Volks- und Kulturbodenforschung


Die Volks- und Kulturbodenforschung beschäftigte sich mit ethnozentrischen und geopolitischen Fragen und volkstumspolitischen Gesichtspunkten. Sie diente vor allem der deutschen Macht- und Kulturpolitik. Institutionalisiert wurde sie 1920 mit der Stiftung für deutsche Volks- und Kulturbodenforschung in Leipzig.

Wissenschaftliche Vertreter

Bereits im Kaiserreich wurden die Paradigmen der Kulturbodenforschung von den Herausgebern der Zeitschrift „Deutsche Erde“, die gemeinsam vom Alldeutschen Verband und dem Deutschbund herausgegeben wurde, vertreten. Dazu gehörten Karl Lamprecht, Friedrich Ratzel, Gustaf Kossinna, Albrecht Penck, Paul Langhans und Dietrich Schäfer.

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde in der „Volks- und Kulturbodenforschung“ als „kämpfende Wissenschaft“ gegen den Versailler Vertrag zur Begründung revisionistischer Gebietsansprüche agitiert. Die Nation wurde definiert als „Volksgruppe“. Geopolitische Vorstellungen wurden mit Lebensraum-Konzepten verbunden. Für die Forderung nach einer „kämpferischen Wissenschaft“ traten sowohl zahlreiche Historiker ein, wie Werner Conze (1910–1986), Hans Rothfels (1891–1976), Theodor Schieder (1908–1984) oder Hermann Aubin (1885–1969), als auch Agrarwissenschaftler wie Theodor Oberländer (1905–1998).

1920 wurde die „Stiftung für deutsche Volks- und Kulturbodenforschung“ in Leipzig und 1925 die „Deutsche Akademie“ in München als zentrale Institutionen gegründet. In beiden Einrichtungen arbeiteten Volkstumsforscher und -politiker eng zusammen. Sie waren bestimmend für den ethnozentrischen Diskurs der Volkstumsforschung und –politik in Deutschland. Zu den Ostforschern dieser Einrichtungen gehörte dabei vor allem der auch als Wahlforscher und Ethnologe tätige Historiker Albert Brackmann, der die masurischen Minderheiten und ihre germanophilen Abstimmungsverhalten analysierte. Manfred Laubert, Wilhelm Volz, Karl Christian von Loesch und Hans Steinacher waren in Schlesien aktiv. Sie propagierten dort das deutsche Volkstum ebenso wie Albrecht Penck, für die deutschen „Volksgruppen“ im westlichen Polen und Max Hildebert Boehm im Baltikum. Theodor Schieder forderte 1939 die Deportation von Juden aus Polen und den Aufbau einer „gesunden Volksordnung“ in Osteuropa.

Institutionen

Die Stiftung für deutsche Volks- und Kulturbodenforschung in Leipzig ging 1931 in die Volksdeutschen Forschungsgemeinschaften (VFG) über. Die VFG waren maßgeblich an der Rückgliederung des Saarlandes und den Vorbereitungen für das Münchener Abkommen und dessen Umsetzung für die Tschechoslowakei beteiligt.

Ziele

Unter dem Schlagwort „Volk und Raum“ lässt sich der ethnozentrische und geopolitische Diskurs der "deutschen Volks- und Kulturbodenforschung“ beschreiben. Konstruiert werden sollten ethnische Grenzen, um die nationalen Grenzziehungen nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg angreifbar zu machen.

Die ethnozentrische Geopolitik der Kulturbodenforschung richtete sich dabei nach utopischen Vorstellungen eines Großdeutschen Reiches, wie sie vor allem von Arthur Moeller van den Bruck und Max Hildebert Boehm entwickelt wurden. Mythische Vorlage für ein deutsches Großreich wurde dabei Karl der Große.

Für den identitätsstiftenden Raum- und Volksbegriff wurden folgende Konstrukte gebildet. Das Konstrukt des sich über Jahrhunderte beharrenden und expandierenden „Volks“ bzw. des „Stamms“. Das Konstrukt eines natürlich erscheinenden „Volkes“ als Gegenbegriff zur Nation der französischen Aufklärung und ein in Blut und Rasse homogener Volks- oder Sprachraum.

