Verkürztes Futhark auf der Halbsäule von Breza – Foto von 1930, Einritzungen von etwa 550 n. Chr.

Die Halbsäule von Breza ist ein archäologischer Fund aus Breza in der Nähe von Sarajevo im heutigen Bosnien-Herzegowina. Es handelt sich um eine Halbsäule aus Mergel, in welche als Graffiti Runenzeichen der älteren Runenreihe, auch „älteres Futhark“ genannt, eingeritzt sind.

Fundbeschreibung

Die Halbsäule wurde 1930[1] in einer byzantinischen Kirchenruine in Breza, das 25 km nordwestlich von Sarajevo liegt, entdeckt. Das Säulenfragment ist 56 cm hoch und hat einen Querschnitt von 30 cm. Die Runenzeichen haben eine Höhe zwischen 0,5 cm und 2,6 cm, meistens etwa 2 cm.[2] Sie sind nicht eingemeißelt, sondern wurden mit einem scharfen Gegenstand, z. B. einem Messer, eingeritzt. Am Fundort wurden auch Graffiti in lateinischer Schrift gefunden, unter anderem ein lateinisches Alphabet. Die Halbsäule von Breza befindet sich im Nationalmuseum von Bosnien und Herzegowina in Sarajevo.

Beschreibung der Runeninschrift

Alle 24 Zeichen des älteren Futhark

Die Inschrift auf dem Halbsäulenfragment von Breza zeigt 20 der sonst aus 24 Zeichen bestehenden älteren Runenreihe. Wegen des Abbruchs des Säulenrandes fehlen auf dem Steinfragment beim Laguz (l) der Seitenzweig sowie die letzten drei Runen ganz. Gemäß Helmut Arntz wurde Berkana (b) vom Schreiber „aus Versehen ausgelassen“.[3] Tineke Looijenga vermutet, dass sich die B-Rune ursprünglich auf dem abgebrochenen Teil befunden hat,[4] wobei jedoch die sonst übliche Anordnung innerhalb der Runenreihe unerklärlicherweise sehr stark durchbrochen worden wäre. Ehwaz (e) wurde entweder unvollständig eingeritzt oder ist unvollständig erhalten. Kenaz (k) ist um 90° gedreht und hat somit die Form eines Daches, was auch bei weiteren archäologischen Runenfunden der Fall ist. Pertho (p) und Jera (j) haben Sonderformen, die ebenfalls bereits von einigen anderen Funden bekannt sind. Für Hagalaz wird die zweistrichige Form ᚻ verwendet, was auf einen westgermanischen Ursprung der Inschrift schließen lässt.[5]

Nachzeichnung der Runen des Fundes von Breza:
f u þ a r k g w h n i j i p ï s t e (unvollständig) m l (unvollständig)

Datierung und Urheber

Helmut Arntz datiert die Inschrift auf etwa 525 n. Chr.[6] Wolfgang Krause kommt auf die Mitte des 6. Jahrhunderts und vermutet, dass das Graffito „wahrscheinlich von durchziehenden Soldaten eines nicht näher zu bestimmenden südgermanischen Stammes eingeritzt worden war.“[7] Tineke Looijenga zählt den Schreiber zum Stamm der Langobarden, da diese von 535 bis 567 n. Chr. in der Gegend um Breza lebten. Folglich vermutet sie diesen Zeitraum auch als Entstehungszeitraum dieses Runengraffitos.[8]

Literatur

  • Helmut Arntz: Handbuch der Runenkunde. Lempertz, Bonn 2007 (Nachdruck der 2. Auflage von 1944).
  • Klaus Düwel: Runenkunde (= Sammlung Metzler. Band 72). 2. Auflage. Metzler, Stuttgart 1983.
  • Klaus Düwel: Runenkunde (= Sammlung Metzler. Band 72). 4. Auflage. Metzler, Stuttgart 2008.
  • Wolfgang Krause: Die Runeninschriften im älteren Futhark (= Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften. Philologisch-historische Klasse. 3. Folge, Band 65). Band 2. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1966.
  • Wolfgang Krause: Runen (= Sammlung Göschen. Band 1244/1244 a). De Gruyter, Berlin 1970.
  • Tineke Looijenga: Texts and Contexts of the Oldest Runic Inscription. Brill, Leiden 2003, S. 50–51.
  • Tineke Looijenga: Who wrote the Breza Futhark, and why? In: Wolfgang Schindler u. a. (Hrsg.): Grippe, Kamm und Eulenspiegel. Festschrift für Elmar Seebold zum 65. Geburtstag. De Gruyter, Berlin 1999, S. 263–275 (online).
  • Konstantin Reichardt: Runenkunde. Diederichs, Jena 1936.

