Neandertaler - Homo neanderthalensis - Tešik-Taš

FUND FUNDORT ALTER ENTDECKER DATUM
juveniles Teilskelett Tešik-Taš, Usbekistan ca. 70.000 Jahre Alexej Okladnikov 4. Juli 1938
VERÖFFENTLICHUNG
Gremyatsky, M. A. und M. F. Nestourkh (Hrsg.), 1949. Teshik Tash: Ein Mensch des Paläolithikums (Moskauer Universitätsverlag, Moskau) [auf russisch]
Tešik-Taš
Der Kinderschädel aus Tešik-Taš

Das Skelett, das nach seinem Fundort in Usbekistan als Tešik-Taš bezeichnet wird, repräsentiert die Ostgrenze des bekannten Verbreitungsgebiets der Neandertaler. Etwa 3.200 Kilometer vom nächsten europäischen Neandertaler und 1.600 Kilometer von seinen Artgenossen in der Shanidar-Höhle im Irak entfernt lag dieser kleine Junge in einer Höhle, die sich ein Stück südlich von Samarkand fast 1600 Meter hoch in dem zerklüfteten, abgelegenen Gissar-Gebirge befindet. Der Fund von Tešik-Taš zeigt, dass die Neandertaler auch isolierte Extremlebensräume bewohnten.

Tešik-Taš war die erste Fundstelle aus dem Paläolithikum, die man in Asien ausgrub, mittlerweile weisen hingegen mehrere Höhlen in dieser Gegend auf eine lange Geschichte der menschlichen Besiedlung hin. Das Skelett, durch das umgebende Sediment gelb gefärbt, wurde zu Beginn zweijähriger Grabungsarbeiten gefunden. Die Höhle enthielt fünf getrennte Besiedlungsschichten und ein Dutzend Feuerstellen, manche davon mit Ansammlungen zerbrochener Knochen und Hörner wilder Ziegen sowie mit Steinabschlägen und anderen Werkzeugen in der Nähe.

Offenbar war das Skelett am unteren Ende der dicksten und archäologisch reichhaltigsten Schicht beigesetzt worden; die Füße zeigten zum Höhleneingang. Die flache Grube, in der es lag, schützte es vor herunterfallenden Steinen, die andere Knochen in der Schicht unmittelbar über dem Skelett zerschmettert hatten, aber das Gewicht der darüber liegenden Sedimente zerquetschte den Schädel. Glücklicherweise blieb er trotzdem gut erhalten, so dass man ihn aus etwa 150 Stücken rekonstruieren konnte.

Der Neandertaler - Junge von Tešik-Taš starb mit ungefähr neun Jahren, war jedoch immerhin soweit herangereift, dass sich bereits einige typische anatomische Merkmale der Neandertaler entwickelt hatten: ein umfangreiches Gesicht mit großem Nasenbereich, der Ansatz eines Überaugenwulstes, eine fliehende Stirn, ein langer Gehirnschädel und ein niedriger Unterkiefer ohne knochigem Kinn. Das Gehirn hatte ein Volumen von etwa 1500 Kubikzentimetern und war damit, gemessen an heutigen Menschen, für sein Alter recht groß.

Verstreut um den Schädel herum lagen mehrere postcraniale Knochen, so ein Halswirbel, mehrere Rippen, ein Oberarmknochen, die Schlüsselbeine (Claviculae), ein Oberschenkelknochen, ein Schienbein und die beiden Wadenbeine (die kleineren der beiden Knochen im Unterschenkel). Die Enden von Humerus und Femur waren abgenagt, und neben dem Skelett lag ein Koprolith (versteinerter Kot); demnach hatte wahrscheinlich eine Hyäne oder ein anderes Raubtier die Grabstätte aufgewühlt und einige Knochen herausgeholt. Artefakte wurden nicht mit dem Leichnam bestattet.



Das Auffälligste an dem Grab waren sechs Paare großer Knochen aus dem Inneren sibirischer Steinbockhörner, die mit der Spitze nach unten im Kreis um den Schädel lagen, sowie einige andere Knochen. Außerdem hatte für kurze Zeit neben dem Körper ein Feuer gebrannt. Wegen dieser Funde wird Tešik-Taš häufig als Beispiel für die Bestattungsrituale der Neandertaler genannt.

Ob die Hörner in einer Art symbolischer Handlung absichtlich rund um den Leichnam angeordnet wurden, lässt sich nur schwer feststellen. Vielleicht dienten sie auch als Werkzeuge zur Bestattung des Jungen, und wurden später ohne jede rituelle Absicht weggeworfen. Oder die Hornknochen lagen rein zufällig in der Nähe des Skeletts. Hörner und Knochen von Steinböcken kommen an der Fundstelle sehr häufig vor; unter 769 Knochen von Säugetieren (Nager nicht mitgezählt), die man in der Höhle fand, stammten 761 von Steinböcken. Nach dieser großen Häufigkeit zu urteilen, war der Steinbock die bevorzugte Jagdbeute der Neandertaler; die Dorfbewohner in dieser abgelegenen Gegend lebten noch in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts, als das Skelett gefunden wurde, vorwiegend von der Ziegenjagd. Ob die Neandertaler mit Toten und Steinböcken nun einen Kult betrieben oder nicht: Sie waren auf diese flinken, majestätischen Tiere angewiesen, um hier zu überleben.


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