Tempel der Artemis in Ephesos

Modell des Artemistempels von Ephesos im Miniatürk Park Istanbul
Ruinenstätte des Tempels in Ephesos, dahinter die Isabey-Moschee, die Johanneskirche und die Zitadelle von Selçuk
Römische Kopie der Artemis von Ephesos - Standort: Kapitolinisches Museum Rom
Das Artemision in der Vorstellung von Martin van Heemskerck (1498–1574)

Der Tempel der Artemis in Ephesos, auch Artemision, altgr. ὁ ναὸς τῆς Ἀρτέμιδος Ἐφεσίης, ὁ ἐν Ἐφέσῳ ναὸς τῆς Ἀρτέμιδος, τὸ Ἀρτεμίσιον Ἐφέσιον (ho naòs tês Artémidos Ephesíês, ho en Ephéô naòs tês Artémidos, tò Artemísion Ephésion), lateinisch Templum Dianae Ephesi(n)ae oder Artemisium Ephesi(n)um), war der größte Tempelbau der Antike und gehört zu den Sieben Weltwundern der Antike. Die griechische Stadt Ephesos (deren Ruinen heute in der Türkei bei Selçuk unweit İzmirs zu besichtigen sind) war in der Antike für ihren Reichtum berühmt. Sie war später – als Hauptstadt der römischen Provinz Asia – eine der größten Städte der Antike.

Baugeschichte

Im Zuge der österreichischen Ausgrabungen seit 1895 sind mehrere Versionen des Artemistempels nachgewiesen worden. Die ersten, einfachen Tempel an diesem Ort (Tempel „A“ und „B“) entstanden im 8. Jh. v. Chr. z.T. als Holzkonstruktionen. Unter dem Tyrannen Pythagoras wurde im 7. Jh. v. Chr. der Tempel „C“ errichtet, der noch vor Fertigstellung durch Überschwemmung zerstört wurde.

Der archaische Artemistempel „D“ wurde um 580 v. Chr. begonnen. Architekten waren Chersiphron von Knossos (Χερσίφρων ὁ Κνώσσιος) und sein Sohn Metagenes (Μεταγένης ὁ Κνώσσιος). Die Bauarbeiten an diesem Tempel, für den auch der lydische König Kroisos einige Säulen stiftete, dauerten mit 120 Jahren ungewöhnlich lang. Die Konstruktion war äußerst schwierig, da das Gebäude auf einem Sumpfgelände errichtet wurde. Erdverfärbungen, die bei Tiefgrabungen beobachtet werden konnten, bestätigen die antiken Nachrichten, dass bei der Vorbereitung des Geländes für den Tempelbau Holzkohle und Lederabdeckungen zur Sicherung des moorigen Untergrunds eingebracht wurden. Tatsächlich soll der Architekt Theodoros von Samos, der schon am Rhoikos-Tempel in Samos mitgewirkt hatte, an den Fundamentarbeiten beteiligt gewesen sein. Der archaische Tempel „D“ bestand aus 106 ionischen Marmorsäulen von rund 19 m Höhe. Sie standen auf einer Grundfläche von 111,7 m x 57,3 m und trugen außergewöhnlich schwere Querbalken. Einige der Säulen im Eingangsbereich waren unten mit Reliefs geschmückt. Die zwei Meter hohe Artemis-Statue in der Cella war aus Weinrebholz gefertigt und mit Gold und Silber verkleidet. Das Dach wurde aus Zedernholz gefertigt. Heraklit weihte sein Buch über den Logos im Tempel auf dem Altar der Artemis.

Der Tempel fiel am 21. Juli 356 v. Chr. einer Brandstiftung durch Herostratos zum Opfer. Er beging die Tat aus Geltungssucht − sein Vorhaben, durch das Niederbrennen des Weltwunders berühmt und somit unsterblich zu werden, ist ihm gelungen. Der Sage nach soll in der Nacht des Brandes Alexander der Große, der später auch sehr große finanzielle Hilfe zum Wiederaufbau des Tempels leistete, geboren worden sein, weswegen Artemis, die die Geburt in Pella überwachte, ihr eigenes Heiligtum nicht schützen konnte.

Der spätklassische Neubau (Tempel „E“), mit dem man schon bald darauf begann, wurde durch die ephesischen Architekten Demetrios (Δημήτριος ὁ Ἐφέσιος), Paionios (Παιώνιος ὁ Ἐφέσιος) und Cheirokrates (Χειροκράτης ὁ Ἐφέσιος) ausgeführt. Es sollte der alte Tempel getreulich wiederhergestellt werden, doch letztlich kam es doch zu einigen Änderungen. So wurde auf der Schuttmasse des Vorgängerbaus ein größeres Areal (125,67 x 65,05 m, 2,7 m Höhe) zur Basis des neuen Tempels angelegt und der Sockel beträchtlich erhöht. Der Artemistempel „E“ hatte 117 Säulen mit einer Höhe von rund 18 m und verfügte über ein Steindach. Nach dem Bericht des Plinius soll er über 36 mit Reliefs verzierte Säulen („columnae caelatae“), verfügt haben. Auch bei diesem Tempel dauerte die Bauzeit mit rund hundert Jahren relativ lang.

