Sozialanthropologie


Die Sozialanthropologie oder Ethnologie ist eine Wissenschaft der kulturellen und sozialen Vielfalt, allgemeiner ausgedrückt, eine Wissenschaft vom Menschen in der Gesellschaft.[1] Sie analysiert den Menschen als soziales Wesen in gesellschaftlichen Zusammenhängen. Im Deutschen war der Begriff „Sozialanthropologie“ eine seit den 1960er Jahren gebrauchte Bezeichnung für die britische social anthropology bzw. die französische anthropologie sociale und wurde zugunsten der Fachbezeichnung Ethnologie aufgegeben. In den letzten Jahren ist jedoch eine Renaissance des Anthropologie-Begriffs zu beobachten, die einer durch Transnationalisierungs- und Globalisierungsprozesse veränderten Forschungslandschaft Rechnung tragen möchte. Verwandte Disziplinen sind auch die amerikanische cultural anthropology bzw. die mittlerweile meist durch einen der beiden Begriffe ersetzte Völkerkunde. Ihr Arbeitsfeld wurde seither stark ausgedehnt.

Social Anthropology

Die Social Anthropology stammt ursprünglich aus der britischen Forschungstradition und entspricht etwa der Ethnologie/Ethnosoziologie. Im US-amerikanischen wird dafür der Begriff "Cultural Anthropology" gebraucht, die inhaltlich eine geringere Affinität zur Soziologie als sie aufweist. Sie wurde aber auch in Deutschland seit den 1960er Jahren zunehmend rezipiert.
Siehe auch: Manchester School of Anthropology, Franz Boas.

Ältere „Sozialanthropologie“

Im Deutschen bezeichnete „Sozialanthropologie“ jedoch vorher, seit den 1880er Jahren, ein Teilgebiet der physischen Anthropologie, das sich mit Fragen der Vererbung von Eigenschaften innerhalb sozialer Gruppen befasste. Ihre Blüte erlebte sie vor dem Nationalsozialismus, als sie sich, wie auch die Anthropologie, auf der Basis (wissenschaftlich widerlegter) Rassentheorien mit Fragen der Definitionen, Beziehungen und Eigenschaften und Fortpflanzungssteuerung angenommener "menschlicher Rassen" beschäftigte. Sie suchte wissenschaftliche Anerkennung, d.h. die Anwendung ihrer Aussagen durch die Geschichts- und Wirtschaftswissenschaften, und politischen Einfluss auf staatliche Maßnahmen auf „rassenpolitischer“ Grundlage. Ausgangs der 1940er Jahre verstummte sie, so dass der Begriff späterhin langsam „frei“ wurde.

Als wichtigste Vertreter galten:

  • Otto Ammon (1842–1916). Ursprünglich Ingenieur, gründete der „Rassenforscher“ 1885 die „Anthropologische Kommission“ in Karlsruhe.
  • Ludwig Woltmann (1871–1907), Mediziner, der als Verfechter rassistischer und sozialdarwinistischer Thesen die Monatszeitschrift Politisch-anthropologische Revue herausgab.

Gegenwärtige Kultur- und Sozialanthropologie

Allgemeines

Die Kultur- und Sozialanthropologie hat sich mittlerweile von der physischen Anthropologie gelöst und stellt ein eigenes, sozialwissenschaftliches Fachgebiet dar. Sie beschäftigt sich mit der wissenschaftlichen Analyse des Menschen als soziales Wesen in einer Gesellschaft oder Gruppe. In diesem Zusammenhang spricht man von sozialer Struktur und Interaktion. Die Struktur ist das, was dem konkreten Handeln zugrunde liegt (zum Beispiel Familienstruktur, Firmenstruktur, politische Struktur, Weltsystem), die soziale Interaktion bezeichnet das Handeln selbst, das innerhalb der Strukturen stattfindet und diese womöglich auch verändert. Es handelt sich also um eine Wechselwirkung. Entgegen der westlichen Doktrin des Individualismus neigt der Mensch dazu Gemeinschaften und Gruppen zu bilden. Diese Gruppen können ganz unterschiedlicher Natur sein - zum Beispiel ethnische Gruppen, politische Gruppen oder wirtschaftliche Gruppen bzw. Klassen als auch familiäre oder religiöse Gruppen. Soziale Struktur und Interaktion sind Phänomene die es sowohl zwischen als auch innerhalb dieser Gruppen gibt

Diese Phänomene können auf unterschiedlichen Ebenen analysiert werden:

- einer Makroebene: man analysiert soziale Phänomene im großen Zusammenhang, also zum Beispiel soziale Struktur, Netzwerke und Interaktion auf globaler Ebene; Globalisierungstheorien, Weltsystemtheorien, Netzwerkanalysen

- einer Mikroebene: man analysiert soziale Strukturen und Verhalten einer konkreten, überschaubaren Gemeinschaft (zum Beispiel einer Dorfgemeinschaft oder einer Familie). Allerdings darf auch bei der Analyse der Mikroebene der größere Kontext (Makroebene) nicht außer Acht gelassen werden. So lebt beispielsweise eine Familie nicht in einem luftleeren Raum sondern unter bestimmten politischen, strukturellen und ökonomischen Rahmenbedingungen.

Hier besteht gegenwärtig [2007] eine sehr starke Überschneidung mit Materien der Soziologie, der Ethnosoziologie, und der Ethnologie (=Völkerkunde, als Fachdisziplin eigentlich nicht mehr zeitgemäß, daher wurde sie in der Regel in Kulturanthropologie, Sozialanthropologie, oder einer Kombination aus beiden (Kultur- und Sozialanthropologie) umbenannt. Die Gründe dafür sind in der Kontroverse um den Begriff Volk zu suchen, dem der Begriff ethnische Gruppe gegenübergestellt wurde.

Fragestellungen

Aufgrund der Breite der Themengebiete ergeben sich viele mögliche Fragestellungen. Einige der prominentesten seien hier angeführt:

  1. Macht und Rang: Wie funktioniert Macht, wie erringt und legitimiert man sie? Wie entstehen hierarchische Strukturen und wie werden diese reproduziert oder verändert? Ein wichtiger Vertreter dieser Schule ist Pierre Bourdieu.
  2. Identitäten: Wie bilden sich Identitäten, sowohl kollektive Identitäten wie zum Beispiel ethnische Gruppen als auch individuelle Identitäten.
  3. Geschlechter: Wie werden geschlechtliche Unterteilungen vorgenommen und welche Rolle spielen diese in einer Gesellschaft? Selbst, dass es nur zwei Geschlechter gäbe, ist nicht selbstverständlich. Man denke beispielsweise an das dritte Geschlecht in Indien - die Hijras. Die sozialanthropologisch orientierte Genderforschung beschäftigt sich damit, wie es zu diesen geschlechtlichen Einteilungen kommt und welche sozialen Auswirkungen sie haben.
  4. Verwandtschaft: Wie werden „Verwandtschaft“ und „Familie“ konstruiert? Es gibt keine bekannte Gesellschaft, die völlig auf verwandtschaftliche Beziehungen verzichtet, aber die konkrete Bedeutung von Verwandtschaftsverhältnissen für die soziale Organisation ist unterschiedlich.
  5. Rituale: Welche Rituale bzw. rituellen Praktiken sind in einer Gesellschaft bedeutsam und welche Strukturen liegen ihnen zugrunde? Viele sind für diejenigen, die sie praktizieren, zu ‚normal‘, um überhaupt als rituell wahrgenommen zu werden. Jemand, der in ein europäisches Haus zum Essen eingeladen würde und anstatt Messer und Gabel nur die Finger seiner rechten Hand benützte, würde dort ungeschriebene Regeln mehr oder minder schwer verletzen (vgl. Manieren). Welche Regeln in einer Gesellschaft oder einer Gruppe warum existieren, und wie und von wem sie gestaltet und auch verändert werden, bzw. von wem sie warum befolgt, manipuliert oder verletzt werden, ist ein weiterer Schwerpunkt sozialanthropologischer Forschung.

Literatur

  • Hans-Georg Gadamer, Paul Vogler (Hrsg.): Sozialanthropologie. Georg Thieme Verlag, Stuttgart 1972, ISBN 3-13-476301-X. (dtv, München 1972, ISBN 3-423-04071-8) (= Band 3 der Neuen Anthropologie)

Siehe auch

Zu diesen Materien siehe auch die Übersichtsartikel Soziologie und Ethnologie und die entsprechenden Portale. Für einen Überblick über sozialanthropologische, bzw. ethnologische Vereinigungen siehe auch die Liste sozialanthropologischer Vereinigungen, sowie die European Association of Social Anthropologists.

Weblinks

Quellen

  1. Studium in Sozialanthropologie. Universität Freiburg, Lehrstuhl für Sozialanthropologie, S. 1,1, abgerufen am 14. Februar 2011.

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