10.000 Jahre auf der Bering-Landbrücke

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10.000 Jahre auf der Bering-Landbrücke

Meldung vom 03.03.2014 16:43

Vorfahren der Indianer legten auf dem Weg von Asien nach Nordamerika eine Pause ein


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Diese Karte zeigt die Umrisse von Sibirien (links) und Alaska (rechts) mit gestrichelten Linien. Der breitere Bereich dazwischen, in dunklerem Grün, ist heute mit Wasser bedeckt und stellt die Bering-Landbrücke am Ende der letzten Eiszeit dar. Dieses letzte glaziale Maximum, der Höhepunkt der letzten Eiszeit, dauerte von 28.000 bis vor 18.000 Jahre, als der Meeresspiegel niedrig war und sich der Eispanzer bis in den nördlichen Teil der Vereinigten Staaten erstreckte.
Bild: William Manley, Institute of Arctic and Alpine Research, University of Colorado
J. F. Hoffecker, S. A. Elias, D. H. O´Rourke. 2014. Out of Beringia? Science, 2014; 343 (6174): 979
DOI: 10.1126/science.1250768

Genetische Analysen sowie Untersuchungen der Paläo-Umwelt deuten darauf hin, dass die Vorfahren der nordamerikanischen Indianer den letzen Schritt auf den Kontinent erst machten, nachdem sie rund 10.000 Jahre lang auf der Bering-Landbrücke eine Pause einlegten. Die breite Landbrücke verband während der Eiszeit einst Sibirien und Alaska, aber naturgemäß fehlen archäologische Funde, da die Landbrücke nach Ende der letzen Eiszeit im heutigen Beringmeer versank, als der Meeresspiegel wieder anstieg.

Der Anthropologe Dennis O´Rourke von der University of Utah und zwei Kollegen berichten in der Februar-Ausgabe der Zeitschrift Science über ihre Forschungsarbeit. Die Wissenschaftler haben sich es in ihrer Arbeit zur Aufgabe gemacht, verschiedene Beweise aus der Genetik sowie der Paläoumwelt für eine menschliche Besiedlung auf der Bering-Landbrücke - auch Beringia genannt - in Einklang zu bringen, obwohl archäologischen Beiweise für solch eine Besiedlung fehlen.

O´Rourke ist der Meinung, die immer neuen Beweise würden zeigen, dass die Vorfahren der heutigen "Native Americans" nahezu 10.000 Jahre lang auf der Bering-Landbrücke ausharrten, bevor sie, nachdem das Gletschereis geschmolzen war und sich so Wege für eine Migration auftaten, ab etwa 25.000 Jahren bis 15.000 Jahren vor heute nach Nordamerika einwanderten.

O´Rourke ist neben dem Archäologen John Hoffecker von der Universität von Colorado in Boulder und dem Paläoökologen Scott Elias von der Universität von London auch Co-Autor einer Kolumne in der Zeitschrift Science mit dem Titel "Out of Beringia?". Diese Kolumnen beziehen sich nicht auf aktuelle Forschungen der Autoren, sondern sollen Zusammenhänge von neuen, spannenden Forschungsergebnissen kommentieren, die aus verschiedenen Disziplinen kommen.

"Niemand bestreitet, dass die Vorfahren der amerikanischen Ureinwohner während des "letzten glazialen Maximums, dem Höhepunkt der letzten Eiszeit" von 28.000 bis vor mindestens 18.000 Jahren über den Landweg oder entlang der Küste der Bering-Landbrücke einwanderten", sagt O´Rourke. Die Eisschilde reichten bis nach Wyoming, Wisconsin und Ohio und bedeckten den nordwestlichen Pazifik. In den großen Weiten Sibiriens und Beringias war es zwar ebenfalls eiskalt, allerdings gab es dort keine Gletscher.

