Tuwiner


Schamane während Feuerzeremonie bei Kyzyl, Tuwa, Russland

Tuwiner (tuwinisch Тыва/Tyva) ist der Name der größten nichtslawischen Bevölkerungsgruppe im Altai-Sajan-Gebiet (Süd-Sibirien). In der Republik Tuwa stellen die mehr als 200.000 Tuwiner (1989: 198.448) die Bevölkerungsmehrheit (1989: 64,31 %). Sprachlich werden die Tuwiner heute den Turkvölkern zugerechnet.

Alternativbezeichnungen

Andere Bezeichnungen für die Tuwiner sind Tyva, Tyvaner, Tuva und Tuvaner. Als Nebenformen gelten Tuwinen und Tuwinzen.

In der Vergangenheit waren die Tuwiner auch unter den Namen Sojonen, Sojoten und Urjanchaj bekannt, wobei Letzteres Ethnonym sowohl turk- als auch mongolischsprachige Gruppen umfasst.

Sprache, Religionen

Tuwinisch ist eine Turksprache, die starken Einflüssen des Mongolischen ausgesetzt ist. Seit 1940 wird sie kyrillisch geschrieben.

Wie die benachbarten Mongolen bekennen sich die Tuwiner, von denen sie auch kulturell stark beeinflusst sind, überwiegend zum Tibetischen Buddhismus. Eine große Bedeutung haben traditionelle schamanische Praktiken.

Geschichte

Traditionelle Wirtschaftsform der Tuwiner war die nomadische Viehzucht, die Todsha im Nordosten des Siedlungsgebietes betrieben Rentierzucht. Nach dem Ende des Oiratenreiches gehörten die Tuwiner zu China, standen unter (ost)mongolischer Verwaltung und die einheimische Oberschicht war weitgehend mongolisiert. Im 19. Jahrhundert setzte der Buddhismus sich allmählich als vorherrschende Glaubensrichtung durch.

Nach der chinesischen Revolution errichtete das Zarenreich 1914 auf dem größten Teil des tuwinischen Gebietes das Protektorat Urjanchajski Kraj (Урянхайский край/Region Urjanchai). Auf die russische Revolution 1917 folgte eine Periode der Besetzung durch chinesische Truppen und verschiedene russische Bürgerkriegsparteien und schließlich 1921 die Gründung der „Volksrepublik Tannu-Tuwa“ (tuwinisch: Tahdy-Tywa Ulus Respublika). 1922 erfolgte auch die Gründung der Revolutionären Volkspartei TARN (tuwinisch: Tywa arattyh revoljustug namy). 1926 wurde sie in Tywa Arat Respublika/TAR (Tuwinische Volksrepublik) umbenannt.

Die erste „republikanische“ Regierung (1921–1924) führte der Adlige Nojan Bujan-Badyrgy, das feudale Oberhauptes des Choschun (Bezirks) Daa (mongolisch: Nojon Bujan-Badrachuund). Die Amtszeit der Regierung Donduk Kuular (1924–1929) war durch eine Politik der Anlehnung an die Mongolische Volksrepublik und Förderung des Buddhismus geprägt. Durch die Kulturrevolution 1929/1930 kamen sowjetisch geprägte Kader an die Macht, die eine Umgestaltung nach sowjetischem Vorbild einleiteten. Als Amtssprache wurde nun an Stelle des bisher verwendeten Altmongolischen eine tuwinische Schriftsprache entwickelt, die bis 1940 mit lateinischen Buchstaben geschrieben wurde.

1944 wurde das Gebiet der aufgelösten Volksrepublik als Autonome Oblast der RSFSR angegliedert, 1961 erhielt es den Status einer Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik. 1991 wurde diese zur Republik Tuwa umgebildet.

Verwandtschaftliche Beziehungen zur turkvölkischen Minderheit in der Mongolei

Die heute in der Westmongolei lebenden Dywa sind sprachlich-kulturell eng mit den Tuwinern verwandt. Ihnen blieb lange Zeit die Anerkennung als nationale Minderheit versagt, da sie im kasachisch dominierten Bajan-Ölgii-Aimag leben. Die Dywa wurden in älteren Quellen mitunter auch als Gök Mantschak oder Gök Tschuluutan bezeichnet, was auf die Bezeichnung einer Teilgruppe, nämlich Gök Mandtschak, zurückgeht. Gegenwärtig konsolidiert sich ihre Gemeinschaft im Tsengel-Sum durch Rückkehr von vorher in die Zentralmongolei ausgewanderten Familien. Die Zahl aller Tuwiner inklusive der Dywa dürfte in der Mongolei zwischen einigen Tausend und Zehntausend liegen, die verschiedenen Angaben sind widersprüchlich. Der tuwinische Journalist Mongal Sedip geht gar von 30.000 aus.

Tuwinische Minderheiten in China

Chinesischer Tuwiner auf einem Pferd.

In der VR China leben einige Tausend Dywa der Altairichtung (tuwinisch: Aldaj dshüktüch dyvasy). Der Name bezieht sich auf das Siedlungsgebiet der Minderheit, das sich südlich bis südwestlich des Altaikammes befindet. Je nach Quelle wird von 2.000 (1989) oder 5.000 (1992) Menschen ausgegangen. Obwohl die chinesische Regierung den Dywa Anfang der 1950er Jahre angeboten hatte, sie als eigenständige Nationalität („nationale Minderheit“) anzuerkennen, besteht diese Mindereheit bis heute darauf, zu den Mongolen, im konkreten Fall zu den hier ansässigen Oiraten, gezählt zu werden. Als Grund wurde inoffiziell die Befürchtung genannt, als quantitativ kleine Gruppe dem Druck der ebenfalls turksprachigen, aber islamischen Kasachen nichts entgegensetzen zu können. Teil der quantitativ starken Gruppe der Mongolen zu sein, mit denen sie Religion und Lebensweise teilen und deren Sprache sie fast alle beherrschen, gebe ihnen ein Gefühl kultureller Sicherheit.

Bekannte Tuwiner

Siehe auch

  • Nomaden
  • Reiternomaden

Literatur

  • Otto Mänchen-Helfen: Reise ins asiatische Tuwa. Der Bücherkreis, Berlin 1931
  • Anett C. Oelschlägel: Der Weiße Weg. Naturreligion und Divination bei den West-Tyva im Süden Sibiriens. Leipziger Universitätsverlag, Leipzig 2004.
  • Anett C. Oelschlägel: Plurale Weltinterpretationen. Das Beispiel der Tyva Südsibiriens. SEC Publications, Fürstenberg/Havel 2013, ISBN: 978-3-942883-13-9.
  • Anett C. Oelschlägel: Der Taigageist. Berichte und Geschichten von Menschen und Geistern aus Tuwa. Zeitgenössische Sagen und andere Folkloretexte. Tectum-Verlag, Marburg 2013, ISBN: 978-3-8288-3134-6.
  • Geheimnisse in Tannu-Tuwa. In: Die Zeit, Nr. 41/1948

Weblinks


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