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Villa rustica


Römische Villa Haselburg im Odenwald, Hessen, Modell des Herrenhauses
Villa Rustica Weinbergshof/Treuchtlingen (Bayern), 1.–3. Jahrhundert n. Chr.

Als villa rustica (Plural villae rusticae) bezeichnet man ein Landhaus beziehungsweise Landgut im Römischen Reich. Es war Mittelpunkt eines landwirtschaftlichen Betriebs und bestand neben dem Hauptgebäude aus Wirtschafts- und Nebengebäuden, die meist innerhalb eines ummauerten Hofes standen.

Begriff

Der Begriff villa rustica ist eine moderne Wortschöpfung. In der Antike war vermutlich die Bezeichnung fundus oder praedium üblich. Die Römer unterschieden zwischen städtischen Gebäuden (aedes) und ländlichen (villa). Auf ähnliche Weise wurde auch zwischen unbebautem Land in der Stadt (area) und auf dem Land (ager) unterschieden.[1] Große Landgüter wurden auch als latifundium (von latus = weit) bezeichnet.

Aufbau und Einrichtung

Isometrische Ansicht einer Portikusvilla mit Eckrisaliten
Frontalansicht einer Portikusvilla mit Eckrisaliten
Gesamtansicht der Villa Rustica Nördlingen-Holheim. 1: Haupthaus; 2: heizbares Bad; 3–7: Wirtschaftsgebäude; 8: Hofmauer; 9: Verbindungsmauer
Grundriss der Villa bei Séviac (Gers, Frankreich)

In Italien umfasste das Hauptgebäude einer villa rustica meistens einen geräumigen Innenhof, um den sich die Wirtschaftsräume gruppierten, der oft zweistöckige Wohntrakt befand sich in der Regel an der nördlichen Hofseite. In den gallischen und germanischen Provinzen, wo sich die Mehrzahl der heute bekannten villae rusticae befand, war der Bautyp ein völlig anderer. Das Haupthaus war bei größeren Anlagen oft als Porticusvilla ausgeführt: Die Front gliederte sich in die Eckrisaliten und die dazwischenliegende Porticus (eine nach vorne offene Säulenhalle). Die Wohn- und Arbeitsräume des Hausherrn und seiner Familie grenzten direkt an die Porticus. Oft ist auch ein zentraler größerer Raum zu beobachten, entlang dem mehrere Raumfluchten angeordnet waren. Die Frage, ob es sich dabei um eine überdachte Halle oder einen unüberdachten Innenhof handelt, ist weitgehend ungeklärt und möglicherweise nicht allgemeingültig zu beantworten.[2] Anlagen vom Portikus- oder Risalittyp sind ein dominanter Bautyp, der sich sehr häufig bei mittelgroßen Anlagen bis zu den großen palastartigen Hauptgebäuden wie der Villa Otrang bei Fließem finden.

Größere Villen verfügten in der Regel über beheizbare Baderäume oder Badehäuser, oft waren auch ein Teil der Räume mittels Fußbodenheizung (Hypokausten) zu beheizen. Sie wiesen in der Regel einen Keller auf, der entweder als Vorratskeller oder als Hausheiligtum für die Laren und andere Schutzgötter diente. Mitunter fand sich auf dem Gelände auch ein kleiner Tempel.

Die luxuriösen Wohnverhältnisse waren aber nur einer geringen Oberschicht zugänglich. Bei den villae rusticae gibt es besonders im rechtsrheinischen Gebiet eine Gruppe von kleineren Höfen, die solche Ausstattung nicht besaßen. Hauptgebäude war in dem Fall oft ein einfaches steinernes Gebäude. In vielen Regionen bilden solche Gehöfte sogar die Mehrzahl der ländlichen Siedlungen.[3] Als Hintergrund wird schon seit längerer Zeit das sogenannte Patronatssystem vermutet, das in ländlichen Regionen sehr verbreitet war und bis zur Spätantike stark zunimmt.[4] Dafür würde das relative Fehlen von Hinweisen auf Sklaven in römischen Villen der Nordwestprovinzen und eher häufige Indizien für Kolonen im Fundmaterial sprechen.[5]

Das Gelände einer villa rustica konnte mit Hecken, Mauern und Gräben umfriedet sein. Dies gilt vor allem für Wehrgehöfte in den Randgebieten des Reiches. In vielen Fällen lässt sich jedoch keine Hofumwehrung ausmachen. Eine Umfriedung schloss das Wohngebäude nebst Wirtschaftsgebäude ein. Innerhalb eines solchen Areals finden sich im archäologischen Befund neben Wohnhäusern und Stallungen weiterhin Brunnen, Druschplätze, Garten- und Teichanlagen. Bestattungsplätze lagen üblicherweise außerhalb, meist an einer Zufahrtsstraße. Die fruchtbaren Lößebenen des Rheinlandes und der Wetterau wurden mit einem wabenartigen System aus villae rusticae überspannt, wobei der Abstand der Hofanlagen etwa zwei bis drei Kilometer beträgt. Vereinzelt wurde daraus geschlossen, dass eine Landvermessung (centuriation) vorgenommen wurde. Eindeutige Belege dafür fehlen aber bislang.