O´Rourke fügt hinzu: "Das Fehlen von archäologischen Stätten und die unwirtliche Natur der offenen, baumlosen Tundra sind der Grund, warum Archäologen kaum an die Idee glaubten, dass die heute im Meer versunkene Bering-Landbrücke über Tausende von Jahren von Menschen bevölkert war".

O´Rourke und seine Kollegen sagen, dass Paläo-Ökologen - das sind Wissenschaftler, die vergangene Umweltbedingungen rekonstruieren - in den letzten Jahren Bohrkerne aus dem Beringmeer und den Sumpfgebieten Alaskas holten. Diese Sedimentproben enthielten Pollen sowie Fossilien von Pflanzen und Insekten, die darauf hindeuten, dass die Bering-Landbrücke nicht nur eine karge, grasbewachsene Tundra war, sondern dass es auch "Refugien" gab, Gebiete mit buschigen Sträuchern und sogar Bäumen wie Fichten, Birken, Weiden und Erlen.

"Wir bringen diese Erkenntnisse mit den archäologischen und genetischen Hinweisen zusammen und können sagen, schaut, es gab eine Umwelt mit Bäumen und Sträuchern, die ganz anders war als die offene Grassteppe. Es waren Rückzugsgebiete, wo die Menschen auf Ressourcen zugreifen konnten, die ihnen das Leben auf der Bering-Landbrücke während der letzten Eiszeit ermöglichten", sagt O´Rourke. "Das war vielleicht auch entscheidend für das Überleben dieser Menschen, weil sie Holz für den Bau von Hütten und für Lagerfeuer hatten. Sonst hätten sie Knochen verwendet, die aber schwer zu verbrennen sind."

Ein kalter, isolierter Anfang für die ersten Amerikaner

Während der letzten Eiszeit erstreckten sich dicke Gletscher bis in den Norden der heutigen Vereinigten Staaten, der Meeresspiegel sank um etwa 125 Meter, sagt O´Rourke. Als die Gletscher schmolzen, begann der Meeresspiegel wieder zu steigen, bis er vor etwa 6000 Jahren das heutige Niveau erreichte.

Während der langen Eiszeit waren Sibirien und Alaska durch die Bering-Landbrücke miteinander verbunden, die - ganz anders als der Name vermuten läßt - ein wirklich riesiges Gebiet nördlich und südlich von Sibirien und Alaska war und das heute unter der Tschuktschen-See, der Bering-Straße und dem Bering-Meer liegt.

In seiner größten Ausdehnung war Beringia von Norden nach Süden bis zu 1.600 Kilomenter lang und erstreckte sich über etwa 4.800 Kilometer ostwärts vom sibirischen Werchojansker Gebirge bis zum Fluß Mackenzie in Kanada.

Die Theorie, dass Menschen die Bering-Landbrücke für einige 10.000 Jahre bewohnten, könnte erklären, warum sich das Genom der "Native Americans" von dem seines asiatischen Vorfahren unterscheidet", sagt O´Rourke.

"Irgendwann unterschied sich die genetische Blaupause, die die heutigen amerikanischen Ureinwohner definiert, von dieser asiatischen Abstammung", erklärt er. "Der einzige Weg, wie das passieren konnte, war eine längere Isolation der Bevölkerung. Die meisten von uns glauben nicht, dass diese Isolation in Sibirien stattfand, weil wir keinen Ort kennen, wo eine Bevölkerung ausreichend isoliert hätte werden können. Sie wären an ihrer Peripherie immer mit anderen asiatischen Gruppen in Kontakt gekommen."

"Aber wenn es diese Strauch- und Bauminseln in der Tundra im Zentrum von Beringia gab, hätten wir einen Ort, wo Isolation aufgrund der Entfernung zu Sibirien hätte auftreten können" , sagt O´Rourke.

Genetische und paläoökologische Belege

O´Rourke und Kollegen verweisen auf eine Studie der mitochondrialen DNA (genetische Informationen, die nur von Mutter vererbt werden) von nordamerikanischen Ureinwohnern. Die Studie fand heraus, dass das einzigartige Genom (oder der genetische Bauplan) der Indianer bereits irgendwann vor 25.000 Jahren entstand, sich aber erst vor etwa 15.000 Jahren nach Nord- und Südamerika ausbreitete.

