Gunnar Creutz / CC BY-SA 3.0

Schalenstein


Als Schalensteine, Näpfchensteine oder Schälchensteine, werden in der Regel unverlagerte und ansonsten unbearbeitete Steine genannt, die napfförmige Vertiefungen aufweisen. Schalensteine sind weit verbreitet.

Ein Deckstein der Megalithanlage Sømarkedyssen auf Møn trägt über 450 Schälchen

Entstehung

Schalenstein von Wiershausen
Neolithisch-frühbronzezeitlicher Schalenstein auf der Berglitzl in Oberösterreich
Schalenstein auf Geierhütt am Vinschgauer Sonnenberg, Südtirol
Schalenstein am Bennerberg bei Brakelsiek (Schieder-Schwalenberg)
Schalenstein im Konappe Skov

Es kann sich um von Menschen eingearbeitete, runde oder ovale, meist mehrere Zentimeter durchmessende Vertiefungen handeln, einzelne Steine weisen zusätzlich Wetzspuren auf.[1] Versuche zeigen, dass mit spitzen Felsstücken in den Fels geschlagene Ausbuchtungen in kurzer Zeit zu glatten Schalen ausgerieben werden können.[2]

Die Schalen können auch auf natürlichem Weg entstanden sein, durch Vergrusung. Die noch teilweise im Erdreich eingebetteten Großsteine haben eine andere Temperatur als die Luft, sodass sich in natürlichen Vertiefungen Feuchte und Wasser ansammeln kann, und durch Verwitterung oder Ausscheidung von Algen und Moosen eine Mulde ausgearbeitet wird. Stellenweise finden sich sogar Schalen, in denen selbst in Trockenperioden Restwasser steht, was zur Mythenbildung um die Schalensteine beigetragen hat.[3] Möglich erscheint auch eine Kombination aus beiden Genesen, insofern natürliche, und darum für Hierogramme interessante Vertiefungen absichtlich nachgearbeitet wurden, oder sich durch Nutzung ausgeweitet haben.

Steine mit meist größeren natürlich entstandenen Vertiefungen, etwa Kolke oder Gletschermühlen, wie sie im Gebirgsraum öfter vorkommen, gehören nicht in diese Gruppe, obwohl die Bezeichnung identisch ist (Schalenstein bei Eisgarn in Niederösterreich, Schonacher Schalensteinweg im Schwarzwald).

Namen

Auf französisch werden die Eintiefungen als Pierres à écuelles bezeichnet. In Schweden heißen sie skålgrop, im Volksmund älvkvarnar (‚Elfenmühlen‘), in Dänemark werden sie Skåltegn (‚Schalenzeichen‘) und im Volksmund Æbleskivestenen (auch ‚Elfenmühlen‘) genannt, in Holland napjes (‚Näpfchen‘) und auf engl. Cup-Markings. Vom deutschen Volksmund werden sie Blut-, Druiden-, Feen-, Opfer-, Teufels- oder Hexensteine genannt.

Zeitstellung

Die Schälchen selbst sind nur schwer datierbar. Der etwa 50.000 Jahre alte Stein unter dem Abri von La Ferrassie, Département Dordogne, der den Kinderschädel eines Neandertalers bedeckte, trägt an der Unterseite vier Schalen. Laut Peter Vilhelm Glob kommen Schälchen am Ende der Steinzeit in Gebrauch, wo sie in den großen Grabkisten auftreten und zusammen mit anderen Elementen die Schwelle zur Bronzezeit kennzeichnen. Anscheinend weisen die ältesten Steine eine verstreute Verteilung der Schälchen auf, die sich in der jüngeren Bronzezeit zu einem dichten Muster zusammenschließen, wo die einzelnen Gruben, auch nach Art der Cup-and-Ring-Markierungen, mittels Rinnen verbunden werden. Weniger als 5 % aller dänischen Dolmen (ca. 4.700) und Ganggräber (ca. 700) aus der Steinzeit haben Schälchen, aber mehr als 30 % der mecklenburgischen. Die ältesten Schweizer Schalensteine werden ungesichert der Mittelsteinzeit (8.000 bis 4.500 v. Chr.) und nur bedingt der Jungsteinzeit (4.500 bis 1.500 v. Chr.) zugeschrieben. Skandinavische Forscher sind der Meinung, dass sie während der gesamten Bronzezeit entstanden.

