5,7 Millionen Jahre alte fossile Fußabdrücke fordern etablierte Theorien über die menschliche Evolution heraus

Meldung vom 06.09.2017 18:17

Neu entdeckte menschenähnliche Fußspuren auf Kreta könnten die etablierten Vorstellungen der frühen menschlichen Evolution auf die Probe stellen. Die Fußabdrücke sind etwa 5,7 Millionen Jahre alt und wurden in einer Zeit hinterlassen, wo frühere Forschungsarbeiten Afrika als den Ursprungsort unserer ältesten Vorfahren - mit noch affenähnlichen Füßen - sahen.


Original-Publikation:

Gerard D. Gierlińskia et al. 2017. Possible hominin footprints from the late Miocene (c. 5.7 Ma) of Crete? Proceedings of the Geologists' Association

Die Fußabdrücke wurden von Gerard Gierlinski (1. Autor der Studie) zufällig entdeckt, als er 2002 auf Kreta Urlaub machte. Gierlinski, ein Paläontologe am polnischen Geologischen Institut, spezialisiert auf Fußabdrücke, identifizierte die Spuren als Säugetier, interpretierte sie aber damals nicht weiter. Im Jahr 2010 kehrte er zusammen mit Grzegorz Niedzwiedzki (2. Autor), einem polnischen Paläontologen an der Uppsala Universität, an den Fundort zurück, um die Fußspuren im Detail zu studieren. Gemeinsam kamen sie zu dem Schluss, dass die Fußabdrücke von Homininen hinterlassen wurden.
Fotos: Andrzej Boczarowski

Seit der Entdeckung der Fossilien von Australopithecus in Süd- und Ostafrika während der mittleren Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts wurde der Ursprung der menschlichen Linie in Afrika gesehen. Spätere Entdeckungen von Fossilien in der gleichen Region, darunter die ikonengleichen 3,7 Millionen Jahre alten Laetoli-Fußabdrücke aus Tansania, die menschliche Füße zeigen und eine aufrechte Fortbewegung beweisen, haben die Vorstellung zementiert, dass Homininen (frühe Mitglieder der menschlichen Linie) nur in Afrika entstanden sind, dort für mehrere Millionen Jahre isoliert blieben, bevor sie sich mit Homo erectus nach Europa und Asien ausbreiteten. Die Entdeckung von etwa 5,7 Millionen Jahre alten menschenähnlichen Spuren auf Kreta, die diese Woche von einem internationalen Forscherteam online veröffentlicht wurden, bringt dieses einfache Bild ins Wanken und schlägt eine komplexere Realität vor.



Menschliche Füße haben eine sehr eigentümliche Form, die sich von allen anderen Landtieren unterscheidet. Die Kombination aus einer langen Sohle, fünf kurzen vorwärts gerichteten Zehen ohne Klauen und eine "große Zehe" (Hallux), die viel größer ist als die anderen, ist einzigartig. Die Füße unserer engsten Verwandten, die großen Menschenaffen, sehen eher wie eine menschliche Hand mit einem Daumen-ähnlichen Hallux aus, der zur Seite absteht. Die Laetoli-Fußabdrücke, die von Australopithecus hinterlassen worden sind, sind denen der modernen Menschen sehr ähnlich, außer dass die Ferse schmaler ist und die Sohle keinen richtigen Bogen hat. Im Gegensatz dazu hat der 4,4 Millionen Jahre alte >Ardipithecus ramidus aus Äthiopien, der älteste Hominine, der durch ziemlich komplette Fossilien bekannt ist, einen deutlich affenähnlichen Fuß. Die Forscher, die Ardipithecus beschrieben haben, argumentierten, dass es sich um einen direkten Vorfahren von späteren Homininen handelt, was bedeutet, dass sich damals vor 4,4 Millionen Jahren noch kein menschlicher Fuß entwickelt hatte.

"Was dies umstritten macht, ist das Alter und die Lage der Fußspuren", sagt Professor Per Ahlberg an der Universität Uppsala, Mitautor der Studie.

Mit etwa 5,7 Millionen Jahren sind sie jünger als Sahelanthropus aus dem Tschad, das bislang älteste bekannte hominine Fossil und etwa gleich alt wie Orrorin aus Kenia, aber mehr als eine Million Jahre älter als Ardipithecus ramidus aus Äthiopien mit seinen affenähnlichen Füßen. Dies steht im Widerspruch zu der Hypothese, dass Ardipithecus ein direkter Ahne von späteren Homininen ist. Darüber hinaus kamen bis heute alle fossilen Homininen, die älter als 1,8 Millionen Jahre waren (die frühen Homo-Fossilien aus Georgien), aus Afrika und führten die meisten Forscher zu dem Schluss, dass sie sich auch hier entwickelten. Allerdings sind die Trachilos-Fußabdrücke von Kreta sicher datierbar mit darüber- und darunter liegenden Schichten aus Foraminiferen (marine Mikrofossilien), darüber hinaus liegen sie knapp unterhalb eines sehr ausgeprägten Sedimentgesteins, das sich gebildet hat, als das Mittelmeer vor 5,6 Millionen Jahren kurz ausgetrocknet war. Durch einen eigentümlichen Zufall hat Anfang dieses Jahres eine andere Gruppe von Forschern den fragmentarischen 7,2 Millionen Jahre alten Primaten Graecopithecus aus Griechenland und Bulgarien als Homininen neu interpretiert (evolution-mensch.de berichtete). Graecopithecus ist nur von Zähnen und Kiefern bekannt.



Während des späten Miozäns, jene erdgeschichtliche Periode, aus der die Trachilos-Fußabdrücke stammen, war die Sahara noch nicht vorhanden. Es herrschten savannen-ähnliche Umwelten vor, die sich von Nordafrika bis hinauf um das östliche Mittelmeer erstreckten. Außerdem war Kreta noch nicht vom griechischen Festland getrennt. Es ist also nicht schwer, sich vorzustellen, wie frühe Homininen sowohl in Afrika als auch in Südosteuropa verbreitet waren und ihre Fußspuren an einem Mittelmeerufer hinterließen, das eines Tages Teil der Insel Kreta sein würde.

Diese Entdeckung fordert die etablierte Vorstellung von der frühen menschlichen Evolution heraus und wird wahrscheinlich eine große Debatte auslösen. "Ob die Forschungsgemeinschaft die fossilen Fußabdrücke als schlüssige Beweise für die Anwesenheit von Homininen im Miozän von Kreta akzeptieren wird, bleibt abzuwarten", sagt Per Ahlberg.


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