Neandertaler - Homo neanderthalensis - Amud 7

FUND FUNDORT ALTER ENTDECKER DATUM
Teilskelett eines Säuglings Amud-Höhle, Israel 50.000 - 60.000 Jahre Tina Hietala und Yoel Rak 9. Juni 1992
VERÖFFENTLICHUNG
Rak, Y., W. H. Kimbel und E. Hovers, 1994. A Neandertal infant from Amud Cave, Israel. Journal of Human Evolution 26: 313 - 324
Wadi Amud
Wadi Amud, Israel
Amud Höhle
Blick auf die Amud Höhle in Israel

Bei weiteren Ausgrabungen in der Amud-Höhle kamen Anfang der 1990er Jahre die Überreste von vier Menschen ans Licht. Wie man an den Knochen erkennt, starben alle während des ersten Lebensjahres, mit Ausnahme eines Kindes von etwa acht Jahren, auf das ein einziger Zahn hinweist. Der vollständigste Fund, das Skelett eines winzigen Neugeborenen, katalogisiert mit Amud 6, war genau an der Grenze einer Schicht aus dem mittleren Paläolithikum bestattet; aber bei der Radiokohlenstoff-Datierung stellte sich heraus, dass es sich um einen zwischen 680 und 880 n. Chr. gestorbenen Jetztmenschen handelte, dessen Grab man in älteren Schichten ausgehoben hatte.

Ein Jahr später, 1992, wurde Amud 7 gefunden; er war in einer noch tieferen Schicht der stratigraphischen Höhlenabfolge bestattet als das 1961 entdeckte Neandertaler-Teilskelett Amud 1. Demnach gehört Amud 7 eindeutig in die Zeit der Neandertaler, oder genauer gesagt in die Periode vor 60.000 bis 50.000 Jahren. Nach dem Entwicklungsstand der Zähne zu schließen, starb der Säugling im Alter von nur zehn Monaten.

Der zerbrochene Schädel von Amud 7 besteht zwar nur noch aus Hinterhaupts-, Scheitel- und Schläfenbein, der Unterkiefer ist jedoch relativ vollständig; auch Rippen und Wirbel sind gut erhalten. Das Skelett wurde auf der rechten Seite liegend in einer Nische der Höhlennordwand gefunden; seine Haltung, insbesondere die der unversehrten Hand- und Fußknochen, weist auch hier auf eine absichtliche Bestattung hin. An den Resten des Beckens lehnte interessanterweise der Unterkiefer eines Rothirsches. Auch in Verbindung mit zwei bestatteten Jetztmenschen in den nahegelegenen Höhlen Qafzeh und Skhul wurden Tierknochen gefunden, aber wenn der Hirschkiefer absichtlich neben den Säugling gelegt wurde, wäre er die älteste Grabbeigabe bei den Neandertalern in der Levante.

Bei der näheren Untersuchung des Skeletts Amud 7 stieß man auf einige bis dahin unbekannte Merkmale, die offenbar nur bei den Neandertalern vorkommen und sich bei der Identifizierung anderer Fossilien dieser Spezies als nützlich erweisen könnten. So ist beispielsweise das Foramen magnum (das Loch in der Schädelbasis, aus dem das Rückenmark austritt), bei Amud 7 stark verlängert und oval, während es bei Jetztmenschen die primitivere runde Form beibehalten hat - die man auch bei den meisten Primaten und vielen anderen Säugetieren findet. Ein ähnlich verlängertes, ovales Foramen magnum zeigen auch die jugendlichen Neandertalerschädel aus Engis, La Quina und Tešhik-Taš.



Drei eher typische Merkmale für Neandertaler erkennt man am Kiefer von Amud 7. Erstens hat er im Gegensatz zum Kiefer der Jetztmenschen kein knöchern ausgebildetes Kinn, so dass die Vorderseite des Kiefers, von unten gesehen, nicht spitz, sondern eher viereckig erscheint. Zweitens endet die U-förmige Kerbe oben auf dem senkrechten Teil des Kiefernastes in der Kondylenmitte, und nicht seitlich der Gelenkkondyle - die den Kiefer mit dem Schädel verbindet - wie bei allen anderen Homininen. Drittens kennzeichnet eine auffällige, ausgezogene Randverdickung an der Innenseite des aufsteigenden Kieferastes die Ansatzstelle des Musculus pteryoideus medialis. Dieser Muskel wirkt beim Kauen mit, und seine oberen Fasern waren bei den Neandertalern offenbar besonders stark entwickelt. Diese starke Verdickung an der Kieferinnenfläche, an der sie ansetzen, gibt es bei keinem anderen Frühmenschen.

Da solche Merkmale schon am Schädel eines Säuglings auftreten, waren sie offenbar genetisch bestimmt, was bestätigt, dass es zwischen Neandertalern und Jetztmenschen eine Vielzahl anatomischer Unterschiede gab. Wenn man schon Babys so leicht unterscheiden kann, ist das ein weiteres Indiz, dass die Neandertaler tatsächlich eine andere Spezies waren als die heutigen Menschen.


Das könnte Dir auch gefallen