Einen Anhaltspunkt für eine zeitliche Einordnung bietet das Steinhügelfeld in der Ramm bei Marnitz, Kreis Parchirn. Dort befinden sich noch annähernd 200 flache Steinhügel, in denen Keramik der vorrömischen Eisenzeit angetroffen wurde. Innerhalb der Steinhügel gibt es acht große Schalensteine. Ihre Schälchenanzahl schwankte zwischen vier und 30. Ein kleinerer Stein mit sechs Schälchen war als Deckplatte einer jungbronzezeitlichen Urnenbestattung aus Groß Raden, Kr. Sternberg eingesetzt und J. Ritter berichtet über einen Stein mit sieben Schälchen im bronzezeitlichen Hügelgrab von Vietlübbe, Kr. Lübz.

Deutung

Häufige Deutungen

  • Fruchtbarkeitssymbole
  • Kalender, astronomische Zeichen
  • Mörser zum Zerstoßen von Mahlgut
  • Spuren von Feuerbohrstellen
  • Sternbilddarstellungen
  • Wegweiser, Wegzeichen

Am häufigsten findet sich in der Fachliteratur eine Deutung als Opfergefäße. Die deutsch-norwegische Archäologin D. Stramm weist darauf hin, dass sich in Norwegen Schälchensteine finden, (Kvikne in Hedmark), deren Schälchen durch das Herausarbeiten von Steinmaterial für die Herstellung von Gefäßen und Gebrauchsgegenständen entstanden. Gefäße und Gebrauchsgegenstände sind aus der Bronzezeit bekannt, wie das Kleber- oder Specksteingefäß von Årstad bei Egersund im Rogaland. Nach D. Stramms Deutung ist die primäre Nutzung der Schälchen als Materialentnahme anzusprechen, wobei sie einer Nachnutzung als Opferschälchen durch spätere Kulturen ebenfalls nicht widerspricht. Der schweizerische Geologe W. A. Mohler war Zeuge, wie in einem verfallenen Hindutempel Opferwasser in derartige Schalen gegossen wurde, in die Blüten und Blätter gestreut waren. Nach anderen Berichten waren Schalensteine Naturaltäre, auf denen verschiedenen Gottheiten, die mit Fruchtbarkeitskulten in Verbindung standen, Nahrungsmittel, Blumen oder Räucherpflanzen dargeboten wurden. Gelegentlich sind Schalensteine mit Rutschsteinen vergesellschaftet (Beispiele in Südtirol), für die ein Zusammenhang mit Fruchtbarkeitsritualen tradiert wird. Felsen an exponierten Lagen könnten als Kalender zur exakten Einteilung der Jahreszeiten verwendet werden. Nach erfolgter Positionsmessung der Sonne mit Hilfe eines Schatten werfenden Stabes könnten Sonnwenden über die am Felsen angebrachten Schalen errechnet und vorhergesagt werden.[4]

Bearbeitete Schalensteine im Stiftsmuseum Millstatt
Umgebung des Schalensteins am Lower Usuma-Stausee, Abuja, Nigeria, 2009

Standorte von Schalensteinen

Gut dokumentiert sind die Südtiroler Schalensteine in der Gegend von Meran und um Latsch im Vintschgau. Einer der größten ist der von St. Luc im Val d'Annivers, im Wallis, in der Schweiz mit über 300 Schalen.

