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Ältester Vormensch lebte möglicherweise in Europa


Meldung vom 23.05.2017 12:46

Forscher finden Hinweise auf 7,2 Millionen Jahre alte Vormenschen-Art vom Balkan ‒ Neue Hypothese zum Ursprung des Menschen

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Bild oben: Unterkiefer des 7,175 Millionen Jahre alten Graecopithecus freybergi (El Graeco) aus Pyrgos Vassilissis, Griechenland (heutiges Stadtgebiet von Athen).
Bild unten: 7,24 Millionen Jahre alter oberer Vorbackenzahn von Graecopithecus aus Azmaka, Bulgarien.
Fotos: Wolfgang Gerber, Universität Tübingen

Original-Publikation:
Jochen Fuss, Nikolai Spassov, David Begun, Madelaine Böhme. 2017. Potential hominin affinities of Graecopithecus from the late Miocene of Europe. PLOS ONE

Die gemeinsame Linie von Schimpansen und Menschen hat sich möglicherweise mehrere hunderttausend Jahre früher getrennt als bislang angenommen: Diese These veröffentlichte ein internationales Forschungsteam um Professorin Madelaine Böhme vom Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment an der Universität Tübingen jetzt in zwei zeitgleich erschienen Publikationen im Fachjournal Plos One. Die Forscherinnen und Forscher haben zwei Fossilfunde des Graecopithecus freybergi mit modernsten Methoden untersucht und kommen dabei zu dem Ergebnis, dass es sich um eine bisher unbekannte Vormenschenart handelt. Das Wissenschaftlerteam hält es aufgrund der neuen Erkenntnisse zudem für möglich, dass die Abspaltung der menschlichen Linie im östlichen Mittelmeerraum stattgefunden hat und nicht – wie bisher vielfach angenommen – in Afrika.

Bericht ZDF Mediathek

Heute ist der Schimpanse der nächste Verwandte des Menschen. Wann ihr letzter gemeinsamer Vorfahr lebte, ist ein zentrales und sehr umstrittenes Forschungsthema der Paläoanthropologie. Bislang nimmt die Forschung an, dass sich die Linien vor fünf bis sieben Millionen Jahren trennten und die erste Vormenschenart im heutigen Afrika entstand. Nach der Theorie des französischen Paläoanthropologen Ives Coppens von 1994 könnten dabei Klimaveränderungen in Ostafrika eine entscheidende Rolle gespielt haben. Mit der neuen Studie entwirft das Forscherteam aus Deutschland, Bulgarien, Griechenland, Kanada, Frankreich und Australien nun ein völlig anderes Szenario für die früheste Menschheitsgeschichte.

Zahnwurzeln geben neue Hinweise

Im Rahmen der Studie untersuchte das Team um Madelaine Böhme und Professor Nikolai Spassov von der Bulgarischen Akademie der Wissenschaften die beiden einzigen bekannten Funde des Hominiden Graecopithecus freybergi: einen Unterkiefer aus Grabungen in Griechenland sowie einen Zahn aus Bulgarien. Per Computertomografie machten die Forscher die interne Struktur der Fossilien sichtbar und zeigten, dass die Wurzeln der Vorbackenzähne weitgehend verschmolzen waren.

Während Menschenaffen üblicherweise zwei oder drei getrennte Zahnwurzeln besitzen, gilt die Verschmelzung der Wurzeln eines Zahns als charakteristisches Merkmal des Menschen, der Urmenschen (frühe Vertreter der Gattung Homo) und einiger Vormenschen (Ardipithecus und Australopithecus). Zudem wies der von den Wissenschaftlern ‚El Graeco‘ getaufte Unterkiefer weitere Merkmale an Zahnwurzeln auf, die nach Einschätzung der Autoren darauf hindeuten, dass es sich bei Graecopithecus um einen Vertreter der Vormenschen (Tribus Hominini) handeln könnte. „Wir waren von unseren Ergebnissen selbst überrascht, denn bislang waren Vormenschen ausschließlich aus Afrika südlich der Sahara bekannt“, erklärt Jochen Fuss, Doktorand an der Universität Tübingen, der die Untersuchung durchführte.

