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Archicebus achilles - ein 55 Millionen Jahre alter Primat

News vom 10.06.2013

Ein internationales Team von Forschern hat die Entdeckung des ältesten fossilen Primaten in der Zeitschrift Nature bekanntgegeben.

Das Skelett gehört offensichtlich zu keiner der bekannten Gattungen und so nannten die Forscher den neuen Primaten Archicebus achilles. Das Fossil wurde in alten Seeablagerungen mitten in China gefunden, genauer: in der Provinz Hubei in der Nähe des Flusses Yangtze. Abgesehen davon, dass Archicebus achilles der älteste bekannte Primat ist, haben seine Überreste entscheidend zur Lösung eines zentralen Problems in der Primaten- und Humanevolution beigetragen: wie kam es zur Entwicklung von zwei getrennten Evolutionslinien, die einerseits zu den heutigen Affen, Menschenaffen und Menschen führten (den Anthropoidea) und andererseits zu den Tarsiern, den heute lebenden Koboldmakis.

Das Fossil wurde in sedimentären Gesteinsschichten eines alten Sees gefunden, der sich vor rund 55 Millionen Jahren während der ersten Hälfte des Eozäns in der Fundgegend befand. Das Eozän war eine Zeit, in der klimatische Bedingungen wie in einem Treibhaus vorherrschten und große Teile der Erde bis hinauf in nördliche Breiten von tropischen Regenwäldern bedeckt waren. Wie viele andere Fossilien in alten Seeablagerungen wurde Archicebus entdeckt, als man dünne Gesteinsplatten aufspaltete. Es gibt von Archicebus daher zwei Teile - gewissermaßen ein Positiv und ein Negativ - beide sowohl mit Elementen des Skeletts selbst als auch mit Eindrücken von Knochen.

Die internationalen Wissenschaftler, die das Skelett von Archicebus untersuchten, wurden von Dr. Xijun Ni vom Institut für Wirbeltierpaläontologie und Paläoanthropologie (IVPP) an der Chinesischen Akademie der Wissenschaften in Peking angeführt. Ni's Mitarbeiter bei den Studien waren Dr. Christopher Beard vom Carnegie Museum of Natural History in Pittsburgh, Dr. Daniel Gebo von der Northern Illinois University, Dr. Marian Dagosto der von der Northwestern University in Chicago, Dr. Jin Meng und Dr. John Flynn vom American Museum of Natural History in New York und Dr. Paul Tafforeau von der European Synchrotron Radiation Facility (ESRF) in Grenoble, Frankreich.

Um das gesamte Fossil so gründlich wie möglich untersuchen zu können, wurde es am ESRF mittels Röntgenstrahlen in der höchstmöglichen Auflösung gescannt und dreidimensional rekonstruiert. Solche virtuellen Rekonstruktion erlauben es Wissenschaftlern, Details auch der kleinsten Knochen zu studieren, ohne ein zerbrechliches Skelett zerstören zu müssen. "Seit einigen Jahren ermöglicht uns das ESRF Fossilien zerstörungsfrei und in einzigartigen Details zu untersuchen, auch wenn sie im Gestein eingeschlossen sind, oder Mikrostrukturen, die es normalerweise erfordern, ein Exemplar zumindest teilweise zu zerstören. Die dreidimensionalen Scans ermöglichen es uns, ein Skelett praktisch "aufstehen" zu lassen, erläutert Paul Tafforeau, Paläoanthropologe und Spezialist bei der Anwendung von Synchrotron-Röntgenstrahlen in der Paläontologie.

Die Überreste von Archicebus sind etwa 7 Millionen Jahre älter als die bisher ältesten, vollständigen Primatenskelette, einschließlich Darwinius massilae aus der Grube Messel in Deutschland und Notharctus vom Bridger Basin in Wyoming. Darüber hinaus gehört Archicebus zu einem ganz anderen Zweig des Primatenstammbaums, viel näher an der Linie, die zu modernen Affen, Menschenaffen und Menschen führt, so die Forscher. Darwinius und Notharctus sind nämlich adapiforme Primaten, also frühe Verwandte der heutigen Lemuren, dem am weitesten entfernten Zweig in Bezug auf Menschen und Menschenaffen. Laut Dr. Ni ist "Archicebus das erste Exemplar, das uns ein einigermaßen vollständiges Bild von einem Primaten nahe der Divergenz von Tarsiern und Anthropoiden liefert. Die Entdeckung von Archicebus ist ein großer Schritt vorwärts in unseren Bemühungen, die frühesten Phasen der Primatenevolution - und somit der Evolution des Menschen - zu verstehen."