Bewirtschaftung

Der Hausherr (dominus) der villa rustica war oft ein aus dem Militärdienst ausgeschiedener Veteran, der innerhalb der provinzialen Infrastruktur Versorgungsaufgaben für die nahe gelegenen Städte und Garnisonen übernahm. Wegen der hohen Transportkosten befanden sich die meisten Villen in der Nähe der Verbraucher, was die große Zahl von villae rusticae in jenen Grenzprovinzen, in denen die römischen Truppen hauptsächlich stationiert waren, erklärt. Wenn eine Villa im Durchschnitt 50 Personen umfasste, konnte diese bestenfalls für 20 weitere Städter oder Soldaten Nahrung produzieren; denn sonderlich effizient waren diese Betriebe, gemessen an den heutigen, in der Regel nicht; der erzielte Überschuss war meist gering. Folgt man dieser Berechnung (was nicht alle Forscher tun), so lässt sich ableiten, dass rund um eine Stadt wie Carnuntum mit 40.000 Bewohnern etwa 2.000 Villen für deren Versorgung existiert haben müssen, selbst wenn hier durch zusätzliche Nahrungsbeschaffung aus Handel und Fischerei eine gewisse Entlastung für die Bauern bestand. Der Raum, den diese 100.000 Bauern benötigten, war jedenfalls enorm. Die logistischen Hürden für Transport und Lagerung ebenfalls. Bis zu 50 km weit lieferten die Villen ihre Waren in die Städte und das vorzugsweise am günstigen Wasserweg über die Flüsse.

Die Bewirtschaftung der Güter erfolgte direkt über den Hausherrn oder mit Hilfe eines Verwalters. Dieser entschied je nach Jahreszeit und anfallender Tätigkeit, was die Landarbeiter, das heißt zumeist Sklaven (servi), aber auch Freigelassene (liberti) oder Freie, zu verrichten hatten.

Schon damals mussten die Erzeugnisse den Markterfordernissen angepasst werden. So standen die Agrarproduzenten des antiken Apennin im Wettbewerb mit den römischen Provinzen. Tarraconensis (Spanien) und Gallia (Gallien) waren bekannt für den Export von Weinen und Ölen; zudem war in Gallien die Schafhaltung weit verbreitet und die damit verbundenen Produkte wie Textilien, Käse und Pökelfleisch; Aegyptus (Ägypten) und andere afrikanische Provinzen für Getreide.

Sonderform villa urbana

Daneben besaßen Senatoren und andere hohe politische Amtsträger riesige Landgüter mit entsprechend großen Landhäusern, die oft luxuriös ausgestattet waren und dem Sommeraufenthalt dienten. Eine Villa dieser Art wird, in Abgrenzung zur rein wirtschaftlichen villa rustica, als villa urbana bezeichnet, das heißt als ein mit städtischem Komfort ausgestattetes Landhaus. Im rechtsrheinischen Gebiet ist bislang nur eine einzige solche Villa gefunden worden, und zwar im baden-württembergischen Heitersheim.

Weiternutzung durch Germanen

Ab der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts kam es zu einem stetigen Bevölkerungsrückgang in den germanischen Provinzen (Germania inferior und Germania superior), mit ausgelöst durch die zunehmenden Überfälle rechtsrheinischer germanischer Stämme (vor allem Alamannen und Franken) auf das römische Territorium. Viele Villen wurden in dieser Zeit verlassen. Eine Weiternutzung durch sich neu ansiedelnde Germanen ist archäologisch nur schwer nachzuweisen, da Funde aus dieser Zeit sich in den meisten Fällen nicht sicher ethnisch zuweisen lassen. Außerdem übernahmen die in Grenznähe siedelnden Germanen oft die römische Lebensweise, so dass es hier kaum Anhaltspunkte für eine Zuordnung gibt. In Südwestdeutschland gelang es nur in einem Fall (villa rustica von Wurmlingen), die sekundäre Verwendung römischer Bausubstanz durch die Germanen sicher archäologisch nachzuweisen. Auch im 4. und 5. Jahrhundert gab es weiterhin noch villae rusticae, aber in deutlich geringerer Zahl als früher.