Zudem scheint Graecopithecus mehrere hunderttausend Jahre älter zu sein als der bisher früheste potenzielle Vormensch Afrikas, der sechs bis sieben Millionen Jahre alte Sahelanthropus aus dem Tschad: Das Forscherteam konnte die sedimentären Abfolgen der Fundstellen in Griechenland und Bulgarien mit physikalischen Methoden auf ein nahezu übereinstimmendes Alter beider Fossilien von 7,24 bzw. 7,175 Millionen Jahre vor heute datieren. „Dies war der Beginn des sogenannten Messinium, an dessen Ende es zur Austrocknung des Mittelmeeres kam“, erklärt Böhme. David Begun, ein Ko-Author der Studie von der Universität Toronto ergänzt: „Mit dieser Datierung lässt sich die Trennung der Vormenschen- und der Schimpansen-Linie in den östlichen Mittelmeerraum verlegen.“

Umweltveränderung als Motor der Abspaltung

Ähnlich wie bei der Theorie, nach der die ersten Vormenschen in Ostafrika entstanden sind, geht auch das Team um Madelaine Böhme davon aus, dass eine dramatische Umweltveränderung zur Entstehung des Vormenschen geführt hat: Die Forscherinnen und Forscher erläutern in ihrer Studie, dass die Sahara in Nordafrika bereits vor mehr als sieben Millionen Jahren entstanden ist. Dies folgern sie aus geologischen Untersuchungen an Sedimenten, aus denen beide Vormenschen-Reste geborgen wurden: Obwohl weit voneinander entfernt gelegen, wiesen beide rote feinkörnige Schluffe auf, wie sie für Wüstenstaub typisch ist. Die physikalische Altersbestimmung anhand der Isotope von Uran, Thorium und Blei einzelner Staubkörner ergaben ein Alter zwischen 600 Millionen und drei Milliarden Jahren und lassen auf eine Herkunft aus Nordafrika schließen.

Auch sei im staubigen Sediment ein hoher Gehalt an unterschiedlichen Salzen nachzuweisen. „Diese Daten könnten erstmalig eine Sahara belegen, die sich vor 7,2 Millionen Jahren ausbreitete und deren Wüstenstürme rote, salzhaltige Stäube bis an die Nordküste des damaligen Mittelmeeres bliesen“, erklärt die Tübinger Forscherin. Dieser Prozess lasse sich zwar noch heute beobachten. Allerdings berechneten die Forscher für die damalige Zeit Staubmengen von bis zu 250 Gramm pro Quadratmeter und Jahr. Dies entspricht der zehnfachen Menge der Staubbelastung im heutigen Südeuropa und ist vergleichbar mit der heutigen Situation in der Sahel-Zone.

Von Feuer, Gras und Wasserstress

Die Forscherinnen und Forscher können in der Studie zudem zeigen, dass sich – parallel zur Entstehung der Sahara in Nordafrika – eine Savannenlandschaft in Europa ausgebildet haben muss. Mit einer Kombination neuer Methoden untersuchten sie im Sediment enthaltene mikroskopisch kleine Holzkohle-Reste sowie Kieselsäure-Partikel von Pflanzen, sogenannte Phytolithe. Die Mehrzahl stammte von Süßgräsern, die den Stoffwechselweg der C4-Photosynthese nutzen und heute in tropischen Grasländern oder Savannen vorkommen. Die weltweite Ausbreitung dieser C4-Gräser begann vor circa acht Millionen Jahren auf dem indischen Subkontinent – doch ihre Präsenz in Europa war bisher unbekannt. „Die Phytolithe zeigten Spuren starker Trockenheit, die Holzkohle-Untersuchungen weisen auf wiederkehrende Brände hin“, sagt Böhme. „Zusammengenommen lässt sich das Bild einer Savanne zeichnen. Dazu passt, dass gemeinsam mit Graecopithecus Fossilien von Vorfahren der heutigen Giraffen, Gazellen, Antilopen und Nashörner gefunden wurden“, ergänzt Spassov.

Die Entstehung einer ersten Wüste in Nordafrika vor mehr als sieben Millionen Jahren und die zeitgleiche Ausbreitung von Savannen in Südeuropa könnten eine zentrale Rolle für die Trennung der menschlichen Stammlinie von der Abstammungslinie der Schimpansen gespielt haben, sagt Böhme. Sie nennt ihre Hypothese eine „North Side Story“ ‒ in Analogie zu Yves Coppens These, die als „East Side Story“ bekannt ist.


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