Projekte

Zentrale Projekte der Volks- und Kulturbodenforschung waren das „Handwörterbuch des Grenz- und Auslandsdeutschtums“ (zur Erforschung der „deutschen Volksgruppen“ waren bei diesem Projekt 1933 ca. 700 Wissenschaftler tätig[1]) und der „Atlas der deutschen Volkskunde“. Über die Volksdeutschen Forschungsgemeinschaften hatten beide Projekte Bedeutung für die Arbeit der SS. Die Volksdeutschen Forschungsgemeinschaften (VFG) wurden im Nationalsozialismus zu einer kulturpolitischen Denkfabrik, in der bis zu 1000 Wissenschaftler arbeiteten. Neben Memoranden und Denkschriften wurden vor allem Statistiken gefertigt. Ein neues Betätigungsfeld wurden beratende und mitwirkende Tätigkeiten bei den bevölkerungspolitischen Maßnahmen der Besatzungsverwaltungen. Qualitativ neu waren im Nationalsozialismus die Forschungen zur "Gefährdung" des Deutschtums in Ost- und Südosteuropa als nationale Minderheiten.

Nach 1945

Nach 1945 konnte die Wissenschaft sich in Forschungsnetzwerken wie dem J.-G.-Herder-Forschungsrat und dem Herder-Institut e.V. neu organisieren. Hermann Aubin konnte 1953 zum Präsidenten des Verbandes der Historiker Deutschlands gewählt werden. Hans Joachim Beyer, Heydrichs enger Mitarbeiter, bildete staatliche Lehrkräfte in Flensburg aus und schrieb weiter unermüdlich zu "Volkstumsfragen", zeitweise gleichzeitig unter Pseudonym. Begrifflichkeiten und Methoden hatten bis in die 1990er Jahre Einfluss in der Volkskunde, Ethnologie, Geschichtswissenschaft und Soziologie. Ein Großteil der Wissenschaftler bewegte sich im Vertriebenen-Milieu und orientierte sich dort politisch und ideologisch.

Werke

Beispiele

  • Deutsche Hefte für Volks- und Kulturbodenforschung, hrsg. im Auftr. d. Stiftung für Deutsche Volks- und Kulturbodenforschung in Leipzig
  • Adolf Rieth: Die geographische Verbreitung des Deutschtums in Rumpf-Ungarn in Vergangenheit und Gegenwart, hrsg. in Verbindung und mit Unterstützung der Stiftung für deutsche Volks- und Kulturbodenforschung, 1927, Leipzig, Stuttgart, Ausland und Heimat Verlagsaktiengesellschaft (Schriften des Deutschen Auslandsinstituts)
  • Max Hildebert Boehm: Das eigenständige Volk. Volkstheoretische Grundlagen der Ethnopolitik und Geisteswissenschaften, Göttingen 1932

Siehe auch

  • Aktion Ritterbusch
  • Emil Meynen

Literatur

  • Michael Fahlbusch: „Wo der deutsche … ist, ist Deutschland!“ Die Stiftung für Deutsche Volks- und Kulturbodenforschung in Leipzig 1920–1933, Brockmeyer, Bochum 1994.
  • Michael Fahlbusch: Wissenschaft im Dienst der nationalsozialistischen Politik? Die „Volksdeutschen Forschungsgemeinschaften“ 1931–1945, Baden-Baden 1999.
  • Karen Schönwälder: Historiker und Politik. Geschichtswissenschaft im Nationalsozialismus, Frankfurt a.M./New York 1992.
  • Willi Oberkrome: Volksgeschichte. Methodische Innovationen und völkische Ideologisierung in der deutschen Geschichtswissenschaft 1918–1945, Göttingen 1993.
  • Peter Schöttler (Hrsg.): Geschichtsschreibung als Legitimationswissenschaft 1918–1945, Frankfurt am Main 1997.
  • Winfried Schulze, Otto Gerhard Oexle (Hrsg.): Deutsche Historiker im Nationalsozialismus, Frankfurt am Main 1999.
  • Ingo Haar: Historiker im Nationalsozialismus. Deutsche Geschichtswissenschaft und der „Volkstumskampf“ im Osten, Göttingen 2000.
  • Rudolf Jaworski, Hans-Christian Petersen: Biographische Aspekte der „Ostforschung“. Überlegungen zu Forschungsstand und Methodik, In: BIOS 15 (2002), Heft 1.
  • Ulrich Prehn: Die wechselnden Gesichter eines „Europa der Völker“ im 20. Jahrhundert. Ethnopolitische Vorstellungen bei Max Hildebert Boehm, Eugen Lemberg und Guy Héraud. In: Heiko Kauffmann, Helmut Kellershohn, Jobst Paul (Hrsg.): Völkische Bande. Dekadenz und Wiedergeburt – Analysen rechter Ideologie, Münster 2005.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Wissenschaft und Forschung 1933–1939, Lebendiges virtuelles Museum Online, DHM und HdG

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