Skhul


Skhul-Höhle
Das Fossil Skhul V (Kopie)
Skhul V, seitliche Ansicht (Kopie)

Skhul (arab. Mugharet es-Skhul für: Höhle der Kinder) ist der Name einer Höhle im heutigen Naturschutzgebiet Nachal Me'arot im Karmel-Gebirge (Israel), knapp 20 Kilometer südlich von Haifa. Der Vorplatz der Höhle (alle Menschenreste wurden außerhalb der Höhle gefunden) wurde als bedeutender paläoanthropologischer Fundplatz bekannt. Die kleine Karsthöhle und der zugehörige Vorplatz liegen am linken Talrand eines Wadis, der das Karmel-Massiv durchschneidet. Etwa 100 Meter entfernt liegt die Tabun-Höhle, noch näher am selben Talrand die Höhle el-Wad (Mugharet el-Wad)[1] sowie der bedeutende Natufien-Freilandfundplatz El-Wad. Theodore D. McCown, damals wissenschaftlicher Assistent von Dorothy Garrod, entdeckte 1931 und 1932 in Schichten des flachmuldig geformten Vorplatzes der kleinen Höhle neun hominine Fossilien, die damals als Mount Carmel Neanderthals bezeichnet wurden. Später wurden noch weitere Knochen geborgen, die vermutlich anderen Individuen zugehörig waren, davon wurden zehn Fossilien als Skhul I bis Skhul X benannt. In einem 1939 veröffentlichten Werk wurden die Fossilien von Arthur Keith und Theodore McCown ausführlich vorgestellt.[2] Fehlende Knochenbereiche wurden nach der Präparation ergänzt, so dass es heute selbst für Fachleute schwierig ist, den Originalzustand zu beurteilen.

Datierung und Interpretation der Funde

Zum Alter der Funde werden in der Fachliteratur unterschiedliche Angaben gemacht. 1998 ergab eine Datierung mittels Thermolumineszenz für Schicht B beispielsweise 119.000 ± 18.000 Jahre;[3] eine Elektronenspinresonanz-Datierung hatte zuvor maximal 101.000 ± 12.000 und minimal 81.000 ± 15.000 Jahre ergeben.[4] Als Alter wird daher gelegentlich – diese Datierungen quasi zusammenfassend – 80.000 bis 120.000 Jahre angegeben[5], 80.000 bis 100.000 Jahre[6], oder es werden als Annäherung 100.000 Jahre angegeben.[7]

Fossilien traten in drei unterschiedlich alten Fundschichten zutage, die unter anderem aufgrund einer unterschiedlich zusammengesetzten Tierwelt gegeneinander abgegrenzt werden konnten; alle homininen Fossilien entstammen der Fundschicht B. Diese Fossilien wurden aufgrund der anfänglichen Interpretation von Tausenden ebenfalls gefundener Steinwerkzeuge einer als Levalloiso-Mousterian bezeichneten „Hybrid“-Kultur zugeordnet, da zu dieser Zeit noch von einer älteren Stufe des „Levalloisien“ (Kultur mit Levalloistechnik) und einem letztglazialen Moustérien als Werkzeugkultur der Neandertaler ausgegangen wurde. Ferner wurde – primär von Arthur Keith – argumentiert, der Bau der gefundenen Knochen spreche dafür, dass die als Neandertaler bezeichneten Funde aus der Tabun-Höhle und der Amud-Höhle und insbesondere die Funde Skhul IV, V und IX eine einzige Art repräsentierten, die 1939 von McCown und Keith als Palaeoanthropus palestinus bezeichnet wurde. Die vorhandenen Unterschiede zwischen den Fossilien aus unterschiedlichen Höhlen wurden als innerartliche Variabilität infolge einer rasch evolvierenden Abstammungslinie interpretiert. Allerdings wurde bereits 1939 – auf Initiative Theodore McCowns – nicht völlig ausgeschlossen, dass die im Karmel-Gebirge entdeckten Fossilien möglicherweise zwei mit einander verwandte Taxa repräsentieren könnten: McCown hatte die Funde aus der Tabun-Höhle – auch aus heutiger Sicht zu Recht – als eher „neanderthaloid“ (dem Neandertaler ähnlich) gedeutet, die Funde von Skhul als eher den Cro-Magnon-Menschen nahestehend.