"Archicebus unterscheidet sich radikal von allen anderen Primaten, die der Wissenschaft bislang bekannt sind - lebend oder als Fossil. Er sieht aus wie ein seltsamer Hybride mit den Füßen eines kleinen Affen, den Armen, Beinen und Zähnen eines sehr primitiven Primaten mit primitivem Schädel und - überraschenderweise - kleinen Augen. Archicebus zwingt uns, die Entwicklung zu den Anthropoiden noch einmal zu überdenken," sagt Christopher Beard, dessen Arbeiten über Eosimias und andere fossile Primaten aus China und Myanmar den asiatischen Kontinent zu einem Brennpunkt der frühen Primatenevolution gemacht haben.

Mittels statistischer Analysen konnte man zeigen, dass ein ausgewachsener Archicebus mit einem Gewicht von 20 - 30 Gramm etwas kleiner als ein heutiger Mausmaki auf Madagaskar war - der kleinste heute lebende Primat. "Diese geringe Größe und die Stellung von Archicebus an der Wurzel des Primatenstammbaums unterstützen die Annahme, dass die frühesten Primaten - unter ihnen auch der gemeinsame Vorfahre von Tarsiern und Menschenaffen - ziemlich winzig waren. Dies wirft frühere Ideen über den Haufen, wonach die frühesten Mitglieder der Linie der Menschenaffen recht groß gewesen sein sollten, etwa so groß wie heutige Tieraffen", sagt Dr. Daniel Gebo, Experte für die Anatomie der Primaten.

Dr. Marian Dagosto stellt fest: "Obwohl Archicebus ein sehr ursprüngliches Mitglied der Tarsier-Linie zu sein scheint, zeigt er doch in einigen Merkmalen Ähnlichkeiten mit frühen Anthropoiden, dazu gehören beispielsweise die kleinen Augen und die affenähnlichen Füße. Alles deutet darauf hin, dass sich die Vorfahren der Tarsier und die Vorfahren der Anthropoiden in mancher Hinsicht ähnlicher waren, als die meisten Wissenschaftler bisher gedacht haben."

Die evolutionären Beziehungen zwischen Primaten und ihren möglichen Verwandten, sowie zwischen den großen Linien innerhalb der Ordnung der Primaten werden seit vielen Jahren heftig diskutiert. "Um die verschiedenen Hypothesen zu testen und festzustellen, wo der neue Primat phylogenetisch steht, haben wir mehr als 1.000 anatomische Merkmale von 157 Säugetieren in einer riesigen Datenmatrix zusammengefaßt", sagt Dr. Jin Meng. "Man kann Archicebus zwar einfach als die Entdeckung eines weiteren, gut erhaltenen Fossils sehen, doch um die bemerkenswerte Geheimnisse, die für Millionen von Jahren in den Felsen verborgen waren, zu lüften, haben wir umfangreiche Arbeiten durchgeführt, die neueste Technologie angewendet und international gut zusammengearbeitet - meist hinter den Kulissen mehrerer Museen. "... zehn Jahre lang", ergänzt John Flynn, Dekan der Graduate School Richard Gilder und Kurator des American Museum of Natural History.

Die Name des neuen Fossils stammt von dem griechischen Wort "arche", was soviel bedeutet wie "am Anfang" oder "zuerst" (auch der Name Archäologie entstammt diesem Begriff) und dem lateinischen Wort "cebus" (= Meerkatze). Der Artname "achilles" (nach dem mythologischen griechischen Krieger Achilles) spielt auf die ungewöhnliche Anatomie der Knöchel an.

Diese Newsmeldung wurde mit Material von ScienceDaily erstellt


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