Rennöfen von Brunn, Groß Siemz und Vietow


Die Rennöfen von Brunn, Groß Siemz und Vietow in Mecklenburg-Vorpommern, in denen die Eisengewinnung zu Beginn der Verhüttung im Norden Mitteleuropas nachgewiesen werden konnte, wurden bei Ausgrabungen auf der Trasse der Autobahn A20 untersucht. In Brunn, Landkreis Mecklenburgische Seenplatte, Groß Siemz, Landkreis Nordwestmecklenburg und Vietow, Landkreis Rostock wurden erstmals an der südlichen Ostseeküste gut erhaltene Rennofenreste aus den Jahrhunderten vor der Zeitenwende freigelegt.

Rennofen Prinzipskizze

Forschungsstand

Nach heutigem Kenntnisstand wurde Eisen durch Verhüttung erstmals im 2. Jahrtausend v. Chr. in Anatolien gewonnen. Laut schriftlichen Quellen des frühen 2. Jahrtausends aus dem vorderen Orient betrug der Wert des Eisens hier in etwa das 40-fache von Silber und mehr als das 8-fache von Gold. Es dauerte es bis zur Wende vom 2. zum 1. vorchristlichen Jahrtausend, bis das Eisen die Bronze als Werkstoff zur Herstellung von Gebrauchsgegenständen in Westasien, Südosteuropa und Nordafrika ablöste und diese Gebiete in die Eisenzeit eintraten. Weitere 500 Jahre später konnte der Werkstoff, durch die Vermittlung von Griechen, Etruskern und Kelten, auch in Norddeutschland und Skandinavien die bis dahin verwendete Bronze verdrängen. Die aus Urnenbestattungen erkennbare Verfügbarkeit von Eisen, hatte in der Forschung zu der Einschätzung geführt, die Menschen hätten damit begonnen, die einheimischen Eisenerzlagerstätten - vor allem Sumpf- und Raseneisenerz - abzubauen. Rennfeuerplätze waren leicht identifizierbar und in der Nähe von Erzlagerstätten waren zahlreiche Plätze bekannt, an denen die für den Prozess typischen Fließschlacken in Mengen zu finden waren. Durch archäologische Forschungen der vergangenen 20 Jahre wissen wir, dass der größte Teil dieser Plätze wesentlich später angelegt wurde. Diese nördlich des Limes angelegten Öfen waren erst die Basis für die Eisenversorgung während des 2. bis 5. Jahrhunderts n. Chr. Somit war die Frage nach der Eisenverhüttung während der vorrömischen Eisenzeit (500 v. Chr. bis zur Zeitenwende) ungeklärt. Als die Untersuchungen in Brunn, Groß Siemz und Vietow begannen, hatte man nicht damit gerechnet, dass Erkenntnisse zur vorrömischen Eisenzeit gewonnen würden. Von allen drei Plätzen waren Schlackenfunde bekannt. Aufgrund der geringen Mengen waren sie jedoch als Hinweise auf eine Schmiede mit lokaler Bedeutung gewertet worden.

Groß Siemz

In Groß Siemz, einer Siedlung der späten vorrömischen Eisenzeit fanden sich fünf Rennöfen. Sie waren mit dem unteren Teil in die Wand einer etwa 60 cm tiefen Grube eingebaut, so dass die Reduktionskammer von drei Seiten durch das umliegende Erdreich geschützt und der Ofen nur von der Grube her zugänglich war. Bei den am besten erhaltenen Ofenresten war erkennbar, dass der umgebende anstehende Lehm sich infolge der Verhüttungswärme so stark verziegelt hatte, dass die Form des um die 30 cm durchmessenden Ofens mehr als 2000 Jahre erhalten blieb. Offenbar hatte man die Öfen mehrfach verwendet. Später wurde die Arbeitsgrube vergrößert, bis eine stabile Erdwand für den Bau des neuen Ofens zur Verfügung stand. Diese Vorgehensweise wurde viermal wiederholt, so dass die Arbeitsgrube schließlich eine Größe von etwa 2,5 × 7 m erreichte. Die fünf Rennfeueröfen aus Groß Siemz wurden nacheinander betrieben. Das lässt die Vermutung zu, dass die Eisenverhüttung über einen längeren Zeitraum betrieben wurde.