Heute gilt die Höhle überwiegend als Begräbnisstätte von frühen anatomisch modernen Menschen, die im Karmel-Gebirge zugleich oder in mehrfachem zeitlichen Wechsel mit Neandertalern lebten; jedoch ist diese Art-Zuordnung nach wie vor umstritten.

Die bedeutendsten Funde sind:[8][9]

  • Skhul I: zusammen mit Skhul V das am besten erhaltene Fossil: das Schädeldach eines Kindes, ohne Gesichtsknochen, mit zugehörigem partiellen Unterkiefer, teilweise bezahnt, der Molar M1 ist noch nicht durchgebrochen
  • Skhul II: Fragmente des Schädels eines Erwachsenen und Fragmente des zugehörigen Unterkiefers
  • Skhul III: Teile eines linken Beins von einem vermutlich erwachsenen Mann
  • Skhul IV: ein nahezu vollständig erhaltenes Skelett eines vermutlich männlichen Erwachsenen mit stark fragmentiertem Schädel, unvollständigen Gesichtsknochen und nahezu vollständig bezahntem Unterkiefer
  • Skhul V: ein weitgehend komplett erhaltener Schädel eines älteren Erwachsenen mit vollständig erhaltenen, stark abgekauten Oberkieferzähnen und stark fragmentiertem Unterkiefer
  • Skhul VI: Teile des Skeletts eines auf 30 bis 35 Jahre geschätzten Mannes
  • Skhul VII: Teile des Skeletts einer auf 35 bis 40 Jahre geschätzten Frau
  • Skhul VIII: Beinknochen eines Kindes
  • Skhul IX: Teile des Skeletts eines auf 50 Jahre geschätzten Mannes
  • Skhul X: Teile des Unterkiefers sowie Zähne und Oberarmknochen eines Kindes

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Dorothy Garrod: Excavations in the Mugharet el-Wad, near Athlit, April-June 1929. Quarterly Statement of the Palestine Exploration Fund 61, S. 220-222
  2. Arthur Keith, Theodore McCown: The Stone Age of Mount Carmel. Vol. II: The Fossil Human Remains from the Levalloiso-Mousterian. Oxford University Press at the Clarendon Press, Oxford 1939
  3. N. Mercier et al.: Thermoluminescence Date for the Mousterian Burial Site of Es-Skhul, Mt.Carmel. In: Journal of Archaeological Science, Band 20, Nr. 2, 2003, S. 169–174, doi:10.1006/jasc.1993.1012
  4. Chris Stringer et al.: ESR dates for the hominid burial site of Es Skhul in Israel. In: Nature, Band 338, 1989, S. 756–758, doi:10.1038/338756a0
  5. zum Beispiel in der Online-Ausgabe der Encyclopædia Britannica
  6. Wesley A. Niewoehner: Behavioral inferences from the Skhul/Qafzeh early modern human hand remains. In: Proceedings of the National Academy of Sciences, Band 98, Nr. 6, 2001, S. 2979-2984, doi:10.1073/pnas.041588898
  7. heise de vom 28. Juni 2006: Muschelkette als Statussymbol. Schon vor 100.000 Jahren trugen unsere Vorfahren Schmuck.
  8. Jeffrey H. Schwartz, Ian Tattersall u. a.: The Human Fossil Record. Band 2: Craniodental Morphology of Genus Homo (Africa and Asia), Wiley, 2003, S. 358 ff., ISBN 978-0-471-31928-3
  9. Bookreview von Ashley Montagu in American Anthropologist, Band 42, 1940, S. 518 f.

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