Verwandtschaftssystem


Durch Verwandtschaftssysteme werden Bluts- und/oder Heiratsbeziehungen zwischen Menschen einer gegebenen Kultur definiert und organisiert. Unter dem Begriff „System“ werden sowohl die Verwandtschaftsgruppen, als auch deren Klassifizierung durch die Ethnologie zusammengefasst.

Bedeutung

In allen Kulturen hat das Verwandtschaftssystem eine wichtige Funktion in Bezug auf die Sozialisation, die Erbschaftsregelung sowie die Sukzession, d. h. die Übertragung der sozialen Stellung (Status) an die nächste Generation. So wird über die Verwandtschaft die gesellschaftliche Kontinuität gewährleistet.

Daneben ist die Verwandtschaft in den meisten Gesellschaften ein unzerstörbares soziales Netzwerk mit entsprechenden wirtschaftlichen Verpflichtungen der Mitglieder einer Verwandtschaftsgruppe untereinander. Die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Verwandtschaftsgruppe wirkt sich außerdem oft auf die mögliche Partnerwahl der Individuen aus: siehe Heiratsregel.

In nicht-industriellen Gesellschaften ist die Verwandtschaft die wichtigste gesellschaftliche Organisationsform. In der postindustriellen Gesellschaft hingegen nehmen andere Zugehörigkeitsgruppen (Klasse, etc.) oft eine ebenso wichtige Funktion ein.

Klassifikation

Verwandtschaftssysteme werden in der Ethnologie auf verschiedene Weise beurteilt und eingeteilt:

Verwandtschaftssysteme nach der Terminologie

Je nach Kultur können die verwendeten Begriffe für Verwandte und ihre Beziehungen untereinander sehr spezifisch sein.

Grundsätzlich wird nach folgenden Merkmalen unterschieden, wobei Gesellschaften alle oder nur einige dieser Merkmale verwenden:

  • Generation
  • Relatives Alter
  • Direkte oder indirekte Abstammung von einem gemeinsamen Ahnen
  • Geschlecht (des Verwandten oder auch eigenes Geschlecht) und Geschlecht der/des verbindenden Verwandten
  • Blutsverwandtschaft oder „angeheiratete“ Verwandtschaft (juristisch: Schwägerschaft)
    • Bei Blutsverwandten: Lineare Verwandtschaft und Kollaterale Verwandtschaft
  • Polarität (zwei Verwandte bezeichnen sich gegenseitig unterschiedlich; bei nichtpolaren Systemen wird für „Großvater“ derselbe Terminus wie für „Enkel“ verwendet)

Verwandtschaftssysteme nach Abstammung

Verwandtschaftssysteme nach der Deszendenz sind für viele Gesellschaften die wichtigste soziale Zugehörigkeitsgruppe. Es werden zwei grundlegende Formen unterschieden: Unilineare und Bilineare Abstammungsformen.

Unilineare Abstammungsformen

Bei unilinearen Verwandtschaftssystemen wird die Zugehörigkeit zu einer Abstammungsgruppe (Lineage, Klan, Sippe) entweder durch die Mutter (weibliche Linie) oder den Vater (männliche Linie) bestimmt.

  1. In patrilinearen Verwandtschaftssystemen wird die Zugehörigkeit des Individuums zu einer Verwandtschaftsgruppe nach der männlichen Linie (Vater, Großvater,... gemeinsamer Ur-Ahn) gerechnet. Kinder gehören in diesem System zur Abstammungslinie des Vaters. Die Kinder des Sohnes ebenfalls, nicht aber die Kinder der Tochter - diese gehören dann zur Abstammungslinie ihres Ehemannes. Patrilineare Verwandtschaftssysteme gehen einher mit der sexuellen und wirtschaftlichen Kontrolle des Mannes über seine Ehefrau(en) und - in den meisten Fällen - mit einer patrilokalen Wohnsitzregelung.
  2. In matrilinearen Verwandtschaftssystemen werden Kinder zur Abstammungslinie der Mutter gerechnet. Dazu gehören die Kinder der Tochter, nicht aber die Kinder des Sohnes (diese werden der Verwandtschaftsgruppe ihrer Mutter zugerechnet). In vielen matrilinearen Systemen übernimmt der Mutterbruder die „Vaterrolle“ mitsamt den damit einhergehenden Rechten und Verpflichtungen für die Kinder seiner Schwester. In matrilinearen Systemen ist der soziale Zusammenhalt zwischen Verwandten größer als zwischen Ehepartnern.

Bilineare Abstammungsformen

In bilinearen Abstammungsformen wird die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Verwandtschaftsgruppe nach beiden Abstammungslinien gerechnet. Hier wird unterschieden zwischen ambilinearen und kognatischen Abstammungsformen:

  1. Bei ambilinearen Verwandtschaftssystemen wird das Kind je nach sozialem Kontext der Linie des Vaters oder der Linie der Mutter zugerechnet. Zum Beispiel wird in großen Teilen des europäischen Judentums die Zugehörigkeit zu diesem über die Mutterlinie vermittelt, die Zugehörigkeit zur Einzelfamilie aber über die Vaterlinie.
  2. Kognatische Verwandtschaftssysteme hingegen rechnen die Kinder gleichzeitig zur Abstammungslinie der Mutter und des Vaters. Bilineare, kognatische Verwandtschaftssysteme tauchen in Kulturen auf, deren sozialer Zusammenhalt nicht primär auf einem Verwandtschaftsnetz oder permanenten Verwandtschaftsgruppen basiert. So beispielsweise in den postindustriellen Gesellschaften, in denen die kindzentrierte Kernfamilie (Nuklearfamilie) die kleinste soziale Einheit darstellt.

