Homo erectus - Trinil 2 - »Javamensch«


FUND FUNDORT ALTER ENTDECKER DATUM
adultes Teilcranium Trinil, Java, Indonesien ca. 500.000 Jahre Eugène Dubois Oktober 1891
VERÖFFENTLICHUNG
Dubois, E., 1894. Pithecanthropus erectus, eine menschenähnliche Übergangsform aus Java (Landesdruckerei, Batavia).
DOI: 10.1038/051291a0
Original Überreste von Dubois' Pithecanthropus erectus (heute Homo erectus) aus Java, 1891
Original Überreste von Dubois' Pithecanthropus erectus (heute Homo erectus) aus Java, 1891.

In seinem Buch Natürliche Schöpfungsgeschichte aus dem Jahr 1868 konstruierte der deutsche Zoologe Ernst Haeckel (1834-1919) einen Stammbaum, der die Evolution des Lebens darstellte und auf dem der Mensch die zweiundzwanzigste und letzte Stufe einnahm. Die Krone der Schöpfung. Davor rangierten Gorilla, Gibbon, Orang Utan und Schimpanse. Und trotzdem war sich Haeckel ziemlich sicher, dass hier noch eine Stufe fehlte. Er wusste, dass es keine Beweise für dieses Zwischenglied gab, trotzdem »erfand« er kurzerhand einen affenähnlichen Menschen, den er Pithecanthropus nannte.

Haeckels Buch fand eifrige Leser, darunter den Holländer Eugène Dubois (1858-1940), der schon als Junge Fossilien aller Art sammelte, und für den es feststand, Medizin zu studieren. 1884 schloss er dieses Studium ab, aber aus dem Anatomen sollte ein Fossilienjäger werden, der das von Haeckel erdachte »missing link« suchte. Er plante eine Expedition zu den holländischen Kolonien in Ostasien, jedoch musste er sich hierzu (in Ermangelung finanzieller Mittel) für den Dienst im Medizinkorps der holländischen ostindischen Armee verpflichten.

Dubois brach im Herbst 1887 mit Frau und Tochter nach Sumatra auf, vermutlich hatte er schon in Europa einige Weichen gestellt, denn es gelang ihm, freie Hand für seine Fossiliensuche zu erlangen. In Sumatra hatte er wenig Glück, und so ließ er sich im März 1890 nach Java versetzen. Hier stellte man ihm sogar Sträflinge für seine Grabungsarbeiten zur Verfügung.

Dubois`Originalfotografie mit Anmerkungen über die Trinil-Ablagerungen am Solo-Fluß
Dubois`Originalfotografie mit Anmerkungen über die Trinil-Ablagerungen am Solo-Fluss

Dubois ließ sich im Süden des östlichen Java, genauer in Tulungagang, nieder. Die weitere Umgebung war durch vielversprechende Kalksteinhöhlen und vulkanische Sedimentablagerungen gekennzeichnet. Am meisten interessierte sich Dubois für die Höhlen, und zwar nicht nur wegen seiner eigenen Forschungen in der Jugendzeit, sondern auch, weil alle Fossilien von europäischen Frühmenschen in Höhlen gefunden worden waren. So begann seine Suche in der Höhle von Wadjak und bis Mai 1890 hatte Dubois` Team einen Schädel, einige Zähne und andere Fragmente entdeckt, aber sie erwiesen sich alle neueren Ursprungs. So ließ Dubois von den Höhlen ab und wandte sich den Sedimenten zu (wo es im Umkreis noch nie zuvor auch nur kleinste Anhaltspunkte für Reste von frühen Menschen gab), und er grub auf den Zentimeter genau an der richtigen Stelle!