Vietow

Etwa 115 km östlich von Groß Siemz wurden bei Vietow Rennöfen entdeckt, die Gemeinsamkeiten mit den Befunden aus Groß Siemz aufweisen. Hier wurde der Randbereich einer Siedlung freigelegt, die vom 2. Jahrhundert v. Chr. bis zum 1. Jahrhundert n. Chr. bestand. Es konnte eine Vielzahl von Ofenanlagen unterschiedlicher Form nachgewiesen werden, zu denen auch fünf Kalkbrennöfen gehören. Von Interesse war jedoch die Entdeckung von 19 Rennöfen, von denen 13 auf einem annähernd 400 m² großen Areal konzentriert lagen. Der als Werkplatz zu interpretierende Bereich an der Peripherie der Siedlung befand sich auf einem sanft ansteigenden Hang, der an eine feuchte Niederung grenzt. Sechs Ofenreste waren in die Wand von Gruben hineingebaut. Obwohl sich in Vietow keine verziegelten Reste von Reduktionskammern erhalten haben, sind die Parallelen zu Groß Siemz unverkennbar. Alle übrigen Rennöfen gehörten hingegen zu dem Typ mit Schlackengrube und waren in das 1. oder 2. Jahrhundert n. Chr. zu datieren. In Vietow lässt sich somit der Wandel der Verhüttungstechnik erkennen.

Brunn

Etwa 100 km südöstlich von Vietow wurden bei Brunn 11 Rennöfen entdeckt, die ebenfalls in die Wandung vorgelagerter Gruben eingebaut waren. Sie wurden auf einem Plateau angetroffen, das während der Steinzeit und der Bronzezeit besiedelt war. Die Öfen stammen jedoch aus den letzten drei Jahrhunderte v. Chr. und den ersten beiden Jahrhunderte n. Chr. Die Reste von Brunn waren über die Grabungsfläche verteilt und nicht wie in Vietow auf einen Werkplatz konzentriert. Allerdings treten die Öfen in Gruppen von maximal dreien auf. Die hohen Temperaturen in den Reduktionskammern haben dazu geführt, dass auch hier die Ofenwandungen vollkommen verziegelt sind. Bei einigen der Rennöfen fanden sich noch Schlacken in der Brennkammer, die zeigen, dass die Öfen nach einem vermutlich misslungenen Versuch aufgegeben wurden.

Durch die Funde von Rennöfen kann als gesichert gelten, dass auch im östlichen Holstein und in Mecklenburg-Vorpommern in den Jahrhunderten vor Christi Geburt Eisen mittels relativ kleiner Rennöfen gewonnen wurde, wie sie auch aus Dänemark, Nordwestdeutschland und Tschechien unter dem Begriff "halbeingetiefte Rennfeueröfen mit vorgelagerter Arbeitsgrube" bekannt sind. Zieht man diese Befunde mit in Betracht, lässt sich die Funktionsweise der Rennfeueröfen aus Brunn, Groß Siemz und Vietow wie folgt rekonstruieren.

