Ein neues Fossil bringt die Evolution der Feuchtnasenaffen durcheinander

Presseldung vom 12.12.2013


Djebelemur könnte mehrere Hypothesen über den Ursprung der Strepsirrhini über den Haufen werfen

Ein tunesisch-französisches Forscherteam vom Office National des Mines in Tunis und dem Institut des Sciences de l'Evolution in Montpellier hat Fossilien eines Feuchtnasenaffen - das sind Primaten mit einem Zahnkamm - entdeckt, die nun mehrere Hypothesen über den Ursprung der madagassischen Lemuren, der afro-asiatischen Loris und der afrikanischen Galagos über den Haufen werfen könnten. Die Fossilien gehören zu einem kleinen Primaten, genannt Djebelemur, der vor rund 50 Millionen Jahren lebte.

Nach Angaben der Paläontologen war Djebelemur eine Übergangsform, die schließlich zu der Linie der Primaten mit einem Zahnkamm führte. Allerdings soll diese Gruppe von Primaten - laut genetischer Analysen - schon mindestens 15 Millionen Jahre vor Djebelemur existiert haben. Djebelemur fordert nun die Hypothesen der Molekularbiologie heraus. Die Arbeit des französisch-tunesischen Teams, die gerade in PLoS One veröffentlicht wurde, macht es nun möglich, ein Kapitel in der Evolutionsgeschichte dieser Linie zu rekonstruieren. Darüber hinaus könnte die Studie helfen, genetische Modelle weiter zu verfeinern.

Bei diesem Indri kann man den charakteristischen Zahnkamm im Unterkiefer gut sehen

Zur Gruppe der Primaten mit einem Zahnkamm, auch Strepsirrhini genannt, gehören Lemuren, Loris und Galagos. Bei diesen Primaten haben die vorderen Zähne des Unterkiefers die Form eines Kammes. Diese anatomische Besonderheit dient den Tieren vor allem zur Fellpflege, einige Arten setzen sie aber auch bei der Nahrungssuche ein, vor allem nach Baumharzen, die einen Teil ihrer Ernährung ausmachen.

Ein zentrales Thema, das von Primatologen und Paläontologen heftig diskutiert wird, ist der Zeitpunkt, wann strepsirrhine Primaten zum ersten Mal die Weltbühne betraten. Neuere genetische Daten scheinen den Ursprung der Lemuren und Loris zurück auf den Beginn des Tertiärs zu verlegen, kurz nach dem Verschwinden der Dinosaurier vor rund 65 Millionen Jahren. Einige Molekularbiologen glauben sogar, dass die Divergenz der beiden Gruppen bereits vor 80 Millionen Jahren stattgefunden haben muß. Allerdings können paläontologische Daten diese Hypothesen nicht bestätigen, denn das älteste bekannte Fossil eines lorisiformen Primaten ist nur 37 Millionen Jahre alt. Könnte diese Diskrepanz einfach auf eine Lücke im Fossilienbestand zurückzuführen sein? Die von den französischen und tunesischen Forschern entdeckten Fossilien deuten in eine andere Richtung: es sind die genetischen Modelle, die möglicherweise überarbeitet werden müssen.

Die rund 50 Millionen Jahre alten Fossilien wurden in den Sedimenten eines ehemaligen Sees im Djebel Chambi Nationalpark in Tunesien entdeckt und gehören zu einem kleinen Primaten, den man als Djebelemur (Lemur des Djebel) bezeichnet. Djebelemur wog kaum 70 g und war sicherlich ein nachtaktiver Baumbewohner, der sich von Insekten ernährte. Einige seiner morphologischen Merkmale deuten darauf hin, dass er ein entfernter Verwandter von heute lebenden Lemuren, Loris und Galagos war. Obwohl Djebelemur noch nicht über einen derart spezialisierten Zahnkamm wie seine heutigen Verwandten verfügte, zeigt seine Zahnstruktur aber bereits eine Transformation, die auf ein ein frühes Stadium zur Entwicklung der unteren Frontzähne heutiger Strepsirrhini hinweist.

Somit scheint Djebelemur eine Übergangsform zu sein, die vor der Zeit der Divergenz der Lemuriformes und Lorisiformes lebte. Daher sind Primaten mit einem Zahnkamm wahrscheinlich nicht so früh entstanden, wie von Molekularbiologen behauptet wird - wahrscheinlich vor weniger als 50 Millionen Jahren - genau das Alter des fossilen Djebelemur.

Dies ist nicht das erste Mal, dass genetische Daten nicht mit paläontologischen Daten übereinstimmen. Bei vielen Gruppen von Säugetieren neigen Genetiker dazu, den Ursprung von Arten zu weit in die Vergangenheit zu verlegen, obwohl die direkte Analyse von Fossilien eine andere Sprache spricht. Die Molekularbiologie versucht immer ihre Modelle unter zuhilfenahme von fossilen Daten zu verfeinern. Im Falle der Entstehung von Primaten mit Zahnkamm könnte Djebelemur sich als ein bedeutender Meilenstein erweisen, der es es möglich macht, die molekulare Uhr zurückzusetzen und Divergenz-Schätzungen, die aus der molekularen Phylogenie abgeleitet sind, zu verbessern.


Diese Newsmeldung wurde mit Material von Science Daily erstellt


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