An einer Biegung des Solo-Flusses in der Nähe eines Dorfes mit Namen Trinil zog eine fünfzehn Meter dicke Schicht aus Sandstein und Vulkanablagerungen Dubois` Aufmerksamkeit auf sich. Er beschloss, seine Bemühungen für eine Weile darauf zu konzentrieren, und im August 1891 begann er mit den Arbeiten. Die Trinil-Ausgrabung war kreisförmig und hatte einen Durchmesser von ungefähr zwölf Metern. Im Verlauf der Ausgrabungen wurden dann die beiden Fossilien gefunden, die einmal eine der bedeutendsten Rollen in der Paläoanthropologie spielen sollten. Es handelte sich um einen Zahn, gefunden im September 1891 und eine Schädeldecke, gefunden im Oktober des gleichen Jahres. Anfangs war Dubois noch nicht in der Lage, die Funde einem menschenähnlichen Wesen zuzuordnen (er vermutete anfangs, einen «schimpansenähnlichen Primaten» gefunden zu haben), was sich jedoch mit dem Fund eines vollständigen linken Oberschenkelknochens im darauffolgenden Jahr 1892 ändern sollte. Dieses Fundstück war in jeder Hinsicht menschenähnlich und wurde im gleichen Gesteinsbett gefunden, das im Jahr zuvor, wenn auch in einiger Entfernung, den Zahn und die Schädeldecke freigegeben hatte.

Die Schädeldecke mit der Bezeichnung Trinil 2 war in der Paläoanthropologie das erste Fossil, an dem man das hohe Alter und die geographische Verbreitung unserer Vorfahren erahnen konnte. Im Jahr 1894 taufte Dubois seinen Java-Menschen Pithecanthropus erectus, erst in den 1950er Jahren schlug der Evolutionsbiologe Ernst Mayr vor, man solle die Homininen von Java und die ungefähr ebenso alten Fossilien des Peking-Menschen derselben Spezies zuordnen, und seitdem bezeichnet man sie als Homo erectus. Trinil 2 wurde das Typusexemplar für Homo erectus, anhand dessen man die Spezies wissenschaftlich beschrieb.

Dubois selbst konnte allerdings diese Sternstunde der Wissenschaft nicht wirklich genießen, denn zu viele Kontroversen riefen seine Entdeckungen in der Folgezeit hervor. Verbittert begann Dubois seine These vom Pithecanthropus zu verteidigen, auch dann noch, als er miterleben musste, dass in China (1929) und auch auf Java selbst neue Fossilien zutage kamen. Ihre Ähnlichkeit mit dem ersten Java-Fund ließ sich nicht leugnen. Wegen der nicht enden wollenden Kritik an seinen Ansichten war er so enttäuscht und verbittert, dass er seine Fossilien in eine Kiste packte und unter einem Fußboden in seinem Haus versteckt hielt. Bis zu seinem Tod 1940 verteidigte er seine Ansicht, Pithecanthropus sei «ein in einen Menschen verwandelter Gibbon» (Schrenk, 2001, in: Die Frühzeit des Menschen).

Nach 1936 gelangen dem deutschen Paläoanthropologen G.H. Ralph von Koenigswald, der Dubois` Grabungen auf Java fortgeführt hatte, weitere Entdeckungen. Für eine Weile rückte nun das Dorf Sangiran in das Zentrum des Interesses, wo Koenigswald verschiedene Schädelfragmente fand. Und 1969 bekam dann der Java-Mensch ein Gesicht: Ein Bauer fand auf seinem Acker einen Schädel, den er leider beschädigte. Nachdem es gelungen war, die Teile wieder zusammenzusetzen, nannte man den Fund "Sangiran 17". Das Alter dieses Fundes wird auf 800.000 Jahre geschätzt und ist somit dreihunderttausend Jahre älter als jene Überreste, die Dubois bei Trinil gefunden hatte.

Von besonderem Interesse ist die Tatsache, dass im Zusammenhang mit Homo erectus auf Java niemals Steinwerkzeuge gefunden wurden. Eine Erklärung wäre vielleicht, dass die Frühmenschen andere, vergängliche Materialien zur Werkzeugherstellung verwendeten, wie etwa den auf Java heimischen Bambus. Allerdings ist es auch denkbar, dass Homo erectus Afrika bereits verlassen hatte, noch bevor dort Werkzeuge der Acheuleen-Industrie (vor ca. 1,5 Millionen Jahren) in Erscheinung traten. Diese Werkzeugkultur hätte Java demnach nie erreicht.

Homo erectus hat möglicherweise auf Java bis vor etwa 27.000 Jahren überlebt, wie neuere Funde und Datierungen zu beweisen scheinen. Demnach hätte er hier länger gelebt als an allen anderen Orten der Welt, wo Homo erectus seit einem Zeitpunkt vor etwa 250.000 Jahren nicht mehr zweifelsfrei nachzuweisen ist.