Verfahren

Zunächst wurde eine Grube von 60-80 cm Tiefe angelegt, die Platz für ein bis zwei Personen und einen Blasebalg bot. Als Standort wählte man Lehmlinsen, so dass man durch die Eingrabung bereits Material zur Errichtung des Ofenschachtes gewann. Anschließend wurde eine zylindrische Öffnung von ca. 30 cm Durchmesser und 60-80 cm Tiefe in eine Grubenwand eingearbeitet. Auf diese Brennkammer wurde ein aus Tonwülsten gebildeter Schacht gesetzt. Der Erfolg des Prozesses war von einer ausreichenden Sauerstoffzufuhr abhängig. Deshalb wurde 10-15 cm oberhalb der Grubensohle in die Ofenbrust eine Öffnung eingearbeitet, in die die Düse eines Blasebalges eingelassen wurde. Bevor mit der Eisengewinnung begonnen wurde, musste der Ofen trocknen und vorgebrannt werden, um Trocknungsrisse zu vermeiden. Anschließend konnte die Beschickung mit einem Gemisch aus Holzkohle und zerkleinertem Erz beginnen. Die Kapazität der Öfen dürfte sehr bescheiden gewesen sein. Die Ausbeute lag vermutlich zwischen 0,5 und 2 kg Luppeneisen pro Ofengang. Mit den auf der Trasse der A20 entdeckten halbeingetieften Rennöfen konnte eine bestehende Forschungslücke geschlossen werden.

Literatur

  • Hauke Jöns: Zum Beginn der Eisenverhüttung im Norden – Die Rennfeueröfen von Groß Siemz, Vietow und Brunn. In: Uta Maria Meier (Red.): Die Autobahn A20 - Norddeutschlands längste Ausgrabung. Archäologisches Landesmuseum und Landesamt für Bodendenkmalpflege Mecklenburg-Vorpommern, Lübstorf 2006, ISBN 3-935770-11-1 S. 97ff.

Siehe auch


Diese Artikel könnten dir auch gefallen



Die letzten News


Knochen des Tages

Elemente:

,

22.10.2020
Kognitive Bausteine der Sprache existierten schon vor 40 Millionen Jahren
Nicht nur Menschen, sondern auch Affen und Menschenaffen erkennen Regeln in komplexen sprachlichen Konstruktionen. Dies haben Sprachwissenschaftler du...
21.10.2020
Mehr noch als Fleisch und Milch
Stabile Isotopendaten von Menschen- und Tierknochen zeigen eine sehr effektive Nutzung des vielfältigen Nahrungsangebots im nördlichen Kaukasus und ...
18.10.2020
Madagaskar: Mensch und Klima verursachten Massenaussterben
Die gesamte endemische Megafauna Madagaskars und der östlich davon gelegenen Inselkette der Maskarenen, zu der Mauritius und Rodrigues zählen, wurde...
17.10.2020
Chemische Evolution - Am Anfang war der Zucker
Der Ursprung allen Lebens liegt in organischen Molekülen. Doch wie sind diese aus anorganischen Stoffen entstanden? Der LMU-Chemiker Oliver Trapp ber...
14.10.2020
Der moderne Mensch kam auf Umwegen nach Europa
Klimatische Bedingungen leiteten die geographische Ausbreitung von Homo sapiens in der Levante vor 43.000 Jahren.
12.10.2020
Reiter wetteiferten vor 3000 Jahren um die ältesten Lederbälle Eurasiens
Wissenschaftler haben in Gräbern von Reitern in Nordwest-China die ältesten Bälle Eurasiens untersucht. Gemäss dem internationalen Forscherteam so...
08.10.2020
Forscher rekonstruieren Käfer aus der Kreidezeit
Ein internationales Forscherteam hat vier neu gefundene Exemplare der fossilen Käfer Mysteriomorphidae mithilfe der Computertomographie untersucht un...
01.10.2020
Jagdverhalten säbelzahntragender Raubtiere erforscht
Ein internationales Team von Forschenden aus dem Vereinigten Königreich und Spanien sowie unter Beteiligung vom Museum für Naturkunde in Berlin, unt...
25.09.2020
Vor 120.000 Jahren: Älteste sicher datierte Nachweise von Menschen auf der arabischen Halbinsel
Unter Verwendung hochauflösender paläoökologischer Informationen, die aus versteinerten Fußabdrücken gewonnen wurden, präsentiert eine neue, in ...
25.09.2020
Neandertaler haben männliches Geschlechtschromosom vom modernen Menschen übernommen
Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung von Martin Petr und Janet Kelso vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipz...
21.09.2020
Versteinerte Bäume im Thüringer Wald: Forscherteam entschlüsselt fossile Mikrowelten
Paläontologen des Museums für Naturkunde Chemnitz und der TU Bergakademie Freiberg führen aktuell in Manebach bei Ilmenau wissenschaftliche Grabung...
21.09.2020
Auch Schimpansen leiden ein Leben lang, wenn sie im Kindesalter die Mutter verlieren
Der Tod eines Elternteils ist für ein Kind traumatisch und Waisenkinder leiden häufig für den Rest ihres Lebens unter diesem Verlust – ein verzö...
21.09.2020
Älteste Spermien der Welt
In einem Bernstein entdeckte ein internationales Team von Paläontologen im Inneren eines weiblichen Muschelkrebses 100 Millionen Jahre alte Riesenspe...
17.09.2020
Schimpansenverhalten und -kultur sind in variabler Umwelt am vielfältigsten
Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie und dem Deutschen Zentrum für integrat...
15.09.2020
Weinpresse aus der Eisenzeit gibt Aufschluss über Bautechnik der Phönizier
Forschungsteam der Universität Tübingen entdeckt seltenen Nachweis der frühen Weinherstellung an der Ausgrabungsstätte Tell el-Burak im Libanon.
09.09.2020
Die älteste Neandertaler-DNA Mittelosteuropas
Ein internationales Team berichtet in einer neuen Studie über das älteste mitochondriale Genom eines Neandertalers aus Mittelosteuropa. Das aus eine...
09.09.2020
Das letzte Zucken der Eiszeit
Ein internationales Team von Forschenden blickt präzise wie nie in das Ende der letzten Eiszeit. Wann und wo genau die Jüngere Dryaszeit begann und ...
03.09.2020
Milchverträglichkeit hat sich in wenigen Tausend Jahren in Mitteleuropa verbreitet
Paläogenetiker der Johannes Gutenberg-Universität Mainz finden nur in wenigen Knochen vom bronzezeitlichen Schlachfeld an der Tollense Hinweise auf ...
03.09.2020
Himmelsscheibe von Nebra wird neu datiert
Bisher galt die Himmelsscheibe von Nebra als frühbronzezeitlich und damit als älteste Himmelsdarstellung der Welt. Archäologen der Goethe-Universit...
03.09.2020
Künstliche Intelligenz hilft in der Archäologie
Künstliche Intelligenz ist besser als bisherige Softwareanwendungen in der Lage, den Ursprung archäologischer Funde aus naturwissenschaftlichen Unte...
26.08.2020
Bronzezeit: Fremde Ernährungstraditionen in Europa
Nicht nur Metalle, hierarchische Gesellschaften und befestigte Siedlungen: In der Bronzezeit beeinflusste auch ein neues Lebensmittel die ökonomische...
26.08.2020
Wie sich Neandertaler an das Klima anpassten
Klimaveränderungen kurz vor ihrem Verschwinden lösten bei den späten Neandertalern in Europa eine komplexe Verhaltensänderung aus: Sie entwickelte...
17.08.2020
Radiokarbonuhr zur C-14 Datierung neu geeicht
Die Radiokarbondatierung wird genauer als je zuvor: Als Teil eines internationales Forschungsteam trug die Universität Hohenheim dazu bei die Technik...
06.08.2020
Langer Hals half Saurier bei Unterwasserjagd
Sein Hals bestand aus dreizehn extrem verlängerten Wirbeln und war dreimal so lang wie sein Rumpf: Der Giraffenhalssaurier Tanystropheus lebte vor 24...
06.08.2020
Ein Riesenkranich aus dem Allgäu
Forschungsteam beschreibt rund elf Millionen Jahre alten Vogelschädel von der Fundstelle Hammerschmiede als frühesten Nachweis eines großen Kranich...