Magnussen, Friedrich (1914-1987) / CC BY-SA 3.0 de

Robert Herrlinger


Robert Herrlinger (* 24. April 1914 in Antwerpen; † 8. Februar 1968 in Kiel) war ein deutscher Anatom und Medizinhistoriker.

Leben

Der Kaufmannssohn Herrlinger studierte bis 1938 Medizin an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg und Kunstgeschichte bis 1941 an der Universität Jena, wo er zu dieser Zeit als Assistent am Institut für Anatomie und Physiologie arbeitete. Unter Hermann Voss arbeitete er ab Oktober 1942 als Oberassistent am Anatomischen Institut der Reichsuniversität Posen.[1][2]

Nach dem Krieg betrieb er mit seiner Ehefrau eine Landarztpraxis in Münchsteinach und war ab 1949 zudem Lehrbeauftragter an der Universität Regensburg.[1] Herrlinger bemühte sich zudem um eine Professur für Anatomie an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg, die ihm jedoch nicht übertragen wurde. Stattdessen studierte er in Würzburg Geschichte der Medizin. 1951 wurde er dort zum Professor berufen und übernahm als Nachfolger des ausscheidenden Georg Sticker die Leitung des Instituts für Geschichte der Medizin. 1961 war Herrlinger auf Platz zwei der Berufungsliste für den neugegründeten Lehrstuhl für Geschichte der Medizin an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg. Der Ruf erging jedoch an Heinrich Schipperges, der bis dahin in Kiel tätig war.[3] 1962 folgte Herrlinger dem Ruf auf den Lehrstuhl für Geschichte der Medizin an die Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Dort arbeitete er bis zu seinem Tode 1968.[4] Herrlinger starb an einem Herzinfarkt.[1]

Verdienste

Robert Herrlinger war einer der ersten, der sich nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland mit der Geschichte des Krankenhauswesens in Lehre und Forschung beschäftigte. Er veröffentlichte dazu grundlegende wissenschaftliche Beiträge. Die Deutsche Gesellschaft für Krankenhausgeschichte wurde 1964 auf seine Initiative hin gegründet. Herrlinger entwarf auch die Satzung der Fachgesellschaft.[5] Internationale Reputation erwarb er sich als Medizinhistoriker mit profunden Kenntnissen der Anatomie und medizinischer Illustration.[4]

Auszeichnungen

  • Stellvertretender Generalsekretär der International Academy of the History of Medicine
  • Präsident der Gesellschaft für Wissenschaftsgeschichte (GWG)
  • Präsident der Deutschen Gesellschaft für Krankenhausgeschichte e. V.

Verhalten in der NS-Zeit

In der NS-Zeit profitierten das Anatomische Institut der Reichsuniversität Posen unter Hermann Voss und seine Mitarbeiter von einer engen Zusammenarbeit mit der Gestapo. Sie fertigten Präparate unmittelbar nach der Tötung polnischer Häftlinge an und es entwickelte sich ein schwungvoller Handel mit Skeletten und Schädeln. Herrlinger nahm für seine Habilitation über die Milz, die er 1944 erlangte, sogar an den dortigen Exekutionen teil, um Sekunden später Untersuchungen vornehmen zu können. Er veröffentlichte 1947 die so gewonnenen Erkenntnisse, ohne zu verbergen, wie er sie erlangt hatte.[6] Die 1945 im Posener Institut gefundenen, mit Formalin präparierten Leichen wiesen Folterspuren auf.[7][8]

Schriften (Auswahl)

  • R. Herrlinger: Die Milzgefäße der weißen Ratten. Dissertation, Universität Heidelberg, 1938.
  • R. Herrlinger: Der willkürliche Atemstillstand als Funktionsprüfung. Z Gesamte Exp Med 1941; 109:357-62 doi:10.1007/BF02611518
  • H. Voss, R. Herrlinger: Taschenbuch der Anatomie. Gustav-Fischer-Verlag, ISBN 3-437-00168-X.
  • R. Herrlinger: Körperproportionen im XIV. Jahrhundert. Verlag des Kunstgeschichtlichen Instituts der Philipps-Universität Marburg, 1949, ISBN 3-87375-065-1.
  • R. Herrlinger, M. Putscher: Geschichte der medizinischen Abbildung. Moos Verlag, München, ISBN 3-7879-0060-8
  • R. Herrlinger: Das Schicksal der hölzernen Druckstöcke zu Vesals anatomischem Lehrbuch. In: Münchener medizinische Wochenschrift (1950). Band 93, Nummer 12, März 1951, S. 613–616, ISSN 0027-2973. PMID 14833327.
  • R. Herrlinger: Volcher Coiter, 1534–1576. Habilitationsschrift, Universität Würzburg, 1952.
  • R. Herrlinger: Die Nobelpreisträger der Medizin: Ein Kapitel aus der Geschichte der Medizin. Moos Verlag. München, 1963
  • R. Herrlinger: Die Geschichte der medizinischen Indikation des Abortus arteficialis. Arztl Mitt. 1963; 41:2081-6.
  • R. Herrlinger, E Feiner: Why did Vesalius not discover the fallopian tubes? In: Medical history. Band 8, Oktober 1964, S. 335–341, ISSN 0025-7273. PMID 14230138. PMC 1033409 (freier Volltext).
  • R. Herrlinger, F. Kudlien: Frühe Anatomie. Von Mondino bis Malpighi. Stuttgart, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, 1967: 306
  • R. Herrlinger: Die geschundene Haut im barocken anatomischen Titelkupfer. in: Verhandlungen des XX. Internationalen Kongresses für Geschichte der Medizin, Berlin, 22. – 27. August 1966, Hildesheim 1968, 474-496

Literatur

  • Feiner E. Bibliografie Robert Herrlinger (1917–1968) in Mitteilungen aus dem Institut für Geschichte der Medizin und Pharmazie an der Universität Kiel (1970)
  • Der BibISBN-Eintrag [[Vorlage:BibISBN/Skriptfehler: Ein solches Modul „Zitation“ ist nicht vorhanden.]] ist nicht vorhanden. Bitte prüfen sie ISBN und legen sie ggf. einen neuen Eintrag an.

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 1,2 Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich: Wer war was vor und nach 1945., Frankfurt am Main 2007, S. 247
  2. Kessler M: Von Hippokrates zu Hitler. Medizin ohne Menschlichkeit. UTOPIE kreativ, 182 (2005), S. 1132–1136 (PDF; 76 kB)
  3. Die Medizinhistoriographie in Heidelberg
  4. 4,0 4,1 H. Röhrig: Obituary Professor Robert Herrlinger. Med Hist. 1968; 12: 303-4.
  5. Darstellung der Gründungsjahre der Deutschen Gesellschaft für Krankenhausgeschichte
  6. R. Herrlinger: Das Blut in der Milzvene des Menschen. Anat Anz 1947; 96:226-34.
  7. D. Bohde: Pellis Memoriae Peccatorum. Die Moralisierung der Haut in Frontispizen und Anatomietheatern der Niederlande im 17. Jahrhundert – ein blinder Fleck in der Medizingeschichte nach 1945. (PDF; 6,3 MB) In: Zergliederungen – Anatomie und Wahrnehmung in der Frühen Neuzeit herausgegeben von Albert Schirrmeister unter Mitarbeit von Mathias Pozsgai, Frankfurt 2005, 327-358 (= Zeitsprünge 9,1 (2005)).
  8. G. Aly: Je mehr, desto lieber. Über den Umgang mit Präparaten von Nazi−Opfern vor 1945 und danach. In: Die Zeit. Nr. 6, 3. Februar 1989.

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