Anmerkungen

  1. Klaus Düwel: Runenkunde (= Sammlung Metzler. Band 72). 2. Auflage. Stuttgart 1983, S. 20.
  2. Tineke Looijenga: Who wrote the Breza Futhark, and why? In: Wolfgang Schindler u. a. (Hrsg.): Grippe, Kamm und Eulenspiegel. Festschrift für Elmar Seebold zum 65. Geburtstag. De Gruyter, Berlin 1999, S. S. 263 u. S. 273.
  3. Helmut Arntz: Handbuch der Runenkunde. Lempertz, Bonn 2007 (Nachdruck der 2. Auflage von 1944), S. 120.
  4. Tineke Looijenga: Who wrote the Breza Futhark, and why? In: Wolfgang Schindler u. a. (Hrsg.): Grippe, Kamm und Eulenspiegel. Festschrift für Elmar Seebold zum 65. Geburtstag. De Gruyter, Berlin 1999, S. 273.
  5. Tineke Looijenga: Who wrote the Breza Futhark, and why? In: Wolfgang Schindler u. a. (Hrsg.): Grippe, Kamm und Eulenspiegel. Festschrift für Elmar Seebold zum 65. Geburtstag. De Gruyter, Berlin 1999, S. 263, 273–274.
  6. Helmut Arntz: Handbuch der Runenkunde. Lempertz, Bonn 2007 (Nachdruck der 2. Auflage von 1944), S. 65.
  7. Wolfgang Krause: Runen (= Sammlung Göschen. Band 1244/1244 a). De Gruyter, Berlin 1970, S. 50.
  8. Tineke Looijenga: Who wrote the Breza Futhark, and why? In: Wolfgang Schindler u. a. (Hrsg.): Grippe, Kamm und Eulenspiegel. Festschrift für Elmar Seebold zum 65. Geburtstag. De Gruyter, Berlin 1999, S. 274.

Die News der letzten Tage

17.06.2022
Archäologie | Kultur
Neue Zeugnisse aus der Tempelstadt Heliopolis
Ein ägyptisch-deutsches Grabungsteam hat bei gerade abgeschlossenen Ausgrabungen im Nordosten Kairos bedeutende Zeugnisse aus der Geschichte der Tempelstadt Heliopolis gefunden.
14.06.2022
Wanderungen | Archäologie | Kultur
Die Römer brachten das Maultier mit
Erst die Römer brachten auch Maultiere im ersten Jahrhundert über die Alpen nach Norden, davor wurden in Mitteleuropa ausschließlich Pferde als Reittiere genutzt.
10.06.2022
Nach_der_Eiszeit | Ernährung
Hirse in der Bronzezeit: Ein Superfood erobert die Welt
Bereits vor 3500 Jahren lebten die Menschen in einer globalisierten Welt.
09.06.2022
Genetik | Wanderungen | Homo sapiens
Das prähistorische Wallacea – ein genetischer Schmelztiegel menschlicher Abstammungslinien
Die Inseln Wallaceas im heutigen Ostindonesien wurden bereits vor langer Zeit von modernen Menschen besiedelt.
18.05.2022
Sprache | Primaten
Tierisch flexibel: Wie Orang-Utan-Mütter mit ihrem Nachwuchs kommunizieren
Ein Forschungsteam hat Mutter-Kind-Interaktionen bei Orang-Utans untersucht.
17.05.2022
Paläoökologie | Nach_der_Eiszeit | Ernährung
Zündeln vor 9.500 Jahren
Schon vor 9500 Jahren setzten die Menschen in Europa Brandrodung ein, um Land für sich nutzbar zu machen.
17.05.2022
Nach_der_Eiszeit | Archäologie | Kunst
Spektakuläre Deckengemälde im Tempel von Esna entdeckt
Deutsche und ägyptische Forscher haben im Tempel von Esna in Oberägypten eine Serie farbenprächtiger Deckenbilder freigelegt.