archäologie
Künstliche Intelligenz ist besser als bisherige Softwareanwendungen in der Lage, den Ursprung archäologischer Funde aus naturwissenschaftlichen Unte...
26.08.2020
Bronzezeit: Fremde Ernährungstraditionen in Europa
Nicht nur Metalle, hierarchische Gesellschaften und befestigte Siedlungen: In der Bronzezeit beeinflusste auch ein neues Lebensmittel die ökonomische...
26.08.2020
Wie sich Neandertaler an das Klima anpassten
Klimaveränderungen kurz vor ihrem Verschwinden lösten bei den späten Neandertalern in Europa eine komplexe Verhaltensänderung aus: Sie entwickelte...
17.08.2020
Radiokarbonuhr zur C-14 Datierung neu geeicht
Die Radiokarbondatierung wird genauer als je zuvor: Als Teil eines internationales Forschungsteam trug die Universität Hohenheim dazu bei die Technik...
06.08.2020
Langer Hals half Saurier bei Unterwasserjagd
Sein Hals bestand aus dreizehn extrem verlängerten Wirbeln und war dreimal so lang wie sein Rumpf: Der Giraffenhalssaurier Tanystropheus lebte vor 24...
06.08.2020
Ein Riesenkranich aus dem Allgäu
Forschungsteam beschreibt rund elf Millionen Jahre alten Vogelschädel von der Fundstelle Hammerschmiede als frühesten Nachweis eines großen Kranich...
04.08.2020
Jonah’s Mausmaki: Internationales Forscherteam entdeckt in Madagaskar neue Primatenart
Ein Zusammenschluss von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus sechs Ländern hat in Madagaskar eine neue Mausmaki-Art entdeckt. Das Forscherte...
31.07.2020
Bisher älteste Bissspuren von Säugetieren auf Dinosaurierknochen entdeckt
Forschungsteam der Universität Tübingen belegt, dass kleine Säuger aus dem Nordwesten Chinas vor 160 Millionen Jahren Aas nicht verschmähten.
30.07.2020
Wie die Landwirtschaft ins Ammertal einzog
Forschungsprojekt erstellt geoarchäologisches Archiv der ersten Mensch-Umwelt Interaktionen in Tübinger Region: Landschaft wandelte sich vom Feuchtg...
30.07.2020
55 Millionen Jahre altes Skelett einer Eule
Senckenberg-Wissenschaftler Gerald Mayr hat mit Kollegen aus Belgien und den USA eine neue fossile Eulenart beschrieben. Das Skelett von Primoptynx po...
25.07.2020
Kluge Köpfe entwickeln geschickte Hände
Affenarten mit grossen Gehirnen beherrschen schwierigere Handgriffe als solche mit kleinen Hirnen. Doch das Erlernen feinmotorischer Fähigkeiten wie ...
25.07.2020
Neandertaler besaßen niedrigere Schmerzschwelle
Schmerz wird durch spezielle Nervenzellen übertragen, die aktiviert werden, wenn potenziell schädliche Einflüsse auf verschiedene Teile unseres Kö...
20.07.2020
Werkzeug-Satz aus Elfenbein
Meißel aus Mammutstoßzähnen wurden vor 38.000 Jahren multifunktional eingesetzt – Archäologen der Universität Tübingen präsentieren im Urgesc...
16.07.2020
Schwanz wog zweieinhalb Tonnen
Ein Forscherteam unter der Leitung von Verónica Díez Díaz, Postdoktorandin an der Humboldt-Universität zu Berlin und dem Museum für Naturkunde Be...