Liste der Villae Rusticae

Siehe auch

  • Portal und Themenliste Rom

Literatur

  • Helmut Bender, Hartmut Wolff (Hrsg.): Ländliche Besiedlung und Landwirtschaft in den Rhein-Donau-Provinzen des Römischen Reiches (Passauer Universitätsschriften zur Archäologie; Bd. 2). Leidorf Verlag, Espelkamp 1994.
  • Ursula Heimberg: Villa rustica. Leben und Arbeiten auf römischen Landgütern. Philipp von Zabern, Mainz 2011. (Aktuelle, materialreiche Einführung.)
  • Karl Heinz Lenz: Ländliche Besiedlung. In: Thomas Fischer (Hrsg.): Die römischen Provinzen. Eine Einführung in ihre Archäologie. Theiss-Verlag, Stuttgart 2001, S. 58–67.
  • Hans Ulrich Nuber: Villae Rusticae. Römische Bauernhöfe und Landgüter in Baden-Württemberg. In: Imperium Romanum. Roms Provinzen an Neckar, Rhein und Donau. Archäologisches Landesmuseum Baden-Württemberg, Esslingen 2005, S. 270–277.
  • John Percival: The Roman Villa. A Historical Introduction. Batsford, London 1988. (Allgemein zur römischen Villa.)
  • Peter Rothenhöfer: Die Wirtschaftsstrukturen im südlichen Niedergermanien. Untersuchungen zur Entwicklung eines Wirtschaftsraumes an der Peripherie des Imperium Romanum. Kölner Studien zur Archäologie der römischen Provinzen 7, 2005.
  • Vera Rupp, Heide Birley (Hrsg.): Landleben im römischen Deutschland. Theiss, Stuttgart 2012, ISBN 978-3-8062-2573-0.
  • John T. Smith: Roman Villas. A Study in Social Structure. Routledge, London 2003. (Allgemeine Darstellung zur römischen Villa ohne besondere Berücksichtigung der villae rusticae.)

Weblinks

 <Lang> Commons: Villas – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Online-Publikationen:

  • Bilgehan Köhler: Villa rustica Frimmersdorf 49 und Villa rustica Frimmersdorf 131. Studien zur römischen Besiedlung im Braunkohlentagebaugebiet Garzweiler I. Dissertation an der Universität Köln, 2005. Auf den Servern der Universität Köln und der Deutschen Nationalbibliothek

Einzelnachweise

  1. Angaben nach Wolfgang Czysz in: Die Römer in Bayern. Nikol, Hamburg 2005, ISBN 3-937872-11-6, S. 216.
  2. Siehe dazu Hans Ulrich Nuber: Villae Rusticae. Römische Bauernhöfe und Landgüter in Baden-Württemberg. In: Imperium Romanum. Roms Provinzen an Neckar, Rhein und Donau. Archäologisches Landesmuseum Baden-Württemberg, Esslingen 2005, ISBN 3-8062-1945-1, S. 274 mit Fußnoten; Wolfgang Czysz: Das zivile Leben in der Provinz. Die Gutshöfe auf dem Lande: Die Villae rusticae im 2. Jahrhundert. In: W. Czysz u. a. (Hrsg.): Die Römer in Bayern. Nikol, Hamburg 2005, ISBN 3-937872-11-6, S. 220 f.
  3. Zu diesen Gebäuden und ihrer Rolle in der Forschung siehe: Vera Rupp: Die ländliche Besiedlung und Landwirtschaft in der Wetterau und im Odenwald während der Kaiserzeit (bis 3. Jahrhundert einschließlich). In: H. Bender/ H. Wolff (Hrsg.): Ländliche Besiedlung und Landwirtschaft in den Rhein-Donau-Provinzen des römischen Reiches. Passauer Universitätsschriften zur Archäologie 2 (Passau/Espelkamp 1991/1994) S. 241; H. Bernhard in: Heinz Cüppers (Hrsg.): Die Römer in Rheinland-Pfalz. Lizenzausgabe, Nikol, Hamburg 2002, ISBN 3-933203-60-0, S. 362 (Enkenbach-Alsenborn); Siegmar von Schnurbein: Perspektiven der Limesforschung. In: Der Römische Limes in Deutschland. Archäologie in Deutschland Sonderheft 1992, S. 79.
  4. So bereits 1970 Dietwulf Baatz: Rechtsstand und Verwaltung des flachen Landes in römischer Zeit; ders.: Die ländliche Besiedlung im römischen Reichsgebiet östlich des Ober- und Mittelrheins. Gymnasium Beih. 7 (Germania Romana III), 1970 S. 11 und 102. Baatz vermutete „Vorwerke“ zu größeren Villae, die von Pächtern bewirtschaftet wurden.
  5. Karl-Heinz Lenz: Ländliche Besiedlung. In: Thomas Fischer (Hrsg.): Die römischen Provinzen. Eine Einführung in ihre Archäologie. Theiss-Verlag, Stuttgart 2001, S. 67. Zum Kolonat insgesamt: Klaus-Peter Johne: Von der Kolonenwirtschaft zum Kolonat. Ein römisches Abhängigkeitsverhältnis im Spiegel der Forschung, Berlin 1994 (Öffentliche Vorlesungen der Humboldt-Universität zu Berlin, Heft 18) PDF.

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