Schalensteine auf Megalithanlagen

Schalensteine kommen auf relativ häufig auf Deck-, Einfassungs- oder Tragsteinen von Megalithanlagen vor (z.B. Großsteingrab von Bunsoh in Schleswig-Holstein oder Sømarkedyssen auf Møn (über 450 Stück). Ein Drittel aller mecklenburgischen Megalithanlagen haben (mindestens) einen mit Schalen versehenen Stein. Auf den Tragsteinen befinden sie sich in der Regel auf den oberen Flächen neben den Decksteinen. Die Anlagen von Mankmoos (167 Schälchen), Qualitz (122) und Serrahn (107) haben mit Abstand die meisten Schälchen in Mecklenburg-Vorpommern. Außerdem werden Wächtersteine bevorzugt (Großsteingrab Stuer 3, Kreis Röbel (49) Großdolmen von Dwasieden (40 Schälchen). Die meisten Schälchen müssen bei Bohrvorgängen entstanden sein. An einigen war die Spur des Bohrstockes ähnlich gut zu erkennen wie bei Felsgesteinäxten mit unvollendeter Vollbohrung. In keinem Falle gab es sichere Hinweise auf eingepickte Schälchen. In weichem Gestein finden sich die größten und tiefsten Schälchen (Deckplatte aus Kalkstein beim Urdolmen von Basedow, Kreis Malchin). Die Schälchen auf den Blöcken der mecklenburgischen Meqalithgräber können nicht mit den Erbauern der Anlagen, den Leuten der Trichterbecherkultur (TBK) in Verbindung gebracht werden. Schälchen im Inneren von Megalithanlagen sind selten (Naschendorf) und stammen ebenfalls von bronzezeitlichen Nachnutzungen.

Das Trilithentor am Südtempel der Mnajdra auf Malta ist völlig mit einer Grübchenverzierung bedeckt. Am Kalenderstein von Leodagger befinden sich 16 Näpfchen in einer leicht schlangenförmigen Reihe. Die Näpfchen dienten mit hoher Wahrscheinlichkeit als Markierungen eines Kultplatzes. Die Gesteinformation besteht zudem aus einem Felsblock mit angestelltem Menhir.

Mühlviertler Schalensteine

Im Mühlviertel (Österreich) finden sich in Granitblöcken im Wald zahlreiche schüsselförmige Einbuchtung mit 40 bis 100 Zentimeter Durchmesser und bis zu 70 Zentimeter Tiefe. Auch sie werden als Schalensteine bezeichnet. Der bekannteste liegt auf der Berglitzl, wo mehrere Grabungen durchgeführt wurden und Feueropferungen im Neolithikum und der Frühbronzezeit als erwiesen gelten.

Der Schalenstein bei Mitterretzbach (Niederösterreich)

Liste von Schalensteinen

Siehe auch

Literatur

  • Ewald Schuldt: Die mecklenburgeschen Megalithgräber, Verlag der Wissenschaften, Berlin 1972, S. 89-91
  • Gustav Schwantes: Deutschlands Urgeschichte, Quelle & Meyer, Leipzig 1934 (5. Aufl.), S. 101-103.
  • Hermann Müller-Karpe: Handbuch der Vorgeschichte. Band 4: Bronzezeit. Zweiter Teilband, Beck, 1980 ISBN 3-406-07943-1, o.S.

Weblinks

 <Lang> Commons: Schalensteine – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. z. B. Vester Tørslev
  2. Franz Neururer: Jahreszeitenberechnung mit Schalensteinen. 2008, S. 5 ff. Link
  3. Otto Milfait: Vergessene Zeugen der Vorzeit. Seltsame Steine aus dem Mühlviertel. 3. erweiterte Auflage, Freistadt, 2001
  4. Franz Neururer: Jahreszeitenberechnung mit Schalensteinen. 2008, S. 7 ff. Link
  5. http://www.bornholmsmuseer.dk/helleristninger/Datering/datering5.html
Georeferenzierung Karte mit allen Koordinaten: OSM, Google oder Bing

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