Die wesentlichen sechs Systeme nach George P. Murdock

Irokesensystem

Unterscheidet nach Geschlecht und Generation. Geschwister desselben Geschlechts der Eltern heißen ebenfalls Vater oder Mutter und gelten als Blutsverwandte, Geschwister anderen Geschlechts jedoch Onkel bzw. Tante. Die Schwester der Mutter wird also ebenfalls „Mutter“ genannt, der Bruder der Mutter jedoch „Onkel“. Ebenso ist der Bruder des Vaters ebenfalls „Vater“, die Schwester jedoch „Tante“. Demzufolge werden auch die Kinder der Geschwister der Eltern verschieden behandelt. Während z. B. das Kind der Schwester der Mutter als blutsverwandt betrachtet wird, ist das Kind des Bruders der Mutter nicht blutsverwandt. Blutsverwandte dürfen nicht geheiratet werden, nicht blutsverwandte Kinder der Geschwister der Eltern aber wohl. Obwohl nach den Irokesen benannt, wird das System heute in vielen Gesellschaften verwendet, z. B. in Teilen Sri Lankas und Indiens sowie diversen Indianerstämmen Nordamerikas. Das unter den ca. 250 Millionen Hindi in Indien verwendete Verwandtschaftsystem entspricht dem Irokesensystem mit nur leichten Abwandlungen.

Crowsystem

Das Verwandtschaftssystem ist nach den Crowindianern aus Montana benannt, wird jedoch in vielen Gesellschaften der Welt verwendet, so auch bei anderen Indianerstämmen z. B. den Hopi und den Navajo. Ähnlich dem Irokesensystem, jedoch wird im Crowsystem auf der väterlichen Seite nicht mehr nach Generation oder Alter, sondern nur noch nach Geschlecht differenziert. Das Crowystem ist ein matrilineares System, das mehr Gewicht auf eine genaue Beschreibung der Mutterlinie legt, während die Vaterlinie eher ungenau ist. So wird väterlicherseits kaum zwischen Onkel, Großvater oder Urgroßvater unterschieden.

Omahasystem

Das System ist dem Crowsystem sehr ähnlich, jedoch auf die väterliche anstatt die mütterliche Linie ausgelegt, also patrilinear.

Eskimosystem

Das Eskimosystem wird von den meisten westlichen Gesellschaften verwendet (z. B. auch im deutschen Sprachraum) und insgesamt von ca. 10 % der Weltbevölkerung. Das Eskimosystem ist ein kognatisches Verwandtschaftssystem und unterscheidet nicht zwischen mütterlicher und väterlicher Linie. Geschwister der Eltern heißen immer „Onkel“ oder „Tante“, deren Kinder immer „Cousin(e)“. Eltern der Eltern heißen immer „Großvater“ oder „Großmutter“, weswegen bei der Notwendigkeit genauerer Beschreibung zu Hilfskonstrukten wie „Großvater mütterlicherseits“ zurückgegriffen werden muss. Das Eskimosystem betont die Kernfamilie, indem es die Eltern und Geschwister sehr genau unterscheidet (es gibt nur eine Mutter und nur einen Vater), aber bei entfernteren Verwandten sehr ungenau wird. Diese Ungenauigkeit geht sogar soweit, dass in einigen Sprachen in denen das System verwendet wird, nicht einmal zwischen dem Geschlecht der Kinder der Geschwister der Eltern unterschieden wird. So gibt es im Englischen nur ein Wort für Cousine und Cousin (Alternative deutsche Worte: Vetter und Base) nämlich „Cousin“. Der Satz "My Cousin lives in London." sagt also weder aus, ob die Person männlich oder weiblich ist, noch ob sie das Kind eines Bruders oder einer Schwester eines Elternteils ist, noch aus welcher Elternlinie die Person abstammt.

Hawaiisches System

Das hawaiische System ist mit das Einfachste der Verwandtschaftssysteme, da es nur nach Generation und Geschlecht unterscheidet. Alle weiblichen Verwandten aus der Generation der Mutter werden „Mutter“ genannt, alle männlichen „Vater“. Alle Verwandten der eigenen Generation sind „Schwestern“ oder „Brüder“, also auch Personen, die nach z. B. dem Eskimosystem „Cousins“ sind.

Sudanesisches System

Das sudanesische System ist recht genau in den Verwandtschaftsbeziehungen. Geschwister der Eltern haben eigene Namen, es wird also zwischen Onkeln und Tanten väterlicherseits und mütterlicherseits unterschieden. Auch deren Kinder werden unterschiedlich benannt, sodass für Cousins alleine acht verschiedene Begriffe existieren. Benannt nach dem Sudan, wurde das System auch im antiken Rom verwendet, heute ist es verbreitet in arabischen Gesellschaften, teilweise in der Türkei und Bulgarien sowie in weiten Teilen Chinas.

Literatur

  • Michael Mitterauer; Warum Europa? Mittelalterliche Grundlagen eines Sonderweges;C.H.Beck Kap.3 Gattenzentrierte Familie und bilaterale Verwandtschaft; dort: Vergleich von europäischen, islamischen und chinesischen Verwandtschaftssystemen

Siehe auch


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