Dem Vergessen entrissen – 57 Jura-Muschelarten in fränkischer Tongrube entdeckt

Presseldung vom 14.07.2020


Paläontologen der Bayerischen Staatssammlung für Paläontologie und Geologie (SNSB-BSPG) in München und der Universität Erlangen untersuchten 7.000 Muschelfossilien aus einer Tongrube in Buttenheim, Franken. Allein aus dieser Fundstelle konnten die Forscher 57 verschiedene Muschelarten aus der Unteren Jura-Zeit (185 Mio. Jahre) bestimmen. Bei zwei dieser Muschelarten handelt es sich sogar um bisher unbekannte, neue Arten.

Die Schwäbisch-Fränkische Alb besteht aus Gesteinen der Jurazeit (ca. 200-145 Mio. Jahre), die durch ihren Reichtum an Fossilien weltberühmt geworden sind. Im Abbau befindliche Tongruben und Steinbrüche sind dort für Paläontologen die wichtigsten Lieferanten von Fossilien. Sie sammeln dort regelmäßig, um diese Schätze zu bergen, bevor sie zu Schotter, Zement, oder – wie in der Tongrube Buttenheim in Oberfranken – zu Blähtonkügelchen verarbeitet werden. Ein Paläontologen-Team um Prof. Alexander Nützel, Kurator an der Bayerischen Staatssammlung für Paläontologie und Geologie (SNSB-BSPG) hat nun die etwa 185 Millionen Jahre (Unterer Jura) alte, artenreiche Muschelfauna aus der Tongrube Buttenheim analysiert.


Die neue Muschelart Nicaniella schoberti erreicht eine maximale Größe von nur 2mm. Solch kleine Arten können nur durch Schlämmen und Sieben des Tons gefunden werden.

Publikation:


Karapunar, B., Werner, W., Fürsich, F. T. & Nützel, A.
Taxonomy and palaeoecology of the Early Jurassic (Pliensbachian) bivalves from Buttenheim, Franconia (Southern Germany)
Palaeontographica Abteilung A 318: 1–127

DOI: 10.1127/pala/2020/0098



Ihre detaillierte Beschreibung der Fossilien veröffentlichten die Forscher nun in der Fachzeitschrift Palaeontographica. Mit 57 Arten von Meeresmuscheln aus einer einzigen Fundstelle gehört diese Fauna zu den artenreichsten, die aus der Zeit des Unteren Jura weltweit bekannt sind. Die Wissenschaftler untersuchten rund 7.000 Muschelexemplare, die hauptsächlich von einem Hobbysammler über viele Jahre hinweg zusammengetragen wurden und nun an der SNSB-BSPG ein Zuhause fanden. Die Firma Liapor betreibt die Tongrube bei Buttenheim und ermöglicht durch Sammelgenehmigungen die optimale Zusammenarbeit von Bürgern, Wirtschaft und Wissenschaftlern.

Muscheln aus dem Fränkischen Jura sind an der Bayerischen Staatssammlung für Paläontologie und Geologie seit langem gut untersucht. So beherbergt die BSPG die historische Sammlung fränkischer Jura-Fossilien des Grafen zu Münster aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Trotz der umfangreichen Kenntnis der fränkischen Jura-Muscheln an der BSPG entdeckte der Erstautor der Studie, Baran Karapunar, im Rahmen seiner Master-Arbeit an der Ludwig-Maximilians-Universität München überraschend Neues: Unter den Muschelfossilien aus der Buttenheimer Tongrube konnten zwei neue Gattungen (Paracuspidaria, Eothyasira) und zwei neue Arten (Rollieria franconica sp. nov., Nicaniella schoberti sp. nov.) identifiziert werden.


Ryderia doris, eine charakteristische Muschel der Buttenheim-Fauna. Sie lebte im Meeresboden eingegraben und besaß lang ausgezogene röhrenartige Fortsätze, über die sie Kleinstorganismen aus dem Meer filtrierte.

Außerdem ließen sich aufgrund der hervorragenden Erhaltung der Fossilien nun einige Arten viel detaillierter beschreiben sowie stammesgeschichtlich und ökologisch exakter einordnen. Zusammen mit weiteren Fossilien aus der Tongrube Buttenheim, wie etwa Schnecken und Seelilien, zeichnet sich nun ein immer lebendigeres Bild der Lebensverhältnisse im fränkischen Jurameer vor 185 Millionen Jahren ab. Die Muscheln lebten in und auf dem schlammigen Meeresboden. Sie filterten Nahrung aus dem Meerwasser oder pipettierten die nahrungsreiche Oberfläche des Meeresbodens ab. Einige lebten auch in Symbiose mit Bakterien, um sauerstoffarme Phasen im Meeresboden zu überstehen. Eine Art wurde regelmäßig von einem noch unbekannten Räuber angebohrt, was zu jener Zeit noch eine Seltenheit darstellte.




Diese Newsmeldung wurde mit Material des Staatliche Naturwissenschaftliche Sammlungen Bayerns via Informationsdienst Wissenschaft ertellt


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