Jupitergigantensäule


Jupitersäule am Neuen Schloss Stuttgart, Rekonstruktion der Säule von Hausen an der Zaber

Eine Jupitergigantensäule ist ein bestimmter Typ archäologischer Denkmale aus der Zeit des Römischen Reiches, Zeugnisse des damals verbreiteten synkretistischen römisch-germanischen Götterkults. Die meisten Jupitergigantensäulen wurden im 2. und 3. Jahrhundert n. Chr. bei römischen Siedlungen oder Gutshöfen (villae rusticae) in der Provinz Obergermanien aufgestellt. Funde von Jupitergigantensäulen und den ähnlich gestalteten Jupitersäulen gibt es auch in Niedergermanien, dem nördlichen Gallien und Britannien.

Ikonographie

Farbliche Rekonstruktion (Jupiter-Gigantensäule in Schwarzenacker)

Den Sockel der Säule bildet ein Viergötterstein mit wechselnden Kombinationen der dargestellten Götter. Darüber folgt ein Wochengötterstein und eine meist mit Schuppen dekorierte Steinsäule, die von einem (in den überwiegenden Fällen reitenden) Jupiter bekrönt wird, der einen (meist schlangenförmigen) Giganten niederreitet. Die am Kapitell dargestellten Köpfe (Jupitergigantensäule von Walheim) werden entweder als die vier Jahreszeiten oder die vier Tageszeiten (Morgen, Mittag, Abend, Nacht) gedeutet. Die Höhe dieser Säule beträgt in der Regel vier Meter, die Große Mainzer Jupitersäule misst über neun Meter. Die niedergermanischen Jupitersäulen zeigen dagegen meist einen thronenden Jupiter - sie werden daher als Jupitersäulen bezeichnet. Oft waren Altäre vor oder neben den Säulen errichtet und in einem ummauerten Bereich aufgestellt.(Quelle?)

Im Zuge der allmählichen Wiederentdeckung der originalen Farbanstriche von antiken Baudenkmälern (vgl. Replikat der Igeler Säule im Landesmuseum Trier[1]) wurde im saarländischen Ausgrabungsort und Römermuseum Schwarzenacker eine Rekonstruktion der ursprünglichen Bemalung versucht (siehe Bild).[2]

Diesen Säulentypus interpretiert der Historiker Greg Woolf dahingehend, dass sie den Sieg des Jupiter Optimus Maximus über das Chaos repräsentieren, erhaben über die anderen Götter und die Menschen, aber den letzteren doch nah verbunden. Die meisten Weihungen stellten nach ihm außerdem persönliche Kulthandlungen dar.[3]

Aufrecht stehende Denkmäler sind in Deutschland nicht erhalten geblieben – man kennt sie nur aus Bodenfunden oder Spolien (wiederverwendete Bildwerke, z. B. Viergöttersteine in christlichen Kirchen). Mitunter hat man in den letzten Jahren Rekonstruktionen von Jupitergigantensäulen an ihren Fundorten oder in der Nähe errichtet (etwa in Ladenburg bei Mannheim, Obernburg am Main, Benningen am Neckar, Hausen an der Zaber, Steinsfurt, Stuttgart und Köngen). Die einzige oberirdisch erhaltene Jupitergigantensäule Galliens befindet sich in Cussy-la-Colonne im Département Côte-d'Or in Burgund.

Literatur

  • Gerhard Bauchhenß: Jupitergigantensäulen. Limesmuseum Aalen, Aalen 1976 (Kleine Schriften zur Kenntnis der römischen Besetzungsgeschichte Südwestdeutschlands 14, ZDB-ID 236356-2).
  • Die Iupitersäulen in den germanischen Provinzen. Rheinland-Verlag, Köln 1981, ISBN 3-7927-0502-8 (Bonner Jahrbücher. Beihefte 41) Enthält: Gerhard Bauchhenß: Die Jupitergigantensäulen in der römischen Provinz Germania superior. Peter Noelke: Die Jupitersäulen und -pfeiler in der römischen Provinz Germania inferior.
  • Roland Gschlössl: Im Schmelztiegel der Religionen. Göttertausch bei Kelten, Römern und Germanen. von Zabern, Mainz 2006, ISBN 3-8053-3655-1, S. 41–46.
  • Greg Woolf: Representation as Cult. The case of the Jupiter columns. In: Wolfgang Spickermann u. a. (Hrsg.): Religion in den germanischen Provinzen Roms. Mohr Siebeck, Tübingen 2001, ISBN 3-16-147613-1, S. 117ff. (Woolf deutet die Jupitergigantensäulen als „repräsentative Kultmale“.).

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Farblich rekonstruiertes Replikat der Igeler Säule im Landesmuseum Trier
  2. Jupitergigantensäule für das Römermuseum in Homburg-Schwarzenacker, Rotarier, 2006
  3. Greg Woolf: Representation as Cult. In: Spickermann: Religion 2001

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