"Dieses Ergebnis zeigt, dass irgendwo eine beträchtliche Bevölkerung existierte, isoliert vom restlichen Asien, während dessen sich das Genom aus dem asiatischen Eltern-Genom differenzierte", sagt O´Rourke. "Die Forscher haben Beringia als Lebensraum für diese isolierte Population vorgeschlagen und meinen, dass sie für mehrere tausend Jahre dort existierte, bevor die Mitglieder dieser Bevölkerung südwärts nach Nordamerika und schließlich Südamerika wanderten, als die sich zurückziehenden Gletscher eisfreie Korridore für eine Migration freigaben."

"Mehrere andere genetisch-genomische Analysen von amerikanischen Ureinwohnern haben zu ähnlichen Ergebnissen geführt", fügt er hinzu.

"Lange Zeit dachten viele von uns, dass die Landbrücke eine einheitliche Tundrasteppe war - windgepeitschtes Grasland ohne Sträucher und Bäume," sagt O´Rourke. Aber in den letzten Jahren haben Sedimentkerne aus dem Bering-Meer und entlang der Küste Alaskas - die heute unter Wasser liegenden Niederungen von Beringia - Pollen von Bäumen und Sträuchern zutage gefördert.

Das deutet darauf hin, dass Beringia keine einheitliche Steppe war, sondern ein Flickenteppich von Umgebungen, einschließlich großer Bereiche mit Strauch-Tundra", sagt O´Rourke. "Diese Strauch-Tundren waren wahrscheinlich Refugien für eine archäologisch kaum greifbare Bevölkerung, da das ehemalige Beringia-Tiefland heute untergetaucht ist."

"Wahrscheinlich gab es im Hochland dieser Steppe große Herdentiere wie Bisons und Mammuts. Viele kleinere Tiere wie Vögel, Elche und Wapitis (die Sträucher statt Gras abweiden) konnten in der Strauch-Tundra ebenfalls angetroffen werden", fügt er hinzu.

Andere Untersuchungen zeigen, "dass in großen Teilen von Beringia durchschnittliche Sommertemperaturen vorherrschten, die - vor allem im Tiefland - nahezu identisch mit heute dort herrschenden Temperaturen waren, in einigen Regionen vielleicht etwas kühler", sagt O´Rourke. "Die lokalen Umweltbedingungen wahrscheinlich nicht so schlimm, wie man viele Jahre angenommen hat. Wahrscheinlich ging man im Winter aber in Deckung, denn es konnte bitterkalt werden."

Unter den Forschern, die sich mit den Wanderungen der frühen Indianer nach dem Rückzug der Gletscher und dem Anstieg des Meeresspiegels beschäftigen, gibt es schon lange die Vorstellung, dass viele Belege der menschlichen Migration nach Nordamerka (und weiter nach Süden entlang der Pazifikküste) heute vom Meer bedeckt sind. Allerdings, so O´Rourke, kam noch niemand auf die Idee, auch die Knappheit von archäologischen Stätten im heutigen Alaska und Sibirien mit dieser Tatsache zu erklären. Diese Regionen waren nämlich unwirtliches Hochland, als die Beringia-Landbrücke existierte.

Trotzdem sind O´Rourke und seine Kollegen der Meinung, dass archäologische Stätten dort gefunden werden können, wenn der lange Zwischenstopp der Menschen in Beringia bestätigt wird. Obwohl die meisten dieser Stellen heute unter Wasser sind, könnten einige Zeugnisse menschlicher Besiedlung auch über dem Meeresspiegel gefunden werden, und zwar in den tiefer gelegenen Teilen von Alaska und im Osten der Tschuktschen-Halbinsel in Russland.


Diese Newsmeldung wurde erstellt mit Materialien von Science daily








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