Als der Apostel Paulus um das Jahr 55 n. Chr. in die Metropole kam, hatte er angeblich so großen Zulauf, dass viele Anwohner um den Artemiskult und um ihre wirtschaftliche Existenz gefürchtet haben sollen. Der „Aufruhr des Demetrios“ – eines Silberschmieds und Herstellers von Devotionalien – ist im 19. Kapitel der Apostelgeschichte beschrieben und von Goethe im Gedicht "Groß ist die Diana der Epheser" vom gegenteiligen Standpunkt aus umgedeutet worden.

Während der Regierungszeit des römischen Kaisers Gallienus wurde der Prachtbau 268 n. Chr. von den Goten auf einem Kriegszug zerstört, die Reste von den Einwohnern als Baumaterial verwendet. Die Epheser gaben den Artemiskult jedoch erst im 4. Jh. n. Chr. auf. Heute ragt nur noch eine wiederaufgerichtete, einsame Säule aus dem Sumpfwasser.

Archäologie

Eine Pionierleistung der Archäologie sind die Ausgrabungen (1863–1869) des John Turtle Wood. Im Zuge der Arbeiten im Stadtgelände von Ephesos nimmt das Österreichische Archäologische Institut seit 1895 immer wieder Grabungen auf dem Gelände des Artemisions vor. Gefundene Architekturfragmente und andere Fundgegenstände sowie mehrere Kopien der Artemisstatue, die im Stadtgebiet gefunden wurden, sind im Saal der Artemis im Ephesos-Museum in Selçuk ausgestellt.

Sonstiges

Der Comic-Zeichner Don Rosa hat eine Comic-Geschichte gezeichnet, in der der Tempel der Artemis nur auseinandergenommen, nicht aber völlig zerstört wird. Die fiktive Entenfamilie Duck findet die Teile – sie wurden u. a. als Podest für ein Auto, als Stützen für das Vordach einer Imbissbude weiterverwendet oder im Keller eines Museums aufbewahrt. Die Ducks lesen daraufhin die an den oberen Enden angebrachten Inschriften, die besagen, dass Krösus am Berg Boz Dag (man beachte das lautmalerische Wortspiel Duck-Dag!) einen Schatz versteckt habe. Dort angekommen, steht die Entenfamilie vor einem Steinhaufen. Dagobert Duck sprengt diesen, und ein Geldspeicher kommt zum Vorschein. Das Fazit der Geschichte ist, dass Dagobert Duck der moderne Krösus und Gundel Gaukeley die moderne Circe sind.

Die Geschichte ist u.a. im Donald-Duck-Sonderheft ("DDSH") Nr. 205 enthalten.

Literatur

  • Fritz Krischen: Weltwunder der Baukunst in Babylonien und Jonien, Tübingen : E. Wasmuth, 1956.
  • Ulrike Muss (Hrsg.): Die Archäologie der ephesischen Artemis – Gestalt und Ritual eines Heiligtums. Wien: Phoibos, 2008.
  • Gottfried Gruben: Griechische Tempel und Heiligtümer. München: Hirmer, 2001, S. 380ff.
  • Bluma L. Trell: Der Tempel der Artemis zu Ephesos in: Peter A. Clayton & Martin J. Price (Hrsg.): Die Sieben Weltwunder. Philipp Reclam jun., Berlin 2000.
  • Anton Bammer: Das Heiligtum der Artemis von Ephesos. Graz: Akademische Druck- und Verlagsanstalt, 1984.
  • Wilfried Schaber: Die archaischen Tempel der Artemis von Ephesos – Entwurfsprinzipien und Rekonstruktion. Waldsassen: Stiftland, 1982.
  • William Richard Lethaby: Diana’s Temple at Ephesus. B. T. Batsford Publisher Ltd., London 1908.
  • Aenne Ohnesorg: Der Kroisos-Tempel. Neue Forschungen zum archaischen Dipteros der Artemis von Ephesos, Forschungen in Ephesos Bd. XII,4, Wien 2007.

Weblinks

 <Lang> Commons: Tempel der Artemis in Ephesos – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien


37.94972222222227.363888888889Koordinaten: 37° 56′ 59″ N, 27° 21′ 50″ O